Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 41 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 41 des Frankfurter Israelitischen Fmüienblattes. - Inhalt der Beilage: Artikel: Die Judenexzeffe in Lome! vor Gericht. — Aus der zionistischen Bewegung. Aus aller Welt. —Persona lien. — Aus der 8ehrerwelt. — Aus den Vereinen.— Bunte Chronik. Die Jndenexzesse in Homel vor Gericht. Tie Prozeßverhandlung über die vorjährigen Judenexzesse in Homel, welche am 24. Oktober begonnen hat, wird wohl die Ansmerksamkeit der weitesten Kreise des europäischen Publikums auf sich lenken. Die Königsbergcr Hartuugsche Zeitung ist nun imstande, die Anklageschrift, die von den russischen Behörden natürlich streng geheim gehalten wird, zu veröffentlichen. Dieses Dokument stellt ein M o n st r u in s e l b st i 11 der r u s s i s ch e n I u st i z dar. Tie Staatsanwaltschaft hat es fertig gebracht, die Opfer der Exzesse in An g e kl a g t e zu verwandeln, um auf diese Weise die Mitbeteiligung des Militärs und der Polizei an der Mcdermetzelung, Mißhandlung und Plünderung der Juden zu vertuschen. Hier der hauptsächliche Wortlaut des allgemeinen Teils dieses interessanten Tokuments, der w o h l k einer weiteren K o m mentar e bedarf: Anklageschrift gegen die Bürger Schmaja Garelik, Meier Bernstein, den Bauer Pantclcimon Bogdanow und andere, die des im Artikel 2Ü91 vorgesehenen Verbrechens beschuldigt werden. ■ Bald nach den Kischinewer Exzessen hat die jüdische Bevölkerung überall und namentlich in den Städten begonnen, «elbstwehrvercine zu organisieren, für den Fall, daß Ausschreitungen gegen Juden stattfiiideil sollten. Tie Stadt Homel ist dieser Bewegung nichtfremd geblieben. Abgesehen von den Gerüchten, daß alle Inden sich bewaffnet und ganze Lager von Waffen hätten, hätten im Frühling 1903 einige (Sinlvolincv von Homel die Gelegenheit gehabt förmliche E x e r z i e r ü b u n g e u der jüdischen' jungen Leute zu beobachten, in welchen sich bis 100 Teilnehmer im Revolerschießen übten. Tie allgemeine Bewaffnung einerseits und das Bewußtsein ihrer licbcrzahl und Organisation andererseits haben den Mut der Juden dermaßen gehoben, daß man unter den jüdischen jungen Leuten nicht-nur von der Sclbstwchr, sondern auch von der Notwendigkeit, sich für die Kischinewer Ereignisse zu rächen, zu sprechen begann. Fälle, in welchen Bauern ii^id Arbeiter mit Wort und Tat verletzt wurden, wiederholtensich immer bäusiger, und sogar den höheren Schichten der russischen Bevölkerung gegenüber suchten die Juden auf jede Weise ihre Verachtung zu betone», inüeui sle sogar Militärpcrsoncn den Weg auf den Trottoirs nicht frei machten. Damit in Verbindung singen Gerüchte zu zirkulieren an, daß die Juden den C h r i st e n -auf den Leib r ü ck e n wollten, und der Polizei wurde schon Anfang August 1903 die Nachricht, daß in der Stadt „wichtige Ereignisse" erwartet werden dürsten. Tiefe Ereignisse traten plötzlich in Homel am 29. August 1903 ein. und zwar wie cs scheint, aus einem nichtigen Grunde. An diesem Tage war auf dem Alarkte um ö Uhr Nachmittags zwischen dem Förster der Ockonomie von Paskewitsch, namens Semen Schalikvw, und der Händlerin Ella Malitzkaja beim Hcringsvcrkauf ein Streit ausgebrochen. Nach einem Wortwechsel spuckte Malitzkaja dem Schalikow ins Gesicht, und der Wortwechsel ging in Tätlichkeiten über, lieber Schalikow sielen einige Juden her, warfen ihn zu Boden und schlugen ihn, womit sie nur konnten. Zehn Bauern, welche sich auf dem Markte befanden, wollten aus Erbarmen zu Schalikow für ihn cintreten, aber sofort ertönten besondere verabredete Psiffsigiiale, aus welche hin eine große Menge von mit Stöcke» bewasfneten Juden hcrbeiströmte, welche die Bauern durchprügelte nnd sie von der Straße vertrieb. Eigentlich war damit der Fall ans dem Markte erledigt, der Schutzmann Trobischewski nnd der Feuerwehrmann Borissenkow fanden, als sie auf den Alarkt kamen, von der Prügelei nichts niehr vor. An den Fischhallen standen 00 Juden, etwas aveiter einige Bauern, unter denen sich der blutende Schalt k o w befand, d e u d e r Schutz ikuuu u Drob ischewski aus die Polizei abführen wollte. Aber die Alarmpfisse, welche die Juden gleich beim. Beginn der Prügelei abgegeben hatten, führten' zur vorher verabredeten Tat und.brachten in einem Nu die ganze jüdische Bevölkerung auf die Beine. Alle Geschäfte und Läden wurden wie an k Kommando sofort geschlossen, und von. überall her kamen bewaffnete Juden herbeigelanfeu und.herbeigefahren. Alle dem Markte anliegenden Straßen waren ebenfalls von Inden überfüllt, welche mit Steinen,- Stöcken, Bolzen. Hämmern, -speziell angcfcrtigten Knüppeln und mit einfachen Eisenstangcn betvaffnet waren. Kon allen Seiten erscholl der Ruf: Juden.' Auf den Markt! Jetzt soll's Russcnauschreitungen geben! — und die ganze Masse stürzte in Gruppen geteilt mit Schläge» auf die sich flüchtenden Bauern los, deren es, da Markttag war, viele auf der Straße gab. Tie Bauern ließen ihre Einkäufe im Stich, sprangen — nicht alle hatten mehr die Zeit dazu — .auf.ihr Fuhrwerk und flüchteten fo schnell sie konnten "vor der erbitterten Judenmeuge, die ohne auf Geschlecht und Alter zu achte» auf alle einhieb. .Augenzeugen sagen aus, daß die Inden, wenn sie die Russen ergriffen, unbarmherzig dreinchlugen. Man schlug Greise, Frauen und sogar Kinder. Unfern der Menge war ein Bauer, Silkow, der von seinen! Herrn geschickt wurde, Einkäufe zu machen, gaffend stehen geblieben. Silkow atz eine Semmel und schaute dem Ganzen zu. Während dessen kam von hinten ein Jude, erhob seinen Arm nnd verwundete ihn mit einem Messer oder Dolch tödtlich. Der verwundete Silkow machte, indem er mit der Hand die Wunde zuhielt, aus der das Blut wie aus einem Springbrunnen hervorguoll, einige Schritte, siel aber hin und starb gleich darauf. Auf der Rilmjanzewskaja ging der Leutnant Penski, vom Markte her stürzte ihm ein Jude entgegen, hinter dem die Rufe erschollen: „Haltet, ihn auf! Er hat jemand getötet!'^ Penski befahl de» ihn begleitenden vier Soldaten, diesen Juden aufzuhalten; über sie wurden alle sogleich von einer großen Judenmenge umzingelt, die, mit Eisenstöcken und Stangen bewaffnet, diese drohend erhoben. Die Soldaten wurden mit Steinen beworfen, der lluterofsizier Terechow bekam einen Schlag mit den, Stock nnd aus der Menge riefen Stimmen: „Schlaget den Offizier, tötet den Offizier!" Der Leutnant war gezwungen, den ergriffenen Juden loszulassen: er zog den Säbel, nnd nur mit Mühe gelang cs ihm, dank der Fürbitte des Rabbiners Majanz und des Besitzers des Nachbarhauses Rudsewski, bei dem der Leutnant Uiit den ihn begleitenden Soldaten Zuflucht fand, den Schlügen zu entkonnnen. Diejenigen Bauern, denen es nicht gelungen war, die -Stadt zu verlassen, suchten Schutz auf dem Gutsgebände von Paskewitsch, aber dort wurden sie von einer 1000 Mann starken Menge belagert! welch letztere das Pflaster ausritz und die Belagerten mit' Steinen bewarf. Die Polizei, welche an de» Ort der Unruhen gekommen war, wurde von den Juden mit einem Steinhagel und mit Revolverschüsscn empfangen. Es half kein Zuspruch; hie Gewalttätigkeiten gegen die christliche Bevölkerung dauerten bis zum Abend, und erst als Militär ankam, wurde der Auflaus der Juden auseinandergesprengt, und die Unruhen nahmen ein Ende. Die Unruhen vom 29. 'August trugen, wie es sich später. heransstellte, unbedingt den Charakter von „Russenexzessen": die Juden mißhandelten die Russen nnd hauptsächlich die Bauern, welche ihrerseits nicht imstande waren, ihrer verhältnismäßig geringen Anzahl wegen, sowie ans Mangel an Waffen, Widerstand zu leisten, mährend die Inden bewaffnet nnd organisiert waren. Es waren ausschließlich Russen, welche an diesem Tage Schaden erlitten hatten nnd außer dem Toten Silkow hat es viele Verwundete und durch Schläge übel Zugerichtete gegeben. Alte oben beschriebenen Ereignisse haben im christlichen Teile der Bevölkerung eine tiefe Empörung gegen die Juden und zugleich unter den Einwohnern von Homel die Gewißheit wachgerufen, daß Judena u sschrcitnngen staltsinden werden, welche Befürchtungen sich in Bälde bewahrheiteten. Auf Grund der Angaben, welche die Vornntersuchnng in Sachen der Judenausschreitnngen in Homel am 1. September 1903 erbrachte, hat man mit Sicherheit seststellen können, daß den nächsten Anlaß zu den crstcren die am 29. August stattgefundene Mißhandlung der Christen durch die Juden gegeben hat, und daß die Ursachen des tiefen Antagonismus zwischen der christlichen nnd jüdischen Bevölkerung in den schon seit langem sich eingestellten Benehmen der Juden den christlichen Bewohnern gegenüber zu suchen sind.- Der Kassenhatz zwischen den Einwohnern von Homel, der.durch die Ereignisse vom 29. 'August verstärkt wurde, hätte in der Stadt eine Menge beunruhigender Gespräche und das Gerücht hervorgerufen, daß die Eisenbahnarbciter der großen örtlichen Werkstätten am ersten besten Werktage an den Juden für die erwähnte Dnrchprügelung der Christen Rache nehmen werden. Diese Gerüchte waren auch zur Polizei gedrungen, und daher hatte die örtliche Polizei am 1. September Maßnahmen getroffen, um einen Zusammenstoß zwischen den Arbeitern und den Juden zu verhindern, zu welchem Zwecke eine Kompagnie Soldaten ans dem in der Mhe von Homel sich anshaltenden Wchasischen Regiment nach Homel befördert, und im Hofe des Ambulatoriums neben dem Bahnhof ausgestellt wurde. 'Um 12 Uhr Mittags verließen die Arbeiter nach dem üblichen Fabriksignal die Werkstätten, nnd ans der Brücke, welche zur Stadt führte, hatte sich eine ziemlich große Menge versammelt. Das ungewöhnlich laute Benehmen der Arbeiter, unbestimmte Rufe und Ausrufe zeugten von einer Aufregung unter der Menge, so daß der ans dem Bahnhof anwesende Polizeimeister Rejewski es für angebracht hielt, die in Bereitschaft stehende Kompagnie hierher^zn beordern und der Arbeiterinenge den Zulatz zur Stabt abzusperrcn. Dies hatte die Arbeiter noch mehr erbittert: „Der Juden wegen dürfen wir nicht einmal nach Hause zum Mittagessen!" schrien sie, und .die Menge begann, über den Polizeimeister zu schimpfen. Die künstlich aufgehaltene Arbeiterinenge wurde durch andere herbeigekonimenc Arbeiter ver» tärkt, und nachdem sie sich auf dem Platze vor dem Bahnhof gruppiert hatten, marschierten sie auf die Samkowajastraße los. In dem allgemeinen Stimmen» chaos hörte nian drohende Ruse gegen die Inden. Währenddessen hatte auch die jüdische Bevölkerung nicht Ftillgesesscn. Es begannen sich große Gruppen von Inden zu organisieren, und bei Beginn der Unruhen hatte sich eine große Menge von solchen auf der Samkowajastraße versammelt und schleuderte mit Steinen und Stöcken nach der Arbeitermeiige. Der Polizeileutnant Brschosowski, von einer Soldatenpatrouille lind einigen Schutzleuten begleitet, haltenden Zilsammcnstoß zivischen den Arbeiter» und den Jude» verhindern wollen, ivurde aber von zwei Ziegel», die ans der Judenmeuge geschlendert kamen, dermaßen stark in den Rücken getroffen, daß er zu Boden fiel und das Beivutztsein verlor. Dieser letzte Umstand diente als Signal zu wirklichen Jndenausschreitilirgen. Die Menge ging mit dem Rufe: „Tie Juden haben den Polizeilentnaiit getötet!" zur Plünderung der jüdischen Häuser und Läden über. Bon der anderen Seite begannen die Juden zu attackieren, jedoch hatte die hinzngeeilte Soldatenkompagnie die Menge durchschnitten, indem sie geschickt die Arbeiter von den Judeil trennte. Letztere bewarfen die Soldaten mit Steinen und fenerten einige Revolver» schüsse^ab, wobei eine Kugel fast den Kopf des Kapitäns^ Sergcjew, der die Kompagnie befehligte, gestreift hätte. Ein 'Stein traf den Kopf eines Soldaten, sodaß er aus der Reihe treten mußte. Indem der Kapitän Sergejew die Kompagnie in zivei Abteilungen schied, ließ er eine Abteilung vor der russischen Menge, die andere vor der jüdischen Menge Frontstellung einnchme» und mit „dem Geivehr in der Hand" Vordringen. Nur aus diese Weise gelang, es, die seindlicheii Massen ausel»anderziihalten nnd ein Blutvergießen zu verhindern. Die russischen Arbeiter zerstreuten sich bald nach alleir Seite», dagegen begann die jüdische Menge sich von neuem zn ivrinieren und forderte mit Wut, daß man ihr den Weg zum Bahnhof sreimache. Obgleich der Offizier de» Jude» klar zu machen suchte, daß die Soldaten hierher beordert worden, seien, ui» beiden Teilen Schutz zu erweisen, hörten dieselbe» nicht ans, Steine zu schleudern >lnd Revolverschüsse abzugebeii, wobei sie sich über das Militär in den gröbsten Schmähungen ergingen. Der Kapitän Sergejew wandte sich, da seine Ermahnungen erfolglos waren, an den Rabbiner Majanz und den Doktor Lalkind mit der Bitte, aus die Inden einzuwirkeki, aber auch die Eriiuihiinngei, der letzteren führten zu nichts unddie I n d e n s e y t e n i h r e R a s e,- rei fort. Nur nach der zweiteir Attacke mit auf» gepflanztem Bajonett gelang es, Hie Menge in die Straße zurückzudräilge». In der Absicht die Unruhen zn unterdrücken und vor allem besorgt, die Exzedente» nicht nach den, zentralen Teile der Stadt, wo die reicheren jüdischen Läden und Häuser sich befinden, gelangen zu lassen, sperrte die Polizei, indem sie noch einige Kompagnien des Abchasischeu Regiments koinmen ließ, den "Weg zu diesem Teile der Stadt ab und drängte die dahin cilenden Arbeiter zurück. Da zerstreute sich die Menge, welche nicht im Stande war, nach dein Zentrum der Ltadt zu gelangen, Nach den Bororte», erreichte den Konoja-Platz. wo sich ihr noch Bauern und Taglöhner anschlossen. Aus diesem Platze und auf der benachbarten TechnitscheSkajastraße ging die Zerstörung der jüdischen Wohnhäuser vor sich. Der Polizeinieister ivandte sich an die Menge, mahnte sie zur Ruhe, aber wurde mit Schmähnngen begrüßt. „Dü, Judenväter, hast, uns verkauft!" rief mau ihm zu, nnd die Unruhen nahmen ihren iveiteren Verlauf, wonach der Polizeimeister sich an den Kompagniechef mit der Bitte wandte, von den Waffen'Gebrauäh zu machen. Der Kompagi,leches Archaroiv versuchte erst selbst die Menge, zu ermahnen, aber auch ihm wurde entgegenge.rufe», sic hätten genug unter den Judeil zn leiten, gehabt, und sie Ivollten lieber von russischen Kugeln und Bajonetten, als durch „jüdische Messerstiche" sterben. Als der Kapitän Archaroiv sich überzeugt hatte,, daß mit Worten hier nichts zu machen sei, kommandierte er: „Gewehr auf!" und drang ans die Menge ein-. Beim Anblick der ansgepflanzteil Bajonette lies die Menge sojort anücinander, ein Teil wandte sich nach der Minskaja-Straße, der andere verschwand hinter dem- Eisenbahngleise, nnierwegs die Zerstörung der jüdischen Häuser sortseyend. Diesen letzteren Teil der Exzedenten verfolgend, hat. der PolizZmeifter wieeerholt de» Kompagniechef äusgesordext, von der Waffe Gebrauch, zn niachcii: aber jedesmal, wenn sich der Osiizier an die Menge wandte, Hielten die Arveiter. i». ihrem Zerstörungswerk inne. Währenddessen hatte sich, aus der Wjetrennaja eine sehr große -Judenmonge ängefanunelt, aus welche sich die Arbeiter slürzenioyllteii; dircch ein geschicktes Mayp-