Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 40 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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3iT. 40 Josua aus Krakau (Pne Jehoschua) früher in Lemberg, Lisko, Berlin und Metz. Rabbi Jacob Tämerls aus Worms war Rabbiner in Lublin und Wien. Arje Löb, nach seine»! Werke Schaagas Arje genannt, war Rabbiner in mehreren kleinen lithauischen Gemeinden, dann in Minsk und wurde dann nach Metz berufen. Löb b. Saul aus Krakau fungierte nacheinander als . Rabbiner in Rzezon, Glogau, Lemberg und Amsterdam. Deutsche Talmudjünger strömten in großen Schaaren nach den polnischen Talmud- Lehrhäusern, und Talmudbeflissene aus Polen zogen nach Deutschland, um, wie es mit dem technischen Ausdruck hieß, zu Füßen der dortigen talmudischen Koryphäen zu sitzen. Die Literatur, auch die jüdischdeutsche, war gemeinsames, geistiges Eigentum. Ein großer Teil der Autoren jüdisch-deutscher Schriften stammte aus den slavischen Ländern. Jakob b. Jsaac, der Verfasser mehrerer ethischer Schriften und des Zeeno, Ureno, eine Art Uebersetzung des Pentateuchs, mit eingeflochtenen midraschischen und moralischen Erzählungen, das sehr viele Auflagen erlebte und in keiner jüdischen Familie in Deutschland fehlte, war in Janon (Rußland) geboren und starb zu Prag. Eljakim ben Isaak, Verfasser eines jüdisch-deutschen Glossans zum Pentateuch, das ebenfalls mehrere Auflagen erlebte, stammte aus Kamorev in Galizien. Die Erzeugnisse der jüdischen. Druckereien in Fürth, Sulzbach, Frankfurt, Amsterdam usw. an jüdischdeutschen Schriften fanden großen Absatz in Polen und Rußland. So drängt der Verleger des bekannten „Maase-Buch" die deutschen Frauen zum Kauf desselben, bevor die ganze Auslage nach Polen, Böhmen und Rußland verkauft ist. „Drum ihr lieben Frauen", heißt es dort, „kauft ihr sie behend, — eh' sie werden kummen in fremde Land'; — in Böhm' mn' in Reußen un' in Polen — aso wird man sie auch tun holen — in andern Ländern mehr — drum kauft ihr sie sehr — dernach werd ihr sagen, warum Hab' ich keins gekauft, da sie sein gewesen im Land." , (Fortsetzung folgt.) Aus der Lehrerwett. Este«. Der langjährige Kantor der hiesigen Synagogengemeinde, Herr Herz Bendix, begeht mit nächstem Monat zugleich mit der Feier seines 80jährigen Geburtstages das Jubiläum seiner 40jährigen Tätigkeit im Dienste der Gemeinde. Ter rüstige, stadtbekannte Greis versieht trotz seines hohen Mters noch regelmäßig seinen Dienst. Wartenberg (Ostpreußen). Herr Katz, der Kultusbeamte unserer Gemeinde, begeht am 1. November sein 25jähriges Amtsjubiläum. (Bl.Wschst.) Lderberg. EinJude — Bürgermei st e r. In der am 3. Oktober abgehaltenen Konstituierung des neugewählten Ausschusses für die Gemeinde Schönichel, Oderberg-Bahnhof und Kopitau wurde Herr Viktor Lustig zum Bürgermeister gewählt. (Bl. Wschst.) Graz. Ein hiesiger christlicher Wohltäter, Herr Simon Jank, der am 17. September in Bad Gastein verschieß hat eine Reihe bedeutender Legate gemeinnützigen Körperschaften und Institutionen gewidmet. Auch der israelitische Frauenverein erhielt 2000 Kronen. Sein Geschäft vermachte er Fräulein Regina Singer, einem jüdischen Mädchen. (Bl. Wschst.) Waag-Reustadtl (Oesterreich). Am 4. ü. Mts. wurde der seit 6 Jahren verwaist gewesene Rabbinatssitz in unserer Gemeinde durch die Installation des Tr. PhilippRosenberg, bisher Rabbiner in Bosing, zu unserem Oberrabbiner wieder besetzt. Kaste! (Mähren). Herr Dr. Karl Duschinsky, Sohn des Oberrabbiners B. Duschinsky und N'effe des -Oberrabbiners K. Reich in Budapest und der Rabbiner Reich in Baden, Wien und Baan, wurde einstimmig zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt. Bukarest (Rumänien). König Carol von Rumänien hat den Oberrabbiner von Bukarest, A. Tauber, zum Ritter ernannt. Tie Auszeichnung erfolgte „in Anerkennung der Dienste, welche der Oberrabbiner sich auf dem Gebiete der Wissenschaft und des Unterrichts erworben hat." Aus den Vereine«. Frankfurt a. M. Am Mittwoch, d. 12. Oktober, wurde mit einem Vortrage des Herrn Julius Hirsch über „Tie Weltanschauung Kohel e t h s" das diesjährige Wintersemester des Bereines Nachlaß Zwi eröffnet. Das neue, geräumige Vereinslokal. in der ehemaligen Loge zur Morgenröte, war überfüllt von einer Zuhörerschar, die den geistvollen Ausführungen des geschätzten Redners mit Aufmerksamkeit folgte. Dieser legte seine Auffassung des vielfach mißverstandenen Buches dar und löste manche scheinbaren Widersprüche durch den Hinweis, baß Koheleth nur menschlich-irdisches Stre- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ben als nichtig und vergänglich, — doch menschlich-jüdisches Pflichte n leben nicht nur als nicht nichtig und eitel, sondern als wahrhaft beglückend erkläre. Der Vorsitzende, Herr Jacob Rosenheim, dankte dem verehrten Redner in herzlichen Worten, forderte die Zuhörer auf, auch sich nun privat mit dem Thema zu beschäftigen und sprach zum Schlüsse die Hoffnung aus, daß auch in Zukunft der Besuch der Vereinsabende ein zahlreicher sein möge. Frankfurt a. M. Der Verein »Montefiore" eröffnete seine diesjährige Saison am Mittwoch, den 19. er., abends mit einem Familien -Albend in dem großen Saale der Loge zum Adler, der sich jedoch als zu klein erwies, um die erschienenen Gäste alle zu fassen. Ter Präsident, Herr M. E i senke ä m e r, bewillkommnete die Erschienen. Er wies auf die doppelte Bedeutung des Abends als erster im neuen Heim, der eine größere Anzahl Freunde versammelt und als erster der diesjährigen Wintersaison hin und sprach die Erwartung aus, daß das überaus reichhaltige Programm des Wintersemesters einem jeden Mitgliede etwas bieten werde. Tann folgte ein Cellovortrag des Herrn W. Beer, begleitet von Herrn Kantor N e u m a n n. Hieraus nahm der Ehrenpräsident, Se. Ehrwürden Herr Rabbiner D r. H o r o v itz das Wort zu einer Ansprache, in der er ausführte: Mit dem Anfänge des Winterhalbjahres schlagen wir von neuem das Buch dex Bücher aus und beginnen wiederum mit der Schöpfungsgeschichte. Wie im Anfänge des Erdenwerdens alles wüst und leer war, so tritt auch ein jeder Mensch in einem Zustande des Tauhu wowanhu in das Dasein, und erst nach und nach weicht die Dämmerung um ihn dem Lichte des Ertennens; und wie einst Adam und Eva das Paradies verlassen mußten, um den Kampf um das Dasein aufzunehmen, jo mutz auch heute noch der junge Mann sein Vaterhaus verlassen und sich ins feindliche Leben stürzen. Ta soll denn für die jungen Leute, die in Frankfurt eine Stätte für ihr Wirken gefunden haben, der Verein Motefiore die Arche sein, die ihnen Schutz gewährt und sie kräftigt gegenüber den Gefährnissen des Lebensmeeres. Lauter Beifall lohnte die Worte des verehrten Redners. Nun rollte sich in prompter Reihenfolge ein reiches Programm ab. Musikvorträge und Deklamationen wechselten miteinander; wirerwähnen die rühmlichen Leistungen der Herren Dr. Löffler, JohnGoldberg,Marlitz (vom hiesigen Schauspielhause), Kantor Neumann und W. Beer. Um 11 Uhr verließen die Mitglieder und Gäste die schöne Feier mit dem frohen Bewußtsein, einen angenehmen Abend verlebt zu haben. Am Mittwoch, 19. er. referierte im Verein Nachlaß Zwi Herr I o f. Freund über das Thema: „Die Offenbarung". Er führte ungefähr Folgendes aus; Die Frage, ob die Offenbarung, die Kundgebung göttlicher Gebote durch Gott, tatsächlich sich ereignete oder nicht, — diese Frage ist undiskutierbar und entzieht sich somit dem Forschungsdrange jedweden menschlichen Intellektes. Und dies nicht etwa darum, weil der Glaube an die Offenbarung die Granitbasis jüdischer Seinsberechtigung bilde — da müßten wir ja erst recht die Frage aufwerfen, ist diese Basis festgefügt und unerschütterlich, oder ist sie stümperisches Machwerk, morsch, hohl und wankend. Der Selbsterhaltungstrieb müßte zur Frage drängen, ist dieser Glaube das Ergebnis gewissenhafter Forschung selbstloser Geister — dann ist er, so lange er nicht widerlegt wird, zuverlässig und berechtigt — wurde er aber von selbstischen Demagogen erfunden und verbreitet, um die Volksleidenschaften zu unterbinden, auf daß der Herrscher Macht und Ansehen erhalten und befestigt werde — dann ist er in Sünden geboren und richtet sich von selbstl Die Tatsächlichkeit der Gesetzesoffenbarung ist ganz einfach darum nicht diskutierbar, weil sie in der Tora unzweideutig bestätigt wird. Mir glauben nicht, daß die Offenbarung vor sich ging, wir wissen es, weil wir es von unseren Urahnen, die beim Choreb standen, überkommen haben. „Das Volk sah die Stimmen". Philos Ansicht, daß das Wechol hoom rauim bedeute, das Volk habe ein Gesicht gehabt, daß es angeredet würde, tatsächlich aber erleuchtet worden sei — ist schon darum nicht stichhaltend, weil uns die Thora unzählige Male versichert, daß das Volk auch gehört habe. Der Versuch, die.Thora mit ihren eigenen Waffen bekämpfen zu wollen,-trägt dey Keim der Zerstörung naturnotwendig in sich. — Also nicht daß, sondern w i e die Offenbarung vor sich ging kann und muß erforscht werden. (Maimonides im Moreh.) — Und wenn die Umstände die spezifischen Momente, unter welchen sie vor sich ging, vergegenwärtigt werden, ergibt sich die Tatsächlichkeit der göttlichen Offenbarung der Thora und die Unwandelbarkeit der Thora. — Tas Volk, das gleichsam noch in den Fesseln der Sünde lag, das soeben Mizrajim, das Land sittlicher Verderbtheit verließ, konnte nicht aus sich selbst heraus Grundsätze offenbaren, die noch heute das Rückgrat aller ethischen Bestrebungen bilden. Tas Volk, das 210 Jahre jede freie Willensäußerung im Keime ersticken mußte, das Sette II unter Knutenhieben zur gemeinsten, härtesten Arbeit getrieben wurde, konnte keine Normen sestlegen, die durchweg Liebe und Gerechtigkeit atmen. Es muß nur der Eine gewesen sein, der die Naturgesetze geschaffen und sie demnach auch ändern kann, der aus dem Unreinen das Reine hervorgehen ließ. Taraus aber, daß die Thora außerweltlichen Ursprunges ist, ergibt sich ihre Wantel'oigkeit durch alle Zeiten. Wäre sie menschliches Produkt, so stürbe das Werk mit dem Meister ab; wäre sie aus der zeitlichen Ueberzeugung einer Entwicklungsphase hervorgegangen, so müßte sie das Geschick so mancher Lebensformen der Kultur. Sitte und Wissenschaft teilen, die dem Wandel unterliegen. — Sie ist aber nicht aus dem Volke, sondern an das Volk gekommen und von Gott gekommen und bleibt daher, wie ihr Schöpfer, unveränderlich. (Vgl. Jkkarini 3, 13; Hirsch II. 8. M. Jisrah.)) Es folgten dann Belege, daß mich die niündliche Lehre vom Sinai stamme (Torath Cohanim zu Behür; zu Bechukausai — Tractat Berachot 5). Den unwiderleglichen Beweis für die sinaitische Abstammung der mündlichen Lehre bildet unsere Geschichte. Alll die Märtyrer haben nur wegen des Talmuds zu leiden gehabt, denn die schriftliche Lehre ist ja im großen und ganzen von Christ und Muselmann übernommen worden. — Das Referat wurde von der Versammlung mit Beifall ausgenommen. In der darauf folgenden Diskussion waren besonders die Ausführungen des Herrn Jacob Rosenheim, interessant und lehrreich; er wies u. a. darauf hin,' daß unter dem Begriffe Offenbarung nicht nur das zu begreifen sei, was am Sinai verkündet wurde, sondern auch diejenigen Gebote, die bereits den Stammvätern geoffenbart wurden. Berlin. Wie alljährlich veranstaltet auch in diesem Winter der „V e r e i n f ü r j n d i s ch e Geschichte und Literatur" eine Reihe von Vorträgen über die Geschichte und die Literatur des Judentums. Tas Programm ist folgendes: 12. Oktober Tr. H. V o g e l st e i n - Stettin: Die Inquisition in Spanien und Portugal; 26. Oktober Prof. Dr. Alex. Strakosch: Rezitationsabend; 9. November Tr. Arthur E l o e s s e r: Ter Ewige Jude — Sage und Literatur; 23. November Professor Tr. G. Klein- Stockholm: Tie altisraelitische Gebetsliteratur; 7. Dezember Tr. Gustav Karpeles: Gedenkrede auf Moses Maimonides; 1t. Januar 1905: Kapellmeister Eduard L e v y: Richard Wagner und das Judentum; 25. Januar: Oberlehrer Tr. Felix Ro send erg: Das Buch Esther in der Dichtung; 8. Februar: Justizrat Bernhard Breslauer: Parallelen zwischen biblischem und modernem Recht; 22. Februar: Tr. I. Guttmann-Breslau: Die Juden im Zeitalter der Reformation; 8. März: Tr. Wilhelm Goldbaum- Wien: Thema Vorbehalten; 22. März: Assessor Dr. Adolf Friedemann: Palästina, Land und Leute. (Mit Lichtbildern.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) An die zionistische« Hörer der Pretzbnrger Jeschiwo. O f s e n e r B r i e f. Mit sittlicher Entrüstung vernahmen alle treuen Gesinnungsgenossen, aber auch alle ehrlichen Mcht- Zionisten, die die Ueberzeugung anderer zu achten verstehen, die betrübende Nachricht von dem schweren Unrecht, das Euch zugefügt wird, von dem häßlichen Gewissenszwang, von der ungerechten Ueberzeugungskncbclung, womit man Euch entgegentritt. Mit ernstem Verstände und warmen: Herze» suchtet Ihr die Wahrheit, die Sicherung der Zukunft unseres Volkes, das Ihr liebet mit frischem jugendlichen Sin» und dem zu dienen und für es zu wirken, Ihr als Eueren heiligen Beruf erwähltet — Ihr fandet sie im Zionsgedanken; in jener erhabenen Idee, die seit dem Falle Jeruscholajims stets die feste Stütze unseres armen Volkes, die stärkende Zuversicht in allen seinen Leiden gewesen, die die erste Bedingung seines Daseins bildet und die untrügliche Bürgschaft für seine Wiedererstehung; in jener heiligen Idee, die die Besten unseres Volkes, seine Großen und Frommen lehrten und verkündeten, seit den Propheten bis auf den heutigen Tag. Ihr habet aufrichtig gesucht die Wahrheit, Ihr habet ehrlich um sie gerungen, und im Suchen und Ringen reifte Euch die männlich-feste Ueberzeugung — und nun will man sie Niederdrücken, nun will man sie Euch nehmen?! Die Augen aller Zionisten sind auf Euch gerichtet: ob Ihr auch treu haltet z» Zion. Jünger Zions! Seid stark, seid fest! Aber auch alle braven Inden, die anderer Anschauung sind, verfolgen Euch mit prüfendem Blick: ob Ihr unerschütterlich Euer Heiligstes zu wahren verstehet. Haltet Euch würdevoll, haltet Euch männlich! Ihr seid die Blüte des ungarischen Israel, seine Hoffnung, die Bürgschaft seiner Zukunft. Ihr sollt die Intelligenz, die geistige Elite des traditionellen Judentums werde», Ihr seid berufen, einst seine Führer zu sein, in Euere Hände wird einst die