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Neue jüdische Presse · 1904-09-23 · Heft 37 (23.9.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 37 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr- 37. Prag (Böhmen). Bei dem guten Klang, den früher der Name Karpeles auf verschiedenen Gebieten des jüdischen Lebens hatte, dürfte es die Oefsentlichkeit interessieren, daß die heutigen Karpeles sich zum Teil ihres Namens und zum Teil auch noch ihres Judentums schämen. Beweis: 1. I. U. Dr. Camill Karpeles und Ingenieur Ludwig KarpÄes, beide aus Smichow bei Prag, haben mit Erlaubnis des Statthalters, ihre Familiennamen in K a r p c l mngeändert. 2. Irl. Bozcna Karpeles, Tochter des Herrn Heinrich Karpeles, Oberleutnant a. D. und Gutsbesitzer in Unhoscht, hat sich am ll. September in der Piaristenkirche, Prag-Gräben, mit Herrn Oberleutnant Richard Slischke vermählt. Budapest, 19. Sept. (TL) Dem Mitglied des Börsenrates Herrn Julius Klein, Chef der Großhandlungsfirma M. Heller u. Co., wurde in Anerkennung seiner Verdienste auf volkswirtschaftlichem Gebiet derOrdendereiscrnen Kronedritter Klasse verliehen. ^ernowitz (Oesterreich). Bei den Landtagswahlen für die Bukowina würden unter den 31 Abgeordneten auch 3 Juden gewählt: Dr. Strauch er, zugleich österreichischer Reichstagsabgcordneter, Dr. Weizenfeld und Tittinger. Wilna (Rußland). Der Kaiser hat dem hebräischen Schriftsteller B. R a t n c r für seine auf dem Gebiete der Geschichte der Juden und besonders für seine jüngste kritische Arbeit über den Talmud Jeruschalmi die goldene Medaille mit dem Stanislausordensband verliehen. Aus belegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der ftanzöstschen Revolution. Don R. (Fortsetzung). Me begaben sich die Stufen hinauf und lasen folgende Goldschrift: „Alle Frauen verständigen Herzens spannen dies mit ihren eigenen Händen zum Dienste des Heiligtums: Irau Mt., Gemahlin des Herrn 4M. usw." „Ei, das ist ja meine Rachel! ei, das ist meine Judüh," riefen die Herren Meier und Wolf mit freu diger Ueberraschung aus. „Ja wohl, es hat sich keine jüdische Frau sowohl von hier als von der Umgegend ausgeschlossen; hat aber auch schön Geld gekostet; sollen wir's zusammen diesen Monat verdienen, will's Gott!" meinte Esther. „Ein sehr zeitgemäßer Wunsch, so wahr ich lebe! Die Zeiten sind sehr schlecht, man verdient keinen Sou und muß doppelt so viel Steuern als vorher entrichten; dazu nehmen noch die Einquartierungen kein Ende," meinte Herr Meier. „Mein Gott, woher soll man den Sou verdienen? die Reichen flüchten sich alle aus dem Lande, und der arme Landmann dreht den Sou sechsmal um, bevor er ihn ausgibt; man ist froh, wenn man das liebe Brot hat," sprach Herr Wolf. „Und wenn man etwas verdient, erhält man das Geld in elenden Assignaten, welche kaum die Hälfte ihres Nennwertes haben," siel Herr Meier ein. „Vor zehn Jahren habe ich diese königliche Maut ruf zwölf Jahre gepachtet und den Pachtzins im Vorhinein entrichtet, seit dem neun und achtziger Fahre habe' ich keinen Centime Mautgeld gesehen Früher wußte der Bauer nicht anders als stehen zu bleiben und zu bezahlen, wenn er an der Maut vorüberfuhr; jetzt 'knallt er mit der Peitsche und rennt vornehm vorüber, ohne einen Heller zu bezahlen. Vorige Woche lief mein Jakob Einem nach, um ihn an die Entrichtung des Mautgeldes zu erinnern, da gab ihm jener Flegel als Antwort einen Peitschenhieb in's Gesicht, daß das arme Kind eine Woche lang kein Auge öffnen konnte. — Und von Ausrichtung vor Gericht kann jetzt schon gar keine Rede sein. Wenn vormals ein Bauer auf's Amt kam, blieb er demutsvoll an der Türe stehn und harrte geduldig, mit dem Hut über die Brust gesenkt, bis der Beamte ihn um sein Begehren fragte; jetzt muß der Beamte froh sein, wenn ihm nicht der Bauer auf offener Straße die Kirschenkerne in's Gesicht wirft. Nein, schlimmer als es jetzt ist, kann es unmöglich werden!" rief Nephtali unwillig aus. „Und das kaut Ihr Euch, so frei vor ftanzöstschen Soldaten zu reden? Bedenket, Bürger, daß wir Euch für diese unpatriotischen Reden zur Verantwortlichkeit Ziehen können!" bemerkte Einer der anwesenden Soldaten, welche bisher Mles stillschweigend angehört hatten. „Das wäre nicht übel!" erwiderte Nephtali, „ich hungere bei der Freiheit, warum soll ich nicht bei der Freiheit ein fteies Wort reden dürfen, und noch dazu in meinem eigenen Hause? Den will ich kennen, der mir dieses Recht verwehren kann! — Hat doch einst der Gewaltherrscher Ahasverus verkünden lassen, daß jeder Mensch Herr in seinem Hause fei;1) warum sollte dies nicht auch in einem Lande, wo Freiheft und Gleichheit herrscht, der Fall sein? — Und ich wiederhole es: wenn diese StaatSwirtschast in Frankreich noch lange fortgeht, geht das ganze Land zu Grunde." „Ihr Juden habt doch wahrlich am wenigsten zu Hagen über die neuen Zustände; bedenket, wie stiefmütterlich der ftühere Staat Euch behandelte, und wie Ihr jetzt allen andern Staatsangehörigen vollkommen gleichgestellt seid!" erwiderte derselbe Soldat. „Wohl wahr, dies wissen wir zu würdigen; aber — Freiheit und Gleichheit gehören wohl zu den schätzbarsten Gütern des Lebens; doch der Magen kann nicht satt davon werden. Der ehrliche Bürgersmann hat Weib und Kinder, denen er keine.Freiheit und Gleichheit austischen kann, wenn sie Hunger haben und etwas zu essen verlangen." Hier unterbrach die Hausfrau die Unterhaltung mit dem Rufe: „Meine Herren, die Suppe wird eiskalt!" Diese Worte fanden allgemeinen Anllang, und man begab sich zu Tische. Dieser war aus Eichenholz, in Gestalt eines Rechtecks; an jeder Längenseite konnten je vier, an jeder Breitenseite je zwei Personen bequem Platz nehmen. An der einen Breiteneite saßen Nephtali und Esther; rechts hie Herren Meier, Wolf, der Gefangene und der zweitälteste Sohn des Hauses, links Eliah und die drei Soldaten; gegenüber die zwei jüngsten Haussöhne. Nachdem alle, sogar die christlichen Soldaten aus Anstandsrücksicht, sich an einem an der Mauer befestigten Gießfaß die Hände gewaschen hatten, begaben sie sich an ihre Plätze, worauf Nephtali einen srischgebackenen Laib Hausbrod anschnitt und dabei laut und mft Andacht die vorgeschriebene Segensforniel sprach: „Gepriesen seist Du, o Ewiger, unser Goll, König der Welt, der Du die Nahrung aus der Erde hervorsprießen lassest," dann ein Stückchen für sich. Eines für die Frau und zehn für die Anwesenden in einen Teller hineinschnitt, welcher in die Runde herumgercicht wurde. Bei Begehung dieser uralten frommen jüdischen Sitte, welche später in's Christentum als Sakrament überging, zeigte sich eine im menschlichen Leben sehr gewöhnliche Erscheinung, daß nämlich selten Einer lacht, wo nicht der Andere weint; Eliah nämlich lachte während des Unschneidens, während dem Gefangenen ein Strom von Tränen den Augen entquoll; Elfteren hatte Nephtali, Letzteren Esther zuerst bemerkt. „Warum lachst Du, Eliah?" „Warum weinen Sie, guter Freund?" sprachen Beide zu gleicher Zeit. „Vernehmen wir zuerst den Lacher, bann den Weiner," meinte Nephtali; darauf wandte er sich zu Eliah: „Sag' mir, mein Sohn, hat die sogenannte neue Weltweisheit in Deinem Herzen schon so tiefe Wurzeln geschlagen, daß Dir die altehrwürdige Sitte Deiner Väter bereits lächerlich vorkommt?" „Gott bewahre! aber ich erinnere mich dabei, daß ich während meines Zlufenthaltes zu Paris nur ein einziges Mal Moozi3) machte und daß ich diesem meinem einmaligen Moozi-machen meine Beförderung zum Sergeant verdanke; es war drollig genug!" „Ja richtig; ich wollte Dich schon darüber fragen. Vor Freude, Dich bei uns wiederzusehen, beachtete ich Anfangs Deine Sergeant-Uniform nicht; später aber fiel sie mir auf. Wie kamst Du dazu?" fragte Esther. „So höre: Einst war eben an mir die Wache beim König im Tempel, als ihm ein Mädchen in einem Korb die Mittagskost brachte; ich untersuchte meiner Vorschrift gemäß, die Speisen; da fiel mir ein Laib Brod auf, der etwas größer als gewöhnlich war. Ich betrachtete ihn argwöhnisch, wog ihn in der Hand und fand ihn bedeutend schwerer, als er seiner Größe nach sein .sollte. Dabei bemerkte ich, daß das Mädchen etwas betroffen wurde, was meinen Argwohn noch steigerte. Ich holte mein Taschenmesser hervor, um den Laib aufzuschneiden, worauf das Mädchen erschrocken die Flucht ergriff; ich rief der untenstehenden Wache zu, die Flüchtige anzuhalten, welches auch geschah. Ich schnitt den Laib auf und fand darin eingeknetet — einen ziemlich langen Strick nebst einem beschriebenen Zettelchen, worin der König aufmerksam gemacht wurde, ersteren gegen Mitternacht an die Leiste eines bezeichnten Fensters zu befestigen, welches in ein Seitengäßchen ging; darauf herabgelassen, würde er von einigen Königlichgesinnten empfangen werden, welche schon die umsichtigsten Anstalten zu seiner abermaligen Flucht getroffen hätten. Das Mädchen wurde verhört und gab die Namen und den Aufenthalt der Verschworenen an, welche bald darauf mit ihren Köpfen den Latcrnenpfählen neue Zieraten gaben. Seft jener Zeit muß die Türe des königlichen Gemachs -stets offen stehen, und die Speisen, die man ihm zubringt/ werden zuvor in Stückchen zerschnftten; auch beraubte man ihn aller Schreibwerkzeuge. Dieser Entdeckung nun verdanke ich meine Beförderung zum Sergeant." „Der arme -König! warum hast Du ihm dies getan?" sprach Esther mit Rührung. „Tut mir eben so leid wie Dir, liebe Mutter, aber Pflicht kennt kein Erbarmen." „Bravo!" riesen die anwesenden Soldaten einstimmig. l) Buch Esther 1, 22. -) Den Segen über das Brod sagen. „Zudem mußt Du wissen, Mutter, daß, wenn der Anschlag der Royalisten gelungen wäre, man mich als verantwortlichen Wachthabenden um einen Kopf kürzer gemacht hätte," fuhr Eliah fort. „Davor hätte uns Gott behüten sollen!" siel Esther ängstlich ein. „Wer sage mir doch, Eliah, was soll eigentlich das Ende mit diesem König sein? Was will man denn von ihm?" „Daß er seinem Volke vertraue, mft ihm Hand in Hand gehe und picht das Ausland zu dessen Unterjochung herbeirufe. Zuerst gewährt er seinem Volke eine freie Verfassung und beschwört sie öffentlich am Altar des Vaterlandes; dann flüchtet er sich ünd läßt einen schriftlichen Widerruf zurück, worin er alle gemachten Zugeständnisse als unfreiwillig erllärt. Heißt das wie ein Ehrenmann oder auch nur wie ein Mann gehandelt? — Zudem haben ich während seiner Abwesenheit in einem eisernen Schrank in den Tnilerien Schriftstücke vorgefunden, welche fein Einverständnis mit der österreichischen Regierung und dem auswärtigen Frankreich auf's deutlichste erweisen. Gott sei ihm gnädig! Tronentsetzung ist noch das glimpflichste, das ihm widerfahren könnte." „Und was könnte ihm noch Aergeres widerfahren?" „Man spricht von einem Antrag ans Todesstrafe," sprach Mah zögernd und mit Achselzucken. „Verhüte es Gott! — Ihr werdet doch den König nicht hinrichten?" rief Esther, verzweiflungsvoll die Hände zusammenschlagend. „In unfern Zeiten .ist alles 'möglich." „Und wie, wenn die Vollstreckung des Urteils Dir übertragen würde, würdest Du sie übernehmen?" „Ich tue, was mir -geboten wird." „Fürchte Gott, mein Sohn, und den König, und mit ÄUfrührerischen laß Dichnicht ein!"3) sprach Nephtali in väterlich ermahnendem Tone. „Dieser salomonische Spruch ist mir wohlbekannt; dagegen kann ich Dir den Spruch Jeremia anführen :4 * 6) „Fördert das Wohl der Stadt, in die ich Euch verwiesen habe und betet für sie zum Ewigen, denn in ihrem Wohl liegt auch (Hier Wohl;" zudem ist jetzt in Frankreich das Volk der eigentliche König." „Nun wären wir mit dem Lacher fertig; weiften wir uns jetzt zum Weiner; warum haben Sie beim Moozi geweint?" wandte sich Nephtali an den Gefangenen. „Ich erinnerte mich an die letzte jüdische Mahlzeit, welcher ich vor ungefähr drei Monaten bei meinem Rabbi zu N. in Mähren beiwohnte," erwiderte der Gefangene. „Heißt er nicht Nabbi David?" „Ja wohl; aber woher kennen Sie seinen Namen?" „Wo kennt man Rabbi David nicht? viele solche Männer soll es in Israel geben! — Waren Sie also Bachur?" „Ja wohl, und zwar lange Jahre." „Und konnte Sie das Ansehen Ihres Rabbi vor der Verpflichtung -zum Kriegsdienst nicht schützen?" „Ich gab, mich sreiivillig für den einzigen Sohn einer armen Witwe her, welcher seine Mutter-ernährt und den man durchaus znm Kriegsdienst nehmen wollte." Tie Anwesenden sahen den Gefangenen mit der größten Ehrerbietung an; es' entstand eine Panse, dann nahm Herr Wolf das Wort und sprach : „Wenn Sie lange Zeit Bachur waren, werden Sie doch wohl in Bibel, hebräischer Sprache und Religion unterrichten können? Ta könnten Sie hier als Lehrer eine -recht gute Stellung haben; hier und in der Umgegend gibt es recht wohlhabende Juden, die sich's ein schönes Stück Geld kosten ließen, wenn ihre Kinder etwas. lernten; von mir allein kann ich Ihnen für zweihundert Franken jährlich hasten. Ich habe beim vorigen Lehrer auch täglich meine Kinder früh.Morgens hergeschickt und spät Abends abholen lassen." „Ten Wandertischb) nebst kleinerer Zahlung hätten Sie bei den hiesigen Leuten, das Haupteinkommen von den auswärtigen Kindern," fügte Herr Meier hinzu; „sie könnten leicht jährlichauf 800 Ir. kommen." „Wenn Sie Schochrt?) sind, sogar auf 1200," verbesserte Nephtali. „Sachte, meine Freunde,, wir haben auch ein Wort zu reden," fiel einer der Soldaten in die Rede; „dieser Mann gehört uns, er ist unser Gefangener." „So lösen wir ihn aus," erwiderte schnell Esther. „Hierüber hat das Kriegsministerium zu entscheiden; wir haben die Verpflichtung, die Gefangenen nicht aus dem Auge zu lassen, bis dasselbe über deren zukünftige Bestimmung versügt hat; ist dies 'geschehen, so können Sie sich mit jener Behörde über seine Loskaufung ins Einvernehmen setzen." „Und welcher Art ist jene zukünftige Bestimmung?" fragte Esther. 3) Sprüche Salomonis 24, 21. *) Jeremia 29, 7. 3) Wwechselnde Beköstigung bei. den Eltern der Schüler. 6) Einer der nach überliefertem Gesetz zu schlachten versteht.

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