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Neue jüdische Presse · 1904-10-07 · Heft 38 (7.10.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 38 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. oder Private werden sich freiwillig für die gemeinnützige Arbeit zur Verfügung stellen. Shir in seltenen Ausnahmefällen wird man bezahlte Kräfte verwenden müssen. 3. Auf den wichtigen Grenzstationen Rußlands, auf Len Knotenpunkten des Verkehrs der Auswanderungszüge in Mitteleuropa, endlich in den Hafenstädten müssen Komitees oder Agenten vorhanden fein, die sich der durchreisenden Auswanderer «»nehmen. Auch hierfür wird man meist an die vorhandenen Gemeindeinstitutionen, Vereine, Komitees rc. anknüpfen können und fast immer freiwillige 'Hilfe in ausreichendem Umfange finden. Wenn cs nötig ist, müssen jedoch an den wichtigsten Punkte» bezahlte Beamte angestellt werden. 4. In den Ländern, die das Ziel der Auswanderung bllden, müssen die dort existierenden Organisationen, die sich schon jetzt für die Emigranten interessieren, dafür gewonnen tvcrde», mit dem Auswanderungsamt dieseits des Ozeans in enge Verbindung zu treten. Wo noch keine solche Institutionen existieren, müssen sie begriindet werden, doch wird dies nur in den seltensten Fällen notwendig sein. Die Schaffung einer derartigen umfassenden Organisation, obgleich sie im Wesentlichen auf einer Zusammenfassung bestehender Institutionen beruht, ist zweifellos schwierig, vor allen Dingen zeitraubend, und wenn auch allerseits Uebercinstimmung und guter Wille vorhanden sein würden, so würde doch die Durchführung längere Zeit beanspruchen. Allein auch eine weniger umfassende Organisation, z. B. eine derartige Organisation nur in Deutschland durchgesührt, kann so viel Segen bringen, daß die darauf verwendete Mühe sich reichlich lohnt. HL Einwürfe. Einwürfe zweierlei Art sind bisher gegen ein derartiges Projekt gellend gemacht worden: Die Einen behaupten, daß der jüdische Auswanderer sich durch die Informationen und den 3!at der neuen Organisation nicht werde leiten lassen; die Anderen befürchten von einer derartigen Organisation der Auswanderungeine Förderung und damit Vergrößerung derselben. Es läßt sich nicht leugnen, daß beide Einwände einen beachtenswerten Kern enthalte»;'dennoch treffen sic nicht zu. Gewiß wird besonders im Anfang der Rat solcher Ansknnftsbüreaus zwar viel eingeholt, aber nicht immer befolgt werden. Die Emigrallonslustige» werden immer gern von den materiellen Vorteilen Gebrauch machen, die ihnen durch eine derartige Organisation erwachsen, und besonders die zweifellos zu erreichende Ermäßigung der Schiffahrtspreisc werden sie gern benutzen. Allmählich werden sich unsere Brüder im Osten auch daran gewöhnen, den Rat der Ansknnftsbüreaus in anderer Beziehung, besonders bei der Wähl des Auswandernngszielcs, zu befolgen, tocnii sie sehen, daß sie zweckentsprechend zurechtgewiescn werden. Sicher ist überdies, daß die anderen Ausgabe» der Organisation die Ucbcrwachung auf der Reise, die Hilfe an der Grenze, an den Hafenplätzen und am Ankunftsort, die zu erzielenden Vergünstigungen von Transportgesellschaften und Behörden, einer außerordentlich großen Zahl von Auswanderern zu Gute kommen müssen, und es loird auf diese Weise viel Geld erspart werden, das jetzt verloren geht. Was den anderen Einwand betrifft, daß nämlich diese Organisation die Auswanderung erleichtern und dadurch fördern, daß also die Zahl der Auswanderer steigen werde, so. ist dies in gewissem Umfange möglich. Andererseits aber tritt durch die Arbeit einer derartigen Organisatton eine bessere Verteilung der Auswanderer ein, als bisher. Zur Zeit bleiben zwei Drütel der jüdischen Auswanderer 'nach den Vereinigten Staaten in Ncwyork sitzen; in Zukunft würde erstens ein Bruchteil von den-Vereinigten Staaten überhaupt abgelenll werden, dann aber auch ein Bruchteil, und zwar ein recht erheblicher, bereits zu Haus erfahren, daß je nach der Eigenart der Berufe andere Städte in Amerika geeigneter zur Ansiedelung sind, als Rewhork. Durch Einschränkung der Ausbeutung unterwegs würden die Auswanderer mehr Geld mitbringen, als jetzt,' sie würden darum eher in der Lage sein, Weller zu reisen, und sic würden der jüdischen Wohltätigkeit weniger schnell zur Last fallen, wenn sie überhaupt diese nod) nötig haben sollten. Durch diese beiden Faktoren würde eine Frankfurter Israelitisches Familienblatt. vielleicht eintretende kleine Vermehrung der Einwanderung doch nicht zu einer Vermehrung der mittellosen Auswanderer, führen. IV. D u r ch s ü h r u n g. Eine Durchführung des ganzen umfassenden Planes wäre natürlich nur durch gemeinsame Arbeit aller großen jüdischen Organisationen, die hierfür zuständig sind, möglich. Indessen ließe sich auch zunächst die Organisation für Deutschland schaffen, und dies Wäre eine Aufgabe, die der Hilfsvcrein*) mit den befreundeten deutschen Organisationen leisten sollte. Freilich muß dann der Rahmen der Tätigkeit entsprechend enger gesteckt werden, und besonders die Zentrale würde ihre Arbeit sehr beschränkt sehen. Sicher würde der Nützen einer Organisation sür die unglücklichen Emigranten auch in dieser Beschränkung noch sehr bedeutend sein; in jedem Falle müßten die Grundlagen von Anfang an so beschaffen sein, daß im weiteren Ausbau ohne Schwierigkeit eine internationale Organisation sür diesen Zweck geschaffen werden könnte. Das HilsscomM für jüdische Auswanderer in Basel. Ein glänzendes Zeugnis sozialen Verständnisses und jüdischen Brudergefühles legt der Bericht des „Hilfskomitees für jüdische Auswanderer in Basel" über das erste Jahr seiner Tätigkeit ab. - Schon seit 4 Jahren durchzieht Basel, den, Zentralpunkt aller Amerikafahrer, die mit französischen Linien die Seereise antreten, ein endloser Strom jüdischer Auswanderer. Ohne Plan, ohne bestimmtes Ziel — wenn man den Landungsplatz, den die meisten nur durch die ihnen verkaufte Schiffskarte kennen, nicht als solches ansehcn will — ziehen sie in Gruppen von 100 bis 200, alle in der glücklichen Gewißheit, den Peinigern entronnen zu sein, einem einzigen, traumhaften Ziele zu — Amerika, dem goldenen Lande der goldenen Erwartungen. Mäpner in den besten Jahren, Frauen mit Säuglingen und kleinen Kindern, ja selbst Greise verlassen die geliebten Stätten ihrer Geburt, und die Größe ihres Unglückes und ihrer Armut, die Verwahrlosung, die Entbehrungen der Reise, welche deutlich an Gesicht und Kleidern hasten, erschrecken unser an solche Bilder nicht gewöhntes Sltige. ' Schon gleich nach den ersten Turchwanderungen stellte sich aus den Kreisen der Baseler Judenheit werktätige, liebevolle Hülse für die bedauernswerten Brüder ein; doch die Hülse, sie kam vorerst verzagt, unbeholfen, ohne System, und sie >var daher unzureichend. Zwei Vorstandsmitglieder der Zionistischen Vereinigung Basel verteilten während längerer Zeit Brot, Würste und Sardinen an die Auswanderer, bis ihre private Tätigkeit es ihnen ans die Tauer unmöglich machte, allein diese Art Wohltätigkeit zu üben. Am 17. Juli 1902 erließ nun ein provisorisches Hülsskomitee ein Zirkular an Basels jüdische Einwohnerschaft, das zu einer allgemeinen Versammlung in den Vereinssaal der Zionistischen Vereinigung einlnd. Tas Resultat dieser Versammlung war die Konstituierung des Hilfskomitees sür jüdische Auswanderer in Basel, mit Herrn I. Bollag- F e u ch t w a n g e r als Präsident. Ein Aufruf an die Juden Basels, die israel. Kulttlsgcmeinden der Schweiz und an einige des benachbarten Baden und Elsaß erbrachte neben einer überaus großen Menge von Kleidungsstücken, Wäsche und Naturalien die stattliche Summe von Fr. 18,480, sodaß das Komitee bald in die Lage versetzt war, gründlich an sein Werk zu gehen. Vor allem wurde die : Naturalverpflegung organisiert. Tie Verpflegung, die selbstverständlich streng rituell ist, besteht in Thee mit Milch bei der Ankunft am Morgen, einer Mittagsmahlzeit von Suppe, Fleisch und Brot und einem Reiseproviant von Brot, Milch oder Salami, Sardinen und Chokolade. Tas Beretten des Thees und die Reichung der Mahlzeiten geschieht im Ehrendienst durch *) Der „H i l f s v e r e i n der deutschen Juden" hat in der letzten Sitzung seines geschäftsführenden Ausschusses am 21. September beschlössen, die Durchführung des Planes in die Hand zu nehmen. Anm. d. Redallion. ___Nr. 38. Baseler jüdische Tamen. Nach der fünftägigen Reise bis Basel, die ohne nennenswerten Aufenthalt und durch eine unbeschreiblich schlechte Organiation die Leute vollständig erschöpft, genießen sie in Basel die erste warme Mahlzeit. - Doch mit der Speisung ist die Arbeit des rührigen Komitees noch lange nicht erschöpft Für das Aus- und Einladen des vielen Gepäcks sind Tienstmänner angestellt. Auch sind am Donnerstag, an welchem Tage allein die Allswanderer, und zwar des Morgens ankommen, stets Baseler jüdische Aerzte auf dem Bahnhofe; und es ist schon mehrere Male vorgekoinmen, daß kranke Leute bis zu ihrer Gesundung zurückgehalten wurden. Auch auf die korrekte Abwicklung des Billetgeschäftrs hat das Komitee sein 'Augenmerk gerichtet. (Seinen Bemühungen ist es - auch gelungen, daß die Schweizer Eisenbahn für die Auswanderer direkte Wagen stellt und daß durch humane Verordnungen die frühere unmenschliche Zusammenpserchung beseitigt wurde.) •: Tie Erfahrungen.seiner Tättgkeit und das warme Herz seiner Mitglieder veranlaßten das Komitee in Paris (unter der aufopfernden und bewunderungswürdigen Leitung des Herrn E. Schwabacher) und Havre, wo längere Aufenthalte stattsinden, Hilsskomitees zu gründen. In Wien schlugen bis jetzt die Bestrebungen zur Bildung eines Hilfskomitees fehl, und alle Bemühungen, die österreichische Allianz oder die vielen in Men bestehenden zionistischen Vereine für das Hilfswerk zu interessieren, haben bisher noch zu keinem Resultat geführt. So hat denn das Baseler Komitee bahnbrechend in einer der wichttgsten jüdisch-sozialen Aufgaben der Gegenwart gewirkt, indem es daran ging, die jüdische Auswanderung zu organisieren, jene Auswanderung, die dem jüdischen Volke alljährlich die tiefsten Wunden schlägt und als eine der schwierigsten und leidenvollsten Krankheiten am jüdischen Volkskörper aufzufassen ist. Möge der Weg des Baseler Komitees recht bald zur Schaffung eines allgemeinen jüdischen Auswandernngsamtes führen, das an allen geeigneten Plätzen Hilfskomitees errichtet und durch Regulierung der Auswanderung dem jüdischen Volke Millionen unnöttger Reisekosten spart. Aus aller Wett. Deutschland. Frankfurt a. M. Wir erhalten von besieundeter Seite die. nachstehende Zuschrift: Mir die schon ohnehin geplagten jüdischen Auswanderer aus dem Osten sind in letzter Zell noch neue schwere Unzutrüglichckeiteu an den deutschen Grenzen entstanden. Ein erbitterter Konkurrenzkampf, der gegenwärtig zwischen den deutschen Schiffahrtsgesellschaften und der englischen Cunardlinie wütet, einerseits und die in Folge dieses wirtschaftlichen Kampfes verschärften polizeilichen Vorschriften andrerseits sind die Ursachen dieser Schwierigkeiten. Es ist vorgekommen, daß Einwanderer die Schiffskarten für deutsche Linien nicht hatten, an der Grenze in Deutschland zurückgewiesen worden sind. Die Vorfälle mit jüdischen Auswanderern in Königsberg, Eydtkuhnei, und Leipzig sind durch die Tagespresfe .hinlänglich bekannt geworden. Der Hilfsverein der Deutschen Luden hat sich die. erheblichste Mühe.gegeben, um unter Aufrechterhaltung der nötigen hygienischen Vorsichtsmaßregeln im Interesse des Staates diesen Auswanderern den Durchzug durch Deutschland zu ermöglichen. Die Verhandlungen schweben noch, aber sie haben bisher zu einem Resultat nicht geführt.! '; I Jj Unter diesen Umständen müssen Auswanderer aus Rußland, aus Galizien, aus Rumänien» die Fahrkarten für die deutschen Dampfergesellschaften nicht besitzen aus die großen Schwierigkellen, die ihnen beim Eintritt in das deutsche Staatsgebiet bevorstehen, aufmerksam gemacht werden. Diese Auswanderer werden an der Grenze zurückgewiescn, selbst wenn 'sie Ueberfahrtskarten mach Amerika sür die Cunardlinie besitzen, und selbst dann, unter Umständen, wenn sie über erhebliche Barmlltel verfügen. Somit ist allen denen, die die Hamburg-Amerikanische. Packetfahrt-Akttew-Gesellschast, den Bremer Lloyd und oie ihnen alliierten Linien nicht benutzen wollen, dringend zu raten, so lange bis eine befriedigende Lösung der Schwierigkeiten erzielt worden ist, den Weg durch Deutschland unter keinen Umstünden zu n-echmeu. Frankfurt -Wir erhallen den folgenden Ausruf, der auch in der russischen Tagespressi -veröffentlicht worden ist:

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