Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 40 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit- 10 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. tion verletzt werden. Unser Ideal müsse alle Richtungen in unserem'Volke zur gemeinsamen Arbeit vereinigen, und daher sei jede beliebige Fraktion sür unsere Sache von Nachteil. Er habe sonst nichts gegen die Misrachisten als Orthodoxe», aber man könne es nicht billigen, daß sie ihre besonderen religiösen Bestrebungen im Zioiiisinns geltend machen sollen. Es würden dann Reibungen unter ui,3 entstehen, und die wenigen Kräfte, die wir doch für die große Lache nötig hätten, müßten nun zersplittern. Es könnte uns dann ergehen, daß wir vereint marschieren und getrennt geschlagen .werden. Herr Klatzkin crividertc darauf, daß er mit Len Ausführungen des Herrn Sondheimer voll und ganz einverstanden sei, aber cs liege doch ein Mißverständnis vor, wenn man gegen Misrachi den Vorwurs der Sonderung erhebt. Er weist aus den in einer der letzten Nummern des „Franks. Jsr. Fain." veröffentlichte» Auszug aus einem Zirkular des Rabbiner Reines- Lida, wonach die Einigkeit in unserem Lager als ' das - heiligste Prinzip eines jeden Zionisten gepriesen und das Hinciutragcn der besonderen Tendenzen des Misrachi in die Kongresse als seinen Grundsätzen widersprechend und für unsere Bewegung äußerst schädlich, bezeichnet wird. Redner meinte ferner, daß die Prcßburgcr Konferenz Anlaß zu einem Mißvcrständnis und Mißtrauen gegenüber dem Misrachi gegeben habe, da das dort abgefaßte Programm an Klarheit viel zu wünschen übrig ließe. Herr .Klatzkin meinte nun, der Misrachi in Deutschland müsse, wie es Reines durch seine Zirkulare in hervorragender Weise tut, seine Ziele klar darlegen, damit man nicht glaube, Misrachi sei dazu da, um Sonde rint er essen zu fördern und für sie den Kongreß zu erobern. Es sei daher auch notwendig, daß die hiesigen Misrachisten der Ortsgruppe als Mitglieder bcitreten. ' Herr Jacob S. Posen erklärte ebenfalls, als einer der Vertreter des'deutschen Misrachi, daß der letztere vollständig auf der Basis des politischen Zionismus stehe und keine Spaltungen innerhalb unserer Bewegung Hervorrufen möchte. Tie Vereinigung der zionistischen Orthodoxen soll der Vereinigung aller Zionisten keinen Abbruch tun. Biisrachi müsse den Zionismus von all denjenigen Unternehmungen zurückznhalten suchen, die das religiöse Gefühl verletzen und die Orthodoxen von der Teilnahme an denselben ansschließen könnten. Er. meint auch,, wie sein Vorredner, daß die Aiisrachisten der Ortsgruppe. sich anschließcn sollen und teilt mit, er selbst sei diesbezüglich -mit gutem Beispiel vorangegangen. Es sprachen unter anderen auch Herr Redakteur Geis und Herr Dr. F e u ch t w a n g e r, die die Einwändc des Herrn Sondheimer gegen den Misrachi zu widerlegen suchten. Herr Sondheimer erklärte, er habe gegen Misrachi nicht als eine Bereinigung der Orthodoxen gesprochen, sondern lediglich aus Rücksicht auf die zu erhaltende Einheit unserer Partei. Es freue ihn nun, daß auch der Misrachi den .politischen Zionismus von Beimischung anderer Bestrebungen, die die Eintracht stören könnten, rein erhalten will. Eine gegenseitige Verständigung in dieser Hinsicht wäre sehr erwünschenswert. Herr Klatzkin wies auf das von Reines — in seinen theoretischen Auseinandersetzungen — fixierte Arbeitsfeld des Misrachi hin, wonach der Zionismus nur politisch sein solle, und der Misrachi daher seine besondere Tendenzen nicht in den Kongreß hineintragen dürfe; er wolle die orthodoxe JUdenheit für den Zionismus gewinnen und von allen anderen Bestrebungen, die nicht in direkter Beziehung zum politischen Zionismus stehen, zurückhalten. Diese besonderen Bestrebungen, zu denen auch die des Misrachi gehören, sollen auf privatem Wege gefördert werden. Gegen 12 Uhr Nachts wurde die Versammlung geschlossen, die wohl auf alle den guten Eindruck hinterlassen haben dürfte, daß die hiesige zion. Ortsgruppe dem Misrachi gerecht werden will und eine Verständigung mit demselben anstrebt. .1. K. Frankfurt a. M. Bon der Nationalfondskommission der Zionistischen Vereinigung Franksurt a M. lsiebe bcvtiges Inserat) erh.iien w r folgende Mitteilung: Bon der von uns vorgeschlagenen monatlichen Selbstbesteuerung zu Gunsten des jüdischen N a t i o n a l f o n d s haben sich mit 30 Pfg. für den Monat September beteiligt: Fritz Sondheimer, I. L. Goitein, Dr. med. W. Hanauer, H. Friesländer, I. Feingold, Dr. med. I. Mayer, A. Reinhardt, N. Sondheimer, Res. Dr. Seckel, Jos. Oppenheimer, Leop. Oppenheimer, Saly Geis, Selmar Geis, 9£ David, I. Liebermann, James Lewy, H. Kolliner, I. Gans. Marken für den Nationalfonds haben geschenkt: Frl. Anna. Grünblatt, Frl. Cilli Rom, Schüler Nachum Goldmann, Geschäftsstelle des Frankfurter Israelitischen Familienblatts. - Wegen Nationalfondssammelbüchsen möge man sich wenden an die obengenannte Kommission. (Gcfchästsführcnder Heinrich Kolliner, Am Tiergarten 3t.) Fraukfurt a. M. Die hiesige zionistische Ortsgruppe hat für Dienstag und Donnerstag Abend 9 Uhr im Grand Cafe Bristol einen S t a m m t i s ch errichtet. Tie Haupt-Parteiorgane liegen daselbst auf. Frankfurt a. M. Die Frankfurter Zionistische Vereinigung teilt uns mit, daß die Vercinsabende auf Montag verlegt worden sind und finden die Versammlungen vierzehntägig im Cafö-Restaurant Kursaal statt. Die Tagesordnung wird im Familienblatt immer rechtzeitig bekannt gegeben werden. X. Königsberg (Ostpreußen). Die zionistische Ortsgruppe .Königsberg veranstaltet am 18. d. M. einen Herzl-Rezitationsabend im großen Saal der Bnrgerressourcc. Der gesamte Reinertrag fällt der Hcrzl-Stistung zu. Für Frankfurt a. M. zur Nachahmung empfohlen. X. Wie« (Oesterreich) Wir haben etwas erlebt, was zu erhoffen wir kaum gewagt hatten. Tie N. Fr. Pr. in Wien, das Blatt, das den Zionismus zu töten vermeinte, wenn es ihn totschwieg, das Blatt, das nur Juden der K o N f c s s i o n n a ch kannte, dieses Blatt gibt jetzt das Bestehen der jüdischen Nationalität zu. War werden die Kultusvorstände Wiens dazu sagen, wenn das Blatt anläßlich der Wahl Dr. Strauchers in den Landesausschuß der Bukowina schreibt: „Das bisher in den Händen der Deutschen befindliche Mandat aus der Städtekurie erhielt Dr. Straucher, so daß die Juden, welche n ä ch st den :K uthene n n n d R u - m ä n e n die st ä r k st e V c v ö l k e r u n g s z a h l im Lande besitzen, nunmehr auch im Landesansschnß vertreten sind." Wenn das unser.Hcrzl noch erlebt hätte! X. Prag» 11. Oktober. »Freiheit, die ich meine!" Am schwarzen Brett der deutschen Universität wurde folgende Kundmachung des akademischen Senats angeschlagen: „Infolge Beschlusses des akademischen Senats vom K2. Oktober 1904 wird der „Jüdischen akademisch-technischen Verbindung „Barissia" zur W a h r u n g d e s d e u t s ch c n C h a r a k - t e r s der Universität und der Ruhe und Ordnung an derselben das Tragen ihrer Abzeichen in sämtlichen Räumen der Universität verboten. Ter Rektor Ulbrich." Die Farbe dieser zionistischen Verbindung ist violett; das Band zeigt in der Mitte den „Mögen David" aus Silber. Was in Wien recht ist, ist in Prag nicht billig. Daß der herrliche Antisemitismus dieses Verbot verschuldet hat, liegt klar ans der Hand. Ta jedoch der obengenannte Senat auch Juden zu seinen Mitgliedern zählt, wäre es interessant zu erfahren, ob da arische Judenseindschast oder — jüdischer Antisemitismus. die Ursache dieses so „freiheitlichen" Verbotes war. — 11. A. w. g. X. Ezernowitz lBukowina). Ein Zionist — Land e s auss ch ußb c i si tz e r. Unser Gg. der Reichsrats- und Landtagsabgeordnete D r. Benno Straucher, Kultusgemeindepräsident und Vizebürgcrmeister dev Landeshauptstadt Czernowitz, ist zum La n d es a us sch u ß-B eisi tz e r für das Land Bukowina gewählt worden. Wenn wir sonst bei Ernennungen und Auszeichnungen von Juden nicht Grund haben, uns besonders freudig aufzuregen, weil diese dann gewöhnlich ihr Judentum in den Hintergrund stellen, so begrüßen wir umso freudiger die Wahl dieses wackeren Juden, zumal es keine Ehrenstelle, sondern eine Arbeitsstelle ist, an die er gelangt. London (England). Lord Rothschild hat zu den Lstrl. 200, die er zu dem Nationalgeschenk für die Kinder Herzls .gespendet hat, noch Lstrl. 300 hinzugefügt; auch Sir Claude Montcsiore hat einen größeren Beitrag gegeben. Loudon lEnglanb). Chaim Guedalla, der Nesse Moses M o n t e f i o r e s ist am 2. d. M. im Alter von 89 Jahren aus dem Leben geschieden. Die Familie Guedalla ist im Jahre 1760 aus Mogador in Marokko nach England ausgewandert. Schon der Vater des Verstorbenen hat sich lebhaft sür Palästina interessiert und errichtete in Jerusalem eine Beth Guedalla genannte Jeschibah. Sein Sohn Haim, der ein bedeutender Linguist und großer Gelehrter war, erbte von ihm seine Vorliebe für das heilige Land, das er gemeinsam mit seinem großen Onkel 1855 zum erstenmal besuchte. Seitdem opferte er für Palästina soviel Geld, Zeit und Mühe, daß das Jerusalemer Rabbinat 1885 einstimmig beschlossen hat, den Titel eines Nassi der Diaspora, den Moses Montefiore geführt hatte, auf ihn zu übertragen. Außer für die Juden. Palästinas hat Chaim Guedalla sich auch für. seine übrigen Brüder der gesamten Diaspora lebhaft interessiert 1863 begleitete er Sir Moses Akontcsiore auf dessen Reise nach Marokko und knüpfte auf der Rückreise in Madrid Verhandlungen mit dem damals allmächtigen General Prim an, welche 1869 dazu geführt haben, daß Spanien viele Jahre nach der großen Judenvertreibung wieder den Juden geöffnet wurde. Noch 'war ihnen durch 8 11 der Verfügung die freie Rcligionsübung nicht gestattet und so ruhte Guedalla nicht eher, bis Herr Sagasta in einem vom 26. Aug. 1881 datierten Schreiben den Artikel 11 der Verfassung dahin kommentiert hat, daß es den Juden in Spanien nicht genommen ist, eigene Bcthäuser sowie Begräbnisplätze zu besitzen. Zwei Jahre später setzte Sennor Sagasta auf Betreiben Guedallas beim König Alfons XII. ein Dekret durch, welches die Inden in Spanien feierlich als naturalisationsfähig' erklärte. »Sehr interessant sind die Verhandlungen, welche der Verstorbene mit dem bekannten Reformtürken Nr. 40. Midhat Pascha geführt hat und die keinen.geringeren Zweck hatten, als Palästina für die Juden, a n z u k a u s c n. Air. Guedalla war nämlich Präsident der türkischen Dettc-Publiqne und da schlug er Midhat Pascha, der 1876 Großvesir war, vor, an Stelle der fälligen Zinsen den Inhabern der türkischen Bons Palästina abzutrctcn. Da die öffentliche türkische Schuld damals nicht weniger als fünf Milliarden betrug, so wäre ein Eingehen auf - den Vorschlag einer Abtretung Palästinas an die Gläubiger der Türkei gleich gekommen. Midhat Pascha, dem eine Reform der türkischen Finanzen erwünscht gewesen wäre, begann über die Angelegenheit mit 'Guedalla ernstliche Verhandlungen, diese zogen sich aber in die Länge, bis der kurz darauf ausgebrochene Krieg mit Rußland allen Rcfvrinpläneii in der Türkei ein jähes Ende bereitete. Der jüdisch-deutsche Jargon und seine Literatur. Von A. S. lFortsetzung.) Es wäre eine verdienstvolle Arbeit für einen Germanisten, nach Anssonderung des fremden Sprachmaterials und Unterscheidung des Einflusses, den dieses auf die deutschen Bestandteile ausgeübt haben mag, den also geläuterten Stofs aus Alter und Herkunft zu untersuchen. Biele günstige Biomente haben sich vereinigt, die Lösung dieser Aufgabe zu erleichtern. Wie wir gesehen haben, ist auch der Jargon an cstc grammatikalische Sprachgesetze gebunden. Die großen Sprachreoolutionen in Deutschland haben diesen versprengten Sprößling deutscher Abstammung unberührt gelassen. Auch die Sprache des Volkes, in dessen Mitte er lebte, konnte, da einer .ganz verschiedenen Sprachgruppe angehörend, nicht von wesentlichem Einsluß auf ihn sein. Die jüdische. Geschichte aber würde einen nicht geringen 4Nutzen aus dieser Forschung ziehen. Die Herkunft und Zeit der Einwanderung der Juden in Polen, bis jetzt ungelöste geschichtliche Probleme, könnten vielleicht mit Bestimmtheit festgestellt werden. Nun möchte.ich Sie zu einem Spaziergang durch die Literaturgeschichte dieses Jargons cinladen, um Sie auch mit den geistigen Erzeugnissen auf diesem Gebiete näher bekannt zu machen. Es ist ein wildausgewachsener, verwahrloster und von Unkraut überwucherter Garten, ungehegt und ungepflegt. Kein Weg ist in ihm geebnet, kein Pfad leitet unfern Fuß durch diese Wildnis, kein Führer ist vorhanden, den wir um Auskunft befragen können. Für das Proletariat, sür die ungebildete Masse, die sich nicht in den Lustgärten europäischer Literatur zu bewegen versteht, ist er angelegt — ein Volksgartcn. Tie strahlende Sonne der Zivilisation, die erleuchtend, erwärmend und' erzeugend über Europa hereingebrochen ist, beschien diesen entlegenen, weltvergessenen Winkel nicht, versuchte nicht ihre schöpferische Kraft, seine Pflanzen zu veredeln und verschönern. In Dunkel und Finsternis, auf magerem, ausgczehrtem Boden ist es gediehen, nur von den Tränen seiner Besucher-bewässert, die ihre wenigen freien Stunden, dem furchtbaren, Leib und Seele aufreibenden Kampf um's nackte Leben abgetrotzt, in seinen Fluren zubringen, und über die Bitterkeiten des Lebens'hinweggetäuscht, von besseren Tagen und bessern Menschen zu träumen. Aber gerade in diesem Urwüchsigen, Ungekünstelten liegt ein eigenartiger Zauber, ein eigentümlicher Reiz für unsere Sinne. Oft wird unser Auge unterwegs von der natürlichen Schönheit, von der bescheidenen Pracht einer Blume gefesselt, die in stiller Verborgenheit blühet und düstet und von der Welt unbeachtet und unbewundert. verwelkt und vermodert. Doch bevor wir unsere Wanderung antresen, möchte ich Sie an der Pforte Halt machen lassen, um Ihnen Einiges über die Vorgeschichte dieses Gartens zu erzählen, unter welchen Umständen er entstanden und welche Hand ihn gepflanzt. Manches, was Ihnen sonst seltsam, ja. komisch klingen möchte, wird Ihnen erklärlicher erscheinen, manche Härten in Stil und Gefühl begreiflicher undverzeihlicher, nach dem Sprichtvorte tont oompreodro est tont pardonner. Wie wir bereits erwähnten, haben die in Polen und Rußland wohl aus den rheinischen Städten zur Zeit der Kreuzzüge eingewanderten Juden mit Zähig- ■ feit an ihrer mitgebrachten Sprache festgehalten. Da die Pulsader des Verkehrslebens, die Spräche, noch nicht durchschnitten war, so. zirkulierte noch frisches Leben zwischen den getrennten Gliedern. Polnische und lithanische Talmudgelehrte wurden auf den Rabbinatsstuhl in deutschen Städten berufen; und umgekehrt finden wir deutsche Rabbinen in diesem Amte in polnischen und russischen Gemeinden. So amtierte der berühmte Fran kfurter Rab.bincr