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Neue jüdische Presse · 1904-11-04 · Heft 42 (4.11.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 42 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 42. Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. als Ethik des reinen Willen?. Das Problem der Ethik bildet die praktische Vernunft, die Handlung. Sie Wt den Willen zur nottvendigen Voraussetzung. D i <?s c r Wille, d. h. der Wille als Prinzip der Ethik, muß rein sein: rein von aller Vorstellung, von.aller Beimischung der Empfindung, wie etwa.Lust und Unlust. Der Wille ist nicht Begehre»; er ist rein, frei. So ist Ethik des freien Willens gleichbedeutend mit Ethik des reinen Willens. Diese Variation ist daher der Bedeutung nach zulässig, was wir auch in Bezug auf die Logik oben angewendet haben. Die Willensreinheft, die Willensfteiheit ist die Voraussetzung der Ethik, der Willenshandlung. In der Handlung pollzieht sich, der Wille. Er setzt sich Zwecke; er "ist auf die Zukunst gerichtet. Diese Zwecksetzung schließt also die Kausalität aus. Darin besteht nun' die Selbständigkeft der Ethik gegenüber der kausalen Naturwelt. So ist die Handlung mehr als bloße Bewegung; sie ist Erhaltung der Bewegung, der Seelenbewegung: sic ist Erhaltung der Seele. Ter Wllle ist also das Prinzip der sittlichen Energieformen. In den Handlungen erhält sich das sittliche Subjekt als Identität, in a l l se i n e n V er w a u d ln n g e n: es wird dadurch die Kontinuität des Charakters erhalten. Die Kulturgeschichte stellt eben die Verwandlungsformen des Kulturbewußtseins dar; sie ist die geschichtliche Erhaltung der Kulturhandlungen, der sittlichen Handlungen. Tenn die Kultur setzt sich Zwecke; sie ist ans die Zukunft gerichtet. Ihr Zweck in der Zukunft ist und bleibt: die Idee des Guten. Das sind die Grundideen der Cohen'schen Ethik, die wir mü den Grundgedanken der jüdischen Sittenlehre zu vergleichen versuchen wollen. Art die zionistische» Mitglieder der Alliance Jsraelite. Der Artikel, den ich am 1. Juli d. I. in der „Well" veröfsentticht habe, hat nicht den Ersolg gehabt, den ich im Interesse unserer nattonalen Sache erhofft hatte. Nirgends fielen meine Anregungen auf einen fruchtbaren Boden, nirgends haben die Zionisten, die Mftglieder der Alliance Jsraelite sind, Wahlen in den Ortsgruppen der Mliance veranlaßt. Und doch drängt die Zeit. Im Mai 1905 scheidet ein Drittel der Mitglieder des Zentralausschusses der Alliance aus; es werden also voraussichtlich Wahlen zum Zentralausschusse stattfinden. Verharren wir in unserer bisherigen Untätigkeit, so sind wir im voraus geschlagen. Wie im Jahre 1902, werden die Helfershelfer der Assimilation die Wahlen leiten, in demselben Sinne, mit denselben Mitteln. Wollen wir uns mit Aussicht auf Ersolg an den Wählen zum Zentralausschusse beteiligen, so müssen wir uns jetzt schon vorbereiten, und zwar dadurch, daß wir Sorge tragen, daß 1. überall, wo Ortsgruppen der Mliance Jsraölfte existtcren, die Vorstände gewählt oder neugewählt werden, und daß 2. das nationale Judentum in diesen Vorständen repräsentiert werde. Wie aus meinen frühere» Veröffentlichungen hervorgeht, haben die Ortsgruppen der Alliance das Recht und die Pflicht, ihre Vorstände zu wählen. Vorstandswahlen in den einzelnen Ortsgruppen sind in den Statuten vorgesehen, könne» .also von der Allianceleftung nicht verhindert werden. In den meisten Fällen, in denen wir Vorstandswahlen verlangen, werden die jetzigen Letter der Ortsgruppen sich fügen, sobald wir sie mit Paragr. 17 der Statuten bekannt machen. Dort, wo trotz Belehrung, der bisherige Vorstand auf die Statuten keine Rücksicht nimmt, veranstaltet mau die Wahl ohne ihn; sein Mandat hat ja keine rechtliche Grundlage. Sorgen wir jetzt nicht für Wahlen in den Ortsgruppen, so wird es im Mai 1905 zwecklos sein, uns an der Wahl zum Zentralausschusse zu betcftigen, so wichttg dieselbe auch ist. Je nach der Entscheidung, die im Mai nächsten Jahres fallen wird, je nach den Direktiven, die die Wählerschaft geben wird, arbeitet der Mlianceausschuß im nationalen oder im assimftatorischen Sinne. Die Wählerschaft hat die Macht, die Kräfte moralischer und materieller Natur, über die die Allianze versügt, ihren Einfluß auf die Juden des Orients, auf die Administration der „Jca" in den Dienst der jüdischen Nationalsache zu stellen. Und wir wollen nicht dafür Sorge tragen, daß die Wahl in unparteiischer Weise geleitet werde? Auf Jahre hinaus soll der Kurs bestimmt werden. in den n ä ch st e u Kapiteln -- den die Alliance und mit ihr die „Jca" einhalten werden. Und wir legen die Hände in den Schoß? Wir sehen untätig zu, wie die Assimilation sich der Wählerschaft der Alliance bemächtigt und ihr einen Stimmzettel in die Hände drückt, der den Tod des jüdischen Volkes bedeutet? An Herzls Grab wurde in unserem Namen gelobt, nicht zu rasten, bis unser Ziel erreicht sei. Diesen Worten müssen Tate» folgen. - Es gibt keine wichtigere und fruchtbringendere Arbeit, als die, welche die „Jca" und die Alliance, unseren nationalen Idealen dienstbar machen. Raffen wir uns deshalb auf und leisten wir diese Arbeit. Mülhausen, Oktober 1904. Dr. Elias. Aus aller Wett. Deittschcs Reich. Höchst a. M., den 28. Okt. Die hiesige jüdische Geineinde hat in einer gestern abgehaltenen Versammlung beschlossen, eine neue Synagoge ans der Stelle der alten zu e r b a u e n. K. Wiesbaden, 28. Oktober. Ministerielle Entscheidungen über Vornahme von Trauungcn. Ter Unterrichtsminister hat aus Anlaß einer Beschwerde entschieden, daß durch Einführung des Gesetzes über die Zivilehe der Passus in der R'assauisch.en Verordn u n g vom Jahre 1852: „Ten B e z i r k s r a b b i » c r u steht in ihrem Bezirke die alleinige Besugnis zur Vornahme der Kopulationen von Israeliten zu" nicht mehr zu Recht bestehe und daß demzufolge die altisraelitischen Gemeindemitgliedcr sich von dem Rabbiner trauen lassen können, den sie sich wählen. Berlin. Prot.E. Breslauers Konservatorium und Klavierlehrcrscminar (Direktor Gustav Lazarus) konnte am 1. November d. I. auf sein fünfundzlvanzigjähriges Jubiläum zurückblicken. Eine große Anzahl ausgezeichneter Musiker und Pädagogen ist aus dem Institut hervorgegangcn. Prof. Breslauer selbst starb im Jahre 1899. Berlin. Ucber den Verkehr außerdeutscher Auswanderer haben die Minister des Innern und für Handel und Gewerbe Vorschriften erlassen. Danach ist der Eintritt in das preußische Staatsgebiet nur dann zu gestatten, wenn die Auswanderer einen mit einer in Deutschland konzessionierten Schiffahrtsgesellschaft abgeschlossenen Passagcvertrag zur Fahrt nach einem außerdeutschen Ausschiffungshafen, eine Eisenbahnsahrkarte bis zum Einschiffungshafen und ausreichende Barmittel besitzen, die ihre Aufnahme au dem Reiseziele oder im Falle ihrer dortigen Zurückweisung die Rückbeförderung in die Heimat gewährleisten. Hiezu ist wie bisher bei gesunden und nicht gebrechlichen Personen von mehr als zehn Jahren eine Summe von je 400 Mark, bei jüngeren Personen eine Summe von je 100 Mark für erforderlich zu halten. Alle außerdeutschen Auswanderer, die die Bedingungen nicht erfüllen, habe» eine Registrierstatioii zu passieren, wie solche zur Zeit in Myslowitz und Ratibor bestehen. Die vorstehenden Bestimmungen finden keine Anwendung auf die Auswanderer, welche die russisch-preußische Grenze und die dorttgen Kontrollstationcn passieren. Hinsichtlich dieser Auswanderer, über deren gelegentliche Behandlung vor kurzem so schwere Beschwerden erhoben wurden, verbleibt es bei den bisherigen Vorschriften. Berlin. Durch das Interesse der Arntenkommission der jüd. Gemeinde wird sich voraussichtlich die Idee zur Errichtung einer Heilanstalt für jüdische Tuberkulöse demnächst verwirllichen. Ms Ort dieser Lungenheilanstalt kommt C o l b e r g in Frage. Stuttgart. Das dringendeBedürfnis eines jüdischen Hospitals in Stuttgart dürfte einem jüdischen Arzte, der von der Notwendigkeit ritueller Verpflegung durchdrungen ist, Veranlassung geben, durch Schaffung einer entsprechenden Einrichtung ein Werk der Nächstenliebe zu vollbringen und damit darzütun, daß die Refuas hanafesch der Resuas haguf voranzugehen hat. Königsberg, 30. Oktober. Die Lokallomitees der Alliance Jsraelite zu Königsberg und Tilsit hielten heute eine gemeinsame Sitzung ab. Es wurde die Gründung eines Bezirkskomitees beschlossen und ein für die Komitees zum Schutze durchreisender russischer Juden bestimmter Betrag zur Verteilung gebracht. Thorn,'l 28. Oktober. Mehrere angesehene Gemcindemitglieder in Gollub haben sich im Verein mit dem hiesigen Alliance-Komitee der plötzlich in größerer Anzahl cintreffenden r u s s i s ch e n A u s - Wanderer / die zum Teil nur ungenügende Mittel hatten, warm angcnüminen und dafür gesorgt, daß sie unter Beihilfe der von Privaten und Vereinen gespendeten Summen nach England und besonders Amerika weiter befördert wurden. Oesterreich-Ungarn. K. Wien, 27. Oktober. Redeblüten der Antise m itenimniedcrö st erreich ischenLandtag. Abg. Bielohlawek: „So eine Gemeinheit. Sind S' ruhig." Abg. S t u r m: So a gemeiner Jud." Abg. Bielohlawk: „Ja, Sie (zum Abg. Seitz) stammen entschieden vom Affen ab." Abg. Dr. Sch eich er: „Er gibt also zu, vom Assen abzustammen." Abg. Bielohlawek (schreiend): „Glauben Sie mir. Sie können Watschen auch von anderen bekommen. Das ist eine Frechheit, hier zudrohen! Eine Gemeinheit!" Abg. Ritter v. Troll: „Sic sind ein so blödes Mist Vieh, daß Sic nichts v e r st e h e n, Sie blöde Kanaille!" und so weiter in süßer Grazie. Volks Vertreter int wahren Sinn des Wortes. (Anm. der Red. Jni Lande des klassischen Parlamentarismus, in England, nennt man das Unterhaus das Haus der Gemeinen^in — Oesterreich nicht.) -o- Wien, 28. Oktober. Ausgezeichnete jüdisch eSoldaten. Es erhielten die königlich bairische bronzene Inhaber-Jubiläumsmedaille: Die Artillerie-Feuerwerker (Feldwebel): Eduard Bunzel, Philipp Gans, Gustav Kaufmann, Hersch Blaustein; die R e ch - nungsunterosfiziere 1. Klasse: Juda Schipper, Wilhelm Klee; der Zugs führ er (Titularfeuerwerker): Jakob Werz; der Rechnungsunteroffizier 2., Titular — 1. Klasse: Jsak Enden recte Bloch; die Zugsführer: Karl Wächtersbach, Lazar Haarzopf; die Korporäle: Leib Schwarzbard, Ludwig Byk; der Korporal - Rechnuugs -Hilfsarbeiter: Joser Lipschütz; der G e s ch ü tz v o r m e i st e r: Adolf Eilmes. In Deutschland wird man vergebens nach aktiven jüdischen Unterosfizieren suchen, geschweige nach dekorierten. K. Wien. Die Umgangssprache der Juden in Oe st e r r e i ch. In Oesterreich (ohne Ungarn) wohnen 1 293 951 Juden; in der Hauptmasse verteilen sie sich ans Galizien (881183), Niederö st e r r e i ch mit Wie n (157 278), Bukowina (96 150), Böhmen, Mähren und Schlesien (148 988)). In Tirol wohnen 1125, Dalmatien 334, Kärnten 212, Salzburg 199, Kraiu 145 Juden. Bon dieser Zahl sind 1144 786 in den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern heim a t s z n st ä n d i g; der Rest sind Ausländer (auch Itngnrc n); davon in Wien 50394. Zur Polnischen Umgangssprache bekannten sich 622 235 (gleich 541/:- o/o) zur deuts ch e n, 419 210 (gleich 36Ve«/'°) zur böhmische n, 57 782 (gleich 5 »/»)), zur italienischen 2940 (gleich und zür russischen 40 996 (gleich 3\h°io). In Prag wohnen an 20 000, in Brünn 8200 Juden. Die größte jüdische Gemeinde Oesterreichs ist Wien mit 142 000 Juden. K. Budapest, 30. Oktober. In der letzten Woche wurden an den Standesämtern vier jüdischchristliche Mischehen aufgeboten. Bei zwei Paaren ist die Frau jüdisch, der Mann römisch-katholisch, bei zwei Paaren herrscht das umgekehrte Verhältnis. Alljährlich werden seit Einführung der obligatorischen Zivilehe in Ungarn allein in Budapest gegen 150 Mischehen zwischen Juden und Christen geschlossen. Es liegt auf der Hand, daß bei der in Ungarn grassierenden Assimilationswut die diesen Ehen entstammenden Kinder fast zur Gänze dem Judentum verloren gehen. K. Budapest, 28. Okt. Der ungarische Unterrichts- Minister spricht öffentlich seinen Dank und seine Anerkennung aus dem F ü r st e n Nikolaus Esterhazy, der für 140 000 Kronen eine römischkatholische Kindcrbewahranstall und Mädchenschule erbauen ließ und für ihre Instandhaltung Sorge trug, der weiters für eine römisch-katholische Schule 36 000 Kronen spendete, weiters für eine andere römisch-katholische Kinderbewahranstalt 15 000 Kr. beitrug und der znketzt für eine andere römischkatholische Schule 20 000 Kronen beitrug. Man wird diese Woltätigkeitsakte eines katholischen Magnaten nur billigen können und vielleicht auch bei der ttefen Religiosität des Fürsten auch verstehen, warum er bloß katholischen Anstalten seine Fürsorge zuwendet. Wundern muß man sich aber bei diesen Verhältnissen, daß unsere jüdischen Großen (weil Reichen) ihre Gaben immer interkonfessionell gestalten wollen, weil man nicht begreift, daß sic vergessen können, daß sie dadurch die jüdischen Armen doppelt verkürzen. Also Woltätigkeit entweder; dann denkt man an die, die einem zunächst stehen; oder Anerkeniinngshascherei; dann verdienen die Herren doch nicht „Woltäter" genannt zu werden; bann geschehen alle diese Woltätigkeitsakte, nicht aus dem Bedürfnis heraus, anderen zu helfen, sondern s i ch zu einem Orden, Titel oder ähnlichen Dingen verhelfen. Bnbeant sibi. K. Budapest, 28. Oktober. In den letzten drei Wochen wurden vier lv eibliche Aerzte in Budapest promoviert; darunter drei Jüdinnen: Dr. Irma Herzog, D r. Helene Weinstein und Dr. O lg a F r a n k; im ganzen gibt es jetzt 13 weibliche, ungarisch promovierte Aerzte in Ungarn. Lemberg. Ein Ausnahmsgesetz für Galizien .und Bukowina, das bezweckt, wiederzahlreichejüdischeExistenzenzu vernichten, ist am 26. v. M. erlassen worden. Nach dem Gewerbegesetze ist der Detailhandel mit gebrannten geistigen. Getränken (Spiritus, Branntwein, Rosoglio, Rum, Likör, alkoholhaltigen Essenzen u. dgl.) in verschlossenen Gesäßen in Mengen von weniger als fünf Liter ini allgemeinen ein freies Gewerbe, bedarf also bloß der Anmeldung bei der Gewerbebehörde erster Instanz. Eine gestern publizierte Verordnung des Handelsministeriums statuiert bezüglich Galiziens und der Bukowina in sofern eine

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