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Neue jüdische Presse · 1904-10-21 · Heft 40 (21.10.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 40 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. ausschuft zu Breslau die Genehmigung zugesprochen, in dem Niepoldschen Neubau, Reuschestraße Nr. 51 und Antoinenstraße Nr. 6/8 größere .Festsäle herzurichten, um in jenen Räumlichkeiten die sogenannte Dreiviertel-Tchankkonzession ansübe» zu dürsen. Nstnmehr beabsichtigt Herr Tockus, daselbst in den Parterrelokalen eine Passage-Restaurant besseren Stiles zu schaffen, bas nicht nur den rituellen, sondern sämtlichen Verhältnissen einer modernen Großstadt Rechnung tragen soll. Zu diesem Zwecke beantragte er in der ersten Sitzung des Stadtausschnsses nach den Ferien für die benannten Lokalitäten die Genehmigung zur uneingeschränkten Schankwirtschaft. Ter Magistrat erhob gegen das Ersuchen Einspruch und führte acht Konkurrenzstellen an, wovon allein vier sich innerhalb hundert Schritte befänden. Ebenso führte das Polizeipräsidium fünfzehn weitere Konkurrenzstellen an, welche das öffentliche Bedürfnis vollauf deckten. Ter Vertreter des Antragstellers, Rechtsanwalt Besser, wies auf die Eigenart des zu errichtenden Betriebes hin, lieft dabei seinen ursprünglichen Antrag fallen und plädierte für halben Ausschank. Gegen diesen erneuten Antrag hatten sowohl der Kommissarius des öffentlichen Interesses, Stadtrat Rosenbanin, als auch der Vertreter des Polizeipräsidenten keinerlei Bedenken mehr, zumal die Räumlichkeiten vollkommen den baulichen Anforderungen entsprächen, und gegen die Person des Petenten Bedenken nich? vorlägen. Infolgedessen wurde dem Ersuchen aus Erteilen der halben Konzession stattgegeben. X. Königsberg k. Pr. Die Polizeipraxis den russischen jüdischen Auswanderern gegenüber treibt die sonderbarsten Blüten. Wie aus I n st e r b u r g geineldet wird, kam dort am Freitag mit dem Memeler Zug ein jüdischer junger Mann an, der von dem am Bahnhof stationierten Gendarm angehalten und nach seinem Reiseziel befragt wurde. Der Reisende gab an nach Königsberg zu seinen Eltern zu fahren, fand aber mit dieser Erklärung beim Gendarmen keinen Glaube». Derselbe hielt ihn für einen Auswanderer und veranlaßte seine Rückbeförderung nach M e m e l. Dieser Fall der Beschränkung der Freizügigkeit sollte die Regierung endlich zu energischen Maßnahmen drängen. Königsberg (Ostpreußen). Die schweren Unzuträglichkeiten, die sich im A r e n z v c r - kehr für die russischen A u s w a n d e r e r ergeben haben, haben dazu geführt, daß sich in Memel, Insterburg, Tilsit, Eydtkühnen und P r o st k e n L o k a l k o m i t e e s gebildet haben mit einer Zentrale in Königsberg. Die Vertreter der Lokalkomitees waren am 11. d. M. in Königsberg zusammengekommen, um unter Vorsitz des Bankdirektors M a r x mit dem Königsberger Komitee jene Vereinbarungen zu treffen, die notwendig sind, um auf eine Beseitigung der unerhörten Zustände an der Grenze hinznwirken. Die sämtlichen Komitees werden mit dem Hilfsverein der deutschen Juden für die Zwecke der Auswanderer in der Weise zusammen arbeiten, das; dem Staate alle Garantien geboten werden, um ihn vor der Einschleppung von Krankheit zu schützen, sowie um Staat und Kommunen vor Belastung durch unterstützungsbedürftige Auswanderer zu bewahren. Es werden die nötigen Schritte bei der königlich preußischen Regierung getan werden, damit die Interessen des Staates und zugleich die Interessen' der Humanität gewahrt werden. Jnowrazlaw (Posen). In der am Montag abgehaltenen gemeinschaftlichen Sitzung des «ynagogenvorstandes und Repräscntantenkollegiums wurde einstimmig beschlossen, den Neubau der hiesigen Synagoge nach dem Vorbild der Synagoge in Ratibor auszuführen. Oesterreich-Ungarn. X. Wien, 14. Okt. Der niederösterreichische Landtag hat heute wieder einnial eine Iudende b a t t e gehabt. Tie wie gewöhnlich ziemlich weit obliegende Ursache war die Kreierung von Stipendien an der Erporta k a d c m i e, bei welcher Gelegenheit die antisemitische christlich-soziale Partei den Antrag stellte die Verleihung von der ch r i st l i ch e n Religion der Bewerber abhängig z» machen. Das große Wort führte der Greislcr Bielohlawek (urgermauisch), das Landesausschuß-Mitglied Steiner und der Mechaniker Schneider von der offiziell antisemitischen Partei, ein sich als „objektiver" Judenfreund geberdender jüdischer (weil von der Handelskammer gewählter Mandatar Blach, der „mehr Assinrilation" bei den Juden sehen möchte und noch einige andere Leuchten des spezifisch Wienerischen Parlamentarismus. Interessant war die Beobachtung, wie sich die zwei antisemitischen Parteien bloß „fakultativen" Antisemitismus. vorwarfen. Die eine Partei denkt dabei an die Lieferungsvergebungen an jüdische, leistungsfähige Firmen, die sich die- Rathanspartei „zu Schulden kommen läßt", die andere an die gelegentliche intime Freundschaft und gegenseitige Unterstützung von Juden Int!) „Deutschnationalen" bei Bekämpfung der klerikalen Christlich-Sozialen, kar uobilo kratrum! X. Wien, 13. Okt. Weibliche Spitalärzte. Seit kurzem wirken an zwei Wiener Spitälern weibliche Aerzte, Frl. Tr. Bianka Bienenfeld, Aspirantin an der Klinik Neußer im Allgemeinen Krankenhause und Frl. Tr. Stephanie Eder, Aspirantin im Bettina v. Rothschild-Pavillon im Elisabeth-Spital. Frl. Tr. Bicnenfcld hat im Jahre 1898 am akademischen Gymnasium mit Auszeichnung maturiert und ist 1904 zum Ai. U. Tr. promoviert worden. Beide Damen sind die e r st e n weibliche n Aerzte im Status der Wiener Krankena n st a l t e n. Sie werden dort vorläufig als Aspirantinnen geführt und sind, wie ihre männlichen Kollegen dieser Kategorie, unbesoldet. Wie heißt es doch im Katechismus der Antisemiten von der Habgier und dem nur aus das Materielle gerichteten Sinn der Juden? X. Wien» 18. Okt/ In der letzten Sitzung des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft wurde ein Antrag angenomnien, wonach der Vorstand beauftragt wurde, dem Bürgermeister Dr. Lueger anläßlich seines 60. Geburtstages die Glückwünsche des Gremiunis zu überniitteln. Hierauf erklärte jedoch der Präsident des Gremiums, Kommerzialrat und Knltusvorsteher Leopold von P o l l a k, daß es »ach seiner Einsicht nicht angehc, dem Dr. Lueger, der als Chef des Wiener Magistrats das Gremium in der bekannten Affaire des Magistratssekretärs Demel so brüskiert habe, die Glückwünsche der Wiener Kaufmannschaft anszusprechen. Herr v. P o l l a k äußerte seinen festen Entschluß, seine Präsidentcnwürde »iederzulegen, wenn das Gremium auf seinem Beschlüsse beharre. Biit Rücklicht auf diese Erklärung wurde die Sitzung auf einige Zeit unterbrochen und während der Pause die Angelegenheit privatim erörtert. Nach Wiederaufnahme der Sitzung wurde der früher gefaßte Beschluß reassumiert und bei der neuerlichen Abstimmung der Antrag mit großer Majorität abgelehnt. X. Budapest. Aristokratin und Jude. Gräfin Helene T a a f f e, eine Tochter des verstorbenen österreichischen Ministerpräsidenten, deren Scheidung vom Baron Richard M a t t e n c l o i t dieser Tage von der königlichen Kurie ausgesprochen wurde, schloß diese Woche vor dem Standesamt des 7. Bezirks mit dem Arzte D r. Julius D e m k ö einen neuen Ebebund. Al» Zeugen funginten für die G r ä s i n ihr Rechtsfreund, Reichstagsabgeordneter Hofrat D r. A r m i n R e u m a n n; für den Bräutigam dessen Bruder Regimentsarzt D r. F e l d m a n n. Tie Gräfin lernte den damals noch Feldmann heißenden Arzt in eintin böhmischen Bade kennen und lieben. Sie ließ sich scheiden. Dr. Feldmann-Temkö soll Jude geblieben sein) sehr vernünftig, denn wenn er auch Lbergetreten wäre, wäre er doch Jude geblieben: „der Jude" sür die Aristokraten und „Jude" für die Juden. X. Lemberg, 13. Okt. Im galizischen Landtag wurde eine Interpellation eingebracht, die sich gegen die M i ß b r ä n ch e wendet, deren sich die H a m b u r g - A m e r i k a - L i n i e (der Direktor dieser Gesellschaft, Herr Ballin, ist Jude) gegenüber den galizischen (polnischen, ruthenischen und jüdischen) Auswanderern schuldig gemacht habe. X. Lemberg, l4. Okt. In der heutigen Sitzung des galizischen Landtags stellte Abg. Tr. Fruchtm a n n den Antrag, einen Repräsentanten der jüdischen Konfession in den galizischen L a n d e s s ch u l - r a t zu berufen. Ter Antrag erhielt ein ehrliches Begräbnis durch Verweisung an den iknterrichtsausschuß. K. Lemberg, 17. Okt. In der heutigen Sitzung des galizischen Landtages begründete Abg. P. I. Stojalowski seinen Antrag, die Juden zu selbstst ä n d i g e n Richtern nicht zu ernennen und dahin zu wirken, daß jüdische Richter von Christen den Eid nicht abnehmen. Ter Antrag sollte dem Rechtsausschuß zugewiesen werden, wurde aber mit sämtlichen gegen 11 Stimmen a limine abgelehnt. Derselbe Abgeordnete forderte heute in einem Antrag die' Einführung der vierten W a g e n k l a s s e, beziehungsweise besonderer Waggons für jüdische Passagiere. England. /^London. .Der junge Mozart", unter diesem Namen ist ein lOjähriger jüdischer Knabe namens Littet Trabsky seit einiger Zeit in der Londoner Musikwelt bekannt geworden. Er ist der Sohn eines Musiklehrers in Jtußland; als 6jähriger Junge hatte er schon Kompositionen verfaßt, die in Tausenden von Exemplaren verbreitet wurden und allenthalben Beifall fanden. Vor einigen Tagen fand im Konzertsaal „Alexandra Hall" ein seinen Kompositionen gewidnietcs Konzert statt, wo er sich sowohl als Komponist wie auch als gewandter Aiusiker auszeichnete. Tie größten hiesigen Tagesblätter würdigen ihn und versprechen ihm eine große Zukunft. Rußland. Petersburg. Zuverlässigen Nachrichten zufolge hat der V e r k e h r s m i n i st e r für die nach S ü d - Amerika a u s w a n d e r n d e n I u d e n, die von der „I c a" eine Bescheinigung über ihr Reiseziel bringen, den Billctpreis für die dritte Eisenbahnklasse auf Vi des gewöhnlichen Preises ermäßigt. Petersburg. Die hebräische Tageszeitung Hasmon, deren Erscheinen vor mehreren Monaten eingestellt wurde, hat die Erlaubnis erhalten, von Petersburg nach Wilna zu übersiedeln. Petersburg. Es wurde eine Petition an die Regierung gerichtet, daß den F a in i l i c u der i m Kriege gefallenen jüdischen Soldaten gestattet werden möge, sich im ganze» Reiche aufzuhalten. Es befinde» sich gegenwärtig 27 OOO jüdische Soldaten auf dem Kriegsschauplätze in Ostasien. Kiew.;Wie verlautet, hat der kürzlich verschiedene Philantrop Lasar B r o d s k u für die hiesigen Wohltätigkeitsinstitutione» 1 Million R übel hinterlassen. Auch wird gemeldet, daß er sein Gut Wotzcia Jcruwka im Kreise Bachmut^für eine jüdische Kolonie b e st i m m t hat. Es sollen dort 65 jüdische Familien sich niederlassen und jede von ihnen eine Beihülfe von 1000 Rubel sür die notwendigen Betriebsmittel erhalten. Frankreich. Paris. Die Jca hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, auf ihre Rechnung ein A u s k n n f t s - bureau für Auswanderer unter ihrer Aufsicht zu gründen. Personalien. Frankfurt a. M. Am vergangenen Freita Abend starb im Alter von 61 Jahren der allgemein geschätzte Talmudgelehrte, Herr Elias Rubinst e i n. Die äußerst zahlreiche Beteiligung an seinem Leichenbegängnis legte ein beredtes Zeugnis seiner Beliebtheit ab. In ergreifender Weise gab Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Breuer in seiner Trauerrede ein Bild dieses echten Talmud-Chochom alten Schlages, bei dessen Heimgang in den Herzen aller, die noch für die Thora und deren Träger Verständnis haben, Gefühle tiefer Wehmut wachgerufen wurden. Bona. Als Nachfolger des nach Aachen berufenen Prof. Dr. Hefster wurde an die hiesige Universität Prof. Tr. London aus BreSlan berufen. Ansbach i. Bniern. Der Amtsrichter am Amtsgericht in Ansbach Samuel B e r n h e i m e r wurde zum Rat am kgl. bair. Landgericht in A s ch a f f c n b u r g ernannt. Berlin» 19. Okt. Der Großkaufmann James S i m o n Mitchef der Tuch - Engros - Firma Gebrüder Simon erhielt anläßlich der Einweihung des Kaiser F r i e d r i ch - M u s e u m s den W i l - h e l m s o r d e n. Berlin, 12. Oktober. Der Bankier Gustav Loewenberg, Seniorchef der angesehenen Bankfirma G. Loewenberg u. Co., ist heute gestorben. Ter Verstorbene erfreute sich, zumal infolge seiner Bestrebungen auf humanitärem Gebiet, allgemeiner Wertschätzung, wie auch seine sonstigen Charaktereigenschaften ihi» ein dauerndes, ehrendes Andenken im Kreise seiner zahlreichen Freunde sichern. Leipzig» 14. Okt. Der Privatdozent sür Chemie an der Universität Leipzig Tr. Ri. Bode ust e i n ist zum außeretatsmäßigen Professor ernannt worden. Wien, 15. Okt. Der Präsident der französischen Republik hat aus Antrag des französischen Unterrichtsministers den Hofrat Professor Dr. Adam Pol liker für seine besonderen Dienste um die Förderung der otologischeu Wissenschaft zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt. Wie«, 16. Okt. Dem Admiral st absarzt D r. E u g e n G r u b e r wurde der Orden der eisernen Krone 3. Klasse mit Nachsicht der Taxen verliehen. Wien, 18. Okt. Der Ministerialkonzipist im k. k. Finanzministerium D r. Friedrich Ritter von B o s ch a n erhielt das Ritterkreuz erster Klasse des königlich sächsischen Albrccht-Ordens, der österreichische Staatsangehörige Julius Golds ch m i d t in Bukarest, Bevollmächtigter der Bank von Rumänien, de» kaiserlich o t t o m a n i - scheu O s m a n j e - Orden dritter Klasse. Wien» 16. Okt. Der Kaiser hat anbefohlen, daß dem Stabsarzt und Chefarzt der Kadettenschnle für die k. k. österreichische Landwehr, Dr. G u st a v Beil, die a l l e r h ö ch st e Zufriedenheit bekanntgegeben werde. X. Prag, 12. Oktober. Die durch die Berufung Karl Rabls nach Leipzig erledigte Lehrkanzel für Anatomie an der deutschen Universität in Prag wird im Wintersemester 1904/05 durch Rabls bisherigen ersten Assistenten, außerordentlichen Professor Dr. A lfred Fischet suppliert werden. Der ordentliche Professor für Dermatologie und Syphilis an der Prager deutschen Universität, Dr. Philipp Joseph Pick, feiert am 14. er. seinen 70. Geburtstag. Ter Gelehrte absolviert eben sein akademisches Ehrenjahr. Er ist ein Schüler Hebras. Im Jahre 1873 wurde für. ihn an der Prager deutschen Universität die jetzige dermatologische Klinik begründet. 1869 gründete er im Verein niit Auspitz das Archiv für Dermatologie und Syphilis, eine Zeitschrift, die in allen Ländern und in allen dermatologischen Schulen Leser und Mitarbeiter gefunden hat. Ebenso war er der Begründer der Teutschen dermatologischen Gesellschaft. Geboren ist PH. I. Pick

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