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Neue jüdische Presse · 1904-10-21 · Heft 40 (21.10.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 40 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. im Jahre 1834 zu Neustadt a. M. (Böhmen), studierte in Reichenau .und absolvierte seine medizinischen Studien in Wien. Er war langjähriger Assistent Hebras und kam 1866 als Dozent nach Prag, wurde 1>73 außerordentlicher, 1895 ordentlicher Professor, als erster für dieses Aach in Oesterreich. 1903/04 war er Dekan der medizinischen Fakultät. Er ist Ritter des Ordens der Eisernen Krone dritter Klasse und -Ehrenmitglied vieler gelehrter Gesellschaften. Budapest, 16. Okt. Hier starb heute der Großindustrielle Edmund N e u s ch l o s;, Chef der Firma Edmund und Marcel Neuschloß. Er hat eine ganze Reihe wohltätiger Stiftungen testamentarisch bedacht. So wurden von ihm 300,000 Kronen zur Errichtung eines Sanatoriums für lungenkranke Arbeiter, 10,000 jkronen für den ungarischen JngcKicur- und Architektenvcrein usiv. bestimmt. Loschitz (Mähren). Hier starb am 17. Oktober Herr Karl Ehrlich, der Gründer und Chef der Firma Karl Ehrlich u. Co. in Wien. Ehrlich nahm in Loschitz eine sehr angesehene Stellung ein. Er war Kultusvorstcher, Ortsschulrat und hat sich um die Entwicklung der Stadt große Verdienste erworben. Krakau, 14. Okt. Der Kaiser hat dem Oberlau d e s g c r i ch t s r a t in Krakau D r. B. Wolfs den Tstcl eines Hofrates' verliehen. Bern» 14. Ott. Zum zweiten Assistenten von Prof. Langhaus am pathologischen Institut der Universität Bern ist Frl. Dr. med. Rachel Z i p k i n ernannt worden. A«s bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Don R. (Fortsetzung). Während sic sich so unterhielten, erreichten sic den sogenannten „guten Ort", welcher auf dem Abhang eines Hügels angelegt ist. Sie traten zu einer kleinen Pforte ein und gelangten über eine kleine Grasflächc zu einem freistehenden kuppelförmigen Häuschen, in der Volkssprache „Gcrichts-Rechtfcrtigungshäuscheu" genannt, weil daselbst bei jeder Beerdigung die Leiche ans einige Minuten niedergelassen wird und die Anwesenden ein Gebet sagen, welches mit dem Bibelspruch anfängt: „Er, der Fels, unfehlbar ist sei» Tn», denn alle seine Wege sind gerecht; ein Gott der Treue ohne Unrecht, gerecht und redlich ist Er." — Dieses Gebet ist mit große» hebräischen Buchstaben an der gegcnüberstchendcn Blauer ungeschrieben. Diesem gegenüber befindet sich der Ausgang, durch welchen man in das große Leichcnfeld kommt. Ein jüdischer Friedhof ist das schönste Bild der Gleichheit aller Stände; da gibt cs keine Familicngrüftc, keine ttinstlich gearbeiteten Grabsteine und Umzäunungen; Reich und Arm haben gleiche Grabsteine; nur die ivahren sittlichen Verdienste ivcrdcn auf den Zuschriften heroorgchobcn. Diese Gleichheit beginnt schon mit der Sterbestunde; der Gleiche hat keinen glänzenderen Leichenzug als der Arme; der Sarg des Erstcren wird aus dem nämlichen Holz, und eben so schmucklos gezimmert, ivie der des Letzteren; der Rabbi hat die Vcrpslichtung, jeder Leiche unentgeldlich das Geleit zu geben. Nur besonders frommer Lebenswandel oder hervorragende Gelehrsamkeit berechtigen zu einer Leichenrede, welche ebenfalls dem Rabbi nichts cinträgt. Tie Tugend bildet im Jenseits den vornehmen Stand, und recht schön spricht sich der Talmud hierüber aus: „Man setze keine Denkmäler über die Gräber der Frommen, denn ihre Handlungen sind ihre Denkmäler!" Ter Oberst machte mit seiner Begleitung die Runde längs der Umzäunung des Friedhofs, während der Zug, jeder Einzelne nach den Gräbern seiner Teuer», sich zerstreute. Da bemerkten sie eine ältliche, siech aussehende Frau vor einem Grabstein der Länge nach ausgcstrcckt liegen; sie hatte denselben krampfhaft umschlungen und weinte bitterlich; zu ihrer Seite eine schöne junge Frau in Trauer, umgeben von sechs schönen Kindern, wie die Orgelpfeifen, stimmten in die Klagctöne ein. Tie Gäste blieben gerührt bei diesem Anblick stehen, und der Rabbi sprach nach kurzer Pause, auf die Gruppe deutend: „Das war ein braver junger Mann, Vater von sechs .Kinder», welcher sich ehrlich ernährte und an seiner alten Aiutter die kindlichste Liebe übte; der arme Mensch starb vor einem Jahre vor Herzkräukung, infolge einer öffentlichen bitteren Beschämung. Ein böser Mensch zeigte ihn nämlich bei der Behörde an, daß er ohne Bewilligung verheiratet sei, worauf bei ihm eine nächtliche Haussuchung erfolgte; seine Frau wurde schubweise in ihre Heimat gebracht -und er zu dreitägiger Straßcnreinigung mit Eisen an Händen und Füßen verurteilt. Ta er viel Ehrgefühl hatte, nahm er sich diese Beschämung so sehr zu Herzen, daß er bald daraus an einer Gemütskrankheit starb." Ter Oberst näherte sich dem bezeichncten Grabe und las auf dem Leichenstciu folgende hebräische Inschrift: „Hier ruht ein frommer, redlicher Mann, nährte sich von der Mühe seiner Hände, übte gute Werke, vorzüglich kindliche Liebe gegen seine Mutter; es ist Abraham, Sohn Jentel Rieger; entschlief mit gutem Namen am . . . seine Seele sei eingehüllt in die Hülle des ewigen Lebens!" Ter Oberst trat vorsichtig von rückwärts heran, knöpfte seinen mit dein Orden der Ehrenlegion geschmückten Kriegsrock auf, zog sich sein Arba-Kanfos über den Kopf ans und ließ cs vor das Angesicht der alten Frau zu Boden fallen, wobei zum Erstaunen Aller beim Ausfallen auf das Fußgestcll des Grabsteins ein seiner Silberton erklang. Tie Mte wurde bei diesem Klang von ihrem Trübsinn aufgeschencht und betrachtete den herabgefallenen Gegenstand; er kam ihr nicht fremd vor, sie faßte ihn beim Zipfel und hob ihn in die Höhe, wobei ein Kronentaler herausficl. Tarüber noch mehr erstaunt, schaute sie sich um. Ms sie jedoch den Oberst, vor sich sah, wich sie betroffen zurück; dieser jedoch näherte sich ihr und redete sie vertraulich an: „Kennen Sie mich noch, Iran Jentel?" Die Frau betrachtete genau den Fragesteller, daun das Arba-Kanfos mit dem Kronentaler, sammelte ihre Erinnerungen und rief dann mit strahlendem Gesichte aus: „Ach, daß ich noch die Freude erlebt habe, Sie zu scheu! Das heißt unbeschrien groß und stark, daß. sie geworden sind, und »och 'dazu so hochgestellt! Ach, wen» mein Abraham noch lebte, der würde tanzen vor Freude. Wie oft haben wir von Ihnen gesprochen! Sehen Sie sich da seine Frau und sechs schöne Kinder! an; kann Einem das nicht das Herz zerreißen?" Darauf bedeckte sie sich das Angesicht mit den Händen und weinte bitterlich. „Seien Sie getrost, Frau! ich habe Ihnen einst die Stelle Ihres Sohnes bei seinem Leben vertreten und will sie Ihnen auch nach Möglichkeit nach seinein Tode vertreten. Es soll Ihnen und den Ihrigen an nichts fehlen!" erwiderte mit Wärme der Oberst. „Ach, Sic kommen mir immer Ivie ei» Engel Gottes! — Nün, das macht mir viel Ehre, daß Sie mein kleines Andenken so sorgfältig aufbewahrt haben; haben Sie nur recht fleißig damit gebetet?" „Nicht einen Tag versäumt während meiner Dienstzeit: Ties bekenne ich mit bestem Gewissen vor Gott. N'ckch mehr aber will ich Ihnen sagen, daß mir Ihr Kroueutalcr das Leben gerettet hat; wäre er nicht gewesen, so stände ich heute nicht da. In der Schlacht bei Lvdi in Italien traf mich eine feindliche Kugel an der Brust, prallte aber am Kronentaler ab und — ich war gerettet. Meine Wasfengefährten konnten sich meine Rettung nicht begreiflich machen." „Hab' ich Ihnen nicht vor Ihrer Abreise gesagt, daß mein kleines Geschenk Ihnen noch einmal sehr gut kommen kann? nun, Gott sei wieder gedankt!" — Unterdessen hatten sich der Rabbi und der Vorsteher zienilich genähert, aus Neugierde, zu erfahren, was der Oberst mit der alten Jentel so Wichtiges zu besprechen habe. „Nun, Rabbi, wie sind Sie mit Ihrem ehemaligen Schüler zufrieden? nicht wahr, er macht Ihnen Ehre?" sprach Frau Jentel. „Mit welchem?" „Nliiu, mit diesem Herrn da!" „Ten Hab' ich heute zum Erstenmal in meinem Leben gesehen." „Sie haben ihn schon oft gesehen; haben'Sie ihn noch nicht erkannt? es ist der junge Marbanel, welcher sich als Freiwilliger für meinen holdseligen Mraham hergab." „Ah, ah, ah, wer hätte das denken sollen! und gar in französischen Diensten!" rief erstaunt der Rabbi aus, indem er den Oberst herzlich umarmte; „ich muß Dir aber sagen, daß ich Dir böse bin, denn seit Du Valmy verlassen hast, habe ich leine Silbe von Dir gesehen." „Es war mir leider nicht möglich, zu schreiben; doch ich werde das Versäumte uachholen, indem ich Ihnen bei passender Gelegenheit meine Kriegsabenteuer erzählen werde," erwiderte Abarbanel. Darauf wandte er sich lächelnd an den erstaunt dastehenden Vorsteher: „Nim, Herr Vorsteher, erinnern Sie sich noch, wie Sie mich einst fragten, seit wann ich so viel Chuzpe habe? Wenn Sie mich das heute fragten, könnte ich Ihnen antworten: Seit der Schlacht bei Lodi, wo ich Sergeant, oder seit der an den Pyramiden, wo ich Leutnant, oder bei Marengo, wo ich Hauptmann, oder bei Jena, wo ich Major, oder endlich in der letzten Schlacht, bei Wagram, wo ich -Oberst wurde." Der Vorsteher lächelte beschämt. Unterdessen hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer über den ganzen Friedhof verbreitet, das; der heute angekommcne jüdische Oberst kein Anderer sei, als jener mutige Warbanel, dessen Name unter der jüdischen Bewohnerschaft N.'s noch in frischester, rühmlichster Erinnerung lebte. Das erwachsene Geschlecht, welches sich seiner noch persönlich zu erinnern wußte und ihn vor der Wiedererkennung mit einer gewissen heiligen Scheu angesehen hatte, drängte sich scharenweise um ihn und belvillkommtc ihn aufs Herzlichste; Jeder wollte Geschichten von ihm hören; mit Jedem sprach er auf's Freundlichste. Nr. 40. Da trat aus der Mitte der Anwesenden ein alter Mann .hervor und sprach: „Hört, meine Brüder! Jeder von uns möchte gerne die Schicksale unseres würdigen Freundes seit seiner Mreise von hier bis auf den heutigen Tag kennen; daß ersie aber jedem Einzelnen berichte, können wir weder seiner Brust, noch seiner Geduld zumuten; ich mache daher einen Vorschlag: wir haben heute -Fasttag, an welchem alle Geschäfte ruhen und daher Keiner von uns zu Hause etwas zu tun hat, da könnte unser werter Gast hier unserer ganzen Versammlung seine Kriegsgeschichten zum Besten geben. Wir haben dabei einen dreifachen Vorteil: erstens hören wir manches Wissenswerte, zweitens freuen wir uns über bas glückliche Gedeihen unseres Freundes und endlich vergessen wir während der Erzählung ans Essen." Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall, nur der Rabbi meinte scherzend: „Er wird aber nach so vielem Reden um so hungriger geworden sein." . „Bei mir tut das nichts," erwiderte lächelnd Abarbanel; „ich bin schon oft zwei Tage und zwei Nächte ununterbrochen ohne Nahrung im Felde gestanden." Abarbanel begab sich nun zur niedrigen Mauerumzäunuiig am Fuße des Berges, auf welcher er in der Mitte Platz nahm, zu seiner Rechten der Rabbi, zur Linken der Vorsteher; alle Anwesenden setzten sich im Halbkreis am Abhang uniher. Nachdem alle sich ruhig niedergelassen hatten, und eine tiefe Stille herrschte, begann der Held des Tages seine Erzählung: „Meine Brüder und Schwestern! Der Mensch lebt zwar kurze Zeit, kann aber dennoch Vieles erleben, diese Erfahrung habe ich bei mir gemacht; alle Begebenheiten, deren Augenzeuge ich war. Euch zu berichten, kann ich weder meinem Mein, noch Eurer Geduld zumute,,. Ich will Euch daher nur die vorzüglichsten mitteilen und zwar die, welche auf die Förderung meiner unbedeutenden Person den größten Ciusluß hatten. Daß ich beim ersten Zusamnientreffen' des verbündeten Heeres mit dem französische», bei Valmy, gefangen und durch teilnehmende jüdische Seelen daselbst losgekauft wurde, wird Euch von Seiten unsres würdigen Rabbi wohl mitgetcilt worden sein. Die Zeit der sogenannten Schreckensherrschaft in Frankreich, wo, nach Hinrichtung des.unglücklichen Königs Ludwig XVI. die höchste Gewalt in den Händen des Pariser Straßenpöbcls war, und Männer wie Robes- Pierre, Marat, Danton, Couthon, St. Just und dgl. das Staatsruder führten, verlebte ich ruhig und im Stillen segensreich wirkend zu Valmy, wo ich volle drei Jahre die israelitische Jugend des Ortes und der Umgebung mit bestem Erfolge unterrichtete und mir die Herzen der Kinder vollkommen zu gewinnen wußte. Lauge.Zeit hätte Frankreich unter einer solchen Herrschaft nicht bestehen können; dies erkannten alle Besserdenkendeu sehr wohl, und in einer stürmischen Sitzung der Pariser Volksversammlung (27. Juli 1794) wurden die Schrcckensherrscher gestürzt und bald darauf der gerechten Strafe durch das Henkerbeil überliefert. Einige Monate schwankte noch das Staatsschiff auf den brausendsten Wogen, bis endlich (20* Mai 1795) die neue Verfassung zu Stande gebracht wurde. Der gemäß sollte die höchst vollziehende Gewalt in den Händen von fünf Staatslenkern (Direktoren) sich befinde», denen ein Rat der Mten als beschließende und Einer von fünfhundert Volks- ‘ erwählten als gesetzvorschlagende Gewalt zur Seite stehen sollten. Diese Verfassung nannte man die oberste Staatsleitung (Direktorium). Die ersten Männer des Direktoriums waren wirklich edle vaterlandsliebende Männer, welche einerseits die edlen Errungenschaften der Staatsumwälzung retten, andrerseits aber die gesellschaftliche Ordnung wieder Herstellen wollten. 9ft,n hatten sie aber mit zwei Hauptfeinden zu kämpfen; einerseits mit den Königlichgesinnten (Royalisten), welche beim Sturz der Schreckensherrschaft zahlreich aus ihren Schlupfwinkeln hervorgekrochen waren, und, sich freudig die Hände reibend, wähnten, die Sehnsucht nach der alten Ordnung, wie sic vor 1789 war, sei im französischen Volke wiedererwacht; andrerseits mit den Freunden der Schreckensherrschaft, sogenannten Jakobinern, welche an Mord und Aufruhr gewöhnt waren und sich in eine sittliche Ordnung nicht fügen konnten. Erstere, kein Mittel zur Erlangung ihrer vormaligen Herrschaft scheuend, verschmähten, es nicht, sich mit Letzter» zum Umsturz der neuen Ordnung zu verbinden. Sie dachten nämlich: „Gelingt es Uns jetzt nicht, ans Ruder zu gelangen, so wollen wir die Unordnung noch mehr steigern, und das Volk, nachdem es sich satt ausgetobt hat, muß dann mit um so sehnsuchtsvolleren Blicken nach der goldenen alten Zeit zurückschauen." Sie hetzten daher das Volk täglich zu neuem Aufruhr gegen die Regierung; und schlimm wäre es mit dieser gestanden, wenn ihr nicht eine bewaffnete Macht zur Seite gestanden wäre. Wohl wäre cs schöner, wenn die Freiheit durch Geist, Wahrheit und Ueberreduug siegte, leider aberläßt sich der große Hausen nicht immer durch väterliche Ermahnung zu seinem eigenen Wohl bewegen, sondern mutz oft durch Kvlbcnstöße dazu getrieben werden..

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