Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 40 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage M Nr.M des Franksurttt Jsmelitische» Famllienblaües. Inhalt -er Beilage: : Artikel: Hermann Cohen, von Jacob den Elijah. — Aus der zionistischen Bewegung. — Jüdische Literatur: Der jüdisch-deutsche Jargon und seine Literatur. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Sprechsaal. Hermann Cohen. I. Einleitung. Von Jacob ben Elijah. Geheimrat Prof.- Hermann Cohen') ist sreilich keine unbekannte Persönlichkeit, jedoch nicht so bekannt und in seiner eigentlichen Bedeutung erkannt worden, daß er eine richtige Wertschätzung hätte finden können. Selbst all jene Lexika, die, um dick zu werden, auch von sehr zweifelhaften Größen gediegenen Gebrauch machen, wollen von diesem genialen Denker nichts wissen. In den Geschichtsbüchern der Philosophie — mit Ausnahme der neuen Geschichte der Philosophie von Karl Vorländer, einem Schüler Cohen's — wird er entweder totgeschwiegen oder höchstens mit einigen Worten, wie etwa ein notwendiges Nebel, berücksichtigt. Auch die Neu-Kantianer, die in Cohen den würdigsten Repräsentanten ihrer Schule besitzen, umgehen meistens diesen ihren Meister — geschweige den» die sonstigen Katheder-Philosophen, die ihn nicht einmal als Kollegen dulden wollen.-) Zwar wird er als origineller und tiefdenkcnder Forscher stillschweigend anerkannt, aber nur — still schweigen. . . In der Oeffentlichkeit hingegen soll er kaum Beachtung finden, selbst wenn man durch den Gegenstand der Behandlung in die Enge getrieben wird, die Ansichten Cohen's in Erwägung zu ziehen. Tenn mag man sich z. B. Logik, Ethik oder die Kantische Philosophie zur Aufgabe einer gründlichen Untersuchung machen, so kann man beim schlechtesten Willen nicht umhin, das Verhältnis Cohen's zu Problemen derartiger Abhandlungen in der Betrachtung zu verwerten. Aber kluge Leute wissen schon' sich aus einer solchen Verlegenheit zu helfen — und es gehört wahrlich nicht viel dazu, mit-einem Juden fertig zu werden. Und dazu noch ein solcher Jude, der mit sich einen echt jüdischen Namen das ganze Leben hindurch mitschleppt. Cohen — es ist das wahre „iiembile dictu“! Wenn ein Philosoph das Unglück oder die Unverschämtheit hat, Cohen zu heißen — da hört ja alle Gemütlichkeit auf ..... Und so. hatte es auch die alte Exzellenz in Heidelberg sehr leicht. „Mehr Rasse als Philosophie" sagt Kuno über Cohen. Seine Exzellenz kennt seine Pappenheimer:- es genügt bloß die Hinweisung auf die jüdische Abstammung des Philosophen, um dessen Philosophie von vornherein als talmudischen Pilpnl 'äit verschreien. Und doch ist in der etwas mehr oder weniger antisemitisch angehauchten Worten Kuno Fischers eine Dosis von Wahrheit enthalten. Freilich kann von Cohen nicht gesagt werden: mehr Rasse als.Philosophie — hat sich doch sein geniales Denken in einer Reihe von grundlegenden Werks» längst bewährt — wohl aber: nicht weniger Judentum als Philosophie. Denn die Wcltanschau- ') Cohen wurde am 4. Juli 1842 zu Coßwig (Anhalt) geboren, besuchte das Gymnasium zu Dessau und studierte an den Universitäten: Breslau, Berlin und Halle. Hier promovierte er im Jahre 1865 mit einer lateinischen Whandlung über die Antinomie und habilitierte sich in. Marburg a. d. L. aus Grund seines Werkes: „Die systematischen Begriffe in Kant's vorkritischen Schriften nach ihrem Verhältnis zu dem kritischen Idealismus". 2) Freilich sehen wir hierbei von der engeren Schule Cohen's ab, die nur noch einige treue Anhänger besitzt und insbesondere auf einen derselben stolz sein darf, nämlich auf den bekannten Forscher und Sozial-Pädägogen Paul Natorp. Eine löbliche Ausnahme in dieser Hinsicht bildet die philosophische Fakultät der Universität Bern, welche die der Cohenschen Philosophie. gebührende Achtung zollt, obwohl sie seine Richtung nicht vertritt. .Es mag dabei erwähnt werden, daß die , in deutscher Sprache einzig existierende Abhandlung über Cohen — eine B e r n e r T i s s e rt a t i o n ist. ung Cohens ist in ihren Grundprinzipien — wie es die folgenden Kapitel darlegen sollen — die Weltanschauung des Judentums. Die Ethik Cohens, die als Wissenschaft auf wissenschaftlichen Prinzipien ausgebaut werden muß, enthalt in sich die Grundsätze der jüdischen Sittenlehre, die nun keine Wissenschaft ist. lind so ist es ganz begreiflich, daß man diese „Verjudung" der Ethik.einem Katheder-Philosoph nicht verzeihen mag. Es kommt noch hinzu, daß Cohen durchaus kein Freund des Christentums, ist, da er in dessen neuen Lehre — wie wir noch später zu erörtern haben werden --- eine Verkennung der wahren Sittenlehrc erblickt. Ohne jene kleinlichen Rücksichten weist er den unethischen Gehalt des Begriffes Gott-Mensch und der Lehre vom Sündenfall nach, die dem Feinde aller Ethik, dem Pessimismus, nur gute Nahrung gibt; demgegenüber findet er die Grundlagen einer Sittenlehre in der Lehre der Propheten vom messianischen Zeitalter und Transcedenz Gottes, welch letztere seine Immanenz im Verhältnis zum Menschen ein- Jndessen liegt die Schuld dieser Verkennung nicht bloß an uns, sondern zum großen Teil trägt sie Cohen selbst. Tie Darstellungsweise und die literarische Form seiner Werke — seien sie systematisch-philosophischer Natur oder philosophisch-jüdischen Inhalts — sind durchaus nicht geeignet, den feinen und komplizierten Ideen Cohens Popularität zu verschafsen. Man darf wohl sagen, daß er in dieser einzigen Hinsicht ein mittelalterlicher Philosoph ist. Wie die Gelehrten des Mittelalters ihre Werke ani liebsten in der lateinischen Sprache versaßt hatten, damit ihre Gedanken nicht in geläufige Redensarten und populäre Weisheit Umschlagen; so ist auch Cohen sehr ängstlich darum, daß seine Ideen durch allgemeine Verbreitung an Vertiefung einbüßen und ihren geistigen Saft im Munde aller verlieren könnten. Das Motiv ist ja dasselbe: aus Furcht mißverstanden zu werden, wird man unverständlich. Und daher schreibt Cohen für einen auserwählten Kreis, sür die geistige Elite, für die intellektuelle Aristokratie. schließt. Auch wendet sich Cohen gegen das praktische Christentum, das in der letzten Zeit das Judentum mit aller Gewalt zu verdrängen bemüht ist. Er geißelt die neuerliche Exegese, die von christlichen Theologen an der Bibel geiM wird — von Theologen, welche, ohne die Bibel gründlich zu verstehen und das Wesen des Judentuins zu kennen, mit einer > unverzeihlichen Leichtfertigkeit an solch' schwierige Probleme herantreten. Ms markantes Beispiel dafür führt Cohen die Exegese am Gebot der Nächstenliebe an, welches im Cvangelinm nur als Zitat aus dem alten Testament erscheint, in dem man es jetzt aber nur auf die Volksgenossen bezieht, während es in der betresfenden Stelle einige Verse weiter ausdrücklich heißt: „Denn wie euer Bürger soll der Fremdling euch sein, der mit euch wohnt; u u d d u s o l lst i h n lieben wie dich selb st." Nun ist es nach all dem einleuchtend genug, wenn man den Philosophen über den Juden wohl vergessen mag, den Juden über den Philosophen nie vergessen kann. Cohen findet aber seine moralische Genugtuung in dem Bewußrsein, daß er als Jude die so ungerechte Verkennung seiner Bedeutung zu ertragen hat: seine Philosophie wird wegen seines Judentum verbrannt. * , * Konnte nun Cohen als P h i l o s o p h keine richtige Beurteilung sinden, weil er Jude ist, so läßt doch diese Erklärung die Frage umso unerklärlicher erscheinen: warum er als Jude, als Verfechter der jüdischen Sittcnlehre, auch in der jüdischen Wett keine Beachtung gefunden hat. Seine Anschauungen über das Judentum sind weder in der hebräischen, noch in einer andersprachlich-jüdischen Literatur je erörtert oder kritisch untersucht worden. So hat auch die „Jew. Encyklopady“ nur einen sehr bemessenen Raum für Cohen übrig, der nur mit einer kurzen Biographie und einer Aufzählung seiner Werke äbgefertigt wird. Selbst diejenige jüdische Intelligenz, die — von Achad-Haam insbesondere beeinflußt — das „Wesen des Judentums" zu ergründen bestrebt ist, kennt wohl Lazarus, nicht aber seinen überlegenen Gegner Cohen. Es kann aber dabei keinem Zweifel unterliegen, daß die — - wenn auch wenigen — Inhalts- und geistreichen Aufsätze Cohen's über das Judentum,* 2) in denen bereits seine Auffassung von der jüdischen Stttenlehre skizziert ist,, mehr Entgegenkommen zu erwarten berechtigt sind. Jedoch dürfen wir nicht davor zurückschrecken, vielmehr sollen wir uns durch diesen Umstand noch mehr angeregt fühlen, den Jdeengang Cohens iip/den weiteren Kapiteln zu oersolgen. 3) Seine bemerkenswerten Aufsätze auf diesem Gebiete sind: „Die Nächstenliebe im Talmud", Marburg 1888; „Das Problem der jüdischen Sittenlehre", in den Monatsheften für jüd. G. und L. 1899; „Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch", im Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 1900. Manches jüdischen Inhalts findet sich von ihm auch in den Aufsätzen „Autonomie und Freiheit" (im Gedenkbuch fite David Kaufmann 1900) und in der Einleitung zu Lange's „Geschichte des Materialismus", 7. Ausl. 1902. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Am 12. cr. fand im Kursaal Milani die erste zionisttsche Versammlung für dieses Wintersemester statt, die verhältnismäßig gut besucht war. Sie wurde vom 1. Vorsitzenden, Herrn Fritz Sondheimer, mit einigen einleitenden Worten eröffnet, wobei er uns mitteilte, daß in Zukunft die zionistische Ortsgruppe alle 14 Tage in diesem Saale ihre Bersammlungen abhalten werde, von denen die Mitglieder — aus Rücksicht auf die entbehrlichen Unkosten — nicht mehr durch Einladungskarte, sondern durch rechtzeitige Mitteilung in der Presse, insbesondere im hiesigen Israelitischen Familienblatt, in Kenntnis gesetzt werden sollen. Nach Verlesung des Protokolls über die vorige Generalversammlung durch .Herrn Lehrer Gans, Schriftführer des Vorstandes, ergriff Herr Tr. med. Hanauer das Wort zu einem Vortrag, der uns über einige neuen Missions- und Assimilationsbrochüren unterrichtete. In einer sehr objektiven Darstellung gab der Referent die verschiedenen „Begründungen" jener Seibstmordpredigen wieder und hielt es sür nötig, ihre Unhaltbarkeit — iin Hinweis aus die in einer Reihe von Jahren bitter enttäuschten Hoffnungen und mißlich gescheiterten Versuche der so heiß ersehnten Selbstauslösung — klarzulege». Vorzugsweise beschäftigte sich der Vortrag mit der neuerschienenen Broschüre „Zeugen aus Israel", die den Juden die Taufe aufs wärmste enipfiehlt; dann mit dem berüchtigten Aufsatze in der Zukunft von Tr. Elias Jacob (Dr. Frommer, Ex-Bibliothekar der Berliner jüdischen Gemeinde!), der uns ebenfalls nur das Salbwasser und die Blutmischung als das einzige Heilmittel vorschreibt, und mit dem Artikel „Ein berechtigter Zionismus" von deni Wiener Schriftsteller Hugo Gans in einem der letzten Hefte des „Freien Wortes", der in verschwommenen Phrasen einer gemischten, dualistischen — germanisch-jüdischen — Romantik für eine sehr bes ch e i d e n e Kolonisierung Palästtnas seitens der Juden eintritt, weil es doch immerhin ihr altes Familienhaus ist, aber es nicht, Gott behüte, als Heimstätte haben möchte. Als Erster in der Diskussion sprach Herr Ing. I. Feingold, der inbezug aus diese verräterischen Tendenzen in unserein Lager es als eine häufige Erscheinung im Leben des jüdischen Volkes bezeich nete, daß wir im Golus unseren Wirtsvölkern stets liebenswürdige Dienste — und wenn sie auch mit der Aufgabe unseres Selbst verbunden sind — zu leisten bestrebt wären und darum immer im Dienste sremder Politik ständen. Erst der Zionismus habe eine jüdische Politik geschaffen. Herr Klatzkin setzte an dem Referate aus — leider in einem Ton, der durchaus nichtgeeignet war, die Sympathie der Versammlung für seine sachlichen und richttgen Bemerkungen zu gewinnen — es böte uns keinen Stoff für eine Diskussion, da man doch in einer zion. Versammlung nicht etwa darüber verhandeln könne, ob die Juden zn der Assimilation ihre Zuslucht nehmen sollen. Für uns sei diese abgedroschene Frage längst erledigt und daher nicht mehr diskutabel. Herr Sondheimer eröffnete nun eins Diskussion über den Misrachi und gab seinen Befürchtungen Ausdruck, daß Misrachi eine Spaltung innerhalb unserer Bewegung herbeiführen könnte. Me Einigkeit in unserem Lager dürfe nicht durch separate' Organisationen innerhalb der zion. Weltorganisa-