Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 37 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692395--01125-2695603- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10. träge, macht empfehlende Worte überflüssig, denn er spiegelt trcn die auf eine allseitige Ausbildung bedachten Bestrebungen des wackeren Vereinsvorstandes wieder. Er ist sicher, daß der Erfolg die Mühe solch' selbstloser Arbeit lohnen wird! Rödelheim. Am Sonntag, Len 2. Oktober d. I. feiert der hiesige Israelitische Literatur-Verein das Simchas-Thora-Fcst in Form einer Abendunterhaltung mit Tanz und verspricht der Abend ein sehr genußreicher zu werden, -a für theatralische und Humoristische Vorträge bestens gesorgt ist. Tie Feier findet Abends 8 Uhr in sämtlichen Lokalitäten des Restaurants „Zum Taunus" (Taunusstraße) statt und können Gäste eingeführt werden. Aus -er Lehrerwett. Budapest. Das Landes-Rabbinerseminar veröffentlicht soeben seinen 27. Jahresbericht. Dem eigentlichen Berichte geht eine gediegene Studie des greisen Professors Moses Bloch voran über: „Dic Vormundschaft nach mosaisch-talmudischem Rechtc". Es ist dies eine gründliche, von großer Gelehrsamkeit zeugende Studie, die seltene Geistesfrische des Autors bekundend, der in wenigen Monaten seinen 30. Geburtstag feiert. Brüx (Oesterreich). Dem hiesigen Rabbiner D r. Biach, ist der Titel Professor verliehen worden. Der jüdisch-deutsche Jargon und seine Literatur. Ein Vortrag. . Von A. S. Die nachfolgende Betrachtung diente im Jahre 1900 als Vortrag in einem kleineren Kreise jüdischer junger Leute. Durch die Ausbreitung der zionistischen Bewegung sind heute west mehr als dies damals, vor 4 Jahren, der Fall war, die Augen der jüdischen Welt nach den Wohnsitzen der jüdischen Mitbrüder gerichtet, in welchem der Jargon das beliebte Ausdrucksmsttel des Gedankens bildet. Der 22jährigc Verfasser, der in diesen Blättern wiedergegebenen Abhandlung konnte diese einschneidende Wendung in der Gedankenrichtung seiner Volksgenossen und die damit verbundene Würdigung der jüdischen Volkssprache nur vorausahnen, denn kurze Zeit nach der Mederlegung seiner Ansichten über die Umgangssprache der jüdischen Volkskreise seiner Heimat — er war ein Russe — wurde er durch ein tückisches Geschick aUem Irdischen entrückt. Trotz der zwischen der Entstehung und nunmehrigen Veröfsentlichung liegenden, langen Spanne Zell, dürfte die Gediegenhest der Beweisführung und das tiefgründige Erfassen der Volkssphche, welche in dieser Arbest Ausdruck findet, kaum jemals von einer den gleichen Gegenstand behandelnden Studie — zum allerwenigsten in deutscher Sprache — übertroffen worden sein. * B * Viele von Ihnen haben vielleicht mit einem Lächeln aus den Lippen das Thema meines heutigen Vortrags ° auf dem Programm gelesen. Diele von Ihnen sind vielleicht gar in der Absicht gekommen,, sich mehr oder weniger auf Unkosten des Kauderwälsch zu amüsieren, dessen Verdrehungen und Verstümmelungen uns so geläufiger Wörter und Redensarten unsere Heiterkeit geradezu herausfordern. Wenige indessen mochten es bedacht haben, daß dieser Kauderwälsch die Muttersprache von zirka sechs Millionen unserer Glaubensbrüder, also des größeren Teils des jüdischen Volkes, ist und daher als die eigerstliche Volkssprache der Juden bezeichnet werden muß. Denn in den großen Ebenen von Halbasien, wo die großen Massen des jüdischen Volkes konzentriert sind, wo sozusagen der Schwerpunkt des Judentums liegt, kennt das Gros der jüdischen Bevölkerung fast keine andere Sprache, als den Jargon. Der Jargon ist ihre Geschäfts- und Umgangssprache, die Sprache, in welcher sie in den von Mühen und Sorgen freien Stunden in religiösen Erbauungsschristen Trost und Stärkung suchen und finde», oder in profaner Lektüre Unterhaltung und Anregung. .Ja sogar die Tausende und Abertausende unserer östlichen Brüder, die jahraus, jahrein durch Elend, Nvt und Drangsal Zoller Art gezwungen sind, zum Wanderstab zu greifen, nm sich in fernen Welttesteu eine neue Hestnat zu suchen, trennen sich in ihren neuen Heimstätten nur ungern von! der ' ihnen angeborenen Sprache. Und so können - Frankfurter Israelitisches Famllienblatt.. wir zu'den sieben Millionen jargonsprechendcr Juden in den slavischen Ländern noch mindestens -/:i der in England, Amerika, Afrika und Australien Eingcwanderten zählen, deren Wiege ebenfalls im slavischen Osten gestanden hat. Wen» Ivir nun das Jüdisch-Deutsch, das in den westeuropäischen Ghettos gesprochen wurde, füglich nur als Dialekt bezeichnen können, da es sich erwiesenermaßen weder in Wort noch in Ausdruck von der zu damaliger Zeit allgemein üblichen Sprechweise unterschied und nur durch die Beimischung des hebräischen Elements zum Dialekt gestempelt wurde, kann der Jargon das Recht einer selbständigen Sprache für sich beanspruchen. Zwar hat auch der Jargon den Grundstock seines Wortschatzes, sowie Form und Geist der Sprache dem deutschen S prachgute entnommen. Doch sind diese altdeutschen Bestandteile durch Beimischungen und Verschmelzungen mit andern Sprachclcmcnten oft bis zur. Unkenntlichkeit entstellt und von dem heutigen Hochdeutsch, das inzwischen ebenfalls Jahrhunderte lange Epochen der Gestaltung und Entwickstulg durchgemacht hatte, so verschieden, daß der Jargonsprechende sich nicht mehr mit dem Deutschen verständigen kann. Eine Tochtersprache aber, die sich von ihrer Mutter so losgelöst hatte, daß sic sich gegenseitig nicht mehr verständlich sind, hat eine selbständige Existenz angenommen und Unabhängigkeit erworben. Während nun jede andere Sprache, die von einein numerisch gleich starken Volke gesprochen wird, in jeder Hinsicht erforscht und ergründet ist, ist der Jargon bis jetzt eine terra ingnota, ein unerforschtes Gebiet geblieben. Und doch welch' herrliche Früchte aller Art verspricht dieser brachliegende, reiche Boden bei nur wenig sorgfältiger Bearbeitung zu tragen! Mgesehen von den wahren Schätzen für die alt- und mittelhochdeutsche Sprachgeschichte birgt der Jargon auch manches Wertvolle für die Geschichte der Inden selbst, das, an den Tag gefördert, gewiß Helles Licht über einige dunkle Punkte in der Geschichte verbreiten würde. Dort zum Beispiel, wo die Geschichte Lücken gelassen hatte, wie über den Zeitpuntt der.verschiedenen Einwanderungen der Juden in Polen und Rußland, könnte die Sprache des Volkes befragt, gewiß sichere Aufschlüsse geben. Wahrhaft unschätzbar aber ist der Jargon und seine Literatur für die.jüdische Kulturgeschichte. Hier, wie nirgends, bietet sich uns Gelegenheit, die jüdische Volksseele aus so unmittelbarer N'ähe zu belauschen, hier, wie nirgends — die ganze Eigenart des jüdischen Denkens und Empfindens, des jüdischen Volksgeistcs und Charakters kennen und begreifen zu lernen! In dieser Literatur, die von Männern aus dem Volke für das Volk geschrieben wurde, ohne den steten Blick auf fremdes Urteil und fremde Kritik, sehen wir das natürliche Empfinden des jüdischen Volkes ungezwungen, gleichsam im häuslichen Verlehr, sich kundgeben. Es scheint jedochdaß Vorurteil und Verkennung, die wie ein ewiger .Fluch' das Volk Israel auf seiner langen Wanderschaft verfolgten, auch seine Sprache getroffen hatten. Keiner wollte sich mit der Judensprache befassen, keiner wollte dem Judendeutsch irgend welche Bedeutung beimessen. Ja sogar die Brüder im Westen, die durch Mittel, und Kenntnisse eher dazu berufen wären, sich dieses verwahrlosten Rationalschatzcs, des Vermächtnisses schwerer Prüfungs- und Schreckenszett, anzunehmen, strafen es mit Nichtachtung, ja Verachtung. Doch noch nicht genug. Diejenigen selbst, denen diese Sprache als Dolmetsch in allen Verhällnissen ihres Lebens dient, schätzen sie gering, schämen sich ihrer. So schreibt der Romancier A. M. Dick, ein unus pro multis, in seiner Erzählung „Die edle Rache oder die Nekome": „Vun diese Mentzen is zu lernen, wie wahr es is der alle Sprichwort: ein Mentz ohn' a Sprach' is kein Mentz; ein Mentz mit ein Sprach' nur, is nur ein Mentz; ein Mentz mit zwei Sprachen, is er schoin zweimal Mentz; mit drei Sprachen is er drei Mol Mentz un aso Wetter. Un' vun diesem Pnnll ois zu betrachten unsere Irden, seinen sei gor kein Mentzen nit. Denn mir hoben gor kein Sprach'; mir reden nur dem Jargon, aso a Sprach?, wos is kein Sprach! Sie is zusammengemischt vun alle Teitz mtt Loschen Hakoideschmit Russ'esch mit Poileß, mit Englisch, Spanisch, mr Franz es; aso Mr. 37. a Sprach', wos werd nil verstannen un nit gesprochen vun kein schum llinc we - Loschen (Nation), a Sprach', wos hot nit kein Grammatik, nur' zusammen gebettelte Wörter vun alle Leschoines (Sprachen); asm wie amol unsere jidische Kleider, wos war sich nur a Gemisch vun aller Völker Kleidung: Unsere Hitlech (Hüte) genummen vun die alte russ. Tracht, die Suppeze mit dem Gartet vun polische Kleidung, Schich (Schuhe) un' Socken mit kurze Hoisen vun Tcitzland." Also, verkannt, verachtet und ohne Achtung vor sich selbst — wahrlich, Volk und Sprache wurde dasselbe Schicksal zu Teil. (Fortsetzung folgt.) Wiege, Grab und Mensch. Lied in Prosa. Aus dem Jüdischen von M o r r i s R o s e n f e l d. Ucbersctzt von Jacob b. Elijah. Die Wiege. Und die Wiege sprach: Mensch, preise mich! Laß' Deine Stimme für mich erklingen und besinge mich in Deinen schönsten Liedern. Ich fordere's von Dir, ich mahne Dich: Du bist ja mein alter Schuldner. In meinem Schoß küßten Dich die ersten Strahlen. Aus mich fielen Deine ersten Tränen, und ich war die erste, die sie beschwichtigte. Süß träumtest Du in Deinen Kinderjahren auf meinem lebensfrohen Busen. In meiner Seele hast Du Dich lustig gewiegt und bist so mit den Engeln eingcschlummert — ach, Du warst ja dann selber ein Engel. Ich >var Deine Trösterin. Deine Mutter gab Dir Milch, und ich — ein süßes Lächeln im Schlaf.. Ich war Dir ein Paradies auf dieser Welt. Seitdem aber Du -mich verlassen hast, so begann bald das Leben Dich zu verfolgen. Nun preise mich, mein Zögling! - Vergessen darfst Du meiner nie. Denn ich habe stets Deine Launen vergöttert und Deine Wünsche erfüllt. Wie hübsch, wie reizend war doch das hellweise Zieglern, das ich Dir geschcntt! Ich lvar Dein erstes Heim, und Dein lleiner Schatten schwebte auf meinen Wänden. Besinge mich, mein Lieber! Wer' denn hätte Dich auf der langen Lebensreise begleitet, wenn nicht die angenehme Erinnerung an mich? Mit mir ist eng verbunden Deine Unschuld) Deine schönste Zeit, die nicht mehr wiederlehrt. Das Grab. Und das Grab sprach: Preise mich. Sterblicher! Tue es jetzt, denn später wirst Du es nicht mehr können. Bezahle mir, solange Du noch d a bist. Mir sollen gehören Deine tiefsten Gefühle: Denn ich bin Dein wahrer Freund,' Dein einziger Erlöser. Ich werde Dir Deine letzten Tränen herunterwischen und ewige Zufriedenheit gewähren. In meinem Schoße wirst Du wirllich ruhen —. frei von Sorgen, der Mühseligkeit entlastet. Schwer ist Dein Lebenskampf — bei mir herrscht Friede. Groß ist die Zahl Deiner Verfolger — bei mir bist Du in Sicherheit. Ich bin eine starke Festung: ich beschütze Dich. Bei mir wird Dich niemand stören — Du kannst nun ausruhen. Was Du jetzt Dein nennst, wirst Tu doch, bald verlieren — meine Blumen aber pflückt man nicht. Besinge mich. Sterblicher! Denn Lei mir endet Dein trügerischer Traum. Ich Lin daher heiliger als Deine Wiege. Sie hat Dich betrogen und bei mir ist die Wahrheit. Das Leben hat Dich verunreinigt, ich will Dich rein machen. . . Gedanken plagen Dich, Du denkst. Du fühlst und zitterst — ich bringe alles in Vergessenheit. Küsse falscher Liebe erklingen nicht innerhalb meiner vier Wände, und des Schmeichlers Schütten schwebt nicht auf meinen Brettern. Ich bin Dein letztes Heim, Deine letzte Wohnung. Aus dieser Wohnung wirst Du nimmermehr auszieheu; Du bleibst dort.