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Neue jüdische Presse · 1904-10-14 · Heft 39 (14.10.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 39 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 39. kamen, und bald vernahm man. Laß eine ansehnlich» französische Heeresabteilung sich gegen die Stadt in Bewegung setze. Diese Nachricht brachte in der Einwohnerschaft die verschiedenartigsten Gefühle hervor: hier Bestürzung, weil die Franzosen sich tüchtig auf's Brandschatzen verstehen, welche schmerzsiche Erfahrung die Bewohner jenes Ortes vier Jahre vorher nach der Schlacht bei Austerlitz sattsam gemacht hatten; dort .Freude, weil die Franzosen auch etwas an sich verdienen lassen. Wie gewonnen, so zerronnen: was die Franzosen einerseits in Scheffeln nehmen, lassen sie sich andrerseits in Löffeln wieder abgewinnen. Die Straßen wimmelten von Neugierigen, welche die ankommenden Sieger zu sehen begierig waren. Nur eine Glaubensgenossenschaft vermißte man, und zwar die Juden; diese dachten an jenem Tage nicht an Napoleon und die Franzosen, sondern an Nebukadnezar und Titus, an Babylon und das alte Rom, die Zerstörer des ersten und des zweiten Tempels. Es fiel nämlich gerade auf jenen Tag der neunte des Monats W, der Zerstörungstag Jerusalem's! Der jüdische Gemeindevorstand machte zwar die Anfiage beim Ober-Landesrabbiner David . . . ., ob man nicht für denselben Tag ausnahmsweise den Gottesdienst unterbrechen und den Franzosen eine Gesandtschaft entgegenschicken sollte, um sie durch höfliche Bewillkommnung zur Milde zu stimmen; der Rabbi aber erwiderte: „Da die Franzosen ebenso Geschöpfe Gottes wie wir sind, machen wir zuerst diesem, dann ihnen die Aufwartung; übrigens werden sie uns den Teil der Brandschatzung, der uns zufäsit, morgen auch noch abnehmen." Die jüdischen Gotteshäuser waren voll Andächtiger, welche laute Klagelieder über die Zerstörung der einstigen Fürstin der Städte, die Verbrennung des einst so prächttgen Salomonischen und Herodianischen Tempels und den Verlust der volkstümlichen Selbständigkeit anstimmten. Die Wände der Gotteshäuser waren schwarz behängt, die Bundeslade ihres äußern Schmuckes, des sammtenen Vorhangs, ganz entblößt; die Anwesenden saßen nicht auf ihren gewöhnlichen Bänken, sondern auf den der Länge nach umgelegten Ständern; zu ihren Füßen lagen ihre Stroh- oder Filzschuhe, welche sie beim Eintritt in's Gotteshaus, als-Zeichen der Trauer, abgelegt hatten. Jeder hatte seine größeren Jungen, welche schon am Gottesdienst teilnehmen konnten, um sich, und hielt sie zu andächtiger Aufmerksamkeit an. Da tritt oft während des Absingens der Klagelieder ein vierjähriges Bürschchen, seinen Vater zu sehen begierig und die Würde des Ortes noch nicht kennend, mit vollem Atunde und eine angebissene Semmel hoch in der Hand tragend, in's Gotteshaus; er sieht sich schüchtern um und sucht seinen geliebten Gegenstand; die Herren, die ihn bemerken, zeigen ihm lächelnd den Platz, wo der Vater sitzt; er schleicht langsam von rückwärts hin und, dort angelangt, klopft er dem Papa aus die Schulter; dieser sieht sich erstaunt um, empfängt den Kleinen mit väterlicher Zärtlichkeit, nimmt ihn auf den Schoß, und bedeutet ihm leise, die Semmel einzustecken unb sich ruhig zu verhalten. — Da wandelt einen Spaßvogel aus der Nachbarschaft die böse Lust an, einen Strohhalm von der Erde aufzuheben und den Kleinen damit hinter'm Ohr zu krabbeln; dieser fährt hastig mit dem Händchen nach der beleidigten Stelle und frägt etwas vorlaut: „Wer hat das getan?", worauf unter der Nachbarschaft eine allgemeine Heiterkeit entsteht. Der böse Täter hat sich unterdessen wieder in andächtige Stellung versetzt und sieht mit solcher Andacht in das Klageliederbuch, daß man schwören möchte, er sei unmöglich zu so Etwas fähig. — Ein solcher Vorfall gehört nur zu den kleineren Heiterkeiten, welche den um Zion's längst entschwundenen Glanz Trauernden eine angenehme Abwechslung bieten. Es gibt aber noch größere: die Klagelieder nämlich werden abwechselnd von einzelnen Begabten oder sich begabt Dünkenden abgesungen, wobei der alte Spruch gilt: „Wer zuerst kommt, mahll erst". Kaum hat nun der Vormann das letzte Wort des vorhergehenden Liedes geendigt, als sein Nachfolger bereits anfängt; nun aber ereignet es sich oft, daß mehrere Bewerber zugleich da sind, von denen Keiner dem Andern das Feld räumen will, bis ein Machtspruch des Rabbi oder des Vorstehers, nötigenfalls von einem Klopf auf den Ständer begleitet, Einem den Sieg zuerkennt. Kommt nun Einer, der der hebräischen Sprache minder kundig ist und so manchen Verstoß gegen die Sprachregeln macht, so daß der liebe Herrgott die größte Mühe hat, sich den Sinn herauszubuchstabieren, um zu wissen, was der gute Herr eigentlich 'von ihm gewollt hat; kommt endlich Einer, der mit minder gefälliger Singstimme begabt ist, oder gar auf ein Lied herzzerreißenden Inhalts die Sangweise von: „Schöne Minka, willst Tu scheiden" oder gar von: „Ei, du lieber Augussin" macht, da erreicht die Heiterkeit den höchsten Grad und, der Fasttag hat sich förmlich in eine Fastnacht umgestaltet. — Diese Abschweifung gehört zwar nicht in meine Lebensgeschichte, ist aber dennoch ein Wort an seinem Ort, welches manches zu denken gibt. Eben sagt der Rabbi die Schlußverse des Klagelieds: „Die Zedern des Libanon" mit größter Rührung, worin die ganze Gemeinde schluchzend einstimmte, als ein ftanzösischer Oberst, begleitet von sechs 'Soldaten in die sogenannte „Altschul" eintrat; die Anwesenden erhoben sich erschrocken von ihren Sitzen; er aber rief ihnen fteundlich zu: „Fahren Sie nur fort; Iwri anochi (ich bin ein Hebräer)!" Mle winllen ihm nun freudig zu und Jeder bot ihm seinen Platz an, bis endlich der Vorsteher, welcher ihm entgegen gegangen war, und ihm seinen Ehrenplatz angewiesen hatte, den Vorrang der ehrenvollen Nachbarschaft erhielt; die Begleiter, ebenfalls Juden, wurden ebenso auf anständige Plätze untergebracht, und der Gottesdienst wurde fortgesetzt. Die Ehrenbegleitung des Oberst, sogenannte Ordonanz, blieb bis zur. Beendigung der Trauerfeier vor dem Gotteshaus stehen. Die ganze Gemeinde war von diesem Vorfall tief erbaut und von allen Blicken las man den freudigen Stolz, einen Oberst jüdischen Glaubens kennen gelernt zu haben. Noch höher stieg die allgemeine Erbauung, als nach vollendetem Gebet der Oberst sich demütig hinter den .Vorbeter stellte, und laut und feierlich Knddisch sagte: er beging nämlich an jenem Tage den Sterbetag seiner Mutter. Darauf rief er den Küster herbei und gab ihm ein goldenes Zehnfrankenstück mit der höflichen Bitte, zu Ehren seiner Mutter^ ein großes Wachslicht im Gotteshaus anzuzünden, und den Ueberschuß zu guten Zwecken zu verwenden. Der glückliche Empfänger drückte dem edlen Spender dankbarst die .Hand, wünschte ihm das größte Glück auf Erden, dessen Mutter die sanfteste Ruhe im lichten Paradiese, und innerlich sich — täglich zehn solcher Kaddischsager. Jetzt trat der Rabbi zu dem Oberst hin mit den Watten: „An jedem andern Tag hätte ich Sie bei mir zu einem Frühstück geladen, da dies aber heute nicht sein darf, erlaube ich mir. Sie vorerst zu bitten, mich mit Ihrer Begleitung auf den guten Ort*) zu beehren; Abends nach Sonnenuntergang sind Sie mein verehrter Gast zu einem Fastenimbiß!" Der Oberst willigte sofort ein und begab sich, den Rabbi zu seiner Rechten, den Vorsteher zu seiner Linken, aus dem Gotteshaus; hinterher die sechs jüdischen Wasfengefährten, darauf die Ordonanz mit gezogenem Gewehr und zuletzt die Gemeinde, zwei und zwei gepaart. Als Harun al-Raschild Carl dem Großen durch den Juden Isaak unter andern Geschenken auch einen Elephanten schickte, den ersten, den man noch je in Deutschland sah, konnte kaum ein größerer Volkszulauf gewesen sein, um das seltene Tier zu betrachten, als in der Judengasse zu N., um einen Oberst jüdischen Glaubens zu sehen. Ein *) Friedhof. Jud« OB»*ft, wo hat man das noch j« in Oesterreich gesehen? — Dann ging der Zug durch das christliche Stadtviertel; auch da sammelte sich eine schaulustige Menge, um den seltsamen Zug vorüberziehen zu sehen; schon schickte sich die zum Liebesglauben sich bekennende Jugend zu einem Heppruf an, der Anblick der Franzosen aber verschloß ihnen den Lästermund; Uebermut gegen Schwächere ist gewöhnlich mit Feigheit gegen Stärkere eng verschwistert. „Gibt es in Frankreich viele solche hochgestellte Juden wie Sie?" fragte der Rabbi unterwegs' den Oberst. „O bei uns sind die Juden nur als Glarwensgenossenschaft von den andern Staatsangehörigen verschieden; der Einzelne ist vollständig Staatsbürger, genießt alle Rechte, kann in alle Staatsdienste, die nicht von glaubensbekenntlicher Art sind, eintreten, und wird vom Staate ohne Rücksicht auf sein Bekenntnis in Anspruch genommen. Sie finden bei uns unzählige jüdische Offiziere im Heer, Rechtsgelehrte, Aerzte, Hochschullehrer und Staatsbeamte." „Sie tun uns weh, die Franzosen, sollen aber doch lang leben," sagte der Vorsteher; „wann wird dies doch einmal in unserm Deutschland so werden?" „Manche Früchte reifen früher, manche später; reif Müssen aber alle Früchte einst werden; erleben wir's nicht, so erleben's unsre Kinder, oder höchstens unsre Enkel; die Vorsehung kann' uns ja baldigst einen zweiten Joseph wieder schicken," erwiderte der Rabbi. „Landesherren wie Joseph wachsen nicht aus de» Bäumen," versetzte der Vorsteher. „Sie würden schon häufiger auf den Bäumen wachsen, wenn so manche ihrer Ratgeber an den Bäumen hingen," bemerkte scherzend der Oberst. „Wir haben gute Herren und gute Flegel, aber die Drescher sind leider nichts wert," meinte der Vorsteher. (Fortsetzung folgt.) - Wochen-Kalender. Samstag, den 15. Okt. Wochenabschnitt Nauach. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 20 Min.» in Berlin 5 Uhr 55 Min. Das „Frankfurter Israel. Familienblatt" kostet: Frankfurt a. M. (durch Postkarte bei der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes" zu bestellen) Mk. 1.— frei ins Haus pro Vierteljahr. Auswärts (am Postschalter zu bestellen) Mk. 1,02 einschließlich Bestellgeld pro Vierteljahr. Auch im Auslände nehmen sämtliche Postanstalten zu dem gleicheu Preise — in Landesmünze umgerechnet — Abonnements entgegen. Bei direktem Streifband-Bezug von der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes": in Deutschland Mk. 1,50, Oesterreich- Ungarn Kr. 2.—, Rußland Rubel 1.—, Holland fl. 1.25, Frankreich, Schweiz, Belgien, Italien FrcS. 2.50 vierteljährlich. Wir bitten unsere Leser, ihren Bedarf unter Bezugnahme auf nufer Blatt bei unseren Inserenten zu decke». Frankfurter Israel. Familienblatt. 4 Die in der Göttinger Medicinisclien Universitäts-Klinik ausgeführten Untersuchungen haben ergehen, dass die | Kaiser Friedrich Quelle, Offenbach a. M. Natron-Lithion-Quelle I. -Ranges in Bezug auf die specifische Mischung und Menge ihrer festen mineralischen Bestandteile nicht nur dem ebenbürtig ist, sondern auch Eigenschaften gezeigt hat, welche es diesem Fachinger Wasser welche es diesem überlegen sein lassen, da der fast vollständige Mangel an Eisen- und Kalksalzen selbst dem schwächsten Magen dauernden Gebrauch ermöglicht. Durch die Ergiebigkeit unserer Quelle sind unsere Vertreter in der Lage, Jederzeit Jedes Quantum zu liefern. Kaiser Friedrich Quelle Actien-Gesellschaft, Offenbach a. M. »l'I'I'I'I'I'I'I'I'I'I'I'UI'I'im'I'I'I'I'm'I'I'II'I'HI'I'I'H'I'I'Dldl'III'I»»

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