Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 41 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692399--01181-2695666- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 41. Me die „Allgemeine Jüd. Zeitung" mitteilt, hatte sie, als der Gesetzentwurf 'im Mai im Kultusministerium beraten wurde, die Orthodoxie auf die Gefahren des Entwurfes aufmerksam gemacht. Natürlich ist seitens der Orthodoxie nicht das Geringste geschehen, denn die Herren waren zu sehr mit der Bekämpfung des Misrachi beschäftigt. Aus alXex Wett. Deutschland. L Frankfurt a. M. Zwischen den Mühlsteinen. Kürzlich brachte die „N. Pr. Z.", genannt „K r e u z z e i t u n g", einen gehässigen Artikel gegen die Juden des Ostens, worin sie aussührte, die Juden ständen im Kampfe zwischen Deutschen und Polen aus der Seite der letzteren, wie denn auch ein jüdischer Stadtverordneter, als es sich um Umwandlung des polnischen Namens der Stadt Jnowrazlaw in einen deutschen handelte, mit den Polen dagegen gestinunt hätte. Jetzt heißt jxie Stadt „H o h e n s a l z a". Unterdes wurde authentisch festgestellt, daß die liebe K r e u z z e i t u n g wieder einmal Tatsachen entstellt hat. Denn der erwähnte jüdische Stadtverordnete war der einzige, der dagegen gestimmt hatte. Alle anderen jüdischen Herren in der Stadtverordnetenversammlung hatten für die Umänderung des Namens gestimmt. Aber was dem einen „sin Uhl", ist dem andere,: „sin Nachtigall". Jetzt treten, wie man es voraussehen konnte, die Polen gegen die Juden auf. Im alten Jnowrazlaw, dem - neuen „Hohensalza", hat eine polnische Protestversammlung stattgefunden. In Derselben rückte ein Rittergutsbesitzer D r. von Brodnicki in Groß-Koluda bei Amsee die ganze Angelegenheit ins Gebiet der Judensrage und griff die „deutschen Stadtverordneten jüdischen Glaubens", denen allein er die Schuld an der Namensänderung zuschob (tatsächlich ging der Antrag nur mit den Stimmen der Juden durch) an. Er sagte u. a.: Nicht die Regierung, nicht die vomH. Ä: T., sondern die Juden sind die größte» Feinde des Polentums, deshalb müssen die Juden auch als Feinde des Pole n t u m s behandelt werden. Was sagt die „Kreuzzeitung" dazu? Sie wird weiter schimpfen auf die Juden als Feinde des Deutschtums. Und die Polen? Sie werden weiter die Jude» für die Feinde des Polen tu ms halten. Frankfurt a. M. Es wird uns der folgende Aufruf zur Veröffentlichung zugesandt: Die Unterzeichneten erlauben sich, Ihnen bei den, großen Interesse, das' Sie unserer alten Vaterstadt bewahren,"Nachstehendes mitzuteilen. Der alte, seit dem 13. Jahrhundert benutzte und im Jahre 1828 geschlossene Friedhofderisrael. Gemeinde (am Börneplatz), mit seinen nahezu 6000 zum Teil gut erhaltenen Grabsteinen, gehört zu den historisch und künstlerisch wichtigsten Denkmälern unserer- Vaterstadt und zu den bedeutsamsten der jüdischen Gemeinden der Welt. Der mitunterzeichnete Herr Rabbiner Tr. Horovitz, unser Ehrenvorsitzender, ließ vor 20 Jahren die Grabsteine mit einer Numerierung versehen und durch berufene Männer Abschriften der in hebräischer Sprache abgefaßten Inschriften anfertigen. Diese Abschriften sind in dem von Herrn Rabbiner Dr. Horovitz herausgegebenen Buche „Inschriften des alten Friedhofes" veröffentlicht und bilden anerkanntermaßen wertvolle Dokumente unserer Frankfurter Geschichte. Nachdem durch die von Seiten der Stadt definitiv hergestellten Straßenanlagen das Fortbestehen des alten Friedhofes gesichert ist, hat der Vorstand der Israel. Gemeinde die den Friedhof umgebende Mauer, sowie die Wege ausbessern und den zu dichten, den Zutritt an manchen Stellen erschwerenden Pflanzenwuchs teilweise lichten lassen. - Die Unterzeichneten sind zusammengetreten, um diese Statte mit ihren zahlreichen und bedeutsamen Erinnerungen für die Zukunst zu erhalten. Schon sind von Nachkommen der auf dem Friedhofe Ruhenden Grabsteine renoviert worden, sodaß der altehrwürdige Friedhof unserer Gemeinde bereits den zahlreichen Besuchern hon der Pietät des lebende» Geschlechts Zeugnis ablegt. Um indessen dieses Werk fortzuführen, sind weitere Maßnahmen erforderlich, deren Ausführung die Unterzeichneten erstreben. Es ist in Aussicht genommen: 1) Denjenigen, welche die Grabstätten ihrer Ahnen erneuern lassen wollen, bei der Ausführung behilflich zu sein. .Das Komitee in dessen Mitte sich Sachverständige befinden, wird bestrebt sein, jeden einzelnen Fall . nach jeder Richtung hin, im Sinne der Anforderungen der Denkmalpflege .zu prüfen. . 2) Grabsteine bedeutender Männer, deren Nachkommen jttdjt mehr sestzustellen sind, sowie Grabsteine, welche einen kultur- und kunsthistorischen Wert besitzen, zu renovieren und vor weiterem Verfall zu bewahren. 3) Auf Wunsch Abschriften in hebräischer Sprache und in deutscher Uebersetznng anfertigen zu lassen. ~ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. 4) Inschriften'von Grabsteinen, die noch nicht veröffentlicht sind, abschreiben und sämtliche Steine mit neuen Nummern versehen zu lassen. Zur Ausführung unseres Vorhabens bedarf es größerer Geldmittel, zu deren Beschaffung wir nicht allein Diejenigen aufrufen, deren Ahnen auf dem Friedhofe ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, sondern wir wenden uns auch an alle Kreise, ivelche der Erhaltung unserer vaterstädtischen Kunst und Kulturdenkmäler Interesse entgegenbringen. Wir hoffen zuversichtlich, daß Sie unser Unternehmen mit Freuden begrüßen und durch einen einmaligen größeren Beitrag unterstützen iverden. Hochachtungsvoll D a s St o nt i t e e zur Erhaltung und Wiederherstellung der Grabdenkmäler auf dem alten israelitischen Friedhof am Börneplatz. Rabbiner Dr. Horovitz, Ehrenvorsitzender, Raphael M. Kirchheim, Vorsitzender, Kommerzienrat I. L. Beer, Martin'Deutz, Louis Feist, I. Eduard Goldschmid, Manfred S. Goldschmidt, Kassier, Architekt Dr. Jul. Hülsen, Direktor Hermann Maier, Mioritz N. Oppenheim, Wilhelm S. Posen, Schriftführer, Ferdinand E. Schwarzschild, Siegmund Schwarzschild, Jacob H. Weiller. Folgende Herren schließen sich diesem Aufrufe an:' Louis Adler, Alfred Cahn, Max Tann, Joseph Dreher, Heinrich Emden, Eduard Feist, Martin Mersheim, Gustav Flörsheim, Justizrat Tr. B. Geiger, Alfred S. Geiger, Max M. Kulp, Jsaac M. Mainz, Maxim. Oppenheimer, Jac. L. Posen, Michael Rapp, Ludwig H. Reiß, Jacob Schwarzschild, Max Schwarzschild, Michael Schwarzschild, Ludwig Lchames, Wilhelm Schames, Robert Steger, Sally A. Trier, M. A. Wolfs, D. A. Worms. Berlin, 21. Oktober. Der.vorwärts" berichtet, daß nach einer offiziösen Nachricht die deutschen Schiffahrts-Gesellschaften telegraphische Anweisung gegeben hatten, in Eydtkuhnen (deutschrussische Eisenbahngrenzstation), die Auswanderer auch auf alle englischen Schiffskarten zur Beförderung durchzulassen. Der „Vorwärts" erklärt diese Verfügung' ganzrichtig daraus, daß sich die deutschen Schiffahrts-Gesellschaften durch ihr Vorgehen i n s c i g e n e F l e i s ch g e s ch n i t t e n haben, und jetzt, nachdem dafiir gesorgt ist, daß die Auslvanderer deutschen Boden nicht betreten und folglich nicht g e z w u n g e n werden können, deutsche Schiffahrtslinien zu benutzen, mildere Saiten aufziehen. Der „Vorwärts" ist aber damit nicht befriedigt; er befürwortet die Anfrechterhaltung des Boykotts, solange nicht die zweifellose Gewißheit besteht, daß jeder russische A u s w ander e r und Flüchtling, auch wenn er keinen Paß hat, ungehindert Deutschland passieren und die Anstrittsgrenze wählen kann, die ihm beliebt. Es müsse insbesondere die Völkerrechts lvidrigc Zurücklieferung der Deserteure aufhören und es müsse jedem s r e i st e h e n, auf seine Kosten, durch Deutschland nach der Schweiz, nach Paris oder sonst wohin zu fahren. Berlin. Die „Freie Volksbühne" bereitet eine llraufführuug von den „Juden" von Tschirik o f f vor. Ter russische Dichter ist als Dramatiker bisher dem deutschen Publikum unbekannt; sein Werk, das sich auf dem Hintergrund der Metzeleien von Kischin eff ausbaut, wurde erst einmal privatin, von jüdischen Studenten aus Rußland anfgeführt, und zwar an dem Tage da Graf Bülow das Wort von den „Schnorrern und Verschwörern" prägte. ~ Berlin. Der jüdische BeeseY. Vordem berühmten Geiger Josef Joachim hatte vorige Woche der zwölfjährige Virtuos Michel El.mann aus Stalnoje (Gouv. Kiew) gespielt. Elmann ist der Sohn eines armen jüdischen Schullehrers, der ihm den ersten Unterricht im Geigenspiel erteilte. Später kam unser kleiner Volksgenosse in die kaiserliche Musikschule nach Odessa, dann nach Petersburg, wo er Schüler von Prof. A u e r wurde. Was für Künstler doch noch in der Tiefe bei unseren russischen Brüdern und Schwestern schlummern müssen; Hubermann, Paula Szalit und jetzt Elmann! Berlin. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat 'mit der von ihm vorgeschlagenen Organisationderjüdi scheu Auswander u ii g aus Osteuropa bereits begonnen. Es haben sich zunächst in Ostpreußen an den wichtigsten Grenzübergängen wie Eydtkuhnen, Insterburg, Tilsit, Prostken, Memel, Lokalkomitees im Anschluß an den Hilssverein. der deutschen Juden konstituiert, welche ihrerseits mit der Zentrale in Königsberg, dem Schutzkomitee für durchreisende Juden, verbunden sind. Diese Lokalkomitees, welche vom Hilfsverein der Deutschen Juden subventioniert werden, haben ihre Tätigkeit mit Eifer und Geschick begonnen und in zahlreichen Fällen den bedrängten Volksgenossen Rechtsschutz und Unterstützung gewährt. Um die Auswanderer vor gewissenlosen Unteragenten und Herbergsbesitzern zu schützen, hat es sich als notwendig herausgestellt, in Tilsit eine eigene Herberge zu errichten. Es ist ferner in Aussicht genommen, durch Flugblätter und Plakate in hebräischer und der Jargonsprache unsere auswandernden Bolksbrüder noch vor dem Betreten des' deutschen Bodens aufzuklären, und auf Seite 3. die zu ihrem Schutze bestehenden Komitees hinzuweisen. Mit weiteren Reformen und Erleichterungen jeder Art soll allmählich vorgegangen werden. Wenn diese ‘ Organisation in Ostpreußen vollständig durchgeführt sein wird, beabsichtigt der Hilssverein der Deutschen Juden, dieselbe auch auf Westpreußen und Schlesien auszudehnen. Ganz unabhängig davon werden natürlich die Bemühungen des Hilfsverein eifrig fortgesetzt, eine internationale Konferenz aller großen jüdischen Organisationen zur Regelung der Auswandererfrage einzuberufen, und es ist im Interesse unserer unglücklichen Stammesgenossen auf das innigste zu wünschen, daß diese Konferenz sobald als möglich zu Stande kommen möge. Zum Schlüsse seien nur noch die Namen der Vorsitzenden der Grenzkomitees in -Ostpreußen genannt. In Königsberg in Preußen Herr Bankdirektor George Marx, in Eydtkuhnen Herr Isidor Berlowitz, in Insterburg Herr Rabbiner Dr. Beermann, in Tilsit Herr Justizrat Cohn, in Prostken Herr Jacob Schidorsky, in Memel Herr Rechtsanwalt Jacobsohn. München, 20. Okt. Das Gemeindekollegium hat heute den Antrag des klerikal-antisemitischen Gemeindebevollmächtigten Herrinan, die EinWanderung« usländischerIu den namentlich aus Galizien und Russisch-Polen mit allen gesetzlichen Mitteln zu bekämpfen und sich mit den übrigen bayerischen Städten wegen gemeinsamer Schritte zur Beschränkung der Judeneinwanderung ins Benehmen zu setzen, mit 30 gegen 19 Stimmen abgelehnt. Hamburg. Vergrößerung des jüdischen Friedhofes in Ohlsdorf. Entsprechend den Beschlüssen von Senat und Bürgerschaft ist durch Vertrag vom Jahre 1882 dem Vorstande der Deutsch- Israelitischen Gemeinde, unter Beitritt der Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde, das Terrain ihres Friedhofes in -Ohlsdorf überlassen worden. Der Vertrag stellt fest, daß der Friedhof ein Teil des allgemeinen Friedhofs bleibt, der Aufsicht der Friedhofsbeamten untersteht und daß für Beerdigungen die gleichen Gebühren an den Staat zu zahlen sind wie auf dem allgemeinen Friedhofe. Ter Gemeinde wurde jedoch zugestanden, daß ihr der Friedhof nur im Falle dringender Notwendigkeit und auch dann nur durch Beschluß der Gesetzgebung wieder genommen werden solle, auch während der Dauer des Friedhofes die Räumung oder Neubelegung von Grabstellen nicht verlangt werden dürfe. Da letzteres Zugeständnis eine Verminderung der Gebühren zur Folge haben mußte, wurde der Gemeinde die Bezahlung der überlassenen Fläche mit 60 Pfennig per Quadratmeter auferlegt, entsprechend dem damaligen Kostenpreise der Friedhofsländereien. Endlich wurde ihr die Berechtigung zugesprochen, das jetzt 61,638.5 Quadratmeter große Friedhofsareal auf acht Hektar zum gleichen Preise durch benachbarten Staatsgrund vergrößern zu dürfen, sobald sich ein Bedürfnis dasür Herausstellen sollte. Nunmehr hat die Gemeinde gebeten, ihr den zwischen ihrem Friedhof und den Grundstücken an der Fuhlsbüttelerstraße Gelegenen Staatsgrund schon jetzt zu überlassen, um auf solche Weise dem Bedürfnis nach Grabstellen für lange Zeit genügen zu können. Es handelt sich um eine 43,547.3 Quadratmeter große Fläche, durch welche das Gesamtareal des jüdischen Friedhofs auf 105,185.8 Quadratmeter vergrößert werden wird. Davon sind, entsprechend dem bestehenden Vertrage, 18,361.5 Quadratmeter zum Preise von 60 Pfg. per Quadratmeter zu berechnen, während die übrigen 25,185.8 Quadratmeter zum Preise von 1 Mk. per Quadratmeter übernommen werden sollen, entsprechend den in neuerer Zeit für Friedhofszwecke bezahlten Landpreisen. Demnach werden 36,202 Mk. 70 Pfg. zu zahlen sein. Halberftadt. Der vor zweifJahren verstorbene Bankier Bersou Baer hatte mit seiner früher verstorbenen Gattin durch testamentarische Bestimmung eine Stiftung von 20 000 M zu Gunsten armer Bräute in der hiesigen jüdischen Gemeinde errichtet. Dieser Stiftung ist jetzt vom Könige die Genehmigung erteilt worden. Lobfens (Posen). Die Ehefrau des Synagogendieners machte sich auf dem Bodenraum der jüdischen Schule zu schaffen, als im Klassenzimmer der Schule eine Sitzung abgehalten wurde. Plötzlich brach die Frau durch die Decke durch, siet zum Schrecken der Anwesenden in das Klassenzimmer und wurde dabei am Kopfe erheblich verletzt. Das Schulgebäude ist vor 18 bis 20 Jahren neuerbaut und befindet sich sonst in einem guten Bauzustande. Oesterreich-Ungar«. K Wien, 18. Okt. Frau Therese v o n L e o n hat anläßlich des Todes ihres Gatten, des kaiserlichen Rates, Jacques Ritter von Leon, 2000 Kronen zur Verteilung an Wiener Arme ohne Unterschied der Konfession gewidmet. Gehandhabt wird die Verteilung solcher Beträge wirklich ohne Unterschied in der Konfession. ES ist notorisch, daß bei uns in Oesterreich gerade bei solchen Geldern die armen Juden leer ausgehen; bei den Be teilten herrscht kein Unterschied in der Konfession — sie sind meist alle — Christen. K. Lemberg, 19. Okt. Der Abgeordnete P. Stojalowski begründete heute im galizischen Landtag seinen schon erwähnten Antrag wegen Ein-