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Neue jüdische Presse · 1904-10-14 · Heft 39 (14.10.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 39 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ilrankfirrter Zstarlitisches familirnkliitt. HledaKLi-« Md HefchLjlssterr-: Srsnkfurl s. M. Leiligkreuzgaffe S2> Lcke Llap-erfeldstraße (gegenüber der |taun Irrt). -HH- Aerairsgever: Salg Geis. Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In-und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des'Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles).; Jnserttonspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 .. Beilagen: Das Tausend 5DM. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, de« 5. «aoKeaoLvW 5665 (14. Oktober 1904). Ro. 39. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Der 10. Internationale Freidenker- Kongreß. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Aus bewegter Zeit, Erzählung von R. Der 16. internationale Freidenker- Kongretz. Von Rabbiner Dr. I. Unna- Mannheim. Vom 20.—23. September tagte in Rom ein Kongreß, dessen Verhandlungen auch für uns insofern von Interesse sind, als die Religion darin einen sehr breiten Raum einnahm. Tie praktischen religiöspolitischen Probleme, die dort erörtert wurden, wie die Trennung von Staat und Kirche, berühren uns zwar wenig; um so größere Aufmerksamkeit verdienen aber auch von unserer Seite die theoretischen Ausführungen über Religion, die zum Teil unter der Drapierung wissenschaftlicher Formen vorgcbracht wurden. Wir wollen vorweg bemerken, daß vom Standpunkte des Judentums aus der Freidenkerkongreß in mancher Hinsicht unsere Sympathien verdient. In erster Linie waren die Wortführer des Kongresses zum großen Teil dieselben Männer, welche auf allen Gebieten die Reaktion bekämpfen und die darum auch für unsere Rechte aufs eifrigste eintreten. Und dann sind Licht und Wahrheit, Fortschritt und Freiheit Begriffe, welche in dem jüdischen Herzen immer einen stärken Widerhall finden werden. Wir hegen die Ueberzeugung, daß der Fortschritt der Wissenschaft nicht zum Unglauben, sondern zu immer höherer Gotteserkenntnis führen wird. Dennoch aber oder gerade deshalb sehen wir uns genötigt gegen gewisse „Dogmen", welche auf jenem Kongreß ohne Widerspruch versuchten wurden, entschieden Verwahrung einzulegen. Denn auch in jenen religionsfeindlichen Kreisen hat man seine Dogmen, obwohl man angeblich jedes Dogma eifrig bekämpft. Ter allgemeine Eindruck, den der Kongreß Hervorrufen mußte, war schon durch das große numerische Uebergewicht der romanischen Teilnehmer besttmmt: er bedeutete im wesentlichen einen Protest gegen die in den romanischen Ländern so drückend empfundene Herrschaft des Klerikalismus. Das zeigt schon die Wahl des Ortes: in Rom, am Sitze des Vattkans, mußte ein solcher Protest am nachdrücklichsten wirken. Auch in den Verhandlungen kam die Erbitterung gegen den'Klerikalismus und gegen die gewaltsame Unterdrückung der freien Wissenschaft durch die Organe der Kirche immer wieder zum Ausdruck; und den Höhepunkt dieser Attmmüng bezeichnete wohl der Huldigungszug zum Denkmal Giordano Brunos, der seine Oppositton gegen die Kirche auf dem Scheiterhaufen büßen mußte. Um so bedauerlicher sind aber die Angriffe der Wortführer des Kongresses auf die Religion überhaupt und die völlige Verkennung ihres Wesens, die sich in den Ausführungen einzelner Redner wiederspiegelt. Berthelot nennt in einem enthusiastischen Schreiben an den Kongreß den Prozeß Galileis „Tie feierliche Verdammung der Wissenschaft im Namen des Dogmas und der Heiligen Schrift." Es ist aber merkwürdig, daß man die Heilige Schrift für die Mißbräuche verantwortlich macht, die in ihrem Namen getrieben wurden. Ist das der „neue Geist der Toleranz", der in demselben Schreiben gepriesen wird? Ter Vorsitzende des Kongresses, Prof. Sergi, bezeichnete in seiner Eröffnungsrede die Religion als „eine prähistorische Schöpfung, entstanden aus Unwissenheit und aus der Furcht vor Naturerscheinungen." Ebenso geistvoll und tiefgründig definiert der Franzose Hubbard in seinem Referat über Staat und Kirche die Religion mit den Worten: „Tie Religion ist das blinde Vertrauen zu Priestern und Dogmen. Das moderne bürgerliche Gesetz dagegen ist der posittve Ausdruck der freien Zustimmung und Zugehörigkeit zu der großen Gesellschaft der Menschheit." Eigentümlich, daß diese fortgeschrittenen Freidenker noch so ttef in einer von der Wissenschaft längst überwundenen materialistischen Anschauung stecken. Sie zeigen damit lediglich, daß ihnen die Begeisterung für die Naturwissenschaft und für die modernen Entdeckungen jedes Verständnis für die ttefsten Empfindungen des Menschen geraubt hat. Jene Männer vergessen, daß es außer den wäg- und meßbaren Gegenständen doch noch einiges andere gibt, und daß außer den naturwissenschaftlichen Tatsachen noch andere „Wirklichkeiten" existieren, die sich durch alle Proteste und Kongreßbeschlüsse nicht aus der Welt schaffen lassen. In dem Menschen lebt eben das Bewußtsein von einer höheren Welt; das Sehnen nach dieser höheren Welt, der Drang sie zu erkennen, das „metaphysische Bedürfnis", wie Kant es nennt, es wird immer bestehen, und gerade bei geisttg hochstehenden Naturen ist dieses Bedürfnis oft am stärksten vorhanden. Wie gewöhnlich, wird als die Folge der Abschaffung der Religion auch eine höhere Moral vorausgesagt. Berthelot meint: „So werden wir in der Welt eine Herrschaft der Vernunft errichten, die von den alten Vorurteilen und dogmatischen Systemen befreit ist. das heißt, wir werden ein höheres Ideal aufstellen, eine Moral, die viel besser und zuverlässiger ist als jene der vergangenen Zeiten, weil sie gegründet ist auf die Kenntnis der menschlichen Natur und weil sie die geistige und moralische Solidarität der Menschen und Nattonen verkündet und nachweist." Tie „Herrschaft der Vernunft" erinnert bedenklich an ihre Vorgängerin zur Zeit der .französischen Schreckensherrschaft 1793, wo Chaumette, einer der Revoluttonsmänner, dem Nationalkonvent die „Göttin der Vernunft", eine berüchttgte Buhlerin, vorstellte und dabei eine Rede hielt, deren Sttl eine merkwürdige Aehnlichkeit mit den Wendungen aufweist, welche die Reden des Freidenkerkongresses charakterisieren. So sagte er u. a.: „Ter Fanatismus ist entlaufen; der Vernunft, der Wahrheit, der Gerechtigkeit hat er seine Stelle überlassen, seine schielenden Augen konnten den Glanz des Lichts nicht länger ertragen. Keine Priester mehr, keine anderen Götter, als welche die Natur uns darbietet! Erkennet keine andere Gottheit mehr an als die Vernunft, deren edelstes und reinstes Bild ich euch Vorhalte." Und wie diese Herrschaft der Vernunft in der Praxis sich ausnahm, das zeigt z. B. die historisch verbürgte Tatsache, daß zu Arras eine sechzigjährige Person bloß deshalb hingerichtet wurde, weil sie gebetet hatte. Es ist ein eigentümlicher Zufall, daß die „Frkf. Ztg." in einer derselben Nummern, welche die Reserate über den.Freidenkerkongreß enthielten, der eine bessere und zuverlässigere Moral schaffen will, „Randglossen" von Anatole France veröffentlicht, die manches treffende Wort über „Moral" sagen; so z. B.: „Bon der Wissenschaft eine Moral verlangen, heißt sich grausamen Täuschungen hingeben. Man glaubte vor . nun dreihundert Jahren, daß die Erdeder Mittelpunkt der Schöpfung sei. Heute wissen wir, daß sie nur ein erstarrter Tropfen der Sonne ist. Aber hat sich unsere Moral durch so wunderbare Entdeckungen geändert? — Sehr große Geister haben, ich weiß es, andere Hoffnungen genährt. Renan gab sich lächelnd dem Traum einer wissenschaftlichen Moral hin. Er setzte in die Wissenschaft ein fast unbegrenztes Verttauen. Er glaubte, daß sie die Welt verwandeln würde, weil sie Berge durchbohrt. Ich glaube nicht, wie er, daß sie uns zu Göttern machen kann." Und welches sind denn die neuen Ideale, welche die Freidenker uns darbieten? Prof. Sergi verkündet mit Emphase: „Wir arbeiten daran, den Gedanken von allen religiöse» Phantasmen zu befteien und den Bruderkriegen ein Ende zu setzen; wir verkünden die allgemeine Liebe und den Weltfrieden. Völker und Nationen, einigen wir uns in diesem großen Ideale, bilden wir einen großen Bund und wir werden siegen!" Mer sind denn allgemeine Liebe und Weltfrieden Erfindungen des Herrn Prof. Sergi? Sind sie nicht vielmehr die uralten Ideale, welche von der Thora verkündigt, von den begeistertsten und hehrsten Vertretern des Gottesgedankens, den Propheten Israels, zuerst der Menschheit als Endziel vorgestellt wurden? Man benutzt das geistige Eigentum der Religion, um dann auf alle und jede Religion zu schimpfen und sie fiir entbehrlich zu erklären. Und wie zur Zeit der französischen Revolutton die Vernichtung der religiösen und sittlichen Elemente des Lebens auch zu dem Strebe» nach der Aufhebung der bürgerlichen führte, so offenbarten sich ähnliche radikale Strömungen auch auf diesem Kongreß. Der französische Libertiner Robin erklärte, er und seine Gesinnungsgenossen seien wie gegen die Kirche so auch gegen den Staat und verlangte die A b s ch a s f u n g beider. Der Sozialist Arnaud aus Lyon forderte, der Kongreß solle aussprechen, daß der Befteiung von der Religion die Befreiung vom Kapitalismus folgen müsse. Diese exttemen Forderungen, die zu tumultuarischen Szenen führten, waren natürlich den Leitern der Sache sehr unbequem, und es gelang schließlich ihren Bemühungen, beschwichttgend einzugreifen. Man hat aber diese radikalen Anschauungen vom Standpunkt des Kongresses aus mtt Unrecht bekämpft; denn sie sind nur logische Konsequenzen der dort vertretenen Auffassung. Warum

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