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Neue jüdische Presse · 1904-10-07 · Heft 38 (7.10.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 38 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Mitglied angehört. Tann sprachen u. a. Lehrer W e r t h e i m e r * Heldenbergen, Vorsitzender des israelitische» Lehrervereins int Großherzogtum Hessen, dessen 2. Vorsitzender der Gefeierte ist und Tr. D r i e s c n, Direktor des Seminars in Karlsruhe, Tr. L ö h r e n - Frankfurt a. M. für die „Achawa", welche Institution vor 40 Jahren von Herrn Marx gegründet wurde, überreichte ihm eine prachtvoll aus* gestattete Adresse und teilte ihm seine Ernennung zum lebenslänglichen Ehrenmitgliede mit. Haanover. Zum Inspektor des Lachmann'schcn Waisenhauses in G r a u d e n z ist der bisherige Lehrer der Israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem, Herr MaxBlumenfeld gewählt worden. K. Wien, 29. September. Für die Feldrabbiner der k. und k. österreichisch-ungarischen Äftmee ist zugleich mit denen für die andersgläubige Militärgeistlichkeit eine neue Adjustierungsvorschrift herausgekommen. Sie sind befreit davon, Offizierskopfbedeckung zu tragen, sondern tragen Kopfbedeckung nach Vorschrift des Ritus. Die Ausrüstung besteht sonst in Pantalons, Talar, Binde, Mantel, Halbstiefeln oder Stiefeletten, Handschuhen, Sanitätsarmbinde im Felde, Legitimationsblattkapsel und Viktualiensäckchen. Pantalons sind aus feinem schwarzen Schafwollstoff, «chnitt und Form wie Infanterie. Talar ist schwarz (an den bestimmten Tagen weiß) mit folgenden Besonderheiten: Aermeldistinktionen längs des oberen Randes der beiden Aermelaufschläge bestehend aus Bärtchen von Gold und kaisergelber Seide. Die Binde besteht aus einem 10—12 cm breiten, dem Leibesumfang angemessen langen, moiriertem Seidenband, dessen beide Enden mit 10 cm langen Goldfransen besetzt sind. (Für Rabbiner Farbe: schwarz.) Dekorationen werden am Talar getragen. JL Prag (Böhmen). 29 September. Der Unterrichtsminister hat dem israelitischen Religionslehrer am Staatsgymnasium und an der Staatsrealschule in Reichenberg, Emil Hof mann den Titel Professor verliehen. © Feuilleton. © Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Don R. (Fortsetzung). Sie begaben sich nun in den Betsaal. Beim Eintrllt - war Dumouriez ganz freudig überrascht und sprach dann lächelnd: „Haltet Ihr noch immer an Eueren alten Sachen?" „Unsere alte Sache bleibt uns ewig neu. Sechs und fünfzig Jahre bin ich in meinem Glauben alt geworden und fühle mich ganz selig darin; laß' mir meine Seligkeft. Mit uns hat das alte Heidentum nichts ausgerichtet, mit uns hat das gläubige Christentum nichts «usgerichtct, und Euer neues Heidentum wird eben so wenig mit uns ausrichten. — Doch zur Sache, was ist Dein Begehren?" „Nephtali, Brüderchen, leih' mir zehntausend Franken!" „Da bin ich etwas schwerhörig; wie viel hast Du gesagt?" „Zehntausend Franken." „Sage zehntausend Franken!" sprach Nephtali mit Bedächtigkeit, das Wort „zehntausend" besonders stark betonend. „Woher aber nehmen und nicht stehlen? Die Zeiten sind sehr schlecht; man verdient keinen Heller, die Lebensmittel sind sehr teuer und die Abgaben steigen mit jedem Tage." Dann überlegte er einige Augenblicke, holte tief Mem und sprach: „Ich will Deinen Wunsch erfüllen, wenn Du mir dafür einen Gefallen tust!" „Nach bester Möglichkeit." „Unsere Kinder hier sind bereits drei Jahre ohne Unterricht; der österreichische Gefangene nun, den man in unser Haus gebracht hat, ist ein sehr braver, geschickter Jude, den wir gern loskaufen und als Lehrer verwenden möchten. Verhilf' uns, daß der junge Mann hier bleiben könne!" „Tut mir leid, Brüderchen, das kann ich nicht. Ei» Gefangener darf, dem Kriegsgesetz nach, nicht aus den Augen gelassen werden, bis das Kriegsministerium über ihn entschieden hat; dann kann er losgekaust werden. Würdest Du glauben, daß ich, obwohl .Feldherr, bei Verletzung meiner Berufspflicht der Guillotine weit näher stehe, als der geringste meiner Soldaten? Du weißt, wie es jetzt in Frankreich zugeht." „Leider weiß ich es; Gott erbarme sich unser, wenn es noch lange so bliebe!" „Bist Du auch dieser Meinung?" fragte Dumouriez, Nephtali mit einem Forscherblick ansehend. „Ob ich's bin?" „So höre, Nephtali! Du bist ein Jude; Ihr Juden habt den gtuf, daß man auf Eure Verschwiegenheft rechnen kann; ich will Dir nun etwas mitteilen, was außer Dir noch kein Mensch erfahren hat und erfahren soll." „Ich bin ganz Ohr." „Frankreichs gegenwärtige Stärke ist die eines Fieberkranken, worauf aber eine baldige Erschlaffung Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 38. folgen muß. Sonst hätte ich gesagt, Frankreich kann nur durch ein Wunder gerettet werden; da aber jetzt kein Mensch, außer etwa Ihr Juden, an Wunder glaubt, so sage ich: Frankreich kann nur durch Deutschlands Uneinigkeit und durch Ergreifung des Staatsruders von 'seiten eines tüchtigen Mannes gerettet werden, und dieser tüchtige Mann ist schon auf der Welt!" „Ich verstehe," entgegnete Nephtali, Dumouriez verständnisvoll ansehend. „Deutschland 'zu entzweien ist mir bereits zum Teil gelungen, und dem verdanken wir vorerst unfern heutigen Sieg. Wie übelwäre es mit uns gestanden, wenn Clairfaits Meinung durchgedrungen hätte! — Ich ließ mich daher mit dem preußischen Anführer in Unterhandlungen ein, deren Inhalt nichts Anderes war, als unser» König seinem Schicksale zu überlassen, da er ohnedies den gegenwärtigen Verhältnissen Frankreichs nicht gewachsen ist; darauf würde die Unordnung im Staat immer größer werden und die Sehnsucht nach einem kräftigen Staatslenker immer zunehmen. Da die Familie Capct in Frankreich verhaßt ist, wollte man einen ausländischen Prinzen zur Negierung berufen, und als solchen schlug der Herzog von Braunschweig seinen Sohn vor, welchem ich beipflichtete. Der gute Deutsche, hahaha, vertraute mir; so kam die erwünschte Regenzeit, wo das feindliche Heer durch Krankheiten aufgerieben wurde, und der Herzog von Braunschweig ließ während der Schlacht Oesterreich iin Stich. — Die Oesterreicher haben sich wacker geschlagen, das muß ich sagen. — Ob ich mich aber dann für den jungen Herzog von Braunschweig oder für mich herumschlagen werde, das wird ganz von meinem Belieben abhängen. — Wohl verstanden?" „Sehr wohl." „Was wir aber besprachen, bleibt unter uns?" „Ein Mann, ein Wort." „Jene zehntausend Franken brauche ich nun, um das Heer unterdessen durch Bestechung auf meine Seite zu bringen. Sehe ich meinen Plan durch, soll Dir das Geld mit reichlichen Zinsen wieder zurückerstattet Werben." „lind wenn aber Tein Plan vorzeitig entdeckt wird und Du geköpft wirst, soll ich mir das Geld in den Elhsäischen .Feldern suchen geh'n?" „So weit soll es nicht kommen." „Sei es Peter oder Paul, wenn nur Einer da ist, der den Staat vom Untergang retten kann. „Und dieser Eine bin ich!" „Was wäre nun mit dem Gefangenen indessen zu machen?" fragte Nephtali nach kurzer Pause. „Höre, Bruder, machen wir's so: Du erbietest Dich bei mir schriftlich zu einer genügenden Bürgschaftsleistung für ihn, .bis das Kriegsministeriuni über feine Zukunft - entschieden hat; da kann er gleich hier verbleiben. Mit der Loskaufung hat es dann kein Hindernis. — Kennst Du aber den Mann so genau, daß er sich nicht zuerst loskaufen lassen und Euch dann davonlaufen wird?" „Das tut kein Jude," erwiderte Nephtali mit Bestimmtheit. „Der alte jüdische Nationalstolz! — Nun so sei cs. Unsere Sache ist also in bester Ordnung?" „Sehr wohl." Beide begaben sich nun wieder in's erste Zimmer und Nephtali wandte sich an den 'Gefangenen mit den Worten: ' „Mein Freund! Bürger Dumouriez willigte ein, daß Sie gegen Bürgschaftsleistung hier verbleiben können. Ich will mich recht gern dazu verstehen, wenn Sie sich auf wenigstcus drei Jahre verbindlich machen, unsere Kinder zu unterrichten; gehen Sie darauf ein? Ueberlegen Sie sich es!" Eine kurze Pause trat ein, als Einer der anwesenden Soldaten, und zwar der, welchen der Gefangene so handgreiflich über Lebensart belehrt hatte, sich von seinem Platz erhob und sprach: „Bürger Dumouriez und Bürger Nephtali, erlaubet mir, an diesen Mann einige Worte zu richten! — Höre, junger Freund: Du hast Dich freiwMg für den Sohn einer armen Witwe zum Kriegsdienst hergegeben; das beweist, daß Du Herz hast; Du hast Dich als Gefangener in feindlichem Lande unterstanden, einen Angehörigen des siegenden Heeres durchzutrichtern: das beweist, daß Du Mut hast: ein Mann nun, der Herz und Mut hat, ist im französischen Heere an seinem gehörigen Ort. Ein französischer Soldat ist in unfern Tages etwas anderes als ein österreichischer: wir kämpfen nicht als blinde Werkzeuge der Laune oder des persönlichen Nühens eines Einzelnen, sondern jeder Einzelne von uns weiß, für was er kämpft; wir streiten für die edelsten Güter der Menschheit: für Freiheit der Person und für die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz! Unsere Feldherren sind nicht durch vornehme Geburt oder hohe Anempfehlung zu ihren Stellen gelangt, sondern durch Verdienst und eifriges Streben. Jeder einzelne französische Soldat trägt seinen Feldherrnstab in der Patronentasche mit sich. Folge nrir, Freund, und verscherze Dir Deine Zukunft nicht; tritt in unser Heer und Dein Glück ist gemacht!" „Das wäre wohl alles recht, aber ich habe einmal den österreichischen Fahneneid geleistet; mit welchem Gewissen könnte ich nun gegen Oesterreich kämpfen?" wendete der Gefangene ein. „Mit'Deinem Geraten in unsere Gefangenschaft hat Oesterreich jedes Anrecht auf Dich verloren; Du gehörst jetzt unser; also, ohne langes Ueberlegen, — topp, Kamerad!" - „Wir. wollen über die Feiertage darüber Nachdenken," erwiderte der Gefangene. Siebzehn Jahre nachher. Wie sich doch die Zeiten ändern! Ms ich meinen Bericht schloß, drehte sich die Welt um einen großen Gedanken, heute um einen ehrgeizigen Menschen, der zwar die Verherrlichung seines eigenen- Ich's zum Hauptziel hat, aber unbewußt jenem großen Gedanken dient, und jener Mann des Tages und vielleicht größte Held des Jahrhunderts ist der große Kaiser Napoleon Bonaparte, der ungeratene Sohn und Vollstrecker des letzten Willens der französischen Staatsumwälzung. Frankreich war gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts ein Augiasstall, in welchem seit Jahrtausenden eine ungeheure Masse unreiner Stoffe sich angehäuft hatte; eine einfache Kehrbürste genügte nicht, denselben zu reinigen; ein Herkules mußte kommen und mit gewaltigen Händen einen Strom hincinleiten, welcher mit reißender Schnelligkeit die mittelalterlichen Mißbräuche wegspültc, zugleich die Umgebung überschwemmte und daselbst einen ftgenreich befruchtenden Schlamm zurückließ; und jener Herkules ist Napoleon und jener reißende Strom die Staatsumwälzung. Wohl mußte das Haupt des edlen Königs Ludwig XVI. und noch so manches edle Haupt dabei bluten, aber auch das lustreinigende und erdbesruchtende Gewitter zerschlägt manchen Baum, zündet manche Wohnung, tötet manches Leben; gleichwohl aber sind Gewitter zuweilen unentbehrlich; die große Volksmenge ist träge, will von selber nicht vorwärts gehen, und muß daher von kräftiger Hand vorwärts getrieben werden. Die Eigentümlichkeit jeder neu aüftauchenden Wahrheit ist, daß sie nicht verlockend, sondern abschreckend, nicht überredend, sondern verletzend auftritt. Je mehr man sich bestrebt, sie niederzudrücken, desto kühner tritt sie auf, ihre Kraft steigt mit dem Widerstand, und, da sie viele Hindernisse zu überwinden hat, muß sie kämpfen und Umstürzen, bis daß sie, von der Menschheit begriffen und erfaßt, die Grundlage einer neuen geselligen Ordnung wird. Frankreich liegt gegenwärtig zu den Füßen eines Einzelnen. Die Staatsuniwälzung in Frankreich ist seit zehn Jahren bereits tot; sie wurde von ihrem eigenen Sohn, dem großen Emporkömmling, der ihr sein Emporkommen verdankt, erdrückt, ihre Haupthelden sind nicht mehr; sie war eine Drachensaat, welche geharnischte Männer erzeugte, die sich dann gegenseitig bekäiupften und vernichteten; aber — ein schöneres Staatsgebäude erstand durch sie, wie einst Theben durch die Drachensaat des Kadmus. Ihr schönstes Werk lebt in Frankreich fort: „Die Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetz," und verspricht auch in den andern Ländern Europa's Schößlinge anzusetzen, welche zum Segen eines kommenden Geschlechtes anfgehen sollen. Es scheint, als ob die sterbende Mutter zu ihrem unnatürlichen Sohn gesagt hätte: „Grausames Kind! Deiner Mutter versetztest Du den Todesstoß, laß wenigstens das Gute, das sie stiftete, fortbestehen! Befestige auf dauerhafte Grundlagen die edelsten Erfolge meiner Anstrengungen, einige das in Parteien zerrissene Volk, unterjoche das gegen mich verschworene Ausland, heile die von mir geschlagenen. Wunden, bringe Licht unter die Völker, vollziehe in die Breite, was ich in die Tiefe unternahm, sei für ganz Europa, was ich für Frankreich war! Und solltest Du auch mit Deinem eigenen Blute die goldene Saat der Freiheit und der Gesittung düngen. Deine Absichten verkannt und die Deinigen einst vaterlandslos in der Welt umher? irren sehen, — so verlaß' dennoch nicht die geheiligte Sache des Menschengeschlechts und verschaffe ihr den Sieg durch alle möglichen Mittel, welche der Geist zeitigt und die Menschheit billigt." Diesen letzten Willen der dahingeschwundenen Mutter treulich zu erfüllen, scheint sich Napoleon zur höchsten Lebensaufgabe gemacht zu haben. Wohl sind die Mittel, deren er sich bedient, nicht immer die redlichsten; der gerade Weg ist der beste; ja wohl, wenn man ihn nur immer gehen könnte! oft aber nötigen äußere Verhältnisse den Menschen, durch Umwege zum Ziel zu gelangen. Napoleon ist ehrgeizig, ländergierig: die aacki der sittlichen Mängel großer Männer zur höher» Vervollkommnung der Menschheit; fast alle Erfinder und Entdecker hatten nebst dem Nützen, den sie ihren Mitmenschen bringen wollten, auch die Besserstellung ihres eigenen Ich's vor Augen; dies schmälert aber den Wert der Erfindung öder der Entdeckung nicht im Geringsten. (Fortsetzung folgt.) Bunte Chronik. Ist die Bezeichnung „Jude" eine Beschimpfung? Die dritte Appellationskammer des züricherischen Obergerichts sprach sich jüngst in einem Strafurteil wie folgt aus: „Es ist der Borinstanz (Bezirksgericht Zürich) darin Leizupflichten, daß in der Bezeichnung eines Israeliten als „Juden" unter Umständen eine gewollte Beleidigung liegen kann, je nachdem der Ausdruck gebraucht wird. Dagegen geht. die Vorinstanz

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