Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 38 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ZsrartKfHtrker 3frorlitifdirs ffl'iilifihlnll. Hs-aKtt-« «nd Hstchäfisstekls: ^. .. .. —— Ti a r t» r ” Jnsertronsprelse: Frankfurt 2» in., Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. LeUigkreuzgaffe 32, Lcke Llaxperfeldstraße ~‘e 9iL'f^incfire 10® " Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 (gegenüber der Neuen Zeit). _j x . Beilagen: . . A Las Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.—. Herausgeber: Sali; Heis, ____________ i Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). , | -■ - - i ... - Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzcile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- Freitag, den 28. Tischri 5665 (7. Oktober 1904). No. 38. 2. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Die Organisation der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa; Das Hilfscomitö für jüdische Auswanderer in Basel. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Aus bewegter Zeit, Erzählung von R. — Bunte Chronik. — Briefkasten. Die Organisation der jüdischen Auswanderung ans Osteuropa. I. Gegenwärtige Situation. Ueber die Auswanderung der Juden Rußlands, Oesterreichs und Rumäniens, deren zwingende Veranlassung ja allgemein bekannt ist, existieren keine genauen statistischen Zahlen; doch dürfte dieselbe mit 100,000 Seelen jährlich ziemlich sicher geschätzt sein. 1 Nach dem Bericht des amerikanischen Einwanderungs-Kommissars bestehen diese Emigranten zum größten Teil aus gelernten Handwerkern, und zwar in viel höherem Prozentsatz, als die nichtjüdischen Einwanderer. Auch befinden sich ebenfalls-in erheblich höherem Prozentsatz, als SU den Nichtjuden, Frauen und Kinder unter den jüdischen Emigranten. - Tie Auswanderung vollzieht sich im Allgemeinen ohne jede Organisation oder Beeinflussung von irgend einer jüdischen Seite her. Tie einzige Ausnahme bildet die von der Jewish Colonization Association protegierte Einigration, welche die Mehrzahl der rumänisch-jüdischen Auswanderer nach Nordamerika befördert und dann auch kleine Gruppen alljährlich aus Rußland nach Argentinien, Kanada nsw. entsendet. Wollte man diese organisierte Auswanderung auf ca. 10,000 schätzen, so wäre diese Ziffer zu hoch gegriffen. ' Eine zweite Gruppe der Emigranten bilden diejenigen, welche von Verwandten, die schon in Amerika oder sonst irgendwo sich niedergelassen haben, die Schiffskarte erhalten. Tiefe wissen bereits, wohin sie gehen.sollen, finden am Ziel tatkräftige Hilfe zur Begründung einer Existenz vor und sind auch unterwegs durch den Besitz der Schiffskarte vor der ärgsten Ausbeuttmg, nämlich derjenigen durch die lknteragenten der Schiffsgesellschasten, geschützt. Bei weitem die zahlreichste Gruppe bilden aber diejenigen Emigranten, die nach Verkauf aller ihrer Habe sich auf die Wanderschaft begeben, ohne über das Reiseziel und den Reiseweg im Klaren zu sein. Sie sind die Opfer jeder Art von Ausbeutung, so bei dem Kauf der Schisfskarten, die sie meist in der Heimat erwerben, dann an der Grenze, welche sie oft auf illegalem Wege überschreiten müssen, beim Geldwechseln, in den Hafenstädten beim Verladen des Gepäcks usw. Sehr häufigreichen die Mittel der Auswanderer nicht einmal bis Newyork; sie würden unterwegs liegen bleiben und auf den öffentlichen Bettel angewiesen sein, wenn sie nicht von den jüdischen Gemeinden und Vereinen in den Städten, die sie unterwegs berühren, unterstützt würden. In welcher Weise die Schiffsagenten die Notlage der Emigranten ausbeuten, dafür ist folgendes Vorkommnis in Königsberg ein sprechender Beweis: Am 26. Juli trasen dort 48 russische Juden ein, welche nach Newyork via Dänemark reisen wollten und Schiffskarten nach Kopenhagen besaßen. Als sic schon auf dem Dampfer waren, der sie nach Dänemark führen sollte, wurden sie von d e r P o l i z e i zwangsweise in die Quarantänest a t i o n in Insterburg z u r ü ck t r a n s p o r - tiert. Tort wurde ihnen eröffnet, daß sie nur durch die Hamburg-Amerika- Linie oder eine der afsiliierten Linien weiter befördert werden dürsten, andernfalls würden sie nach Rußland z u r ü ck g e b r a ch t werden. Die Leute sahen sich genötigt, die Karten der Hambnrg-Amerika-Linie znm Preise von 176 Jk. pro Person zu erwerben, während die Route über Kopenhagen nur 70—80 ,lk gekostet hätte. Da viele der Auswanderer nicht genügende Mittel besaßen, so mußte eine Sammlung für sie in Königsberg veranstaltet werden. Solche Vorkommnisse sind leider nicht selten, und sie erregen nur Aufsehen, wenn sie gleich ganze Gruppen betreffen, während das einzelnen Fgmilie» zustoßende schwere Ungemach unbeachtet blejbü Wenn man in Betracht zieht, daß es sich bei dieser Emigration sicher um mindestens 60000 Seelen handelt, so versteht man sofort, um wie große Geldsummen cs sich bei einer derartigen Massenbewegung handelt, und daß s e l b st durch kleine Ersparnisse H n n d e r t t a n s e n d e M a r k, vielleicht M i l l i o n en , den armen a u s - wandernden Inden erhalten bleiben könne». Sie würden sich dann in Newyork um so länger selbst erhalten können, und der ohnehin so stark in Anspruch genommenen jüdischen Wohltätigkeit diesseits des Meeres wie in Newyork wird ihre Last doch etwas erleichtert. Ersparnisse, bedeutende Erleichterungen, sowie Rechtsschutz können aber den arinen Emigranten nur auf eine Weise gesichert werden, nämlich durcheineplanmäßige Organisation der Auswanderung. II. Organisation. Tie Ausgaben der zu schaffenden Organisation sind außerordentlich mannigfaltige und große, und es wird im Anfang vielleicht nicht möglich, jedenfalls nicht ratsam sei», die Erfüllung aller dieser Aufgaben sofort und gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Aber diese Ziele müssen doch von vornherein bei der Schaffung des ganzen Apparates in Betracht gezogen werden. Tie für die Emigration zu bildende Organisation hat: a) Tie Auswanderer in ihrer Heimat mit den erforderlichen Auskünften zu versehen; sie hat diejenigen, die noch kein festes Reiseziel haben, dahin zu dirigieren, wo sie für ihren speziellen Beruf den besten Markt finden, ganz zur Auswanderung ungeeignete Elemente nach Möglichkeit zurückzuhalten, geeignete Reisewege zu empfehlen usw.; d) den Auswanderern, sobald sie ihre Heimat verlassen haben, auf der Reise, besonders in den Grenzstationen und Hasenplätzen, zur Seite zu stehen und vertrauenswürdige Personen dort zu bestellen, die die nötigen Auskünfte erteilen können, sowie die Emigranten vor der Ausbeutung durch Agenten, Geldwechsler usw. zu schützen; c) mit den Tampfschifsahrtsgesellschasten und Eisenbahnen zu verhandeln, um möglichst billige Preise für die Reise zu erzielen; <1) durch Verhandlungen mit den zuständigen Ministerien dafür zu sorgen, daß ftir die Behandlung der jüdischen Auswanderer in den Staaten, die sie passieren müssen, unter Respektierung aller gebotenen hygienischen Vorsichtsmaßregeln für die Turchgangsländer, feste und tolerante Normen geschaffen werden, um die Emigranten vor Ikebergrisfen untergeordneter Organe zu schützen. Kommen solche doch vor, so sind alsdann die Organe der zu schassenden Organisation iir der Lage, sich der Emigranten anzunehmen; e) mit den geeigneten jüdischen Organisationen ' in denjenigen Ländern, die das Ziel der Auswanderung bilden, Verbindungen anzuknüpfen, um sicher zu stellen, daß die jüdischen Emigranten am Ziele ihrer Reise tatkräftige Hilse zur Erringung einer neuen Existenz finden; k) außer den Ländern, die jetzt hauptsächlich die Einwanderung aufnehmcn, andere Gebiete zu suchen, die in der Lage wären, wenigstens einen Bruchteil des Auswanderungsstromes zu absorbieren. So könnte z. B. Italien, das nur ca. 40 000 Inden zählt, sehr wohl viele jüdische Handwerker aus Rumänien aufnehme», die infolge der Stammes- und Sprachverwandtschaft zwischen Italien und Rumänien sich für die Ansiedlung auf der Apeninenhalbinsel eignen dürften. Dieses eine Beispiel kann leicht vervielsältigt werden; g) endlich ist als ein ferner liegendes Ziel in's Auge zu fassen die Vorbereitung der Emigranten für ihr neues Heimatland durch Sprachunterricht usw. vor der Abreise. Eine Organisation, die diesen Aufgaben nach und nach gerecht werden soll, ließe sich etwa folgendermaßen bilden: 1. Eine Zentrale, eine Art jüdisches Auswanderungsamt, in einer der westeuropäischen Großstädte. Dieser Zentrale fielen die Aufgaben zu, mit den Transportgesellschaften und Behörden zu verhandeln, die Informationen über Arbeits- und Ansiedelungsgelegenheiten in den Zielländern der Auswanderung zu sammeln und diese Nachrichten nach Rußland, Oesterreich usw. weiterzugeben, neue Einwanderungsgebiete zu suchen und deren Verhältnisse zu studieren, sowie endlich alle gesammelten Erfahrungen auf diesen Gebieten allen Teilen der Organisation, resp. der Oessentlichkeit bekannt zu geben. 2. In den Ländern, aus denen die Emigranten kommen, je eine Zentrale in den Hauptstädten, also Petersburg, Warschau, Lemberg, vielleicht auch Bukarest, an die das Auswanderungsamt seine Informationen und Instruktionen abgibt. Von dieser Landeszentrale sind dann in allen wichtigen Plätzen des betreffenden Landes Auskunstsstellen zu schassen, bei denen der Auswanderungslustige Informationen und Rat aller Art erhalten kann. Meist wird man für diese lokalen Auskunftsstellen an die vorhandenen Gemeindeinstitutionen resp. Vereine anknüpfen können.