Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 41 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr 41. ver der Kompagnie wurden aber die letzteren zurückgedrängt und stürzten nach dem Vorort „Amerika" wo sie wieder die jüdischen Wohnhäuser zu zerstören begannen. Alle Ermahnungen, den Unruhen ein Ende zu machen, richteten nichts aus und erst nach einer qbgefeuerten Salve begannen die Exzedentcn .auseinanderzulaufen; sie ließen zwei Tote zurück. Indessen hatte die jüdische Menge, die sich auf der Wjetrennajastraße befand, aus Revolvern auf die Kompagnie geschossen und cs wurde alsdann der ersten Reihe kommandiert, Feuer zu geben, wonach sich die Menge zurückzvg, indem sie einen Toten und zwei Verwundete hinterließ. Gegen 3 Uhr hörten die Ausschreitungen gegen die Juden auf, aber nach zwei Stunden erneuerten sie sich im Vorort „Kaukasus". Der von dort nach der Stadt eilenden Menge von 200 Mann kam der Polizeimeister mit einer Kompagnie Soldaten unter dem Kommando von Kapitän Kornolow entgegen. Alle Ermahnungen und Zureden blieben erfolglos, sogar die erste Salve, welche in den Boden abgcfeuert wurde, vermochte die Menge nicht anscinanderzutreiben, und erst nach der zweiten Salve, als es einige. Tote und Verwundete gab, begann die Menge auseinanderzugchcn; ihr größter Tell wurde aus der Stadt verdrängt. Im Zentrum der Stadt, wo dank der Absperrung durch das Militär keine Ausschreitungen stattgefunden Latten, waren Unruhen nur infolge des Anlaufes der Juden entstanden, die sich äußerst herausfordernd verhielten .und dem Militär und der.Polizei Widerstand leisteten. Um l2 Uhr Mittags, gleich nach dem Fabriksignal hatten die Juden .begonnen, ihre Geschäfte zu schließen und sich in großen Meggen aus den Kreuzwegen der Hauptstraße versammelt. Sje waren ebenso wie am 29. Aug. mit Stöcken, Steinen, Knüppeln, lUscnstücken und viele mit Revolvern und Dolchen bewaffnet. Nach den Orten, wo die Ausschreitungen stattgefunden, eilend und vom Militär und der Polizei zurückgchaltcn, schossen .sie auf. die Kompagnie aus Revolvern ^und bewarfen sie mit Steinen. Einzelne Russen, Soldaten nicht ausgeschlossen, wurden von dieser bewaffneten Menge überfallen, wobei viele nur mit Schlägen und manche mit Wunden davonkamen. So wurden auf den Gemeinen Stattkewitsch, auf den Unteroffizier Dsjakowitsch und den Feldwebel Malischest..Revolverschüsse abgegeben, dem Soldaten Kvstjurin und dem Gefreiten Kostjukow sind durch Schläge Verletzungen beigebracht worden, der Nachtwächter Kowalewsky bekam eine Wunde im Rücken, der Bauer Jemeljan Golownew und der Bettler Koslow tödliche Stichwunden. Koslow erhielt auf der Troitzkajastraße einen Stoß von einem scingekleidctcn jungen Juden, und Golownjcw wurde, als er allein Abends die Mohilewskaja - Straße passierte, von Juden überfallen und getötet. Außerdem Wurden Meier Dawidow, Berkolcikin und Mordnch Kewesch von den an den Judenansschreitungcn Beteiligten tödlich verletzt. Am Abend des JL September wurden die Juden- und Arbeitermengen auseinandergesprengt und die Unruhen nahmen ein Ende. Bei den durch die Untersuchung aufgeklärten Tatsachen hat sich erwiesen, daß außer den früher erwähnten fünf Personen, welche den von den Exzcdenten erhaltenen Wunden und Schlägen erlagen, noch vom Militär vier Personen getötet und acht verwundet worden waren, wovon gerade die Hälfte Juden, die Hälfte Christen sind, und daß 250 jüdische Wohnhäuser und Läden bei den Ausschreitungen gegen die Juden zerstört worden waren. Aus denselben Angaben ist zu ersehen, haß sowohl Lei den Unruhen am 29. August als auch bei den Judenausschreitungen am 1. September die Juden nach einem gewissen Plan wirkten, was von einer vorher ausgearbeiteten Organisation zeugt; nach verabredeten Allarmpfifscn wurden alle Häuser und Geschäfte geschlossen, man versah sich mit enttoeder zu Hause oder in geheimen Lagern vorrätigen Waffen und eilte nach bestimmten Punkten, wo die Judenmenge von bestimmten Anführern geleitet wurde und auf Kommando der letzteren vorwärts marschierte, stehen blieb, diese oder jene Tat beging. Der überwiegend größte Teil der aktiv vorgehenden Massen bestand ausschließlich aus jüdischen jüngeren Elementen, viele Personen geiferen Mters nahmen nicht unmittelbar teil an den Unruhen, beteiligten sich aber insofern, als sie Bretter aus dem Holztrottoir, Steine aus dem Pflaster.. Holzscheite aus den Hösen.herbeiholten und sogar .Treppen zerbrachen, damit diejenigen aus der Züdenmenge sich bewaffnen sollten, die keine Zeit gehabt hatten,.sich mit Waffen zu versehen. Nach der Aussage aller derjenigen Personen, die berufen wurden, die Unruhen zu unterdrücken, hat die aus Russen bestehende Menge dem Militär keinen Widerstand geleistet, fast jmmer der. Auffordernng, auseinanderzugehen. gefolgt und in Gegenwart des Militärs es weder zu Exzessen noch zu Gewalttätigkeiten gegen Personen kommen lassen. Nur an den Orten, wo es yeder Polizei noch Militär Lab, sind die jüdischen Häuser zerstört worden; dagegen sind die aus den Juden bestehenden Haufen äußerst erbittert gewesen und haben sogar aut das Militär, welches zum Schutze ihres Eigentums beordert war, Revolverschüsse abgegeben und Steine geschleudert." Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Mitteilungen der NationalfondkomMission der Zionistischen Vereinigung Frankfurt a. M. An der von uns vorgeschlagcnen namentlichen Scll'stbcstencrung zu Gunsten des jüdischen N a t i o n a l f o n d s haben sich mit dem Einheitssätze von 30 Pfg. für den Monat Oktober beteiligt die Herren: .F. Sondheimer, I. L. Goitcin, Dr. >ned. W. Hanauer, H. Friesländer, I. Feingold, Dr. med. I. Mayer, A. Reinhardt, N. Sondheimer, Nef. Dr. Seckel, I. Oppenheimer, L. Oppenheimer, Saly Geis, Selmar Geis, W. David, James Lewh, H. Kvlliner, I. Gans, S. Nicderhofheim, B. Lamm, B. Wolpe. I. , Hirsch, B. Geradwohl, H. van der Walde aus Frankfurt a. M., I. Herzog aus Hersfcld, M. Salomo», Frankfurt a. M. Für September haben nachträglich beigesteuert: B. Lamm, Frankfurt a. M. und I. Herzog, Hcrsfeld. Gesinnungsgenossen loerden gebeten, gebrauchte Briefmarken zu sammeln, sie voni Papier abzulösen und unbeschädigt an die Kommission zu senden. Ganzsachen wolle man nicht herausschneiden. Die Namen der Spender werden hier veröffentlicht. Das Zentral-Bureau der Zionistischen Vereinigung in Deutschland hat beschlossen, nach dem Vorbilde des Vereines „Sammelkastcn" und der „Deutschen Reichsfechtschule" innerhalb der einzelnen Ortsgruppen zu Gunsten des jüdischen Nationalfonds die folgenden Materialien sammeln zu lassen: Zigarrenabschnitte, Staniol von Weinflaschen und Chokolade, Salben- und Farbentuben, Rabattmarken, Stollwerknnd Liebigbilder, Siegel und Stempelmarlen, Zigarrenkisten, Korke, Briefmarken. Die oben genannten Vereine haben es vermocht aus diesen an sich wertlosen Gegenständen bedeutende Einnahmen zu erzielen und so dürfen wir hoffen, -aß sich diese Einrichtung auch für den Nationalfond bewähren wird. Die Zentralsammcl- und Verwertungsstelle, deren Einrichtung und Beaufsichtigung dem hanseatischen Verbandsbureau in Hamburg übertragen ist, steht unter Leitung von Frau Dr. Margarethe Jo L l in Lübeck. Die Heranziehung von Damen und Kindern scheint für - den genannten Zweck besonders empfehlenswert. (Annahmestelle für.Frankfurt a. M. bei dem Geschäfts führenden der N. ,F. Comm. der Fr. Zion. Ver. Wegen Nationalfonds-Sammelbüchsen möge man sich wenden an die obengenannte Kommission. (Geschäftsführender Herr Heinrich K o l l i n e r, Am Tiergarten 34.) K. Frankfurt a. 9)1. Die Frankfurter Zionistische Vereinigung veranstaltete am Montag, den 24. er. im Kursaal Milani einen Vortragsabend, in welchem Herr Ingenieur I. Feingold sei» Referat über „H a ch o l u z", das Projekt einer „Herzl-Liga" hielt. Redner ging davon aus, daß überall nur eine systematische Arbeitsteilung ein Bestreben seinem Ziel näherführe. Dazu käme die Erwägung, daß der Zionismus um nicht zu verflachen, endlich praktische Arbeiten leisten und sich Arbeiter erziehen müsse. Bei der jetzigen Organisation fehle auch den willigen Arbeitern die Direktive nnd schließlich hätten die Zionisten keine Millionäre zur Verfügung, die ohne Sorge um das Brot und die Versorgung ihrer Kinder, am zionistischen Werke Mitarbeiten könnten. Das eine hehre Beispiel Herzl's, der uns so früh entrissen worden sei, gebe praktischen Zionisten zu denken. Da trete' der Referent mit dem Vorschläge hervor, einen Stab von Zionisten zu bilden, die sich nur der zionistischen Arbeit zu widmen hätten, und von materiellen Sorgen zu entbinden seien. Diese seien dann aktive Mitglieder der „Liga Theodor Herzl"; bezahlt würden diese Arbeiter aus den Geldern der Liga. Nicht gerade so, daß sie Luxus treiben könnten, aber so, daß sie und ihre Kinder nicht irgendwie zu darben hätten. Die Liga erhalte ihre Gelder durch die passiven Mitglieder, die nicht aktiv hervortreten könnten, aber doch von ihrem Einkommen einen erheblichen Prozentsatz (5®/o) versteuern, sodaß die Mitgliedschaft der Liga für sie mit einigermaßen empfindlichen materiellen Opfern verbunden sei. An den bestehenden Organisationsstnfen sei nichts zu ändern, nur solle eine praktische Arbeitsteilung in der Weise erfolgen, daß jede Materie ihr eigenes Ressort habe. Der Präsident des „Arbcitskomitees" stebe zugleich un der Svitze der Finanzrekiorks. (Nationalfond, Kolonialbank, Ligagelder.) Daneben hätten unter Sekretären zu bestehen: das K u l - tnsressort (Unterricht, Religionspflcge), das Agrikultnrresiort, Agitationsressort, Bevölkerungsressort (Auswanderer, Einwanderer) und ein Justizministerium mit Gerichtshöfen, die freiwillig von beiden streitenden Teilen angerufen und deren Urteil anerkannt würde und zwar geschöpft aus dem wieder lebendig gewordenen Gesetz der Thora und des Talmud. Das Kricgsministerium werde im zukünftigen jüdischen Staate fehlen. Referent betonte, daß wir vortzenken ‘ müssen, um im Fall der Notwendigkeit, mit Einrichtungen versehen zu sein, die einem modernen Staat genügen. Als äußeres Zeichen der Mitgliedschaft wünschte Referent, einen Orden, der der im Judentum vorherrschenden Symbolik Rechnung tragend, die Farben des Regenbogens als Rahmen um das Herzlbildnis euthalteu würden. In der Diskussion, die dem beifällig anfgenomincnen Vortrage folgte, wurde betont, daß die Ortsgruppe als solche keine Stellung znm Projekte nehmen könne und Herr Ingenieur Feingold ersucht, sein Projekt in der zionistischen Presse zur Diskussion zu stellen. Frankfurt a. 9R. Die Führer des deutschen Misrachi haben beschlossen: In Deutschland muß jedes Mitglied eines Misrachi-Vereines Mitglied der an seinem Orte bestehenden zionistischen Ortsgruppe sein. Frankfurt a. M. Am 25. crt. hat der engere AusfchußfürWest-EuropadesZentral- K o m i t e e s d e s Misrachi hier getagt. Es wurde nunmehr das Bureau konstituiert; Briefe an das Bureau sind zu adressieren an Herrn Jacob S. Posen, Frankfurt a. M., Fichtestraße 5 und Geldsendungen an Herrn Saly Geis, Frankfurt a. M.» Heiligkreuzgasse 32. Dem Bureau in Frankfurt unterstehen alle Länder außer Rußland, England, Amerika, Rumänien und Palästina, die dem Bureau in Lida (Rußland) unterstehen; Briefe an dieses Bureau sind an Herrn Rabbiner Reines in Lida (Gouvernement Wilna) zu richten. ^Lemberg. EinentlardterMisrachifresser. Das ,,Tageblatt" nreldet, daß der eifrige Mitarbeiter an der periodischen Zeitschrift „Kol machsikei hadaß" M. I. den I k a h (Mordchai Salik aus Rzeschow), der bekanntlich in der Hetze gegen den Misrachi sich gro(je_ Verdienste erworben und die Initiative zum Protest der ungarischen Rabbiner gegen die Preßburger Misrachi-Konferenz gegeben hatte, als M i ss i o n a r entlarvt ^worden ' ist. Die Sache hat sich folgendermaßen herausgcstellt: Dr. Hochfeld, der Vizepräsident der Rzeschower Kultusgemeinde hatte den Salik, weil er sich ihm gegenüber ungehörig benommen hatte, Schekez genannt, worauf ihn derselbe verklagte. Bei der Gerichts-Verhandlung erklärte Dr. Hochfekd, daß er den Ausdruck Schekez ausrecht erhalte und gab zu seiner Verteidigung folgende Gründe an: Ms früherer Verwalter der Baron Hirsch'schen Stiftung wisse er, daß Salik längere Zeit von derselben Unterstützung erhalten, aber dessen ungeachtet sofort nach dem Tode Baron Hirsch« diesen in dem „Machsikei hadaß" beschimpft habe; ferner sei Salik ein Mitarbeiter einer M i ssi o n s z e itnn g und gleichzeitig des jüd. orthodox. Blattes „Machsikei hadaß". — Die Gerichtsverhandlung wurde auf Nachmittag vertagt. Dr. Hochfeld wollte noch weitere Beweise gegen Salik -Vorbringen, doch Salik zog es vor, nicht wieder zu erscheinen, weshalb der Richter seine Klage zurückwies. Lemberg (Galizien). Herr Rabbiner L e w i n Schwiegersohn unseres allverehrten Rabbiners Schmelkes, ist als Kreisrabbiner in Rzeszow gewählt worden. Herr Rabbiner Lewin ist äks guter und tättger Zionist bekannt. Basel (Schweiz^. Es wundert mich, daß ich in Ihrem geschätzten Blatte, das sonst alle Vorkommnisse, die auf die zionistische Bewegung Bezug haben, gewissenhaft registriert, nichts von dem Hesped auf Theodor Herzl unseres Herrn Rabbiners Dr. Cohn am letzten Jomkippur gelesen habe. In einer halbstündigen Rede verstand er es, nachdem er vorher eine Haskoro über ihn gemacht hätte, in aus der Tiefe des Herzens herausquellenden Worten ein klares Lebensbild des verstorbenen Führers zu entwerfen, das durch seine meisterhafte, lebenswahre Darstellung einen unauslöschlichen Eindruck auf die versammelte Gemeinde hinterließ. Grade in der gegenwärtigen Zeit, wo das Bekennen zum Zionismus für einen orthodoxen Rabbiner in Westeuropa als eine mannhafte, mutige Tat gerühmt werden muß, sollte man diesen Vorgang in der Oefsentlichkeit zur Kenntnis bringen. London. Die „Zionistische Federation" in L o n d o n hat in ihrer jüngsten Sitzung folgende wichtigere Beschlüsse gefaßt: Beim Aksionskomitee wird der Antrag eingebracht, daß der nächste zionistische Ko ngreß nicht vor dem 1. Juli 1905 abgehalten werde. Es wurde ferner beschlossen, als ausschließliche Sammeltage für das Nationalgeschenk an Herzls Kinder den ersten und zweiten Chanukahtag zu bestimmen. Die Schekelzahlung ^für das nächste Jahr beginnt am kommenden Purimtage. Mailand. Am Sonntag, den 23. d. M. hielt die hiesige „G ruppo S i o n i st i c o" eine Generalversammlung .ab. Herr Präsident F. Jarach sprach vor einem zahlreichen Auditorium vom Leben und Wirken unseres großen Meisters Dr. Theodor Herzl, dem er einen warmen Gruß widmete. Ferner sprach der Redner über die zionistische Bewegung in Italien. Herr E. Weil sprach über die Hülfssteuer für die russ. nnd rum. Studenten; Herr M. Dreyfus über die jüdische Auswanderung. Endlich'wurde über die Mittel zur intensiveren Förderung der Sammlung beraten. Biele Versammelten kauften den geist-