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Neue jüdische Presse · 1904-10-28 · Heft 41 (28.10.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 41 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 41. führung der vierten Wagenklasse. Der Antragsteller erklärt. Laß er, um den Antrag nicht zu gefährden, den Vorschlag, für die jüdischen Passagiere besondere Waggons einzuführen, znrückziehc. X. Krakau, 20. Oktober. Herr Rabbiner vr. Josua Thon wandte sich an den Krakauer Ortsschulrat mit der Bitte, den Unterricht der hebräischen Sprache für die jüdischen Mittelschüler für obligat zu erklären. Der Landesschulrat in Lembser^, dem die Angelegenheit zur Entscheidung vorgelegt wurde, forderte -den KrakauerKultusrat zur Abgabe eines Gutachtens auf. Dieser beschloß nun, sich der Aktion des Herrn Dr. Thon anzuschließen und seinen Vorschlag zu befürworten. Im Anschluß hieran beschloß der Kultusrat, an kompetenter Stelle vorstellig zu werden, daß von der jetzigen Gepflogenheit, den jüdischen Religionsunterricht in einem katholischen Religionszwecken dienenden, mit katholischen Emblemen versehenen Saale zu erteilen, Abstand genommen werde. - L. Czeruowitz, 2COtt- Die russische Grenzbehörde in Nowo Sielitza macht bekannt, daß das Ueberschreiten der Grenze allen Russen unter 50 Fahren wegen der vielen Desertionen nicht mehr gestattet ist. Die österreichischen Behörden ignorieren den Erlaß und liefern gerade Deserteure nicht an Rußland aus. England. London. Englische Blätter registrieren die Nachricht, daß der Vertreter der englischen Regierung in Hongkong,. Sir Mathias Nathan, einstimmig zum ersten Vorsteher der Hongkonger Synagoge „Oh el Le ah" gewählt wurde. Rußland. Petersburg. Bekanntlich hat das K i s ch i n e w e r Komitee von den ihm zugeflossenen Unterstützungssummen einen Betrag von 100,000 Rubeln zur Begründung einer jüdischen Kolonie in Bessarabien reserviert. .Diese Kolonie ist nun mit besonderer Genehmigung des Zaren aus einem dem Baron Ginzburg in Petersburg gehörigem Gute tatsächlich ins Leben gerufen worden. Dieselbe ist im Kreise Orgrjeff gelegen und führt den Namen Raisfaja-Anna. Sie umfaßt gegen 3000 Hektar, von denen fünf Sechstel unter 125 Kolonisten verteilt, der Rest als gemeinsames Weideland resp. als Reserve für kinderreiche Familien verwendet werden soll. Petersburg. Die auf dem Kriegsschauplatz befindlichen jüdischen Aerzte haben an die Regierung ein Gesuch gerichtet, ihren Söhnen mehr als prozentualiter an den Universitäten die Aufnahme zu gewähren. DasGesiich wurde abschläglich beschicken! G. A. Lodz. Die in Deutschland gegründete Gesellschaft deutscher Juden zur Protegierung der Auswanderer hat beschlossen, in Petersburg und Warschau Abteilungen der Gesellschaft zu errichten. Tie Gesellschaft bezweckt, die Auswanderungsbewegung der Juden nach Italien zu lenken, wo sie zur Zeit nicht mehr als 40 000 Äeelen zählen. Warschau. Außer den am Anfänge dieses Sommers - Rußland vom furchtbarm Brande eingeäscherten tädten: Wolosyn (Gouv. Wilnas, Wilkonia (Gouv. Kowna) usw. sind in den - letzten Monaten noch folgende Städte dem.Feuer zum Opfer gefallen: Glask (Gouv. Minsk), Butrimonci (Gouv. Wilna), Neustadt, Bober. Die erstwie die zuletztgenannten .Städte waren fast ausschließlich von Juden bewohnt, die nun brotlos und obdachlos geblieben sind. Da die infolge des Krieges auf allen Gebieten des Erwerbes in Rußland eingetretene Krise immer größere -Dimensionen annimmt, so ist die Not unserer von .noch einem besonderen Unglück betroffenen Brüder eine doppelte, während die ihnen erwiesene Hilfe nu? sehr gering sein kann. Dem Hilfs-Komitee in Smjela hat die Allinnce Israelite für. die Opfer der Unruhen einen weiteren Betrag von 2000 Fr., insgesamt 7000 Fr., zur Verfügung gestellt. Amerika. F. Z. Rew-Aork. 25. Oktober. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Parker wohnte einer Vorstellung in einem Theater bei, wo in jüdisch-deutschem Jargon - gespielt wird. Rew-Aork. Hier wird demnächst Alphonse Daudets Drama «Sapho" zur Darstellung gelangen und zwar in — hebräischer Sprache. Diese eigmartige Theatervorstellung findet im Wallace-Theater statt. Die Sapho gibt die berühmte jüdische Schauspielerin Frau Berta Kalisch. Personalien. ' Lorsch (Hessen): Ein - Leichenzug, wie er seit vielen Jahren hier nicht gesehen wurde, bewegte sich heute durch die Straßen unseres Ortes nach dem fast 3 Stunden entfernten/Friedhof.: Es galt, Frau G. Wolfs Wwe. das Mleite. zur letzten Buhe su geben, diner Frau, die ihr ganzes. Leben in streng religiösem Sinne lebte, die nichts anderes kannte, als Kranke zu besuchen. Arme' zu unter/ stützen, überhaupt Gutes zu üben. Wo eö nötig war, helfend einzugreifen, war sie stets die erste am Platze und es wird deshalb der Verlust, den das Aufhören ihres segensreichen Wirkens uns zugefügt hat, noch sehr lange schmerzlich verspürt werden. Berlin. Dr. A. S. N a h u d a h hat einen Ruf als Dozent für semitische Philologie und Exegese an die Lehranstalt für die. W i s s e n s ch a f t des Juden tu ms in Berlin erhalten. Tr. A. entstammt einer sehr alten und vornehmen Familie Bagdads. Berlin. Die Hofjuweliere Gebr. Frieüländer, Berlin, wurden bei der Welt-Ausstellung in St. Louis mit dem Grand Prix ausgezeichnet. Bekanntlich wurden die kunstgewerblichen Sachen, die aus den Ateliers der Firma hervorgingen, mit Genehmigung des Kaisers in der „Brandenburger Kammer" im deutschen Hause ausgestellt. München, 21. Ott.. Alls dem israelitischen Friedhofe wurde heute der praktische Arzt und Chemiker Dr. med. et phil. Walfried Engel zur Erde bestattet. Der Verstorbene, der nur ein Alter von 43 Jahren erreichte, war früher Assistenzarzt von Professor Dr. v. Ziemssen und dann in eigener Praxis als Arzt tättg, als welcher er sich auch große Verdienste um die ärztlichen Berufsinteressen erwarb. Köln." Der Privatdozent an der philosophischen Fakultät der Universität Bonn Dr. phil. Walter L o e b ist mit der Abhaltung von Vorlesungen über physikalische Chemie für praktische' Aerzte an der Akademie für praktische Medizin zu Köln beauftragt worden. L-Wien» 19.Ott. Tob des Abgeordneten Piepes-Porathnski. Heute Abend ist hier der Reichsratsabgeordnete Jakob Piepes-Poratynski nach längerer Krankheit im 59. Lebensjahre gestorben.'Der Verblichene war Apotheker und Präsident der Handelskammer in Lemberg, welche ihn auch in das Abgeordnetenhaus entsandte. Im Reichsrat war Pieper Mitglied des Sanitätsausschusses. Er war auch galizischer Landtags-Abgeordneter, Präsident des ostgalizischen,Apothekergremiums und Ritter des Franz-Josefs-Ordens. Bei den Parteigenossen im Polenklub des Reichsrats suchte er leider mehr als Pole., denn als Jude zu gelten. Die Lemberger Handelskammer beschloß in,einer ad hoc einberufenen Sitzung anläßlich seines Ablebens am 24. d. M. unter Beteiligung der Delegierten der Krakauer und Brodyer Schwesterkammer eine Trauerkundgebung zu veranstalten, an die Hinterbliebenen «in Kondolenztelegramm zu richten und korporativ ain Leichenbegängnis teilzunehmen. Handels min ist er Freiherr von Call hat der Handelskammer telegraphisch sein Beileid ausgedrültt. K. Lemberg, 23. Ott. An dem Leichenbegängnisse des HandelskammerprÄsidenten und Abgeordneten Piepes-Poratynski, welches gestern Nachmittag hier staüfand, haben mehrere Tausend Personen teilgenomme»; man sah den L a » d m a rschall, den Finauzlandesdirektor, die Hosräte Mauthner, Merunowicz und Dr. Engel, Statthalterei rat R. v: Zaleski, Polizeidirettor Schächtel, zahlreiche Reichsrats- und Landtagsabgeordnete, die Mitglieder des Gemeinderats mit Bürgermeister Tr. Mnlachowski an der Spitze, die Mitglieder der LenibergerHandejskammer und die Delegierten der Krakauer und Brodyer Schwesterkammern üsw. In den Straßen, die der Trauerzug passierte, brannten die Gaslaternen. Am Grabe sprachen Vertreter des reichsröttichen Polenklubs und des Lemberger Gemeinderates, Vertreter des galizischen Landtags, Rabbiner Dr. Caro und andere. - Paris, 17. Ott. Heute st a r b in St. Gemiaiu bei Paris Herr JamcsPamim rüstigsten Mannesalter. Pam, ein gebürtiger Oesterreicher, hatte sich in Paris eine hervorragende Stellung auf dem Diamantenmartt erworben. Seit einigen Jahren, von Geschäften zurückgezogen, widmete er sich literarischen und technischen Studien. In der Pariser Gesellschaft wird der Hintritt des durch großen Wohltätigkeitssinn ausgezeichneten Mannes aufrichtig bedauert. © Feuilleton. 0 Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. (Fortsetzung). ... Schnell nahmen die Ereignisse ihren Gang. Napoleon schlug den von den Royalisten und Jakobinern gegen das Direktorium angezettelten Aufstand mit eiserner Faust nieder, und. ehe er sich versah, war er zum Oberbefehlshaber in Italien ernannt. Dort waren die Franzosen bereits 1792 eingedrungen, hatten Savoyen und Nizza in einem Handstreiche überrumpelt und in Besitz genommen. Seitdem waren 3 Jahre verflossen, ohne daß das französische' 'Heerwettere Eroberungen gemacht hatte, denn e§ haperte sehr mit den Geldsendungen von Paris. Napoleon traf deshalb auch klägliche Verhältnisse'an, di« Soldaten gingen zum Teil barfuß, selbst die Offiziere waren 'verwahrlost, da sie sich seit langem mit einem Monatsgehalte von ach)' Franken hatten begnügen müssen. Es bedurfte schon der schnellen Ueberlegungsgabe und des genialen Feldherrntalents eines Napoleon, um hier im Handumdrehen eine schlaffe, hungrige Soldatenhorde in eine disziplinierte, stattliche Armee zu verwandeln. In. nicht mehr wie zwei Wochen hatte er dieses Ziel erreicht. Er hatte inzwischen nämlich mit seinen Soldaten, die Apenninen überstiegen und war in Sardinien eingebrochen; der bestürzte König bot ihm sofort den Frieden an, und gegen Uebergabe Savoyens, Mzzas und vieler Landesfestungen, sowie Verpflegung des Heeres, nahm Napoleon das Anerbieten an, so seinen Soldaten mit dem Erfolge gleich den Mut und die Disziplin gebend. Nun begann der Siegeszug Napoleons durch Italien, ein Landstrich nach dem andern siel in unsere Hände, und endlich langten wir auch vor Rom an und zogen durch einen großartigen Siegesbogen in diese weltgeschichtliche Stadt. Alles jubelte, ich aber konnte nicht in die allgemeine Fröhlichkeit mit einstimmen. Heiß liefen mir die Tränen von den Wangen; mochte doch zu jenem Tore einst Titus vielleicht seinen Einzug gehalten haben, als er seine Siegesfeier, über die Eroberung Judäas beging. Bei jedem Schritte, den ich ging, dachte ich: „Wer weiß, ob nicht hier einer meiner Vorfahren unter der Last der Sklavenkette seufzte." Der Zug bewegte sich unter lauten Jubelrusen, unter einem Regen von Blumensträußen und nicht endenwollendem Tücherwinken durch die festlich geschmückten Straßen nach dem ehemaligen Forum romanum, dem heutigen Campo vaccino. Dort angelangt, verkündete unser Feldherr feierlich den römischen Freistaat, das anwesende Volk jauchzte freudig auf und ließ Frankreich hochleben. Die neue Verfassung wurde schnell zu Papier gebracht und sofort eine Gesandtschaft zum Pabst Pius VI. in den vatikanischen Palast, geschickt, um ihn zur Unterzeichnung der Urkunde zu bewegen, ivelche ihn seiner ganzen weltlichen Herrschaft berauben sollte. Er aber erwiderte mit Würde: „Wäre der Kirchenstaat mein Eigentum, so könnte ich darauf verzichten; nun aber ist er ein Erbgut der Apostel und der gesamten Kirche angehörig, deren Vormund ich bin; was. nicht mir gehört, habe ich nicht das Recht, zu verschenken, sondern muß vielmehr das mir anvertraute Gut meines. Mündels bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen." Da wir nun sahen, daß iin gütlichen Wege nichts mit ihm auszurichten sei, - holten wir ihn des Nachts aus seinem Palast und brachten ihn, um keinen ' Aufruhr unter seinen noch zahlreichen Anhängern zu erregen, heimlich nach Toscana, wo wir ihn aus einige Zeit unter schärfster Bewachung in ein Kloster unterbrachten und' dann mit uns nach Frankreich führten. Er starb noch.in demselbe» Jahr vor Herzkränkung. Auf denselben Tag, als wir zu Rom den Frei- , stäat aüsriefen, sollte dem dortigen Volk eine all- , jährlich wiederkehrende grausame Belustigung zum Besten gegeben werden, die öffentliche Entrichtung der Judensteuer. In Rom" besteht nämlich eine ungefähr 4000 Seelen zählende Judengemeinde, deren Aufenthaltsort auf dem Trastevere (jenseitiges Tiberufer) in einem von Tor und Mauer umgebenen Ramn, Ghetto, beschränkt ist. Außerhalb des Ghetto darf kein Jude, bei Strafe von drei Scudi oder einem Tage Gefängnis, übernachten- Die Tore des Ghetto werden täglich um 8 Uhr Abends gesperrt und Morgens erst um 8 Uhr geöffnet. Welcher Jude sich etwas' über die Sperrzeit außerhalb des Ghetto verspätet, verfällt einer Strafe von einem Scudi oder körperlicher Züchtigung. Während der christlichen Feiertage, deren es im Kirchenstaat noch eine Unzahl gibt, sowie während der-ganzen Charwoche vom Palmsonntag bis einschließlich Osterükenstag, ferner die ganze Weihnachtszeit, vom Christtag bis zum Dreikönigsfest einschließlich, bleiben die Tore des Ghetto gesperrt, und da darf sich kein Jude außerhalb blicken lassen. Besuch der öffentlichen Schulen, Pflege von Künsten, Handwerke» und bürgerlichen Gewerben-ist den Juden strengstens untersagt; sie sind ausschließlich aus den Kleinhandel angewiesen. Ihre Frauen sind als geschickte Flickerinnen besonders bekannt; in den Tagesstunden, wo sie das Hauswesen vollends besorgt haben, sitzen sie in den Ewsseir und Gäßchen des Ghetto vor ihren Arbeitstischchen und flicken für die christliche Bevölkerung. — Jeder Jude,' der eine Geschäftsreise innerhalb des Kirchenstaats zu machen hat, muß beim heiligen Amt (Officium):einen Erlaubnisschein'auf bestimmte Zeit holen, welchen er bei seiner Ankunft am Bestimmungsort der geistlichen Behörde vorzuzeigen hat, worauf er die Aufenthaltsgenehmigung, ebenfalls auf bestimmte - Zeit und gegen Entrichtung einer Geldsumme, erhält. Pässe in's Ausland werden den Juden nicht erteilt. Christliche Dienstboten -zu halten, ist den römischen Juden streng untersagt bis auf den Sabbat, wo ihnen erlaubt ist, von Christen die Lichter putzen zu lassen. — An jedem Sabbat müssen abwechselnd 200 Juden . und 100 Jüdinnen in. der zunächst dem Ghetto liegenden Kirche St. Maria Minorc, bei Ausbleibungsstrafe von 30 Bajocchi für die Person, eine Bekehrnngspredigt anhören, während welcher die Kreuze und Heiligenbilder umflort werden, um durch den An- . blick der Ungläubigen keine Entweihung zu erleiden.

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