Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 39 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39. Wien, 10. Oktober. Heute ist der als Arzt sehr geschätzte und geachtete Polizeibezirksarzt des Polizeikommissariats Wien XX Brigittenau, D r. Josef T o ch, 41 Jahre alt, an Blinddarmentzündung gestorben. Prag (BShmen). 10. Oktober. In Böhmen hot der Landesausschuß zuin ersteninal einen Juden bei der Verleihung einer Stelle berücksichtigt. D r. Hugo N a t h a n wurde zum Sekundärarzt bei der deutschen Abteilung der Landesfindelanstalt zu Prag ernannt. Teplitz (Böhmen). g. Oktober. Sr. Maiestät der Kaiser hat dem Vorsteher des Bezirksgerichts zu Teplitz, D r. Jacob Josef Grünbaum das Ritterkreuz des F r a n z - I o s e f - £ r b e n ä verliehen. ■ El. Budapest, 11. Oktober. Die Tata-Töväroser Israel. Knltusgemeinde begeht ani 18. d. M. das, vierzigjährige Jubiläum ihres seit 23 Jahren wirkenden Oberrabbiners 2r. Markus Händler. Aus diesem Anlasse sindet an dem angegebenen Tage Nachmittags 2 Uhr ini Tempel ein Festgottesdienst statt, wobei nach einer Ansprache des tzlefeierten dessen Sohn, der Lugoser Oberrabbiner Tr. Simon Händler die Festrede halten wird. Um 31/« Uhr Nachmittags wird sodann im Beratungssaale der Stadt Tata eine Festsitzung der isr. Knltnsgemeinde stattfinden. Budapest (Ungarn). Unter imposankr Teilnahme, aufrichtig betrauert und beklagt, wurde heute der Tichter Philipp Höllischer zu Grabe getragen. Im Trauerhause fanden sich Nachmittags 3 Uhr die vornehmsten Vertreter all jener Kreise ein, mit denen Höllischer in Verkehr gestanden: Notabilitäten der kommerziellen Welt, Mitglieder der israelitischen Gemeindevorstehung, Abordnungen der Wohltätigkeits- Vereine, des israelitischen Knabenwaisenhauses, ^Angehörige der Schriftstellerwelt und zahlreiche andere Leidtragende. Herr Rabbiner Dr. K o h n widmete dem Heimgegangenen einen ergreifenden Nachruf. Er gedachte des verdienstlichen öffentlichen Wirkens tzolitscher's, der vckr Jahren auch Gemeindevorsteher und Leiter der Schulangelegenheiten gewesen und pries dann die seltenen geistigen Vorzüge des Poeten, das warnie Gemüt des Menschenfreundes Holitscher. Ter Tempelchor unter Leitung des Oberkantors Professor Lazarus brachte stimmungsvolle rituelle Gesänge zuni Vortrage, dann wurde der Sarg aus den vierspännigen Leichenwagen gehoben und nach dem neueil Ziäkos-Kereßturer Friedhofe befördert, wo die Beisetzung des Verewigten erfolgte. Ter vorgestern verstorbene Advokat Ignaz Bal o g wurde heute Vormittags unter großer Beteiligung angesehener Persönlichkeiten zu Grabe getragen. Budapest, 7. Oktober. Professor David Popper, der sich im Sommer in Karlsbad einer Operation unterzogen, die einen ausgezeichneten Verlaus genommen, hat zur Freude seiner unzähligen Verehrer wieder seine volle Gesundheit zuriickerlangt, doch muß er auf ärztlichen Rat noch kurze Zeit eine Nachkur halten,-welche die Aufnahme seiner künstlerischen Tätigkeit verzögert. Kiew (Rußland). Am 10. v. Mts. verschied plötzlich in Basel im Hause seines Schwiegersohnes Dreyfutz Herr Lasar Brodsky,. eine in Rußland als großer Wohltäter bekannte Persönlichkeit. Nach Millionen zählen die Beträge, die er zu seinen Lebzeiten für allgemeine und sür jüdische Institutionen gegeben hat. Er hinterläßt nach allgemeiner Schätzung ein Kapital von 30 Millionen Rubel. ' Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Nur selten in unserer Zeit heißt es bei Borträgen in jüdischen Vereinen „Sag' zum Augenblick: Verweile", nur selten ist in diesen Vorträgen ein jeder Satz ein Stück neuer Erkenntnis; meistens leider bleibt als das Resultat des gesamten Vortrages ein einziger Gedanke -zurück. Zu den Nednern, die-nicht einen, sondern eine Fülle von Gedanken bieten, gehört unbestreitbar - Herr D r. I s a a c H e i n e m a n n, denn wie aus einem jugendfrischen Borne schäumt ein silberheller' Gedankensprudel aus seinen Worten hervor. „Betrachtungen i m Anschlüsse a n d e n Prophetismus" war das Thema des Vortrages, den Herr Dr: Heinemann ani letzten Sonntag Abend im Verein Tis er es B achur i m hielt und von dem wir nur einen ganz allgemeinen Ilmriß geben können. — Anknüpfend an das Wort eines nicht orthodoxen Rabbiners, daß unsere Bibel nur von einen» Juden verstanden werden könne, versuchte der Redner die jüdische Anschauung vom Prophetismus und Schriftgelehrtentum im Gegensatz zu der christlichen eingehender zu begründen. Bon den christlichen Forschern huldigen die einen der orthodox-kirchlichen die andern der sogenannten liberalen Auffassung des Prophetismus. ' Die orthodox-kirchliche Auffassung stimmt zwar mit der unsrigen darin überein, daß auch für sie das sogenannte Alte Testament auf göttlicher Inspiration beruht, allein sie unterscheidet sich von der unsrigen sehr wesentlich, indem sie lehrt, daß die Thora für die Juden seit der Ankunft des Erlösers nicht-mehr verbindlich sei, daß die Aufgabe der Propheteü sehr wesentlich darin bestanden habe, die Aükunft. des Gottessohnes zu weissagen, und daß cs eine strasbarc Hartnäckigkeit, von. den-Juden ge¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. wesen sei, die Verkündung der neutestamentlichen Heilsgeschichte durch die Propheten zu leugnen. Selbstverständlich nmß jeder, der entsprechend der Lehre der Thora an einen unkörperlichen Gott glaubt, die Lehre.vom Gottes Sohn in der bekannten neutestamentlichen Fassung aufs entschiedenste ablehne» und schon deshalb ist, von allen philosophischen und philologischen Gründen ganz abgesehen, für uns die Annahme einer Verkündung jener Lehre durch die Propheten ausgeschlossen. Ueberhaupt aber hat die Aufgabe der Propheten nicht im Weissagen bestanden. „Propheten" in - dem Sinne, wie wir etwa von Wetterpropheten sprechen, sind die Newiini keineswegs, vielmehr besteht ihre Aufgabe darin, die Treue zu der Lehre Gottes zu stärken, und geweissagt haben sie nur, um entweder ihre göttliche Sendung durch das Eintreffen der Weissagungen zu dokumentieren, oder — wie bei der Verkündung von Strafgerichten — um das Volk durch den Hinblick auf die Zukunft zu treuer Pflichterfüllung anzuhalten. Bon unser» Vätern sind hunderte gestorben für die Iteberzeugung, daß die Weissagungen der Propheten sich nicht auf den Heiland des Reuen Testamentes beziehe», und cs ist eine späte Genugtuung sür unsre Märtyrer, daß heute die Enkel ihrer Peiniger größtenteils einfehen,. daß die alttestamentlichcn Weissagungen mit der neutestamentlichen Heilsgeschichte nichts zu tun haben. Aber auch die sogenannte liberale Theologie wird den Propheten nicht völlig gerecht. Zwar erblickt sie den eigentlichen Beruf der Propheten ganz richtig in der Ermahnung des Volkes, und der größte Teil ihrer Vertreter erkennt den Propheten eine außerordentliche Bedeutung für die Religiousgeschichte zu. Allein jene Auffassung leugnet die Inspiration der Propheten und glaubt vielmehr, daß nur eiuzetnc bedeutende Propheten einen vollkommenen reinen Begriff von Gott und Religion gehabt haben; ferner konstruiert sie einen Gegensatz zwischen den Propheten und dem „Gesetz", indem die bedeutendsten Propheten jedes Ritual verworfen hätten, das „Gesetz" aber in einer rein äußerlichen Erfüllung der rituellen Pflichten das Wesen der Religion erblickt. An die Propheten habe Jesus, beziehungsweise Paulus, au das Gesetz die Pharisäer angcknüpft. Dieser Standpunkt beruht aber, wie der Redner im einzelnen »achweist, >vas die Trübung der Gotteserkenutnis bei den Propheten betrifft, aus vielfachen Jrrtümer» und Willkürlichkeiten, insbesondere darauf, daß man annehme, ein Prophet könne diesen oder jenen Gedanken nicht gehabt haben, weil er sich in den, meist nur sehr wenigen Kapiteln nicht findet, die von ihm erhalten sind. Der Versuch jener Kritiker, innerhalb der Propheten eine Entwickeln ngsgeschichtc zu konstatiere», wie sie sich etwa in der Geschichte der griechischen Philosophie nachiveisen läßt, kann schon deswegen nicht gebilligt werden, weil die Propheten sich, wenn eine solche Entwicklung stattgefunden hätte, der Unterschiede untereinander ebenso bewußt gewesen wären, wie cs die griechischen Philosophen waren: in Wahrheit aber habe» zwar die griechische» Denker beständig gegen ihre Vorgänger polemisiert, während die Propheten sich durchaus einig fühlen, ihren Zeitgenossen zum Vorwurf machen, daß sie auf die Lehre „d e r" Propheten nicht gehört Hütten, und daß sie die „Lehre Gottes" nicht achteten, zu deren Befolgung die Propheten einmütig sie ermahnten. Auf das Verhältnis zwischen dem Prophetenwort und der Lehre Gottes (denn das Wort „Gesetz" entspricht ja unsrem Worte Thora keineswegs, ist vielmehr geeignet, ganz falsche Vorstellungen zu erwecken) konnte der Redner, mit Rücksicht auf die vorgerückte Stunde, nur mit ein paar Andeutungen eingehen. Es ist durchaus falsch, daß die Propheten den äußeren Gottesdienst schlechthin verworfen hätten, vielmehr finden wir durchweg die Ueberzengung, daß das Opfer des Frommen (Juden oder Heiden) Gott wohlgefällig sei; vielmehr wenden sich die Propheten aufs schärfste gegen die Anschauung, das; man ungestrast moralische Vergehen auf sich laden dürfe, wenn man nur die äußeren Pflichten getreu erfülle; und damit entsprechen sie durchaus den Anschauungen der Thora, die ganz besonders im dritten Buch Mosis die Heiligkeit des Menschen als das Ziel der Gebote bezeichnet. Auch unsre Weisen versuchten uns eben diese Anschauung einzuprägen, indem sie den Satz „daß Gott uns durch seine Gebote geheiligt hat" unzählige Male in unsren Gebeten wiederkehren lassen. Während nun auch auf liberal-christlicher Seite unwillkürlich vielfach nicht gefragt wird, lvas die Propheten gewollt haben, sondern vielmehr, in wiefern sie für das Christentum Bedeutung gehabt haben, wollen und sollen wir Juden unbefangen den Beruf der Propheten darin erkennen, daß sie „Bundesträger sür das Voll und Lichtträger für die Rationen" (Jesaia 42, 6) haben fein wollen und gewesen sind. Es ist die Aufgabe der Weisen gewesen, dasjenige, was zur Zeit der Propheten nur die Anschauung einzelner getvesen war, zum Besitz des ganzen Volkes zn machen, und die Einzelvorträge der Vereinsmitglieder, welche in diesem Winter die talmudische Zeit behandeln sollen, werden vor allem auf die Frage einzugehen haben, welche Mittel unsre Weisen zu diesem Zwecke angewendet haben. Frankstrrt a. M. Verein Montefiore (E.B.) Wie man uns mitteilt, haben die zwischen dem .„Montefiore" und dem Verein für jüdische Seite 3. Geschichte und Literatur, hier gepflogenen Unterhandlungen zu einem Abkommen geführt, wonach den Mitgliedern des „Montefiore" freier Zutritt zu den Borträgen des genannten Vereins gegen Vorzeigung ihrer Mitgliedskarten gewährt wird. Bei der Wertschätzung, der sich die gediegenen Vorträge des Vereins f. j. G. u. L. allgemein erfreuen, ist zu hoffen, daß recht ausgiebiger Gebrauch von dieser Vergünstigung gemacht wird. Tie in» Arbeitsprogramin des „Montefiore" vorgesehene Vortragsreihe (vergl. Nr. 37 unseres Blattes) beginnt n ä ch st e n M i t t w o ch. Ter Eröffnungsabend wird mit einer Ansprache des Ehrenpräsidenten, Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Tr. Horovitz eingeleitet werden. Musikalische und deklamatorische Borträge von Mitgliedern, die sich hieran anschließen, versprechen der hoffentlich recht zahlreichen Hörerschaft einige angenehme Stunden. Zu den Turn- und Stenographie- K u r s e n liegen bereits zahlreiche Anmeldungen vor, und, da die Teilnehmerzahl naturgemäß nur eine beschränkte sein kann, ist den Interessenten recht baldige Anmeldung zu empfehlen. Frankfurt a. M. Die Freie Chor-Vereinigung, welche vor einigen Jahren von Mitglieder» des Synagogeu-Chors der II. (Gemeinde- Synagoge gegründet wurde und die schon mehrfach mit gutem Erfolg vor die Oeffentlichkeit trat, hat ihre Wintertütigkeit begonnen. Die musikalische Leitung der Bereinigung wurde Herrn Kantor Reumann übertragen, die Proben finden jede» Donnerstag, abends 0 Uhr, im Hotel Dicht, Hanauerlandstraße, statt, woselbst auch Anmeldungen als passives oder aktives Mitglied entgegengenommen werden. G Feuilleton. @ Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. (Fortsetzung). Die bisher vollführten Kriegstaten jenes großen Mannes, welche die ganze Mitwelt in Erstaunen setzen, werden einst zahlreichen Stoff zu einem bändereichen Geschichtswerk liefern. Ich beschränke mich, nur das anzuführe», was er für unsere Juden tat. In dem während seines Konsulates unter seiner Leitung entworseueu Gesetzbuch „Code Napoleon", spricht er als (Grundlage der. französischen Gesetzgebung den Satz aus: „Jeder Franzose soll der bürgerlichen Rechte teilhastig sein": hierin liegt die vollkommenste Gleichstellung aller Stände und Glaubensbekenntnisse. Mag man einst den sittlichen Wert von Näpoleon's Handlungen beurteilen, wie man will, das wird man ihm nachrühmen müssen, daß er die. geistigen Anlagen bei Jedem seiner Untertanen ohne Vorurteil zu würdigen und gehörig zu verweudeu wußte. Mit der stillschweigenden Anerkennung der Staatsbürgerschaft der Israeliten begnügte er sich aber nicht; um jedes gegen uns noch eingewurzelte Vorurteil vollends Ll» vernichten, berief er im Jahre 1808 eine Versammlung der angesehensten Rabbiner Frankreich'- unter dem Namen „Synhedrium" nach Paris, wo er ihnen die Fragen vorlegte: ob die Israeliten in jedem Menschen ihren Nächsten, in jedem Lande, dessen gesetzlichen Schutz sie genießen, ihr eigentliches Vaterland und in jedem Landesherrn ihr rechtinäßiges Oberhaupt anerkennen usw., und machte von der günstigen oder ungünstigen Beantwortung dieser Fragen die Zu- oder 'Nichtzulassung der Israeliten zum Vollgenuß der bürgerliche» Rechte abhängig. Die Antwort fiel selbstverständlich bejahend aus, woraus sogleich die feierliche Anerkennung der Inden als gleichberechtigte Landeskinder erfolgte. Aber auch den inner» Angelegenheiten der französischen Judenheit wandte Napoleon ein väterliches Auge zu: zn diesem Zwecke errichtete er für den ganzen Umfang, seines Reiches sieben Bezirks-Kirchenbehörden (Departemental-.Konsistorien), jedes ans einem Rabbiner und drei weltlichen Mitgliedern bestehend, zur Leitung der jüdisch-religiösen Angelegenheiten. Ich schreibe dies kurz nach Abschluß des Znaimer Waffenstillstandes zwischen Frankreich und Oesterreich, wobei Letzteres an Ersteres fast den dritten Teil seines Ländergebiets abtreten, noch dazu unermeßliche Kriegskosten zahlen und seine wichtigsten Festungen schleifen lassen niußte. Frankreich, oder besser dessen Alleinherrscher, steht gegenwärtig auf dem Gipfel seiner Macht: Oesterreich und Preußen sind tief gedeinütigt, die meisten europäischen Länder, mit Ausnahme Rußlands, Englands und der Türkei stehen zu ihm in größerer oder kleinerer Abhängigkeit; alles beugt sich demütig und bewunderungsvoll vor dem kühnen Emporkömmling; wird dies aber immer so bleiben? wer weiß! — Uebergroße Gewalt führt gewöhnlich zuni Mißbrauch, und dieser endlich — zum Untergang; denn der Mißbrauch ist das Grab der Gewalt. „Es war am frühen 'Morgen des 20. Juli 1809, als die Bewohner der Stadt R. in Mähren von einem mächtigen Trommelwirbel geweckt wurde». Alles erhob sich vom Lager und kleidete sich an: man schickte Boten nach der Richtung aus, woher die Tromnielfchläge