Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 38 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692396--01135-2695614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 38. Frankfurter Israelitisches .Familienblatt. Seite 3. „Oeffnen, öffnen sollst dudeine Hand deinem Bruder, deinen.Armen und deinen Dürftigen." : Deut. XV, 11. Liebe Brüder! Die jüdische 'Bevölkerung der Stadt Smela (Gouvernement Kiew, Bezirk Tscherka) ist von einem ungeheueren Unglück schwer betroffen worden. Am 32. und 23. August d. I. hat eine Plündererbande die Straßen unserer Stadt bestürmt, wobei sie jüdische Häuser beschädigt, Läden zerstört und eine große Anzahl von Juden um! ihr Hab und Gut gebracht. 172 Läden und 86 Häuser — in jedem dieser Häuser wohnten mehrere Familien — haben unter diesen Ausschreitungen schwer gelitten. Im Innern der Wohnungen ist nichts ganz geblieben. Zweihundert jüdische Familien sind jetzt obdachlos, brotlos, arbeitslos, kurz ohne jegliche Aiittel, ihr Leben zu unterhalten. Der Hunger, er kommt, er kommt. . . . Wir brauchen Hilfe. Helfet, helfet uns! Helfet eueren verunglückten Brüdern! Gedenket der Worte des Propheten: „Ihr sollt euch von den Weinenden nicht abwenden und ihr sollt mit den Trauernden mittrauern." Wir bitten, die Spenden dein „Hilfskomitee für die in Smela geplünderten Juden", das vom Kiewer Gouverneur bestätigt wurde, zusenden zu wollen. Präsident des Komitees, Graf Alexis Bobrinsky, Stellvertreter Prclnzki, Prishaw Krilow, Kronsrabbiner A. Men, G. Feldstein, Dr. A. Stern, Dt. Peissik, N. Lampslzky, I. Rutmann, M. Mach, B. Schapirowsky, G. L. Margolin, Sch. Kantornist.*) Berlin. Der Verband der deutschen Juden hat dem Herrn Kultusminister eine Petition in Angelegenheit des bevorstehenden Schulgesetz- Entwurfes überreicht. Unter voller Wahrung des grundsätzlichen Standpunktes der paritätischen Schulen wird darin der Herr Minister aufgefordert, bei Ausgestaltung der konfessionellen Schulen die Gleichberechtigung des israelitischen Religionsbekenntnisses zu wahren, und dies in eingehender Weise ausgeführt. Ebenso hat der Verband beidem Herrn Handelsminister und einer Reihe hervorragender Parlamentarier Schritte getan, um bei der beabsichtigten gesetzlichen Regelung der kommunalen Schlachthäuser jeden Eingriff in die verfassungsmäßige Gewissensfreiheit der orthodoxen Israeliten durch Verbieten des Schächtens künftig hin zu verhindern. Hamburg. Die hiesige Israelitische Gemeinde hat unter Führung von Herrn H e r m. Meyer in der St. Annenstraße neben der Synagoge ein Altenheim errichtet. Breslau. Unter den Krankenhäusern und ähnlichen Instituten, die während der Kongreßtage von den auswärtigen Aerzten besucht wurden, fand das neue israelitische Krankenhaus allseitig die größte Anerkennung. Vereinigt es doch, wie wir schon bei den Berichten anläßlich der Einweihung hervorhoben, sämtliche Errungenschaften der modernen Wissenschaft mit der denkbar größten Behaglichkeit für die Kranken. Gerade rechtzeitig zum Kongreß ist die s. Z. augekündigte umfangreiche Denkschrift über das neue Krankenhaus erschienen, die von den Primärärzten Sanitätsrat Tr. Sandberg und Privatdozent Tr. R e i n b a ch geineinsam mit dem Regierungsbaumeister a. T. P a u 1 E h r l i ch herausgegeben ist. Tie Denkschrift giebt ein anschauliches und umfassendes Bild von der Entstehung der Anstalt wie von ihren sämtlichen baulichen und sonstigen Einrichtungen. Beuthen L.-S. Die Orgel in der Hauptsynagoge ertönte mit Beginn des Laubhüttensestes zum ersten Male. Im oberschlesischen Jndustriebezirk ist Beuthen die erste Synagogen-Gemeinde, welche die Orgel eingeführt hat. X. Gera. Die Firma Hermann Tietz stiftete bei Eröffnung ihres hiesigen Warenhauses 10.000 Mark für die Fortbildung von Augest e 11 t e n. die der Schule bereits entwachsen sind. Lübeck. Hier wurde das Heim des israelitischen Asyl-Vereins unter Teilnahme der Spitzen der Behörden von Herrn Rabbiner Dr. Carlebach feierlichst eröffnet. Ware» Mecklenburg). Mit einem Legat von 2000 Mark bedachte der am 2. September verstorbene Rentier David M a r t i e n s s e n - H a in - bürg, ein gebürtiger Warener, die israelitische Gemeinde seiner Vaterstadt. Schon jahrelang war er durch freiwilligen Beitrag der Miterhalter des Kultus. Oesterreich-Ungarn. Wie» (K). Der Arierparagraph in der deutsch-österreichischen Turnerschaft. Der am Sonntag, den 25. September er. in Wien abgehaltene Kreisturntag des Turnkreises XV. (Deutsch-Oesterreich), beschloß mit mehr als Zweidrittelmehrheit seinen Austritt aus der deutschen Turnerschaft und die Umwandlung in einen selbstständigen Turnkreis. Damit ist die Turnfehde wegen des Arierparagraphen nach außenhin zum vorläufigen Abschluß gelangt, allein innerhalb des Turnkreises ist die Fehde noch nicht beendet, da die Vertreter der einzelnen Turngaue teils für, teils gegen den Austritt aus der allgemeinen deutschen Turnerschaft *) Auch die Geschäftsstelle des Frankfurter Israelitischen Familienblattes ist gern bereit, Spenden entgegen zu nehmen. stimmten. Die Abstimmung ergab 87 Stimmen für und 34 gegen den Austritt. Bekanntlich hat der letzte in Berlin abgehaltene Turntag entschieden, daß neben dem Turnkreise XV ein neuer Kreis XVa zu schaffen sei. Auf diese Weise wollte man, ohne )ie am Arierparagraphen festhaltenden teutsch-deutschösterreichischen Turnvereine zu „verletzen", auch jenen Vereinen, die diesen Paragraphen ablehnen und demnach Juden (auch Christen inanchinal) zu ihren Mitgliedern zählen, die Möglichkeit des Anschlusses an die deutsche Turnerschast bieten. Der jetzige Beschluß des Kreisturntages XV ist die Antwort auf die damalige Entscheidung. Die Herren sind also doch „verletzt". Wieso doch nur? Vielleicht denkt darüber die Weisheit des Repräsentanten-Kollegiums der jüdischen Gemeinde zu Hannover nach, das sich an der R'eugründung eines „jüdischen" Turnvereins stieß. — Vielleicht lernen sie jetzt erkennen, daß die Gründung von „jüdischen" Turnvereine» doch eine gewisse Berechtigung hat. K. Brünn, 23. Sept. (9t. fr. Pr.) Im B o r st a n d der hiesigen israelitischen Kultusgem e i n d e ist eine Krise ausgebrochen. Ter Vorland hat vor einigen Monaten den Bau eines zweiten Tenipels in Brünn beschlossen. Tie Baupläne sind bereits dem (politischen) Gemeinderate vorgelegt und von demselben auch genehmigt worden. Tie verlärkte Versammlung der Vorstandsmitglieder hat aber in einer vor drei Tagen abgehaltenen Sitzung den vom engeren Ausschuß gestellten und vom Präsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Tr. Hieronymus (wie „griechisch"!) Fialla, lvarm vertretenen Antrag, die vom Baurat Fleischer in Wien verfaßten Pläne zu genehmigen und zur Ausführung derselben einen Kredit von- Kr. 300,000 zu bewilligen, nach einer längeren, stellenweise stürmischen Debatte verworfen. Dr. H. Fialla legte infolge dessen seine Stelle als Präsident nieder und drei Mitglieder des Vorstandes demissionierte» gleichfalls. — (Das ist derselbe Herr Präsident, der die Brunner Gemeinde würdig vertrat, als er der Trauerfeier für Herzl — feniblieb.) Krakau. In der christlichen Kinderbewahranstalt der Fürstin Oginska in Bobrek bei Oswiecim befinden sich seit einiger Zeit 110 jüdische, in der Findelanstalt geborene Kinder, die der obengenannten Anstalt vom galizischen Landesausschusse zur Erziehung übergeben wurden. Dieselben werden dort entgegen den Bestimmungen des Gesetzes in der christlichen Religion erzogen. Ter Krakauer Oberrabbiner H o r o w i tz hat soeben einen Aufruf erlassen, in dem er auf diesen Sachverhalt hinweist und die Kultusgemeinden zur Einleitung einer 'Aktion auffordert. Tie nötigen Schritte zur Sanierung dieses Zustandes hat der Krakauer Advokat Dr. Raphael Landau unternommen. Mittlerweile hat der Großvater eines dieser Kinder, der auch vom Gerichte zum Vormunde desselben bestellt wurde, die genannte Anstalt um Ausfolgung seines Enkels ersucht. Es wurde ihm die Herausgabe des Kindes von der Anstalt verweigert und vorerst die Bezahlung der bisherigen Erziehungskosten, die dieser zu bezahlen nicht in der Lage ist und wozu er gesetzlich hiezu verpflichtet werden kann, verlangt. Tr. Landau hat vom Vorniundschaftsgerichte Tabrowa die zwangsweise Ausfolgnng des Kindes verlangt, doch ist bis nun die diesbezügliche Eingabe nicht erledigt worden. Holland. Amsterdam. Königlicher Besuch in der Synagoge.) Am Montag, den 26. September, mittags 2lk Uhr, beehrte Ihre Majestät, die K ö n i g i n- Mutter und der Herzog und die Herzogin von Mecklenburg die Synagoge mit ihrem Besuche. Tie hohen Herrschaften wurden am Eingänge von dem Gemeindepräsidenten I. Teixeira de Mat tos begrüßt, der die Königin-Mutter an ihren Besuch im Jahre 1882 mit ihrem hochseligen Gemahl, König Wilhelm III., erinnerte. Nachdem der Präsident seine Borstandskollegen, sowie den Herrn Oberrabbiner, vorgestellt hatte, wurden den hohen Herrschaften Bouquets in oranjc- und mecklenburgischen Farben überreicht und alsdann ein Rundgang durch das glänzend erleuchtete und festlich geschmückte, prächtige Gotteshaus unternommen. Mit sichtbarem Interesse nahmen die Majestäten von den vielfachen Kostbarkeiten, insbesondere von der Sefer-Thora, welche durch die Vorfahren aus Spanien mitgebracht worden war, Augenschein. Ter Chasen las aus den heiligen Gesetzesrollen den Priestersegen vor und übersetzte ihn dann ins Holländische, darauf wurde Hanausen teschuoh vorgetragen und dann schrieben sich Ihre Majestäten in das goldene Buch ein, das schon mehrere königliche Namen aufzuweisen hat. — Auf Mittwoch, den 28. Sept., ließen sich Ihre Majestäten die Königin von Holland und der Prinz-Gem-ah 1 anmelden. Ter Besuch, der einen offiziellen Charakter trug, nahm denselben Verlauf, wie der am Montag. Rußland. Petersburg, 3. Okt. Der Minister des Innern hat gestattet, daß das im 'April sistierte jüdische Blatt „W o s ch o d" wieder erscheine. Warschau. (K.) Unter den 7670 Einwohnern des Städtchens Brzeziny im Gouvernement Pietskow befinden sich nicht weniger als 4000 Schneider, meist Jude», welche Herrenkonfektion spottbillig liefern. Man bekommt hier einen ziemlich anständigen Anzug zu einem Preise, der zwischen 3—14 Rubeln schwankt. Eine Menge Kaufleute strömen alljährlich aus dem Inneren Rußlands und aus dem fernen Osten nach Brzeziny zusammen und jährlich liefern die dortigen Schneider im Turchschnitt für 3 Millionen Rubel Anzüge. Also eine Schneiderstadt, oder richtiger eine jüdische Schneiderstadt in Polen, die uns zwei Lehren gibt. Erstens den schlagenden Beweis, daß die Juden sich dem Handwerk nicht sernhalten und zweitens die Ursache, warum die russischen Juden, sind sie einmal ausgewandert, im Ausland den Lohn drücken. Sind sie ja dadurch, daß sie zusammengepfercht einander Konkurrenz machen müssen, an Hungerlöhne von .Haus aus gewöhnt. Amerika. New-Aork. Ein jüdisches Kriegerdenkmal. Ein gemeinsames Denkmal für die zahlreichen im amerikanischen Bürgerkriege auf seiten der Unionstreiter gefallenen Soldaten und Offiziere jüdischen Glaubens wird auf dem Saleni-Field-Friedhof in Newyork errichtet. Ter Tenkmalsentwurf ist ein Werk des Architekten I. F. Walsh. Tie 15,000 Dollar betragenden Kosten des Monuments werden von jüdischen Vereinen getragen. Personalien. Frankfurt a. M. Herr Dr. Kraus, Oberlehrer an der städtischen Händelslehranstalt zu Frankfurt a. M. wurde nach erfolgter Habilitation durch das Tozentenkollegium als Privatdozent an der hiesigen Akademie für die Fächer der Handelsgeographie und der Produktenklinde zugelassen. Frankfurt a. M. Herr Spengler Jacob Stein, Mainstraße 28, feiert am 7. Oktober sein 25jähriges Geschäftsjubiläum. Frankfurt a. M. Der Privatier Z. Heimann Börnestr. 30 und seine Ehefrau geb. Hirsch, begehen am 6. Oktober in vollster Rüstigkeit das Fest der goldenen Hochzeit. Der Mann ist 78 Fahre, die Frau 70 Jahre alt. Bina« (Baden), 5. Oktober. Gestern feierten Herr Feist E i s e m a n n und dessen Ehefrau Babette, geb. Eisemann, das seltene Fest der d i a m a n t e n e n Hochzeit, der Jubilar zählt 88, die Jubilarin 80 Jahre und erfreuen sich beide noch der besten Gesundheit. Tas Fest, welchem ein großer Familienkreis beiwohnte, vollzog sich im Gasthaus „Zum Hirsch", woselbst vor 60 Jahren die Vermählung stattfand. i. Pndewitz (Schlesien), 30. September. Der Kaufmann Abraham Kray», der das Amt eines Vorstehers der jüdischen Gemeinde und außerdem noch mehrere städtische Ehrenämter bekleidete, ist gestorben. Wien. 1. Oktober. Der Kaiser hat den Privatdozenten Dr. Max Neuburger zum außerordentlichen Professor der Geschichte der Medizin ernannt, ferner den Privatdozenten an der Universität in Wien Tr. HeinrichPaschkis, Dr. Josef Pollak, Stabsarzt Dr. A l o i s Pick und Tr. Hugo Winter st einer den Titel eines außerordentlichen llntverfitätsprofeffors verliehen. Budapest. Se. Maj. der Kaiser hat den Großindustriellen und Großgrundbesitzern den Brüdern Edmund, Wilhelm, Lazlo und Aladar Gutmanu d e G e l s e die erbliche ungarische Freiherrnwürde mit dem Prädikat „de Gelse et Beliefe" verliehen. Amsterdam. Die 'Königin der Niederlande hat, nachdem sie die Ausstellung in Arts persönlich eröffnet hatte, drei Bilder und darunter als erstes ein Portrait von dem Maler Benjamin Prins in Amsterdam, Sohn des bekannten Gelehrten LiepmanPhilipPrius in Frankfurt a. M., angekaust. Kunst. Im Kunstsalon Hermes, Goethe-Eck, beim Opernplatz, ist eine große Sonderausstellung von mehr als 50 Gemälden, darunter 18 verkäufliche des verstorbenen Meisters Franz v. Lenbach. Außerdem enthält die Allsstellung Werke von A. Feuerbach, G. Segantini, W. Trübner, Hans Thoma, Fritz Aug. von Kaulbach, Ed. Grützner, L. v. Ziembusch, Arnold Böcklin, A. Pettenhofsen, Franz Stuck, Ed. v. Gebhardt, Max Liebermann, Keller-Reutlingen, A. Menzel, Bürckel, Munkacsy, Franz Conrtens usw. usw. Ans der Lehrerwett. Alsheim, 27. Sept, Die heutige 80jährige Geburtstagsfeier des Herrn Lehrers Karl Marx gestaltete sich zu einem schönen Feste. Selbst aus entfernten Teilen Deutschlands hatten sich Männer eingefunden, um ihre Glückwüilsche dem Jubilar und seiner Gattin, die heute ihren 72. Geburtstag feierte, darzubringen. Bei dem Festmahle eröffnete öc» Reigen der Ansprachen Direktor Dr. Adler- Frankflirt a. M. er gratulierte im Namen des Verbandes der israelitischen Lehrervereine im Deutschen Reiche, dem der Jubilar als Vorstands-