Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 42 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ ( Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise stehe Schluß des redaktionellen Teiles). l __________L———— KedaKtton mrd HefchLfi-ftekle: ZrsnKfurt 3. nr.. Leilrgkreuzgaffe 32. Ecke Llapperfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). -HH- Herausgeber: Kalg cheis. Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile . . ..100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.—. 2. Jahrgang. Freitag, de» 26. NaoLesoLvan 5665 (4. November 1964). No. 42. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Hermann Cohen, von Jacob ben Elijah. — An die zionistischen Mitglieder der Alliance Jsraölite. -^Aus aller Welt. — Feuilleton:Aus bewegter Zeit, Erzählung von R. — Aus der Lehrerwelt — Vakanzen.,. Hermann Cohen. in. Die Grundzüge seiner Ethik. Von Jacob ben Elijah. Wir sahen, daß die Erkenntnistheorie Cohen's den Idealismus yn strengsten Sinne dieses Terminus vertritt. Nun soll die Logik in eine Korrelation zur Ethik gesetzt werden: die Grundlagen des moralischen Denkens müssen den Grundlagen des erkenntnis th eoretischen Denkens analog sein. .Freilich darf dadurch die Selbständigkeit der Ethik nicht verloren gehen; es soll aber die Einheit des Kulturbewußtseins durch die gegenseitige Beziehung der drei Grundrichtungen der Kultur — Logik, Ethik und Aesthetik — gefordert und begründet werden. Besteht nun einmal eine solche Korrelation, so müssen die Methoden der Logik für die Ethik fruchtbar gemacht werden. Daher muß der erkenntnis t h e o r e t i s ch e Idealismus zum ethischen führen. Wo ist nun die Direktive? Folgender Gedankengang soll den Weg bezeichnender von Logik zu Ethik führt. Wir müssen daher ein wenig die Grundideen der Cohen'schen Erkenntnistheorie rekapitulieren. * . Das D e n ken ist souv erän. Insofern das Sein gedacht wird, ist es. Mit anderen Worten: insofern es ein Subjekt — ein Denken — gibt, hat es ein Objekt — ein Seiendes. Dieses Subjekt muh sich sein Objekt selbst schassen und darf es nicht als ein gegebenes — in der Anschauung, geschweige in der Empfindung — . akzeptieren. Das Denken ist nicht Vorstellung; diese empfängt, das Denken gibt: es gibt sich Gesetze. Die Vorstellung muß sich mit Gegebenem absinden; sie setzt das Sein voraus; das Denken hingegen erzeugt das Sein. Nicht darin allein kamr die Aufgabe der Logik erschöpft werben, baß sie bloß — wie Kant's Aesthetik fordert — die Vorstellung zu verarbeiten und von fremden Elementen rein zu erhalten hätte, sondern das Denken soll das Sein erarbeiten: die Erkenntnis darf ihren Ursprung nicht in Etwas außerhalb seiner selbst nehmen. Daher muß ihre Logik — Logik derreinen Erkenntnis sein; rein von Gegebenem. Man könnte auch sagen: Logik der^ freien Erkenntnis, d. h. frei von jeder Mithilfe hetrogener Faktoren. Mso: 6oüoratio. Dieser Ausdruck der neuen Mathematik soll das Motto der Logik sein. Diese Erzeugung des Seins bedeutet den Idealismus des Denkens. Diese Ursprünglichkeit und Selbständigkeit des Denkens ist die Souveränität der Idee. Das Denken nimmt seinen Ursprung in der Idee. Sie ist — wie Cohen treffend sagt — das Selbstbewußtsein des Begrisses. Und so hat sich in den mathematischen Naturlvissenschasten die Idee als Methode bewährt. Die Idee des Infinitesimales ist die Basis der Differentialrechnung. Das Unendlichkleine bildet den Grund des Endlichen. Die Regeln des Endlichen — sagt Leibniz — reüssieren im Unendlichkleinen. Die Idee wird also zur Voraussetzung des Seins. Im Tangenten- Problem wird die Absolutheit der Idee, des uuendlichkleineu Punktes, als Korrelation anerkannt. Denn die Tangenteu-Punkte erzeugen die Kurve: die Idee erzeugt das Sein. Sie erzeugen die Richtung, das Gesetz der Kurve. Ihren Inbegriff bilden also die absoluten Punkte der Tangenten; sie haben daher Realität. So kommt die Idee als das Motiv des Ursprungs, der Erzeugung, zu ihrer methodischen Bedeutung und wird dadurch als Realität begründet. Hier haben wir den erkenntnistheoretischen Idealismus. Es ist nicht romantischer Idealismus: das Denken hat Gesetze; es legt in den Methoden der mathematischen Naturwissenschaft Rechenschaft ab. Das Kriterium der Wahrheit liegt im Denken selber, in der Idee. Es ist also der kritische Jdeal i s m u s, wobei. sowohl das Subjekt als dessen Prädikat betont werden will. Nun sind wir an dem Punkt angelangt, der aus der Verbindungslinie zwischen dem erkenntnistheoretischen und ethischen Idealismus liegt. Denn lehrt uns die Logik: das Denken ist souverän, so ist hiermit die Grundlage gegeben für die Lehre der Eth i k: der M e nsch ist souverän. Die Schöpferkraft des Denkens macht den Wert des Menschen als Kulturwesen aus. „Ter Mensch ist das Maß aller Dinge" — könnten wir mit Protagoras sagen. Nicht aber soll hier gemeint sein: der Mensch, der individuelle Mensch; sondern der Mensch als Ku'lturwesen. Nicht die Subjektivität unseres Denkens, wonach für jeden Mensch ein besonderes Kriterium der Wahrheit gilt; sondern die subjektive Idealität unseres Denkens, wonach es allgemeinnotwendige Gültigkeit hat, soll durch die Souveränität des Denkens ausgedrückt werden. In der Logik handelt es sich um das Problem: Was ist? (tc t<m;); in der Ethik wird gefragt: Was soll? Dort wirb das Sein, hier das Seinsollen gelehrt. Hat sich nun die Idee als Methode für die Erzeugung des Seins bewährt, umsomehr muß sie das Seinsollen bestimmen; ist die Idee Realität des Seins, umsomehr muß sie es für das Seinsollen werden. Ist das Denken Schöpfendes Alls, so muß es Schöpfer der SitÜuhkeit ^Wen. So wird im erkenntnistheoretischen Idealismus die Reife des Menschen für den ethischen Idealismus legitimiert. Tie Selbstgesetzgebung der Logik ermöglicht die Antinomie der Ethik. Daher geht die Logik der Ethik voran: die erstere ist, wie gesagt, eine Legitimation für die letztere. Dieses Borangehen der Logik im System der Philosophie bedeutet nicht einen Vorrang, geschweige ein Vorrecht. Es ist bloß ein methodischer Vorzug. Und wenn die Logik als Königin der Wissenschaft gefeiert wird, so darr dadurch die Ethik keineswegs zur Sklavin dieser Königin degradiert werden. Tenn es gilt hier der Primat der Ethik. Die Logik hätte keinen Zweck, wenn es keine Ethik geben soll. Wozu denn die Frage: was ist? — wenn nicht die Frage: was soll? Es wäre doch bloß eine nörgelnde Klügelei, krankhafte Neugierde und wertlose Gelahrtheit — sollten unsere Forschungen für die Ethik nicht fruchtbar gemacht werden können, oder sollte es gar eine Ethik nicht geben. Haben sie keinen ethischen Zweck, so haben sie überhaupt keinen Zweck: denn dieser Begriff entsteht erst in der Ethik. Soll es nun keine Sittlichkeit geben, so wäre unser Leben ein Wahn, unsere Lebensmühe des Lebens nicht wert. Die Erkenntnis hätte keinen Sinn — und wir könnten nun schlasen gehen.... Es ist also ein Postulat: es soll eine Ethik geben. In ihr soll die Wahrheit gesucht und gefunden werden. Dieses Postulat, dieses Primatum der Ethik ist — wie wir noch zu erörtern haben werden — im Jndentum durch den Gedanken des Optimismus vertreten. Wenn nun die Selbständigkeit der Ethik der Logik gegenüber gefordert wird, so soll die Ethik eine LogikderGeisteswissenschaften werden. Sie darf nicht der Religion anheimfallen. An dieser Grenze muß mit aus der Wache sein, daß die Romantik nicht in die Ethik sich einschmuggelt. Bei behutsamer Ueberwachung der Ethik als W i s se ns ch a f t kann ihr eine echte Religion nur Dienste erweisen. Es gibt Normen in der sittlichen Natur und es muß für die Ethik Prinzipien geben. So muß die Ethik Gesetze haben, Sittengesetze. Freilich ist die moralische Gewißheit von anderer Art als die mathematische, aber damit soll nicht das nioralische Denken aller Gewißheit verlustig gehen. Wenn für die Logik die Parole Cusas' ausgegeben wird: nihil certi habemua nisi nostram mathematicam (Wir haben nichts Gewisses ofß unsere Mathematik); so muß auch in der Ethik eine Gewißheit geben, wenn in ihr die sittliche Wahrheit begründet werden soll. Die Kollission der Ethik mit der Aesthettk wird dadurch beseitigt, daß beide ihre Selbständigkeit behaupten und doch eine Korrelation untereinander bilden. Die Sittlichkeit darf sich ftellich nicht von der Kunst leiten oder gar verführen lassen, aber doch soll in der Ethik die Wahrheit des Lebens, .die Wahrheit der Natur nicht geleugnet werden. De Ethik muß aus dem Leben hervorquellen und ins Leben münden. Diese Korrelation zwischen Ethik und Aesthettk ist umso inniger, a.(s doch die Kunst die Sittlichkeit fördert: denn echte Kunst ist sittlich. Das liegt ja im Prinzip der Einheit des Kulturbewußtseins, der drei Grundrichtungen der Kultur: — der logischen, ethischen und ästhettschen. Wenn Cohen die Logik als Logik der reinen Erkenntnis begründet, so fordert er die Ethik