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Neue jüdische Presse · 1904-09-23 · Heft 37 (23.9.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 37 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage p Nr. 37 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. A« tmrm ftfct! Wir richten an unsere Leser, welche das Blatt bei der Post abonniert haben, die Bitte, das Abonnement für das dritte Quartal j<)0^ rechtzeitig zu erneuern, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleidet. — Preis pro Quartal inkl. Franko-Zusendung \,02 Mark. Diejenigen Abonnenten, welche unsere Zeitung von uns direkt beziehen, erhalten dieselbe ohne besondere Erneuerung des Abonnements fortlaufend zugesandt. Nach Beginn des Neuen Quartals können wir Abbestellungen nicht mehr annehmen. WfF Infolge vielfacher an uns ergangener Anfragen und um den Wünschen der meisten unserer geehrten Abonnenten zu ent. sprechen, erklären wir uns gern bereit, der Einfachheit und der Porto-Ersparnis wegen Abonnementsbeträge anch für mehrere Quartale auf einmal im voraus entgegenzunehmen. Die Geschäftsstelle des „Frankfurter Zsr. Familienblattes." W Wegen der Snckothfeiertage fällt die nächstwöcheutliche Nummer aus! Inhalt der Beilage: Artikel: Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — AusderLehrerwelt. — Jüdische Literatur: ' Der jüdisch-deutsche Jargon und seine Literatur. — Feuilleton: Wiege, Grab und Mensch. — jc. :c. Brief aus Ungarn. ^Bon H. Br. Als der weiseste König dem prosaischen Spruch: Alles schon dagewesen, durch seine poetische Umprägung „Mchts Neues gibt es unter der Sonne" den Freibrief für die Unsterblichkeit gegeben hatte, wird er gewiß nicht an das schöne Magyarenland, wo „Wein", „Weizen" und „Geisteshelden" so üppig gedeihe», gedacht haben. Denn, wenn auch alle vermeintlichen Errungenschaften der Kunst und des Wissens, jeder patentierte Fortschritt der Technik und des industriellen Aufschwunges, nichts mehr als das abermalige Abdrehorgeln einer vor Jahrtausenden »erklungenen Harmonie wäre, tragen doch die Geschehnisse hierorts den Stempel 'des „Nochniedagewesen", die Marke ureigener Originalität an sich, die uns zwingen, für unsere Juden beim weisen König ein Ausnahmegesetz zu erwirken. Hier wird sein 3000jähriges Zitat zu Schanden. Und zwar durch die Krhillo kedauschoh Peczöl. Was sie sich in diesem Flecken des Fomitates Bas leisten, macht ihnen kein „Bumisl" nach. Sie haben nämlich als Fleischaufseher zu gut deutsch zum „Maschgiach für Koscherfleisch" den ehrwürdigen Kaplan der katholischen Kirche engagiert. — Und das kam so. Im heiligen Rat der andersgläubigen Mitbrüder wurde. die Gründung der Konsumgenossenschaft beschlossen. Die humanistischen Tierschutzvereinsmeier wollten dadurch denpaarjüdischen Kramlädchen den letzten Stoß versetzen. Um die Sache ganz zu vollbringen, mußte auch das Fleisch im „Konsum" genossen werden. Dazu sollten nun die jüdischen Fleischtöpfe herhälten. Alle Konzessionen wurden ihnen gewährt: Preisermäßigung, rituelles Schlachten, humane Behandlung; nur bei der Aussicht blieb ein Haken zurück. Denn Pöczöl ist leider kein Ort, der sich einen Geisteshelden zur Fleifchaufsicht verschreiben kann. Und da die Geschäfte eben auch nicht zu glänzend gehen, mußte man sich wohl schlecht und recht mit dem Anerbieten des Herrn Kaplans „gewissenhaft über Kaschrnß zu achten" begnügen. Man sieht, daß wir auch hier im klassischen Lande der Assimilation mit der Goluskrankheit des Tausch- und Handelgeistes kämpfen: Man tritt uns und wir küssen den edlen Tretern dafür dankbar die Schuhe. Der Fall ist einzigartig. Und Pöczöl steht nur einmal in der Geographie. Wir wollen uns mit dem Nest kein zweitesmal beschäftigen. Ich werde mir aber erlauben, dem Historiker der Preßburger Judengasse, der durch seine stille Kunst die Gestalten von „Modchele mit der Gewure", dom „Himmelflicker" und „Flöhbeißer" so jämmerlich ins literarische Grab schaufelte, einiges Material zu liefern, damit er in geeigneter Stunde auch diese schreiende Begebenheit durch seine goldene Feder zu tote martre. Was ich jetzt bringen will, ist ganz frisch, direkt von der Quelle. Ein hochverehrliches Publikum, das im Zeichen der drahtlosen Telegraphie lebt, hat ein Anrecht mehr zu erfahren, als was zu Zeiten der Sasaniden, Enpatriden und Eumeniden selig geschehen. Ich bin schon wieder bei Preßburg. Nün da war es wirklich ungeheuer. Sie haben nach 30jährigem, zu allgemeiner Zufriedenheit geleisten Dienste urplötzlich entdeckt, daß der „Bal Tekio" unwürdig sei. — Ich muß schon wieder abschweifen, indem ich aus den analogen Fall im Preßburger Mtersversorgungshaus verweise. Dort ist nämlich die 94jährige Malke Fisch nach 75jähriger glücklicher Ehe ihrem Manne urplötzlich gestorben. Chajim Fisch folgt der Bahre und brummt und summt fort und fort: „Man hat mir aber gleich gesagt, daß sie ein krankes Mädel ist. Weh! warum Hab' ich nur nicht gefolgt." —• Nun ja, nach 30 Jahren haben einige Krakeeler entdeckt, daß Rabbi Schmul Leb Schlesinger, der allerwärts als Bentora verehrte, als Gottesfürchtiger geschätzte, von jedem hochgeachtete „Balbos" nicht mehr „blastüchtig" genug für die „Schirstuben" sei. Tie Älpostel der Hetzer vom Main wähnten im Geiste ihrer Jnspiranten zu handeln, wenn sie statt des so warm empfohlenen Knüppels sich ihrer geschmeidigen Zunft bedienten, und die Blüte einer siebenwöchenttichen Verhetzung gab sich in öffentlicher Beleidigung, im „Bisojaun Talmide Chachomim" kund. Dort, wo bis jetzt Eintracht herrschte, wurde die Stätte des Hasses. Rabbi Schmul Leb und mit ihm so mancher auch Nichtzionist fanden sich beim ehrwürdigen Gaon und Kodausch Rabbi David Lackenbacher zusammen, um dort ihrer heiligen Andacht am „Roschhaschono" zu leben. Nun geschah in der „Schirstuben" das Merkwürdige. Knapp nach dem Schofarblasen stürzte die am Almemor, wie immer befestigteSeferthoraherunter;siezerbrach in Stücken und verletzte im Falle das Bein des „E r s a tz b a l t o k e a". Ein Schrei gellte durch den dumpfen Saal; dann war es leichenstill; man schaute sich bleich und erschüttert in die Augen; erst dann löste sich alles in lautes Schluchzen auf. Die Greise behauptete», daß an allem nur das „Sinas Chinom" Schuld habe. Das Besdin setzte sich gleich nach Jomtof, um Rabbi Schmul Leb um Vergebung zu bitten. — Allgemein sieht man hier darin einen Finger Gottes, denn „Machlokos" wenn auch „leschem Schomajim" richten das Judentum zu Gründe und verursachen den Churban. Wir Zionisten sind npr froh, daß die Geschichte nicht im Beisein des Rabbi Schmul Leib, den doch viele zum Dortbleibeu zwingen wollten, geschehen ist. Der arme Mensch wäre nach jüdisch-romantischem Un—recht, wie es der Gaon von Magentia „paskent", gelyncht worden. Uns geht es überhaupt in diesen Tagen ausgezeichnet. Tie eingefleischten „koscheren" Misrachivertilgenwoller haben mit ihren Predigten vollauf zu tun, sie geben Ruh und die übrigen Mitschwinger sind froh, daß wir sie in Ruhe belassen. Die jüdische Presse aber schreibt bei uns lustig daraus los. Und Herr Großberg auch zu unseren Gunsten. Was bei diesem Herrn, der uns noch vor 7 Wochen so manchen meuchelnden Stich versetzte, viel heißen will. Er, der mit der nochjüdischen Lesewelt in Fühlung ist, muß Morgenlust wittern. — Und es weht Morgenluft! Budapest, den 6. Tischri 5665. Aus aller Wett. Rntzland. Warschau, 21. Sept. Der neue Minister des Innern, Fürst M i r s k y, der nach seinem ganzen bisherigen Auftreten eine mildere Tonart anzuschlagen scheint, hat bei seinem Abschied in Wilna auch eine jüdische Abordnung empfangen und den Jiwen kräftigen Schutz durch die Behörden zugesichert. Personalien. Frankfurt a. M. Am Dienstag, den 11. Tischri, verschied nach kurzem Leiden Herr Jonas Wolf Wolpe im Alter von 69 Jahren. Der Verstorbene war in Rassein (Gouvernement Wilna) als Sprößling einer hochangesehenen Gelehrtenfamilie geboren, besuchte in Rußland das Wilnaer Rabbinerseminar, betrieb fleißig das Studium des Talmud und der Haskala-Literatur und verlegte sich auch aus die Erlernung moderner Sprachen (er sprach und schrieb deutsch, russisch, englisch und französisch). Nach dem plötzlichen Eingehen des Seminars trat er zum Kaufmannsstande über. Er konditionierte zuerst bet der Weltfirma Feinberg u. Co. in Kvwno und lebte dann — seitdem er vor 37 Jahren seinen Wohnsitz nach Frankfurt verlegt hatte — als Börsensensal 187t wurde er als Deutscher naturalisiert. Mit Herrn Jonas Wolf Wolpe hat die Frankfurter Judenheit einen Mann verloren, der mit wahrer Begeisterung und glühender Liebe für das Judentum beseelt, seine ganze Persönlichkeit und seine Lebenstätigkeit in den Dienst jüdischer Pslichtersüllung gestellt hatte. Charakteristisch für seine große Frömmigkeit ist, daß er Scheniwechamischi (Montag und Donnerstag) seit Jahren bis noch vor kurzer Zeit fastete. Sein Haus wurde in echt jüdischer Gastfreundschaft, Hachnosas aurchim — wie man sie in solcher Reinheit in Westeuropa wohl kaum »och einmal «Messen dürfte — geführt; besonders seine in Frankfurt ansässigen russischen Landsleute, denen sein Haus auch ihr Haus war, werden ihn schmerzlich vermissen. Wem es vergönnt war, einen Blick in das mustergültige, gottgeheiligte Familienleben dieses Mannes zu tun, der gewann ein Bild einer typisch traditionell jüdischen Familie. Bekannt ist auch seine große Begeisterung für den Zionismus; er war einer der ersten Zionisten in Frankfurt und opferte viel Geld und Zeit dieser Sache. Sein Andenken ist ein gesegnetes! Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Den jungen Leuten, die hier keine Angehörigen wohnen haben, ein Heim zu bieten, damit sie vor den Gefahren des Großstadtlebens geschützt bleiben, war schon seit Jahren ein sehnsüchtiger Wunsch warmherziger Menschenfreunde. Der „Montefiore, Verein zur Pflege der idealen Interessen jüdischer junger Leute", der mit seinen 750 Mitgliedern der größte derartige Verein in Deutschland ist, hat diesem Ziele unentwegt nachgestrebt, und Tank seiner Ausdauer und Energie ist es ihm — wie sein in unserm Inseratenteil veröffentlichtes Arbeitsprogramm für das Wintersemester 1904/05 zeigt — nunmehr gelungen, die sich gestellte Ausgabe in gradezu glänzender Weise zu lösen. Seine schönen Räume, bestehend aus Restaurations-. Lese- und Schreibzimmer und großem Garte», bieten der jungen Kaufmannschaft kostenlos eine Stätte anregender Lektüre und zwangloser Unterhaltung. Doch nicht damit genug, gibt er seinen Mitgliedern außerdem noch ltzelegenheit, ihr jüdisches und ihr allgemeines Wissen zll erweitern und zu vertiefen, den Körper zu kräftige» und zu stählen» und edle Geselligkeit zu pflegen. Borträge und Lehrkurse, Turnunterrichtsstunden, Schachkurse und Familienabende sind die Erzieher, denen die Mitglieder freiwillig ihre geistige und körperliche Fortbildung anvertrauen, dainit sie später in Familie, Gemeinde und Staat mit gefunden Anschauungen ihre Pflichten erfüllen können. Schon der Arbeitsplan sür die Winterwochen: Montag, abends 9 Uhr, Turnhalle des Philanthropie, Turnunterricht, Dienstag, abends 9 Uhr, Bereinslokal, Stenographie-Unterricht, Mittwoch, abeichs 9 Uhr, Bereinslokal, Borträge, Donnerstag, abends 9 Uhr, Bereinslokal, 1. Quartal des Winters: Schachkursus, 2. Quartal des Winters: Samariterkursus, Freitag, abends 8Vr Uhr, Religiöse Bor-

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