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Neue jüdische Presse · 1904-11-04 · Heft 42 (4.11.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 42 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. ftituiion besucht. Sin freudiges Ereignis war es aber. Laß der Jassyer Rabbiner Dr. Niemriower zur Hoftafel geladen wurde. Zn seiner Unterredung mit König und Kronprinzen lenkte der Rabbiner das Gespräch auf die Emigrationsfrage und betonte mich die Notwendigkeit eines Gemeindegcsetzes. Auch eine jüdische Delegation, der Audienz bewilligt wurde, hat durch ihre Sprecher Dr. Burskin und Schnürer ein Kommunitäten gesetz verlangt. Der König sprach von einem Projekt, bas alle nicht griechisch-orthodoxen Kirchengemeinden regeln würde. Im Theater wurde ein Stück der Königin gespielt, das unser Volksbruder, der gefeierte Dichter Dr. Steuermann ins Rumänische übersetzte. Die Königin dankte ihm und dem jüdischen Maler, M. T i n k e l st e i n, der die Dekoration geleitet, huldvoll. Zum H o f b a l l wurden einige Juden — Bankiers, Industrielle, Literaten, sowie unser Rabbiner und Frau — geladen. -Za, wie immer, den Reichen gegenüber macht man Ausnahmen in der sonst den armen Juden gegenüber angewandten, skandalösen Behandlung. Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. (Fortsetzung). Die Juden waren Anfangs wie aus den Wolken gefallen und sahen die Menge starr an; es war ihnen zu Mut, wie einst dem Stammvater Jakob, als ihm berichtet wurde, daß sein Joseph noch lÄe; sie wollten es nicht glauben. .Ms aber darauf abermals ein Hoch, von einem Tusch begleitet, vom Volke angestimmt wurde, da fingen sie plötzlich zu weinen an. Mlc Anwesenden waren gerührt, und sss trat auf einige Augenblicke eine tiefe Stille ein, bis der Bürgermeister, seine Ansprache wieder ausnehmend, fortfuhr: „Lasset alle Eure Glaubensgenossen sich versanuneln, daß sie uns aüf das Capitol begleiten; dort wollen wir Euch an demselben Ort, wo Euch Jahrhunderte lang jener Schimpf angetan loar, feierliche Abbitte tun!" Ein Bürgermeister mit der neurömisthen Fahne i» der Hand, der Vorsteher und ich mit der französischen Fahne traten darauf in's Ghetto ein, während das Volk uns ruhig draußen erwartete. Beim Eintritt schlug uns ein Feuchtdunst entgegen, daß wir nmzusinken drohten. Der Vorsteher, welcher den unangenehmen Eindruck bemerkte, sprach: „Es war leider erst unlängst Wasser in unser» Wohnungen, sodatz die Bewohner der unteren Stockwerke zu ihren Nachbarn in den ober» übersiedeln mußten; da sie aber ihren gütigen Behcrbergcrn, welche kaum für sich genug Platz habe», nicht zu lange zur Last fallen wollten, zogen sic, als das Wasser noch kamn.recht abgelaufcn war, in ihre Wohnungen zurück. Um diese Zeit giebt es gewöhnlich hie meisten Kranken unter uns." Unsere friedliche Annäherung hatte die bisher furchtsamen Einwohner des Ghetto an die Fenster und manche Beherztere sogar zu den Türen hinausgelockt. Unter den Personen, welche zuerst zum Vorschein kamen, befand sich auch der Küster, welchen, der Vorsteher zurief: „Machen Sie schnell im Ghetto bekannt, daß alle erwachsenen Personen sich in Kleider werfen und mit uns dann aus's Capitol gehen sollen!" Der Küster gehorchte freudig dem Befehl und eilte von Gäßcheu zu Gäßchcn, wo er den erhaltenen Auftrag mit seiner helltönenden Heroldsstimnie verkündete. Wer sich einen Begriff von der Auferstehung der Toten machen loill, der soll sich die damalige Umwandlung im römischen Ghetto denken. Die lautlose Stille, welche bei unserem Eintritt daselbst herrschte, ging plötzlich in die freudigste Bewegung über; aus jedem Fenster vernahm man die Stimmen kreischender Frauen und lärmender Kinder: „Mutter, ich will das Kleid!" — „Mutter, ich will auch mit." — „Du bist noch zu klein. Du kannst zu Hause bleiben." — „Nein, ich bin schon groß genug; warum darf er mitgchen?" Zu Hunderten tönten uns bei unfern, Gang durch das Ghetto solche Rufe entgegen. Wir aber benützten die Zeit bis zur Ausführung der Aufforderuiig des Vorstandes zur Besichtigung des Ghetto. Wenn ich sagte, daß das Pflaster des Ghetto schlecht wäre, so würde ich lügen, denn cs ist gar keines da. In der Sommerhitze kann man's dort vor Staub nicht aushallen, im Regen watet man schuhhoch durch den Schlamni. Die Häuser sind niedrig und einstöckig; die Erdgeschoßwohnungen. sind größtenteils, im Hof, da die Vorderseite zu Kaufläden und Trödclbnden benutzt werden, aus welchen wir alte Kleidungsstücke, Hemden, alles Messing usw. an den Fenstern zur Schau gestellt sahen. In der Mitte des Ghetto befindet sich ein Pumpbrunnen, welcher Eigentum der ganzen Gemeinde ist und dessen Umgebung zugleich als Spielplatz der muntern Jugend dient. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nachdem wir die Hauptgasse und die engern, düstern Nebengäßchen besichttgt hatten, kehrten wir zu dem Eingang zurück, durch welchen wir eingetreten waren. Dort befand sich bereits die ganze Gemeinde, Alt und Jung, Greise und Kinder, Männer und Frauen. Alles war im Festanzug. Auch das Gotteshaus mußte zu dieser Verbrüderungsfeier seinen Schmuck hergeben; die sechs ältesten Männer trugen sechs Gesetzrollen mit rotsammtenen, golddurchwirkten Mänteln und silbernen Decken voran; ihnen zur Seite hielten vier schwarzgekleidete junge Männer die Stangen eines Baldachins, dessen. Decke der grünseidene Vorhang der Bnndesladc war.' Die erwachsenen Männer waren alle schwarz, die. Frauen weiß'gekleidet. Diese Tracht erhöhte bei letzteren den erschütternden Eindruck ihrer größtenteils totenbleichen Gesichtsfarbe; Viele hatten verbundene Gesichter, aus denen hochangelaufene Wangen hervorragten, viele schienen Gichtkranke zu sein und bedienten sich der Krücken. So sauer manchem wohl der Gang ankommen mochte, dennoch wollte Niemand zurückbleiben. Bei unserer Ankunft lud man uns ein, unter den, Baldachin vor den Gesetzrollen den Platz einznnehmen, was wir auch annahmen. Ho setzten wir uns in Bewegung. Als das Baldachin vor dem Tor sichtbar wurde, stimmte die Musik einen Tusch an, worauf ein Marsch gespielt wurde, bis die ganze Judcnheit das Tor verlassen hatte. Als. die Musik aufgehört hatte, nahm der Bürgermeister das Wort: „Bürger von Rom, seht hier unsere Mittnenschen an; wir wohnten in prachtvollen Palästen, diese in dumpfe» Höhlen!" Eine ttefe Stille trat ein. Das Volk betrachtete die falben Gesichter und schlug beschämt die Angen nieder. Bald erhob sich aber ein wüster Lärm: „Nieder mit den Mauern des Ghetto, kein Ort der Knechtschaft mehr! Weg mit diesem 'Schandfleck Nom's und der ganzen Christenheit, die Juden sollen von nun an unter uns wohnen!" Schon wollte sich das Volk zerstreuen, um Hacken uud Beile zur Schleifung des Ghetto herbeizuholen, als der Chacham, ein edler, würdiger Greis, mit bittender Gcbcrde um Gehör'bat. Es trat wieder eine tiefe Stille ein, worauf er das Wort nahm: „Bürger Rom's! ich bitle^im-Schonung für den langhundertjährigen Schauplatz unserer Leiden und Freuden. Hier standen unsere Wiegen; jeder Ort, wo die Wiege stand, ist dem Menschen heilig, und sei es auch im Kerker. Auf dein Capitol will ich Euch ein Mehreres hierüber sagen." „Auf's Capitol, aus's Capitol!" tobte die Menge. Der Zug setzte sich darauf in Bewegung nach dem Capitol. Bon da beim Titusbogen angelangt, stellte sich die ganze Versammlung in einen Halbkreis um eine dort angebrachte Rednerbühne. Ms die Ruhe allgemein hergestellt war, lud der erste Bürgermeister den Chacham zu sich auf die Bühne und richtete darauf a» ihn folgende Ansprache: „Würdiger'Dieiier Gottes, ich tue Dir und Deiner ganzen Glaubcnsgenosscnsckiaft hiermit, im Namen der gesamten römischen Christenheit, für alle Beschimpfungen, die Euch an diesem Ort und für alle Kränkungen, die Euch in unserer Stadt durch lange Jahrhunderte widerfuhren, die reuigste Abbitte, und wir reichen Euch nun, als unseren vollkommen gleichberechtigten Mitbürgern, die Bruderhand!" Ter Chacham ergrisf die ihm dargcreichte Hand und erwiderte innig bewegt: „Wir nehmen mit größter Bereitwilligkeit Euer Anerbieten an; ein Schleier sei über die Vergangenheit ausgebrcitet; freuen wir uns mit der Gegenwart und fassen lvir die besten Vorsätze, brüderlich in edlem Streben znsammenzuwirken für die Zukunft!" Allgemeiner Jubel. Darauf hielt der Chacham an die versainmettc Menge folgende Ansprache: „Diesen Tag hat der Herr bereitet; frohlocken wir und freuen wir uns an ihm! — Wir feiern heute das Fest der drittmaligen Erbauung Roms; ja, ein neues Rom soll heute erstehen! — Als Romulus, der Namengeber unserer Stadt, vor 2551 Jahren zu derselben den Grundstein legte, inachtr er sie zu einer Freistätte für alle Bedrängten jederlei Stadt und Landes, und dieser Gastlichkeit verdankte das alte Rom sein baldiges Wachstum und seine nachherige Größe. Erst mit dem Untergänge der altrömische» Tugenden begann Roms Verfall, bis es endlich denjenigen Völkern zur Beute wurde, welche einst vor ihm zitterten. Auch das neue Rom begann mit Liebe und endete mit Unduldsamkeit; cs verkündete Freiheit und Brechung aller Sklavenketten und endete mit Knechtschaft sowohl in eigenen als fremden Banden. Möge das neueste Rom das traurige Ende seiner Vorgänger sich ja zu Herzen nehmen und durch Liebe und allgenieine Duldsamkeit anr festesten seinen längern Bestand sichern! ' . Nur we-r andern Freiheit gewährt, ist selber wahrhaft frei. Je härtere Bande man Anderen schmiedet, desto mehr ist man in eigenen Fesseln befangen. Möge Euch der heutige Tag recht lange im Angedenken bleiben! Wandelbar ist das Schicksal, noch wandelbarer das menschliche Herz; oft wirft es. morgen den in den Staub, de» es heute zu den Sternen erhob! — Alles, was war, kann einst wieder sein, und allcs, was geschah, kann einst wieder geschehen; es ist nichts Neues unter der Sonne, sagte der weise König. Die Verhältnisse könnten sich einst wieder ändern; Rom könnte wieder gewaltsam zur alten Ordnung zurückgebracht werden und demzufolge das alle Ghettoelend wieder erstehen; das Beispiel der höchsten Gewalt hat Nr. 42. einen sehr mächtigen Einfluß auf das Benehmen des Volkes; darum rufe ich Euch abermals zu: Vergesset den heutigen Tag. und Eure heuttgen Vorsätze nicht! Von oben herab könnten wir wohl tyieder in unsere alten traurigen Zustände zurückversetzt werden; Euch .aber kann Niemand verwehren, uns Eure Liebe und Brüderlichkeit zu bewahren, und diese werden uns den Schmerz der abermaligen Knechtschaft reichlich versüßen. — Wisset, meine Brüder, jenes Ghetto, so düster und abschreckend auch dessen Außenseite erscheint, eben so herrliche Lebensblüten wußten wir uns darin zu ziehen, und zwar durch den Glauben und die Häuslichkeit! — Das feste Gottöertrauen, das sichere Bewußtsein, Träger und Aufbewahrer des reinsten Gottesbegriffs für die zukünftige Menschheit zu sein, ein freundlicher Händedruck unsrer Frauen, ein . liebevoll entgegengestrecktes Händchen unserer Kinder, wenn wir schmachbeladen -von der Außenwelt in unsre armseligen Hütten zurückkehrten; — streuten uns mannigfache dufttge Rosen auf den dornenvollen Pfad unsres Lebens. Hat die neue Ordnung Bestand, und wolle» unsre Kinder einst das Ghetto verlassen, um in Eurer Mitte zu leben, so wollen wir's ihnen nicht wehren. Wir Aeltern wollen schon da sterben, wo unseres Wiegen standen, und begnügen uns vollkommen mit Eurer Freundschaft und bitten zugleich, daß diese keine augenblickliche, vorübergehende Aufwallung sei, sondern ein bleibender Eindruck, der sich auf die Nachkommenschaft vererbe! Endlich habe ich noch ein Anliegen: Wir nahmen von zu Hause mit uns den Betrag der bisher jährlich von uns zu entrichtenden Judensteuer; dieses Geld ist nicht unser, es gehöre den Armen; und ich übernehme hiermit im Namen meiner Gemeinde die Verpflichtung für uns und unsere spätesten Nachkommcn, jährlich an diesem Tage dieselbe Sunnne an die Armen zu verteilen. Zum Schluß: Liebe, Friede, Segen! Wo Liebe herrscht,' da weilt.der Friede, und nur da, wo Friede waltet, da kehrt der Segen Gottes ein, Amen!" — Darauf händigte er dem Bürgermeister einen Geldbeutel ein, worin die erwähnte Summe war; Se wurde dankbarst und unter lautem Beifallrnf des olkes ausgenommen. — Der übrige Teil des Tages und die ganze folgende Nacht wurden mit dem tollsten Fastnachtsjubel, verbracht. Als dieser sich ziemlich gelegt hatte, kehrte die ernste Wirklichkeit ein, und eine der erste» Wirklichkeiten war, daß unser Heer teils für das an unsrer Gesandtschaft verletzte Völkerrecht Genugttiung, teils für den Zug nach Rom Entschädigung und endlich für die Gewährung der Freiheit Belohnung verlangte. Unser Anführer Berthicr (Napoleon war zu jener Zeit von unserem Heer abwesend) stellte den Römern die Wahl, entweder eine hohe Kriegssteuer zu entrichten oder die Kirchen plündern zu lassen. Zu Beiden wollten sich die Nachkommen des Romulus schwer entschließen; endlich aber galt die allgemeine Meinung: „Die Heiligen erfreuen sich in der Nähe Gottes der vollkommensten Glückseligkeit und können des irdischen Schmuckes recht gut entbehren, lvährend wir als lebende Menschen unser Gold und Silber für uns und unsere Familie recht gut verwenden können. Da es also schon so sein muß, gehe es in Gottes Namen über die Heiligen her!" Nun-mußten die Kirchen allen ihren Gold- und Silhervorrat hergeben; nur was aus Holz, Stein oder Marmor tvar, ließ man großmütig stehen. Es war eine wilde Zeit damals, — und für die sanften Naturen unter uns hieß cs einfach : mitgegangen, mitgehangen. (Der Oberst war bereits vom Reden erschöpft und mußte ausruhen; da sich zudem der Himmel verzog und ein Gewitter heranrückte, sah sich die Gemeinde genötigt, nach Hause zu eilen, und der Held des Tages, die Fortsetzung seiner Erzählung bis auf Weiteres zu verschieben.) (Fortsetzung folgt). Aus der Lehrerwett. Höchberg (Bayern). Dieser Tage feierte hier Herr Lehrer Eh re »reich an der israelitischen Präparandenschule, sein 25jähriges Dienstjubiläum, aus welchem Anlaß ein Festakt stattfand. Herr Haupllehrer und Schulvorstand Es ch w e g e feierte die Verdienste des Jubilars, der nicht allein ein tüchtiger Schulmann, sondern auch eine Persönlichkeit ist, die, wo es gilt, gemeinnützige Unternehmungen in der Gemeinde zu fördern, mit an der Spitze steht. i Berlin. Die vom Deutsch-Israelitischen G e in e i n de b u n d e eingerichteten u n e n t g el t - lichen Vorlesungskurs.e für akademisch gebildete jüdische Religio ns lehre rund Religionslehrerinnen werden am Montag, 7. November^ abends 7 Uhr, in dem Konferenzzimmer der 2. Religionsschule, Lindenstr. 48/50, eröffnet werden. Es lesen die Herren: Dozent Dr: Elbogen und Rabb. Rabb. Dr. Dr. Blumenthal, Galliner und -Warschauer über Bibelkunde und biblische Geschichte, hebräische Gramatik, Bibel- und Gebetübersetzen, jüdische Geschichte und Religionslehre, außerdem finden seminaristische Hebungen statt. Anmeldungen sind an Herrn Dr. Winnenthal, Berlin N. 24, Monbijouplatz 4, zu richten. .

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