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Neue jüdische Presse · 1904-10-28 · Heft 41 (28.10.1904) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 41 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 41. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Nach 'vollendeter Predigt werden die heiligen Gegenstände wieder enthüllt und durch Weihrauchdampf und Weihwasserbesprengung gesühnt. Am Eingang der Kirche liest man in der Ursprache die Worte Jesaia's 65, 23: Ich breite täglich meine iöänbe zum abtrünnigen Volk aus, welches einen nicht guten Weg geht, ihren Gesinnungen nach; das Volk, das mich vor meinem Angesicht stets erzürnt usw. Die jährlichen Geldleistungen, welche die jüdische Gemeinde für die Einatmung der römischen Luft zu entrichten hat, sind: 500 Scudi an das römische Bürgermeisteramt; 1000 an das Kloster der Täuflinge (Kntechumenen), wo die den Juden durch Gewalt oder List entrissenen Kinder fromm christlich erzogen werden; an die päpstliche Schatzkammer 850 Scudi, welche letztere Steuer niit verfeinertster Grausamkeit eingetrieben wird: Bor Beginn der Fastnacht begibt sich der jüdische Gemeindevorstand über das Capitolium zum Siegesbogen des Titus, wo die Eroberung Jerusalems und die Tempelgefäße bildlich dargestellt sind; dort übergibt er, in Angesicht eines zahlreich versammelten Pöbels, dem Obcrhofmeister des päpstlichen Palastes (Magister Sacri Palatii) die erwähnte Geldsumme nebst einem freiwilligen.Geschenke, und eine Bittschrift um gnädige Verlängerung des Aufenthalts aus ein Jahr. Der Haushofmeister nimmt huldreichst das Geld an, läßt sich gnädigst herab, das Gesuch schriftlich zu genehmigen, und entläßt den Vorsteher mit einem Fußstoß; dies geschieht alljährlich in Rom! — Nach dieser vollzogenen Handlung beginnt der römische Karneval; ganz Rom geht in tollsten Jubel über; Jeder greift nach seiner Maske; die Juden kehren beschämt, von Hohngelächter, Schimpsrufen und Steinwürfeu der Straßcnjugend begleitet, in ihr Ghetto zurück, und in ihren Wohnungen angelangt, schlagen sie die Klagelieder Jeremiä auf. — Zudem müssen aber auch die römischen Juden für jedes Beschneidungssest, jede Trauung und jedes Leichenbegängnis an die benachbarte Pfarrkirche die nämlichen Stolgebühren wie bei einer christlichen Taufe, Trauung oder Leichenfeier bezahlen. Aus 'den Tag unseres Einzugs in Rom fiel, wie ich 'eben erwähnt habe, jene für die römische Judenheit, noch mehr aber für die dortige Christenheit, so entehrende Sitte der öffentlichen Entrichtung der Judensteuer, worauf sich die römische Straßcnjugend immer mehrere Wochen vorher freut. Als der Jubel über die Verkündigung.des Freistaats verrauscht war, da hieß es: „Nun auf's Capitol zur Judensteuer, daun zum Karneval; am heutigen Tag treffen schon alle Feste zusammen!" Das Volk wollte sich nun im tollsten Jubel entfernen, als mir — ich war damals noch ciiüachcr Sergeant — ein wagehalsiger, 'aber glücklicher Gedanke einsiel; ich bestieg ein Trümmerstück von einer Rednerbühne, welche sich noch aus dem Altertum erhalten hat, von welcher vielleicht der ältere Cato seinen Machtspruch ' über die Zerstörung Carthago's und Cicero seine catilinarischen Reden einst heruntergedonnert hatten, winkte mit der Hand und bat um Gehör. Das Volk blieb erstaunt stehen; ich benützte die allgemeine Stille und sprach folgendes: „Bürger von'Rom, kennt Ihr das göttliche Gebot: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst?" Ihr wurdet heute befreit, und wollt diesen Ehrentag durch knechtische Behandlung Eurer Mitmenschen beflecken? Wisset, daß in Eurer Mitte ein Volk lebt, aus welchem Euer Glaubensstifter hervorging, von welchem er selber sagte: „Das Heil kommt von den Juden"; das alte Rom unterjochte dieses Volk, zerstörte dessen Heiligtünier, warf dessen Kinder zur Belustigung den wilden Tieren vor, und — sank itt. Trümmern, während jenes Volk fortbestand. Die weltliche Herrschaft des Papstes unterdrückte ebenfalls jenes Volk auf die empörendste Weise, und Ihr habt heute ihr klägliches Los gesehen: wollt Ihr nun dem neubefreiten Rom ein ähnliches Strafgericht zuziehen? — Wisset, daß es einen Gott im Himmel gibt, der jedem Uebermütigcn früher oder später dessen Sturz bereitet; eine Freiheit, die mit Knechtung Anderer beginnt, trägt schon im Entstehe» den Keim des Verderbens in sich. Ich wüßte ein anderes Mittel, diesen schönen Tag zu verherrlichen und unvergeßlich zu machen, und zugleich der Mitwelt zu zeigen, daß Ihr der neuerworbenen Freiheit würdig seid: das kircheustaatliche Rom entließ den jüdischen Vorstand mit einem Fußstoß, das ncubefreite Rom entlasse ihn mit einem brüderlichen Händedruck! Mein Rat wäre nun folgender: Wir begeben »ns sogleich Alle insgesamt in's jüdische Ghetto, tun den Juden eine feierliche Abbitte für die tausendjährigen Bedrückungen, die sie vom päpstlichen Rom zu erdulden hatten, verkünden ihnen volle Gleichberechtigung und laden sie zur gemeinschaftlichen Feier unseres Freudenfestes ein; dann wird der heutige Tag einer der glänzendsten nicht nur der römischen, sondern der ganzen Weltgeschichte sein, und die verklärten Geister der alten Fabier, Catonen und Scipionen werden mit gerechtestem Stolze auf ihre heutige» Nachkommen herabsehen!" „Evviva, Evviva," tönte mir auf meine Rede aus dem versammelten Volke zustimmend entgegen; meine Worte hatten Verständnis gesunden. Als ich die Bühne verlassen hatte, bestieg sie ein alter Ratsherr, Namens Caracciuolo, ein wegen seiner Biederkeit, Wohltätigkeit und Freisiunigkeit allgemein beliebter Mann; sein Ansehen brachte die Volksmenge bald in Ruhe, worauf er begann: „Meine Mitbürger! Ich erkläre mich mit der Meinung meines Vorredners vollkommen einverstanden und will nur zur Bekräftigung folgendes hinzufügen: Unsere Vorfahren, die alten Römer, waren in Glaubenssachen sehr duldsam; Jeder durfte im alten Rom seiner Ueberzeugung nach ungekränkt leben; noch mehr: jeder Gottheit aller unterjochten Völker wurde zu Rom ein Tempel erbaut. Erst mit dem Papsttum zog die Unduldsamkeit bei uns ein. Was hat uns denn das Papsttum Gutes gebracht? was hat es aus uns gemacht? Nehmt mir die Frage ja nicht übel: ist der christliche Römer besser, sittlicher, tapferer, gelehrter, mehr Vaterlands-« liebend, als es der alte Römer war? Rechnet mir unter den christlichen Kölnern einen Redner wie Cicero, einen Dichter wie Virgil, Horaz oder Lvid, einen Geschichtschreiber wie Livius auf, wenn Ihr könnt! — Darum ihr lieben Brüder, feiern wir unseren Borsahren eingedenk, und machen wir an unseren jüdischen Mitbürgern ein tausendjähriges Unrecht wieder gut, indem wir den heutigen Schandtag in einen Ehrentag umgestalten: Wer gleich gibt, gibt doppelt! — Meine Meinung wäre, daß wir uns alle unverzüglich zum jüdischen Ghetto hinbegeben, de» Juden jreundschajtlichst die Bruderhand' reichen und ihnen die volle Gleichberechtigung verkünden; dann wird der heutige Tag ein ewig denkwürdiger in der Geschichte Roms und der ganzen Menschheit bleibe» und das Christentum sich als Religion der Liebe bewährt haben!" „Evviva" jauchzten alle laut auf. Ter Zug setzte sich sogleich mit Musikbegleitung in Bewegung nach dem Ghetto; die neuerwählten höchsten Staatsbeamte» voran, darauf das französische Heer und endlich das römische Volk, in bester Ordnung zu Bieren gepaart. Als sie in die Nähe des Ghetto angelangt waren, rief das ganze Volk laut: „Es leben unsre jüdischen Brüder und Mitbürger!" worauf die Musik mit einem Tusch, einfiel. Als die Bewohner des Ghetto den großen Lärm hörten, gerieten sie in die größte Angst, indem sie einen Judenkrawall im Anzug glaubten, welches in Rom nichts Seltenes ist. Soeben verließen der Chacham") und der jüdische Vorstand das Ghetto- Tor, um sich nach dem Capitol behufs der Steuer» entrichtung zu begeben, als die beiden neuerwählten Bürgermeister ihnen freundschaftlichst entgegen gingen und sie bei den Hände» faßte» mit den Worten: „Mitbürger jüdischen Glaubens! Das päpstliche Rom behandelte Euch stets an diesem Tage mit einem Fußstoß, der. neue römische Freistaat reicht Euch die Bruderhand und ladet Euch zur Teilnahme an seinem Befreiungssest: keine Feindschaft, kein Groll mehr zwischen uns!" *) So heißt b$i den italienischen und portugiefischen Juden dex-, Ortsrabbiner. -^Fortsetzung folgt). Felix Horovitz, Silberwaren, Frankfurt am Main Telefon 3851. cnxnxnjooco Eigenes Ciselir- und Modellir-Ätelier. oococnxnxnd 20 Schillerstr. 20 Spezialität: Silberne Ritnsgegenstände, wie Thoraschmock, Channckaleuchter, Sederschüsseln, Sedergarnitoren, Bsomim- und Esrogbüchaen etc. etc. - Reichhaltiges Lager in silbernen Gebranchsnnd Luxusgegenständen. - £• Wendelstein & Co.9 ZrsvKM a. Main Ausstellungs-Lokal: Keue Mainzerstrasse 82, nächst dem Operoplatz Keraiaiscjie Konst-Anstalt Hessische Kunst-Fayencen Originale nach KOnstler-Entwürfen in Handarbeit Zier und Sebrauchs-Begenstände. Lehrmittel für Zeichen-Unterricht. 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