Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 40 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. er sei Umfaf; d. h. er wolle die Macht der zionistischen Führung an sich reißen, um den andersdenkenden Gesinnungsgenossen seine Anschauungen anfzudrängen. Wäre dem so, da niüßte er doch, gerade im Gegenteil bestrebt sein, die Kulturfragen in den Kongreß hineinzntrageu und ihn für die besondern Bestrebungen des Misrachi zu gewinnen, wie es die Fraktion j. A. wirklich getan hat. . . Nun wollen >vir in kurzen Worten auf die Frage antworten: Was will der Misrachi? Misrachi will die noch nicht zionistischen Gesetzestreuen für den Zionismus gewinnen, ihnen die Möglichkeit geben, sich an der zionistischen Bewegung zu beteiligen?) Misrachi will die zionistische Führung von den außerhalb des politischen Zionismus stehenden Bestrebungen fernhalten, damit die Einigkeit aufrecht erhalten werde. Misrachi will den Zionismus vor all dem schützen, was unsere Tradition verletzen und die Gesctzestreuen von der Teilnahme an der Bewegung ausschlicßen müßte. Misrachi will den Geist des überlieferten Judentums aus friedlichem Wege propagieren, unabhängig von dem offiziellen Kongreß-Zionismus. Was folgt daraus? Misrachi ist nicht klerikal, Misrachi will nicht die zionistische Führung seinen besonderen Tendenzen dienstbar machen. Misrachi will nicht die Trennung, sondern erstrebt die Einigkeit, Misrachi ist politisch-zionistisch. In diesem Sinne hat unser großer Führer j. A. den Misrachi verstanden und gutgeheißen. Wir hoffen nun, daß unsere Worte das auf Mißverständnis beruhende Mißtrauen, welches dem Misrachi entgegcngebracht wurde, beseitigen und die vorübergehende Trübung in unserem Lager bald klären wird. Der große Prozeß* *) (a iiagy. per). Schilderung des, Tisza-Eszlarcr Prozesses von - dem Hauptverteidiger Karl O e t v ö s. Budapest 1904. Gebrüder Revai, 3 Bände, zusammen 988 Seiten Oktav. Vor beinahe einem Menschenalter, im Jahre 1882, spielte sich in Ungarn ein Prozeß ab, der nicht nur das genannte Land in höchste Erregung versetzte, sondern das Interesse der ganzen Welt in Anspruch nahm. Es war wieder einmal das alte unglückselige Nkärchen des Ritualmordes aufcrstanden; wieder einmal sollte der finstere Merglauben tolle Orgien feiern. Und cs hat nicht viel gefehlt, so wären, wie in der guten alten Zeit, der Bosheit und der Dummheit Opfer in der Form von Menschenleben dargebracht worden. Der Fall, der übrigens in seiner Entstehung den anderen Ritualmordmärchen gleicht, unterscheidet sich von ihnen (nur) in der Art und Weise der juristische» Behandlung, die er erfahren hat. Es war dies nämlich der erste Prozeß dieser Art, in welchem das Verfahren nach den Gepflogenheiten des modernen Rechts geleitet ward aber vielmehr geleitet werden sollte. Unter dem Deckmantel der Justiz ward das Untcrsuchungsverfahren nach altbarbarisch-mittclalterlicher Art geleitet und so der Wahrheit und dem Recht in's Gesicht geschlagen. Durch diese schreiende Ungerechtigkeit und auch geistige Beschränktheit der Untersuchungsbehörden, die in den unschuldig angcklagtcn Juden unbedingt Ritualmörder finde» sollte, nahm der Prozeß die traurige Wendung, die ihn zur traurigen Berühmtheit machte. Es ist wohl nicht nötig, die Einzelheiten dieses Prozesses, der noch in aller Angedenken ist, hier wiederzugebe». Der kurze Sachverhalt ist folgender: Am 2. April 1882 verschwand in dem Dorfe Tisza- Eszlar des ungarischen Kvmitats Szabotes die 14jährigc Eszther Solymossi. Rach dreiwöchentlichen vergeblichen Nachforschungen tauchte erst nur schwach, dann aber immer lauter in dem Dorfe das Gerücht ') Vide zweites Zirkular: „Mimisrach". *) In deutscher Sprache hat die Affäre der freisinnige Schriftsteller Paul 'Räthan in Berlin ausführlich beschrieben. P. Nathan hat als Berichterstatter einer großen Berliner Zeitung der Haüptvcrhandlung beigewohnt. Frankfurter Israelitisches FamMenblatt. auf, die Juden hätten das Mädchen zu rituellen Zwecken ermordet. Als das Gerücht sich hartnäckig hielt und die Dorfbevölkerung, durch Hetzereien von außen, immer unruhiger ward, entsendet der Gerichtshof von Nyircgyhäza (die Hauptstadt des genannten Komitates) eine Kommission, bestehend ans einem 23jährigen Untersuchungsrichter, dem Vizcstaatsanwalt (des dortigen Gerichtshofes) u. a. Funktionären zur Untersuchung des Falles. Den einzigen Anhaltspunkt für die Anklage bildete die Aussage des 5j ä h - rigcn Sohnes des Tempeldieners Scharf (die Aussage des 13jährigen Moritz Scharf kam erst später hinzu), der gesehen haben wollte, wie sein Vater und andere Juden das verschwundene Mädchen ermordeten. Achtzig Tage nach dem Verschwinden des Mädchens ward durch ruthenische und jüdische Floßfahrer südlicher von Tisza-Eszlür eine weibliche Leiche aus der Theiß geländet, die nach der Aussage einwandfreier Zeugen vollständig auf die verschwundene Eszther Solymossy paßte. Auch sonst haben alle Umstände darauf hingewiese», daß das Mädchen, die von ihrer bäuerlichen Dienstgeberin mißhandelt worden ist, den Tod in der Theiß gesucht hat. Dies paßte aber nicht in den Kram der Untersuchungskonunission, die unbedingt einen Ritualmord herausbekommen wollte. Der die Obduktion der geländeten Leiche vornehmende Landarzt erklärte die Leiche für die einer Älteren Person. Die Ritnalmordkommission stand auf dieses Gutachten hin nicht an, mit der Behauptung hervorzutreten, daß die gelandete Leiche eine von den Juden unterschobene sei, die die Behörden irreführen sollte. Durch diese famose Behauptung kamen zu den Personen, die schon in der Untersuchungshaft schmachteten, noch eine Anzahl neuer Häftlinge hinzu. Im Lause des späteren Verfahrens wurde die Leiche wieder exhumiert und die Feststellung, ob sic mit der verschtvundenen Eszther Solymossi identisch sei, bildete den Knotenpunkt der Haüptvcrhandlung, die von Ende Juni bis Anfang August 1883 in Nyireghhäza stattgefunden hat. Diesen Prozeß in all seinen Phasen, seiner Vorgeschichte und seinem Verlaufe, schildert nun der weltberühmte Hauptverteidiger tu dem denkwürdigen Prozesse, Karl Oetvös, in seinem dreibändigen Werke -,der große Prozeß". Mit meisterhafter Feder schildert Oetvös die Milieus der verschiedenen Prozeßparteien, der Angeklagten einerseits und des Kreises, in dem das Märchen entstanden, die christlichen Dorfbewohner, resp. der ganzen, antisemitisch durchsetzten höheren Gesellschaft andererseits. In der Einleitung zitiert er einen Ausspruch des größten ungarischen Staatsmannes .Franz Deak's, der einstmals sagte: „Nicht nur mit Waffen werden Religionskriege geführt, auch jene Religionskriege sind zu verdammen, die mit der Feder oder in den Beratungssälen geführt werden. Diese Religionskriege, die immer nur auf Privat- und politischen Interesse», nie aber auf wirklichen, gutgemeinten Glanbenseifcr -zurückgehen, sind viel gefährlicher und zudein auch abstoßend." Einen nicht kleinen Anteil an dieser ganzen, unglückseligen Afsairc, resp. an der Aufbauschung derselben zu einem „Religionskriege" schreibt nun Oetvös dieser Sucht nach Befriedigung privater und politischer Interessen zu. Die Masse, die zurückgebliebene, ländliche Bevölkerung, die von althergebrachtem und ererbtem Aberglauben nicht lassen kann und will, sie ist auch diesmal mit der alten dummen Mär vom Ritualmord hcrvorgctreten. In solchen Augenblicken schrecklichster Verwirrung der menschlichen Vernunft wäre es Pflicht und Schuldigkeit der sogenannten höheren Gesellschaft, der Bürgerschaft sowohl, Ivie des Adels, aufklärend und beruhigend auf das Volk cinzuwirken. Hier sollte es sich aber erweisen, daß diese „bessere" Gesellschaft noch um ein Beträchtliches tiefer als die Menge stand. Denn während diese sich vermöge ihres niederen Bildungsgrades dem Bannkreise alter Vorurteile nicht entziehen .konnte, war es bei den anderen Gesellschaftskreisen die kühle Berechnung, gepaart mit Haß und Neid, die sie meist gegen ihre bessere lieber» zeugung in die Reihe der Ankläger führte. Diese bessere Gesellschaft, die sich "Tonst schämen würde, wenn man sie in gebildeten Kreisen zu den Dummen der Ritualmordgläubigen zählen würde, die war es nun, die das Volk in seinem Irrglauben noch be- Nr. 40. stärkte. Diese war es, die durch die maßlosen llcbertreibnngen und Verdrehungen ihrer Presse die Masse organisierte und über den wahren Sachverhalt täuschte. Aus dieser Gesellschaft gingen dann all die Beamten hervor, die die Vorerhebungen des mysteriösen Vorfalles, später die ganze Untersuchung zu führen hatten. Dazu wollte es noch der unglückselige Zufall, daß mit der Untersuchung meist junge Leute betraut worden sind, denen die Gelegenheit günstig -genug schien, sich hier die Sporen zu verdienen. Diese warfen sich mit einer wahren Wut auf die Eruierung des. Falles und nahmen gar nicht wahr, daß sic sich in ihrem Eifer immer inehr von der Wahrheit entfernten. Schließlich waren sie in dem Netze ihrer eigenen Phantasiegebilde so sehr verfangen, daß sie nicht mehr den Weg ans dem selbstgeschaffenen Lügenlabyrinth finden konnten und sich denn immer mehr in dem Lügengewebe verstrickten. (Schluß folgt.) Aus aüiex Wett. Deutschland. Fulda. Nur selten liest man in ihrer geschätzten Zeitschrift einen Bericht über das jüdische Leben berührende Ereignisse in unserer Stadt und in unscrm Rabbinatsbezirke und doch gibt es hin und wieder Interessantes zu verzeichnen. Am ersten Tage Chol-Hamoed schel Sukkos wurde in der Nachbargemeinde Hünseld durch Herrn Provinzial-Rabb. Dr. C a h n hier eine Thora weihe vollzogen. An der Feier in der Synagoge nahm auch der Königliche Herr Landrat teil. Am 9. d. Mts. beging die hiesige Schaß-Chebrah einen S i j u m ans Tractat Gittin. Ein solennes Festmahl vereinigte Mitglieder der Chebrah und Ehrengäste im Saale der Restauration Birkenruth. Ernste und heitere Reden wechselten miteinander ab. Den Reigen eröffnete Herr Provinzial - Rabbiner Vr. Sr fi!. r.» reis'.vrrle'.' 3ri;*c verband er den Anfang des Tractats mit dem Ende desselben. Begeistert lauschten die Zuhörer den trefflichen Ausführungen. Nicht minder großen Beifall fanden die mit'Humor reichlich gewürzten Tiwre-Thauroh des Herrn Dr. Frankel, der seit 3 Monaten als Rabbinatsassessor hier seines Amtes waltet. Jom Kippur konnte man in unserer Synagoge neben dem weißen Stcrbcgewande, manch bunten Rock erblicken. Neben der üblichen Eingabe des Herrn Rabbiners um Befreiung der jüdischen Mannschaften vom Dienste an den hohen Festtagen, der in der Regel die sterotype Antwort folgt, daß, soweit es das dienstliche Interesse erlaubt, dem Gesuche stattzugeben sei, hatte Herr Provinzial-Rabbiner Dr. Cahn in Erfahrung gebracht, daß selbst Jomkippur die jüdischen Soldaten nicht vom Dienste befreit seien. .Herr Dr. Cahn trug telephonisch dem in Salzschlirf weilenden Kommandeur die Bitte, um Befreiung der jüdischen Mannschaften vom Dienste am Versöhnungstage vor und zugleich um die Erlaubnis, dem Gottesdienste hier und in den angrenzenden Nächbargemeindcn beiwohnen zu dürfen. In liebenswürdigster Weise gewährte der Herr Oberst die Bitte. Die Soldaten mußten sich am Rüsttage des Versöhnungstages beim Herrn Provinzial-Rabbiner Dr. Cahn melden, der Fürsorge getroffen hatte, daß sie rituelle Kost erhielten und bei ihrer Rückkehr eine Bescheinigung des Herrn Rabbiner vorlegen, daß sie am Gottesdienste teilgenommen haben. Dieses Vorgehen verdient Nacheiferung und dürfte für manchen Rabbiner ein Fingerzeig sein, sich nicht dabei zu beruhigen, wenn die. pp. Eingabe den Briefkasten überantwortet ist, sondern weitere Schritte zu tun, um Dispensation vom Dienste zu erwirken, auch wenn scheinbar das dienstliche Interesse sein „Veto" einlegen sollte. Berlin. (Wettbewerb für jüdische Künstler). Der Wettbewerb um den Preis der ersten Michael Beer'schen Stiftung für Maler und Bildhauer jüdischer Konfession ist für das Jahr 1905 für Bildhauer eröffnet. Ms Preisausgabe ist gestellt worden: „Ankunft einer Handelskarawane". Die Gestaltung des Reliefs, Halbkreis oder Rechteck, bleibt dem Ermessen des Bewerbers überlassen, nur muß es ganze Figuren enthalten und in der Höhe mindestens 0,70 Meter, in der Breite nicht unter einem Meter messen. Mit dem Konkurrenzwerke sind gleichzeitig einzusenden, verschiedene von dem Konkurrenten bisher gefertigte Arbeiten und Studien nach der Natur, sowie Kompositionsskizzen eigener Erfindung, die zur Beurteilung des bisherigen Studienganges des Bewerbers dienen können. Indessen dürfen sämtliche Arbeiten, auch wenn die Bewerbung auf mehrere Preise ausgedehnt wird, die Zahl 10 nicht überschreiten. Dix. Mlieferung der für diesen Wettbewerb bestimmten Arbeiten nebst schriftlichem Bewerbungsgesuche an die königliche Akademie der Künste muß bis zum 1. März 1905 erfolgt sein. ~ Breslau, 11. Oktober. Genehmigung eines rituellen Passage-Restaurants. Dem Besitzer des hiesigen jüdischen Hotels „Union" Hermann Tockus, wurde vor etlichen Wochen vom Stabt-