Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 39 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. soll der Begriff des Eigentums heiliger sein als die religiösen Begriffe, - die samt und sonders für Irrtümer erklärt werden? Welche Freiheit uns blühen wurde, wenn das System der radikalen Freidenker das herrschende würde, das ist aus den Debatten über die Schule zu ersehest. Zwar will Prof. Bnisson das Recht, ans Hypothesen und.„sogar das Recht auf Jrrtu»i".(womit schonend die Religion ausgedrückt ist) gewahrt wissen. Prof. Scrgi aber verlangt die vollständige Verweltlichung der Schule, die Unterdrückung jedes konfessionellen Unterrichts und die Ersetzung der religiösen Moral durch die wissenschaftliche. Es soll also verboten werden, Privatschnlen zu errichten, in welchen die Religion nicht offiziell als Irrtum bezeichnet wird. Der politische Charakter, den die Verhandlungen des Kongresses trugen, ist erklärlich, wenn man bedenkt, daß die Teilnehmer zum größten Teil aus den romanischen Ländern kamen, wo der. politische Kampf gegen den Klcrikalismus ini Vordergrund des Interesses steht. Das „Volk der Denker" war nur schwach vertreten. Der Hauptvertreter aus Deutschland war Ernst Häckcl, dessen Art, die Religion zu bekänipfen, sattsam bekannt ist, und der den Kongreß vergeblich dazu benutzen wollte, ui» eine.» Bund der Monisten aller Länder zu begründen. Er wollte auf diese Weise wohl seine fixe Idee, Religionsstifter zu werden, zur Verwirklichung bringen. Die stürmische Begrüßung, die gerade ihm, dem unsympathischsten Gegner der Religionen, zu teil wurde, ist nicht geeignet, die Wertschätzung für den Kongreß zu erhöhen. Bei solchen Gelegenheiten wird man immer wieder an das geistvolle Wort erinnert: „Der.Fanatismus des Unglaubens ist größer, als der des Glaubens." Gewiß sind im Namen der Religion viele und große Gräuel verübt worden. Wer ebensowenig wie man die Abschaffung des Staates verlangt, weil es. Staaten und Herrscher gegeben hat, welche jede Freiheit unterdrückten und die primitivsten Gebote der Sittlichkeit mit .Füßen traten, ebensowenig soll man die Religion über Bord werfen, weil sic zu Mißbräuchen Veranlassung gegeben hat. Man soll die Mißbräuche bekämpfen; aber man soll sich hüten, der Menschheit die Ideale zu rauben, welche sich von jeher als die festesten Stützen der Moral erwiesen haben. Aus aller Well. Deutschland. Frankfurt a. M. Wir machen unsere Leser aus das Inserat Kinder hilfstag aufmerksam. Es ist bei dem uns Inden angeborenen Wohltätigkcitssinn selbstverständlich, daß die Beteiligung aus jüdischen Kreisen an diesem Merke der Nächstenliebe eine warme und eine allgemeine sein wird. Karlsruhe. Laut Mitteilung des Großherzogl. Notariats II. hat die vor kurzem verstorbene Privatiere Dorothea Kusel von hier letztwillig verfügt, daß von ihrem Vermöge» arme alteJuden 1000 JL und eine gleiche Summe arme alte Leute anderer Konfessionen zusammen erhalten sollen. Ter Stadtrat beschloß, das Vermächtnis zu gunsten der Armenkasse (Wohltätigkeitssonds) anzunehmen. München, 8. Okt. Der neue israelitische Friedhof, der nach den Plänen des Baurats Größer in unmittelbarer Nähe des neuen nördlichen Friedhofes in Schwabing errichtet wird, soll noch im kommenden Jahre in Benützung genommen werden. Avlcol b. Hannover. Sonntag, den 9. Okt. 1904 In Anwesenheit des Vorstandes und einiger Mitglieder des Berliner Lokaltomitccs fand in der I s t a c l it i s ch en Er z i e h u n g s a n st a l t die Eröffnung einer Ausstellung von Erzeugnissen der Anstalt statt. Nach einem einleitenden Liede, das von Zöglingen der Anstalt gesungen wurde, begrüßte der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Konsul A. M. Simon, die Anivescnden; besonders dankte er den .ans der .Ferne herbei geeilten Damen und Herren für das Interesse, welches sie durch ihre Anwesenheit den Bestrebungen unserer Anstalt gegenüber kund getan. Im Namen der Berliner Gäste, unter denen Herr Martin Simon, Herr N. Pinkus und die Herren Louis Rosenbaum und Dr. Ginsbcrg mit ihren Damen waren, sprach Herr I. Freymart. Redner führte aus, daß gerade Ahlem gezeigt habe, von welcher eminenten Bedeutung die einschlägigen Bestrebungen für die herainvachsende jüdische Jugend sind. Gerade Ahlem könnte und sollte als Vorbild i»ieuen für die Gründ¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 39. ung anderer Anstalten, und er wünsche, daß das Interesse aller Glaubensgenossen an der Anstalt und ihren Zwecken immer mehr zunehmen möge, zum Wohle der Anstalt selbst uud der gesamten Judenhcit. Das in der Ausstellung dem Beschauer Dargebotene zeigte die Mannigfaltigkeit der dortigen Arbeiten. Sowohl - die Produkte des Gartenbaues, als. auch die der Handwerksbetriebe , Schuhmacherei, Bäckerei, Imkerei — und besonders auch dle.pon Schülern und Lehrlingen im Handfertigkeitsunterricht angefextigten Buchbinder- , und Holzarbeiten aller Art, erfreuten sich Aller Anerkennung und fanden ungeteilten Beifall. An die Besichtigung der Ausstellung schloß sich ein Rundgang durch die Plantagenanlagen, tvobei es von besonderem Interesse für die Gäste war, die Zöglinge der Anstalt bei der Arbeit zu sehen. Die Gäste, welche dann noch einen Besuch im Mädchenhause abstatteten, erfreuten, sich auch dort an den ausgestellten Handarbeiten und den verschiedenen Garten- und Küchenprodukten. K, Neidenburg (Ostpreußen), 4. Oktober. Feuer entstand am 3. Oktober nachmittags auf bis jetzt unaufgeklärte Weise aufdem jüdisch en Friedhof e. Dasselbe verbreitete sich mit großer Schnelligkeit über das trockene Gras und die hölzerne Umfriedung, die vollständig vernichtet ivurde. Wahrscheinlich hat das Feuer seine Ursache im unvorsichtigen Umgehen mit Streichhölzern. Posen, 2. Oktober. Die deutsche Akademie i» Posen war im letzten Sommcrsemester von 825 Personen besucht/Darunter 496 Männer, 329 Frauen. Ter Konfession nach scheiden sich die Besucher der Akademie in 403 Protestanten, 154 Katholiken, 206 Juden und 62 Personen ohne'Angabe der Konfession. Oesterreich-Ungarn. Wien. Aus der Baron Hirsch-Stiftung. Wie das Jüd. Volksblatt erfährt, steht im Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung eine Krise bevor. Ter Präsidentstellvertretcr Sektionschef Eduard Ritter v. G n i c w o s z, der schon bei der Gründung der Stiftung sich große Verdienste um dieselbe erworben, hat nicht nur seine Würde als Präsidentstellvertretcr niedergclegt, sondern auch sein Mandat als Kurator dieser Stiftung in die Hände des Ministers für Kultus und Unterricht zurückgclegt. Nachdem seine Beschwerden gegen die gegenwärtige Wirtschaft in der Verwaltung der Baron Hirsch-Ltiftung, besonders aber seine schwerwiegenden Bedenken gegen das geplante Schulanlehen, im Kuratorium keinerlei Beachtung gefunden haben; kann es nicht wundernehmen, daß Herr v. Gnicwosz sich nicht dazu hergebeu lvill, Tinge gntzüheißen, die ihm als dem Zwecke und dem Geiste ' der Stiftung zuwiderlausend erscheinen. Wie«, 9. Okt. Die Judenexzesse in Rußland. Entgegen den von der „Russischen Tclcgraphcnagentur" verbreiteten offiziösen Beschwichtigungsnachrichten kann auf Grund zuverlässiger, -hier aus Südrußland'cingclangter Meldungen nur bestätigt werden, daß die von den einbernfenen Reservisten veranstalteten Unruhen ail zahlreichen Orten einen ernsten Charakter hatten. Die Polizei unterdrückte sie gar nicht oder sehr spät. In Jekaterinoslaw, einer bedeutendsten Fabrik- und Handelsstadt, wurden im September infolge der Unruhen 40 jüdische Familien an. den Bettelstab gebracht und nur einer organisierten S c l b st w c h r der Inden, die sich mit Stöcken und Messern bewaffneten, gelang cs den Exzessen ein Ende zu machen. Im Städtchen Alexandria wurden die Juden am Bcrsöhnii iigstag in der Synagoge überfallen; zwei jüdische Studenten sind infolge der ihnen beigebrachten Wunden bald darauf gestorben. In K i s ch i n e w hat dieser Tage der Freispruch Kawerin's und der anderen stadtbekannten Totschläger die lebhafte Besorgnis wachgernfen, daß es zw neuen Ueberfällen kommen werde, da bei dem sonderbaren Justizverfahren die Straflosigkeit für Plünderungen und T o t sch l a g der Juden nahezu sicher erscheint. Ter neue griechischorthodoxe Archierej in Kischinew, ein human gesinnter Priester, hat kürzlich in einer Ansprache auf die furchtbare Notlage in Rußland und das Kriegsunglück hingewiesen, und hinzugesügt: „Andere mögen diesen unsäglichen Jammer durchs politische und ökonomische Gründe erklären; ich sage euch, er ist eine Strafe von Gott für das unschuldige Blut eurer jüdischen Mitbürger, das ihr im vorigen Jahre vergossen!" — K. Lemberg, 4. Oktober. Oesterreichs Neutralität und die A u s l i e f e r u n g russischer Deserteure. Aus Intervention der galizischen- Landtagsabgcordnete» Dr. Löwenstein und Dr. von Rapaport hak der Statthalter von Galizien, Graf Potocki, dem Bezirkshauptmann von Brody auf telegraphischem Wege de» Befehl erteilt, die sieben unlängst' angchaltenen Deserteure nicht an Rußland auszuliefcrn. Tomen izek sBöhmen). Böswilliges Gerücht. Am 2. er. wurde hier ein siebzehnjähriges Mädchen mit mehreren Schnittwunden aufgcfunden. Ein Weber namens Tlusty hat durch die Hinweisung auf den durchschnittenen Hals das Gerücht zu verbreiten gesucht, die Juden hätten das Mädchen , zu rituellen Zwecken.'geschlachtet.. .Tlusty . würde.jedoch verhaftet' und er gestand sofort ein, daß er selbst das Mädchen ermordet hat. ' Galantha. Am Simchas-Tauroh hat der hiesige orthodoxe Gemeinde-Präses Menke Kalis ch beim Mischaberach als Choson-bcreschis, zum Zwecke der Unterbringung der Talmnd-Thora-Schule und der Schas-Chewroh der Gemeinde ein H an s i ni Werte vo ii 12 000 Kr.onen gespendet.; ' Rutzlllttd. 'V. Warschau. In Rudnia im russischen Gouvernement Mohilcw brachen Exzesse gegen die Juden aus, gerade als eine Jiifanteriereserveabteilung durch das Städtchen marschierte. Die Bauern aus den Nachbardörfern beteiligten sich an den Exzessen. 'Eine Sichcrheitswache war nicht zu sehen. Die Juden wurden mißhandelt, die Fenster der Häuser, in denen Juden wohnten, wurden zertrümmert. Als die Exzedenten in die Häuser eindrangen, setzten sich die Juden zur Wehr und drängten sie zurück. Kischinew. Bor einigen Tagen begann wieder eine weitere Serie von Prozesse,» gegen die Teilnehmer an der Judenniedermetzlung im Frühjahr 1903. Trotzdem Plehwe nicht mehr lebt, sind Handlung und Schluß dieser Justizkomödien dieselben geblieben und die Mörder wurden freigesprochen. Kiew. Der Magistrat von Kiew hat vorgeschlagen, der Regierung ein Gesuch'zu unterbreiten, zu Ehren des bekannten, vor einigen Tagen in Basel verstorbenen Philantropen Kommerzienrat Lasar B r o d s k y, den Prozentsatz der jüdischen Schüler in sämtlichen Schulen Kiews zu vergrößern. Odessa, 10. Oltober. In Anbettacht des großen Elends, das die Aushebung der Reserve unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung hervorgerufen hat, bewilligte das Zentral-Komitee der. Alliance Jsravlite Universelle eine Unterstützung von 20000 Fr. _ '/Jekaterinoslaw. Die am «samstag vor unserem ykeujahr in Jekaterinoslaw stattgefnndenen Judenkrawalle wurden ' von - noch einigen Folgeerscheinungen begleitet: Am Montag, sowie am Dienstag wurden mehrmals Versuche-gemacht; die Plünderungen .fortzusetzen. Die Reservisten vereinigten sich mit Vagabunden und zogen durch die von Inden bewohnten Straßen uiiter wildem Geschrei. Sie zerschlugen Fenster und Türen, wurden aber bald von Kosaken durch. Anwendung ihrer Peitschen zerstreut. Auch wurde eine Selb st v crtc i d i g u n g unter den Juden organisiert, die an manchen Stellen guten Erfolg hatte; ' ■ 1 . ~ Personalien. Berlin, 9. Oktober. Prof. Ernst Salkowsli, der Vorsteher des. chemischen Laboratoriums der hiesigen pathologischen Universitätsanstalt ist von der Gesellschaft der Wissenschaften zu Upsala zum ausländischen Mitgliede ernannt worden. Es handelt sich, dabei uni eine Ehrung zum - 60. Geburtstag, den Birchows langjähriger - Mitarbeiter am 11. er. begeht. .. . Berlin, 5. Oktober. Gestern feierte Frau Witwe F. Jsaac im Hospital der Jüdischen Gemeinde, Oranienburgersträße 31; ihren 92.- Geburtstag. Trotz-ihres hohen Alters ist die Juhilarin noch bei .voller Rüstigkeit.. . . Berlin,. 4. Okt. Herr Isidor Löwe, Generaldirektor der Firma Ludwig Löwe'ü. Co. , (man erinnert sich der Ahlwardtschen Broschüresel. Angedenkens „Judenflinten") ist zum Geheimen K o m m e r z i e n t a t. ernannt worden. Köln, 8. Okt. In die „Internationale K o m m i s s i o n.zur Bearbeitung einer Denkschrift für die diplomatische Konferenz in -Bern" hat der internationale Kongreß gegen die unsittliche Literatur ans Deutschland auch den Rabbiner Dr. Fra n k aus Köln gewählt. Ttratzburg, 6. Oktober. Der außerordentliche Professor der Geschichte in Straßbnrg, Dr. Herrn a ii n B l o ch, ist mit Wttkuüg vom 1. Oktober zum ordentlichen Professor an der Universität Rostock ernannt worden. Wien. 4. Ott. Heute starb hier, der Profeffor an der Staatsrealschule im- 18. Bezirke, Herr Dr. Leopold Dinner.im Älter von 64 Jahren. — Am 8. d. M. feierte der erste Kantor bei der israelitischen Kultnsgemeinde in Wien, Herr Moritz' Blatt, sein 25 j ä h r i g e s D i e n st j u b i l äu in. K Wien, 7. Oktober. Anläßlich seines ^.Geburtstages kamen dem Professor des' Wiener .Konservatoriums D r. Joseph Gänsb ach er zahlreiche schriftliche und telegraphische Glückwünsche und eine Füllc duftender Blumengrüße zu.' Besondere Freude bereitete dem Jubilar eine schöne in Bronze ausgeführte Pläquette von dem Budapester Bildhauer Joses Rona, derselbe, welcher das Kaiserin Elisabeth-Denkmal in Gödöllö und das Prinz Eugen-. Denkmal in Budapest geschaffen hat.- Frau- Gisela Rona-Kemenyffi, die- Gemahlin des Künstlers, eine ehemalige Schülerin Gänsbachers, hatte ihren Lehrers mit diesem Kunstwerk überrascht. Wien, 5. Oktober. Nach der amtlichen,/Wiener Zeitung"' genehmigte der Kaiser unter' .anderem auch die Wahl des Professors Dr- R o se n 6;its ch ,Seidel-) berg.^zum koittespondiere.ndell..Mftglied -der/Mademir' der. Wissenschaften. J.? ' ------- ---