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Neue jüdische Presse · 1904-10-21 · Heft 40 (21.10.1904) · p. Seite 12

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 40 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. Nr 40. geistige Zukunft des aefetzestreuen Judentums gelegt —: werdet Ihr Männer fein oder Memmen?! Euer Los war immer hart. Ihr habet stets gelitten und geduldet, beständig gerungen und gekämpft. Was Ihr seid und was Ihr geworden und was Ihr werdet — Ihr könnet es nur Euerem eigenen eifrigen Streben, Euerer eigenen zähen Ausdauer, Euerer unbeugsamen Willensstärke und Euerem unbeschreiblichen Leiden verdanken. Denn nie hat man sich um Euer Wohl bekümmert, Ihr wäret stets auf Euch selbst gestellt, sowohl in materieller, wie in geistiger Hinsicht — und nun will man Euch bevormunden. Euch knebeln. Euch verfolgen um Euerer heiligsten Überzeugung willen, » die Ihr nicht im Leichtsinn und aus persönlichem Eigennutz, sondern durch die Erkenntnis der Wahrheit und aus Liebe zu unserem 'Volke, aus Treue zum 'S u b e n t u m e, als Euer Heiligstes errungen! Als Ihr Brot verlangtet, hörte man Euch nicht, als Ihr um Ordnung in der Zeschiwa batet, zürnte man Euch — und nun da Ihr nicht nehmen, sondern geben wollet, geben unserem geliebten Volke, unserem teueren Judentume, geben wollet Euere treue Arbeit, ihm widmen wollet Euere jugendliche Kraft, ihm heiligen wollet Euer Bestes — da will man Euch auch das wehren? Wo ist der Rechtsgrund für ein solches Vorgehen? Als Euere gerechten- Forderungen, Euere inständigsten Bitten erfolglos waren — Ihr rebelliertet nicht, Ihr schwieget. Es betraf ja nur Euere bescheidenen Personen, Ihr wolltet darum nicht gewisse Männer kompromittieren und sie dem Angriff der Feinde aussetzen. Aber nun handelt es sich nicht um Eueren persönlichen Vorteil, es handelt sich um hie Sache der Wahrheit, um die Sache des Gewissens, die Euch teuer ist und teuer sein soll wegen der Zukunft unseres Volkes. Jetzt dürfet Ihr nicht schweigen, jetzt dürfet Ihr nicht weichen, jetzt heißt es an jeden Einzelnen von Euch: Hischtadel lihjoß isch, sei ein Mann, weil die Sache der Wahrheit, des Rechts und der Gerechtigkeit es erheischt! Ihr sehet die traurige Verfassung, in welcher das ungarische Israel sich befindet, Ihr sehet die Korruption, die sich in seiner Mitte breit macht, Ihr seid die Erwählten, die mit klaren Augen schauen können, was die meisten nicht sehen, wovon viele-keine Ahnung haben: Da ist in Mieren ehrlichen, unverdorbenen Herzen, in Eueren edlen, jugendlichen Seelen das. heilige Gelöbnis gereift, einst dafür zu sorgen, daß die Zukunft besser werde als die Gegenwart. Ihr seid jung, Euer Sinn hat einen idealistischen Schwung. Ihr. seid von der Notwendigkeit der Verhältnisse noch nicht gezwungen, Konzessionen zu machen an den Mißbrauch, ein Auge zuzudrücken über das Unrecht: da habet Ihr in so mancher ernst sinnenden Stunde, im aufrichtigen Schmerze über den Mißstand, gelobet, einst kräftig zu arbeiten für eine Besserung. Wie wollet Ihr aber wirken im Ernst des Lebens, wenn man Euch schon jetzt in den Jahren der Jugend die Flügel beschneidet, den Nacken zwingen will, in ein ungerechtes Joch, das nicht das Joch der Thora, nicht das Joch der Gottesfurcht, nicht das Joch der Armut ist, welche alle Ihr treu tragt, ohne zu murren — sondern ein Joch des ungerechtesten, u njüdischsten Gewissenzwanges! Aus Euch soll eine Generation Volksführer erstehen, die mit heiligchn Eifer für die Gerechtigkeit kämpfen soll — aber Ihr werdet zu früh gezwungen, Miere ehrliche Ueberzeugung zu verleugnen! Bon der judentumfeindlichen Neologie werdet Ihr verspottet, weil Ihr treu bleibt dem jüdischen Volke und seinen Ueberlieferungen; Ihr wollet ihr einst die Macht der Treue zum Judentums zeigen -—aber nun werbet Ihr von der Seite geschwächt, woher Ihr Schutz und Kräftigung und Anerkennung erwartet! Ihr seid Männer, Ihr werdet also wissen, was Ihr zu tun habet: Doch an eins möchte ich Euch erinnern: Brecht nicht in Klagen aus gegen unseren verehrten greisen Rabbi! Ihr wisset wohl, er steht dieser unerhörten Maßregelung fern. Denn wie sollte er auch Euch wehren, die Lehren in die Tat umzusetzen, die Ihr stets aus seinem Munde vernähmet, von dem Wöhle des jüdischen Volkes, von seiner Neubelebung im Geiste der alten Tradition? Er hat bis jetzt Euch nicht gewehrt. Euch dem Zionismus änzuschließen und auch in jene traurige Kampagne wurde sein geschätzter Name ohne seinen Willen gezerrt. Merket auf und Ihr werdet in dieser Maßregel die Hände gerade derjenigen erkennen, denen es bange wird vor dem Lichte. Sie wissen, der Zionismus will frische Lust, helles Acht, er will aufräumen auch mit der Mißwirtschaft überall in jüdischen Kreisen — darum wollen jie ihn knebeln, blind verfolgen. Wer sie verrechnen sich, sie vergessen, daß Verfolgung nur Märtyrer schafft und den Sieg der verfolgten Sache nur beschleunigt. Und" noch eines müsset Ihr inne werden, daß Ihr auf diese Verfolgung nicht mit dem Austritt aus dem Verbände 'der Jeschiwo oder mit dem Verzicht auf die Aufnahme antworten dürfet. Ihr müsfet n-u-if Euer guteZ Recht bestehen. Auch Eure nichtzionistischen Kollegen werden — das bin ich sicher — ihre kollegiale Pflicht kennen und für Euer Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Recht einstehen. Sie werden Euch nicht im Stiche lassen, da Ihr ihre Waffenbrüder wäret so lange Zeit. Sie werden es als Ihre Kvllegenpflichk erkennen, sich mit Euch solidarisch zu erklären. Jünger Zions! Um den Sieg der guten Sache, um die Hoffnung des jüdischen Volkes, um die Zukunft des wahren Judentums: seid standhaft, weichet nicht!. Zeiget jetzt, daß Euere Gelöbnisse für die Aufrichtung des Judentums kein kindliches phantastisches Spiel, sondern männlich-ernster Vorsatz war, den Ihr ausführen, wollet, ohne zu wanken. Man will Mich prüfen, ob Ihr Euch beuget. Auch Euere Freunde undGesinnungsgeno s s e n a l l' prufen Euch, um zu erfahren, was.sie von Euch hoffen dürfen für unseraller Zukunft! Besonnen und vornehm ... aber entschieden und mutig müsset Ihr sein! Ein ehemaliger Schüler der Preßburger Jeschiwo. ' . Geehrte Redaktion!! In Nr. 83 veröffentlicht der „Israelit" einen Brief des Lodzer Rabbiners, Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Elija hu Ch ajim Meisel, an Se. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Breuer -.Frankfurtin welchem gegen den Zionismus und den Misrachi Stellung genommen wird. Ich übergehe die Begleitworte, die der „Israelit" diesem Schreiben mit auf den Weg in die größere Oefsentlichkeit gibt — auf sie bezieht sich nicht das Folgende —. Ich betone auf das nachdrücklichste, daß ich die allergrößte Hochschätzung für die Persönlichkeit Rabbi Meisels hege, daß ich felsenfest überzeugt bin von dem ehrlichen Willen und dem rein der Thora gewidmeten Streben, sowohl des Briefschreibers, als auch des Briefempfängers. Aber die _ Hochschätzung - des Mannes, die Anerkennung seiner Gelehrsamkeit kann mich nicht zwingen, Dinge als wahr anzuerkenne», von denen uns die Beobachtung sagt, daß sie falsch sind. „Es ist,", so heißt es in diesem Briefe, „dem Zionismus und dem Misrachismus gelungen, reine, u n - schuldigeSeelen zu fangen und dieselben von dem Wege der Lehre und der Zucht abzubringen." Ist es dem allverehrten, greisen Führer in Israel wohl möglich, diesen Satz als Tatsache zu erweisen? Ich zweifele dran. Denn wenn es mir auch leider nur durch wenige Exeinplare, soweit meine Kenntnisse reichen, möglich ist, zu beweisen, daß der Zionismus schon Gutes auch in religiöser.Hinsicht geschaffen hat, .indem^er., aus Nationaljuden Juden gemacht hat, die Thora und Mizwaus lischmoh üben, so ist mir bis zur. Stunde noch kein Jude bekannt geworden, der durch den Zionismus zum Verächter des Gottesgesetzes geworden wäre. Aus den Gedanken aber, daß die Beleimung zum Zionismus und Misrachi gleichbedeutend ist . mit dem Abfall von Gott und seiner Lehre, baut der Verfasser seinen ganzen Brief auf, aus diesem, .den Tatsachen widersprechenden Glauben heraus, fürchtet er im Zionismus eine ansteckende Krankheit, die, falls sie weiteren Boden findet, Anlaß gibt, daß der überwiegende Teil der Göttesgemeinde auf den Weg des Abfalls und der Gottesleugnung gerät!! Für uns sind die Prqemissen des Briefes, da sie den Tatsachen widersprechen — und gegen Tatsachen kann auch die allergrößte Autorität nicht aufkommen — unrichtig, und wir können infolgedessen auch die aus ihnen gezogenen Schlußfolgerungen nicht zu den unsrigen machen. Wenn man uns wirklich zeigen könnte, was wir nach unserem besten Wissen nicht, für möglich, halten, daß durch den Zionismus und vor allem Misrachismus, gesetzestreue Juden zu Leugnern, des Gottesgesetzes geworden sind, so schließen wir uns traurig und um viele Hoffnungen ärmer, der Gefolgschaft des Lodzer Gaons an im Kumpf gegen die Bestrebungen, für die wir jetzt hoffnungsvoll streiten. Sollte Herr Rabbiner Meisel nicht vielleicht Erscheinungen in seinem Vaterlande für. ursächlich, einander bedingend ansehen, die entweder nur einairder koordiniert sind oder höchstens im umgekehrten Sinne einander bedingen. Ist es nicht viel näher liegend anzunehmen, daß die russischen Juden, weil sie eben durch das glänzende Trugbild halbverstandener moderner Wissenschaft zum Wfall vom Glauben ihrer Väter gekommen sind, sich dem ihnen nun einzig übrig gebliebenen Ideale des jüdischen Nationalismus zukehren, als die nicht zu verstehende Annahme, zu behaupten, daß das jüdische Nationale die jüdische Gottestreue untergrabe. * Wir sind überzeugt, die Motive der Feindschaft gegen den Zionismus von seiten des Lodzer Rabbiners sind keine anderen als die, welche wir für unser Eintreten für den Zionismus ins Feld führen. In ihm erweckt der Zionismus die Furcht vor dem Kommenden, in uns-Hoffnung für die Zukunft (ich habe nicht die Messiasidee im Sinne). Und wenn es trotz aller Gegenbestrebungen dem Zionismus und Mürachismus gelungen, ist,, in weiteren Kreisen Fuß zu fassen und sogar in den Kreisen die der Führung des Herrn Rabbiner Dr. Breuer unterstehen, so kann es doch nicht so „satanisch" Unheilvolles sein, denn Derech reschoim teowed: Der Weg Gesetzesloser geht verloren. st. Briefkasten. 8. Rabbiner Elijahu Chajim Meisel auS Lodz hält sich seit einigen Wochen in Homburg auf. Vakanzen. Lichten st adt (Böhmen). Rabbiner, Religionslehrer, Kantor und Schächter per bald. Gehalt Kr. 1000, Schächtgebühren, schöne Wohnung und hohes Nebeneinkommen. Pfungstadt bei Darmstadt. Religionslehrer, Schächter und Vvrbrter perbald: Einkommen cit. Mk. 1800: - BarmizwaP. (Ohne redaktionelle Verantwortlichkeit. Wir bitten um gesl. Mitteilung der Barmizwöhs die Aufnahme geschieht kostenlos.) Tobias Weißberger, Sohn des Herrn Jacob Weißberger, Rechneistraße 3 und Gustav Zuntz, Sohn des Herrn Hermann Zuntz, Obermäinsträße, 33 in-der Synagoge der Israel. Religionsgesellschast, Schützenstraße. , . - David, Sohn des Herrn N. Brandsdorfer, Dominikanergafse 5 und Ludwig. Söhn des Herrn Dr. Gutenstein. Bleichstr. 11 in der Neuen Gemeinde-Synagoge am Börneplatz. ' * . Bern» „Mekür-Chajim". Sonntag, den 23.'Oktoberabends 6 .Uhr, im Vereinslokale Schützenstraße 2, Vorlesung des Herrn Oberlehrers A. W e y l aus „I os u a*. Bereinigung zur Pflege jüdischer Lebens- auschnuung (Nachlatz-Ztoi). " Mittwoch, den 26. Oktober, abends '83/* Uhr, im neuen Vereinslokale Schützenstraße 2, Tagesordnung: „Grundtatsachen 'des jüdischen Bewußtseins" II. Die Weltschöpfung. Referent Herr Jül. Lewin. Leitung des Kursus Herr Oberlehrer Ad. Wehl. . _ Moutefiore, Verein zur Pflege der idealen Interessen jüdischer jünger Leute. Mittwoch, den 26. Oktober,. abends 8*/« Uhr: Erster Bortrag des Herrn vr. I. Horowitz über: „Aus der Zeit des israelitischen Prophetismus." Mcherfcha«. Tie Teilung der Erbe: Bon Johannes G. Barolin. E. Pierson, Dresden. Ji. 3,50. Das Buch ist gewidmet dem Kongreß der interparlament. Union der Friedensfreunde. Damit ist die Tendenz des Buches ausgesprochen, die in der Erstrebung des allgemeinen Weltfriedens gipfelt. Dieser Weltfrieden soll herbeigeführt werdendurch eine genaue wirtschaftliche Abgrenzung der Interessensphären der einzelnen Völkerfamilien. Barolin teilt die produzierenden Völker in zehn teils nach ihrer nationalen Zusammengehörigkeitteils nach ihrer politischen Konstellation zusammengehörige Jnteressentengruppen. Jeder dieser Gruppen werden von einer im gemeinsamen Einverständnis zu wählenden Delegation Absatzgebiete zugewiesen, in denen sie sich frei entfalten können. Interessant ist, daß Bärolin auch den Juden ihr Gebiet zuweist, und zwar Palästina, als das einzige Land, in dem sie sich frei entwickeln können. Dabei kommt er auf den Zionismus zu sprechen, den er geradezu als Naturnotwendigkeit äussaßt. Man mag die Pläne Barolins Utopie, ihn selbst einen naiven Weltverbesserer nennen; sein Buch wird man doch nicht aus der Hand legeii, ohne an bem darin aufgestapelten schätze von nationalökonomischer Weisheit reiche Belehrung gefunden zu haben. 8. El Kabira. Ein Orientbümmel von Karl Baranowsky. 332 S. 8°. Preis JL 3. Schlesische Verlagsanstalt von S. Schottländer, Breslau. Reisebeschreibungen über Egypten liest man gerne, besonders wenn der Verfasser die an und für sich leicht monoton werdende Schilderung von Land und Leuten in so f e s s e l n d e r F o r m zu geben weiß, wie B. in vorliegender Novelle.' In anregender durchaus nicht trockener Weise versteht er es uns mit den alten Kulturstätten Egyptens ebenso wie mit den Sitten und Bräuchen der modernen Eghptcr bekannt zu machen. Gar manches kommt uns bekannt vor und bei einiger Ueberlegnng finden wir dann die Verwandtschaft der noch heute in GeltwngstehendenSitten Egyptens mit den uns ans der biblischen Erzählung bekannten. Des Interessanten bietet das Buch gar vieles. - S. Ballast. Von Heinrich Keller. E. Piersons Verlag, Dresden. JL 3. Keller behandelt in vorliegendem Romane in anziehender Weise die Judenfrage, nicht etwa die Judenfrage im. gewöhnlichen Sinne, sondern,^wenn wir so sagen dürfen, die Judenfrage in jüdischem Sinnes Nicht so sehr die Gegensätze zwischen Juden

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