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Neue jüdische Presse · 1904-10-21 · Heft 40 (21.10.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 40 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ilrailkfirrter fumilirnblatt. , ■— -T--" * Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). > > - ' HedaKtt-n imd Hefchaftsfiette: Frankfurt a. m.. LeiligkreuzgaAe 52, Lcke Llaxperfeldstraße (grgenüber der Neuen Zeit). HepattsgeVev: Hels. ■ Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagm: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, den 12. Macheschwan 5665 (21. Oktober 1904). No. 40. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Was der Misrachi will. — Der große Prozeß (a nagy per). — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton. Aus bewegter Zeit, Erzählung von R. Was der Misrachi will. In der letzten Zeit ist Misrachi zum Gegenstände verschiedener Angriffe, Beschuldigungen und Verdächtigungen in der „Welt" und dann in der „Jüd. Rundschau" gemacht worden. Daß Misrachi den Verfolgungen seitens der nichtzionistischen Orthodoxen ausgeseht sein werde, — darauf waren wir immer gefaßt. Hingegen können wir uns nicht genug darüber wundern, daß wir auch von Zionisten scheel angesehen werden. Was die „Welt" anbetrifst, so ist es mehr als eine Inkonsequenz, wenn dieses offizielle Organ der zion. Weltorganisation sich jetzt dazu hergibt, einen großen Teil des jüd. Volkes und der zion. Bewegung als klerikal und nichtzionistisch zu verschreien, während doch Herr Leopold Kahn der Misrachi-Konferenz in Preßburg als Vertreter des Aktionskomitees, also des ossiziellen Zionismus, beigewohnt und sie wärmstens begrüßt hatte. Es liegt uns ganz fern, in unserer Erwiderung den scharfen und beleidigenden Ton unserer Ankläger einzuschlagen. Der Misrachi ist auf den Prinzipien des Friedens und der Eintracht gegründet worden und wird dieser Parole trotz der verschiedenen Versuchungen immer treu bleiben. Es kommt noch hinzu, daß wir die gegen Misrachi gerichteten Angriffe nur auf Mißverständnis und Unkenntnis seiner Grundsätze beruhend begreifen — und einen Irrtum soll man doch verzeihen. Wir hoffen daher, durch Aufklärung und Darlegung unserer Anschauungen, die Widersacher des Misrachi von dessen Notwendigkeit und Nützlichkeit zu überzeugen. Aber im Grunde genommen ist das, was unsere in Frage kommenden Gegner fordern, nämlich die durch den Zionismus geschaffene Einigkeit — nicht minder unsere Forderung; vielmehr wurde sie gerade von Misrachi stets verfochten und hochgehalten. Er war immer bemüht, den politischen Zionismus als den einzigen Weg zu bewachen, den alle Zionisten trotz der sonstigen Meinungsverschiedenheiten Zusammengehen können.*) i) Wir wollen nur diesbezüglich auf den in der vorletzten Nummer unseres Blattes' gebrachten Auszug aus einem der letzten Zirkulare (nach der Preßburger Konferenz) des Führers des Misrachi Hinweisen, der ausdrücklich sagt, „daß der Kongreß sich fernzuhalten hat von Angelegenheiten, die nicht im direkten Verhältnis zum politischen, praktischen Zionismus stehen. Auf diesem Wege wollen wir die Tore des Zionismus für alle Kommenden offen halten, damit er sich zu einer wahren Volksbewegung gestalte. Wir waren stets bemüht, fernzuhalten von seinem Gebiete all' das, was im Stande ist, einen oder den andern Teil unseres Volkes von der Teilnahme an der zionistischen Bewegung auszuschließen. Ebenso verlangen wir aber auch von den andersdenkenden Gesinnungsgenossen, daß sie nichts vornehmen, was jemand von dem politischen Zionismus zurückhälten könnte." Misrachi kann darauf stolz sein, daß er zuerst die Notwendigkeit eines gemeinsamen Punktes anerkannt hat, der die gesamte Jndenheit in allen ihren Schattierungen und Richtungen vereinigen soll. Als vor etwa drei Jahren der sogen. Kulturkampf in der zion. Bewegung tobte und eine ziemlich große Partei die Behandlung und Lösung unserer kulturellen Fragen von den Kongressen forderte, da trat Misrachi mit der präzisen Forderung auf, daß der „Kongreß-Zionismus" von allen anderen Bestrebungen rein erhalten werden muß, die nicht in den Rahmen der politischen Tendenz des Zionismus gehören. Die Misrachisten motivierten diese ihre Forderung dahin, daß der Zionismus ein Betätigungsgebiet für alle Juden sein muß und daher nicht in andere Gebiete eingreifen darf, die eine gemeinsame Arbeit der verschiedenen Richtungen in unserem Volke unmöglich machen könnten. Diese gemeinsame Arbeit ist nur dann möglich, wenn der Zionismus ein politischer Zionismus sein wird.") So genau und präzis hat Misrachi stets die Einigkeit hervorgehoben und sie als den einzigen Weg sür die Erreichung unseres Zieles und als den größten Erfolg des Zionismus bezeichnet. lind so ist cs merkwürdig, lvie die Gegnerschaft des Misrachi im Laufe einiger Jahre eine so entgegengesetzte Wendung genommen hat. Während man vor einigen Jahren dem Misrachi entgegengehatteu hatte, er sei kulturfeindlich, weil er den politischen Zionismus verfochten hat und die Kulturfrage» vom Kongresse ausgeschlossen wissen wollte, wird gegen, ihn jetzt der Vorwurf erhoben, er sei nicht zionistisch-politisch genug, — er, der immer den politischen Zionismus in den Vordergrund rückte und daher sogar von seinen eigenen Gesinnungsgenossen angefeindet wurde. Wir erachten es aber für überflüssig, Herrn Tr. Max Jungmann ob seiner eines Zionisten unwürdigen Angriffsweise auf die religiöse Jndenheit (Jüd. Rundschau Nr. 40) Satisfaktion zu geben. Wenn er die religiöse Judenheit mit dem protestantischen Muckertum und dem katholischen Zentrum vergleicht, so hat er selbst von seiner unverzeihlichen gründlichen Unkenntnis des Judentums Zeugnis abgelegt — und er hat uns nur diese Arbeit erspart. Diese Verkennung eines großen Teiles des -) So schreibt auch der Führer des Misrachi in seinem zweiten Zirkular: „Der politische Zionismus muß ein Gemeingut des jüd. Volkes sein und darf nicht den Stempel dieser oder jener Partei tragen. Der Kongreß-Zionismus muß derartig beschaffen sein, daß er für das gesamte jüdische Volk annehmbar und möglich wäre. Er muß daher politischer Zionismus sein und soll nicht jene in Hülle und Fülle noch zu leistenden Arbeiten als in ihm inbegriffen aufnehmen, die Anlaß zu Streitigkeiten innerhalb der verschiedenen Parteien in unserer Bewegung geben könnten. Es ist eine der Hauptaufgaben des Misrachi, den Kongreß-Zionismus von allen Arbeiten, die nicht in direkter Beziehung zum politischen Zionismus stehen^ fernzuhalten." . .„Ter Misrachi e.r.klwri'Ä"usdrücklich und betont auf das Entschiedenste, daß der Zionismus das ganze jüd. Volk, alle seine Parteien und Richtungen umfassen muß." jüdischen Volkes und dieser Mangel an Pietät und Toleranz verurteilen sich selbst. Nilr die s a ch l i ch e n Einivände gegen die Gründung des Misrachi solle» hier cntkrä'stigt werden, die, wie bereits gesagt, auf Mißverständnis beruhe» dürften. Man wendet gegen die Misrachisten ei», sic leien orthodoxe Zionisten und nicht zionistische Orthodoxen, denen die Orthodoxie das Hauptwort und der Zionismus das Attribut bedeute. Min will man nicht einsehen, daß die Misrachisten diesen Unterschied überhaupt nicht anerkennen; jüdische Religion und jüdische Nationalität sind »ach der Ansicht des Misrachi untrennbare Begrisse. Unsere Religion ist national, unsere Nationalität — religiös. Weder ist für ihn die Religion sekundär, noch ist cs die Nationalität. Freilich schätzt er die mit unserer Tradition verbundene Nationalität höher, als eine Nationalität ohne Traditio», er sagt aber nicht, das; diejenigen Gesiiiniiugsgciiosse», welche sich der jüdische» Ueberlieferung entziehe», nicht zum Zionismus und mit ihm zum jüdischen Volke gehören. Kein Jude, solange er sich als solcher bekennt, kan» vom jüdischen Volke ausgestoßeu werden und daher auch nicht von der zionistischen Bewegung. Man wirft ferner Misrachi vor, daß er auf feiner Konferenz zu Preßburg nur Fragen religiöser Natur behandelt hat. Man sollte doch aber gerade daraus schließen, daß Misrachi feine besonderen Tendenzen nicht in den politische» Zionismus hineintragen, sondern ans privatem Wege verfolgen will. Denn in dem Augenblicke, wo MiSrachi den politischen Zionismus vor allen ander» Knlturbestrebungen rein zu erhalten sucht, hat er doch selbstverständlich diese Bestrebungen nicht als unberechtigt aus dem allgemeinen jüdischen Arbeitsfeld ausgeschlossen; sie sollen nur aus p r i v a t e in Wege geschehen, d. h. außerhalb der alle politischen Zionisten vereinigenöen Sammelstätte — außerhalb des Kongresses. Es ist also ein völlig verjehlter Standpunkt, wenn man — wie die „Jüdische Rundschau" in der vorigen Nummer — die Existenzberechtigung des Misrachi von der Frage abhängig macht, ob eine Fraktionierung des Zionismus für unsere Bewegung von Vorteil oder Nachteil sei. Man vergißt dabei, daß Misrachi gegen jede Fraktionierung immer gewesen ist und sein wird, d. h. gegen jede Fraktion, die ihre besonderen Tendenzen in den Kongreß hineintragen mochte. Eine Fraktionierung des Zionismus außerhalb des Kongresses ist notwendig und in ihrem Gange unaufhaltsam. Daher wurde die Preßburger Konferenz dazu bestimmt, um über die besonderen Interessen des Misrachi zu beraten und wollte diese nicht mit der Frage des politischen Zionismus verquicken, welch letztere auf den Vorkonferenzen des Kongresses beraten und nur aus dem Kongresse entschieden werden sollen. Es ist uns daher ganz unverständlich, wieso man dazu kommt, deni Misrachi entgegenzuhalterr.

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