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Neue jüdische Presse · 1904-09-23 · Heft 37 (23.9.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 37 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37. Fraickfurter Israelitischer Familienblatt. Seite 3, Zuwachs zu suchen, den das Deutschtum in den letzten Jahrzehnten etwa zu verzeichnen haben könnte, vielmehr ist die Mwqnderung auf Rechnung des Vordringens der Polen zu setzen. In den bereits mehrfach erwähnten Städten stellte sich nämlich das Zahlenverhältnis der Deutschen und Polen, wobei allerdings das etwaige Vorhandensein von deutschen Katholiken außer acht gelassen und polnischkatholisch gesetzt ist, wie folgt: 380 Deutsche, 1290 Polen — 12 bezw. 43% 3753 Wreschen 1840 1895 852 , —16 bezw. 73% Kurnik 1840: 182 „ 1369 „ 7 bezw. 50% 1895: 287 „ 2048 „ — 11 bezw. 80% Posen 1840: 9464 „ 15595 „ — 30 bezw. 49% 1895:23829 „ 43595 „ 32 bezw. 60% Die wachsende Intelligenz, die gesteigerte wirtschaftliche Tüchtigkeit der Polen, die seit der Gründung des .Marcinkowski-Vercins zu verzeichnen ist und zur Schaffung des polnischen Mittelstandes führte, schaltete das jüdische Element immer mehr und mehr aus dem Geschäftsleben aus. Der Boykott, der von polnischer Seite proklamiert und mit Energie durchgeführt wurde, erstreckte sich nicht nur auf die deutschen, sondern auch auf die jüdischen Geschäftsleute. Wenn man erlvägt, das; an Stelle der abwandernden Juden fast niemals Deutsche traten, sondern daß meistens Polen nachrückten — wo gleichzeitig mit dem Rückgang an jüdischer Bevölkerung eine Vermehrung der deutschen Bevölkerung zu konstatieren ist, da liegt vielfach eine stärkere Besetzung der betreffenden Städte mit Beamten und Militär, nicht aber ein Wachsen der freien deutschen Bevölkerung vor — dann erscheint diese Verminderung nicht unbedenklich. Als weiteres erschwerendes Moment kommt noch hinzu, daß die berüchtigten jüdischen „Halsabschneider" immer mehr verschwinden, da die scharfe Konkurrenz zur Reellität zwingt, und daß' man auch auf jüdischer Seite heute sein Deutschtum innner entschiedener betont. Man sollte daher li. E. dieser .Frage ans deutscher Seite mehr Aufmerksamkeit schenken und die nationale Mitarbeit der Juden, gegen die sich einige Parteien noch immer sträuben, gern annehme». Den» Religion und Rasse dürfen in unserem nationalen Kampfe kein Hinderungsgrund sein, vielmehr müssen wir jeden aufrichtigen Mitkämpfer freudig willkommen heißen." Tie Abwanderung der Juden aus der Ostmark hat nicht nur in dem Vordringen der Polen — wie das Leipziger Tageblatt sich und seinen Lesern glauben machen will — sondern auch in der antisemitischen Politik der regierenden K reise seinen Grund. Hätte man dem jüdischen Gewerbetreibenden in den Ostprodinzen nicht unnötigerweise durch Benachteiligungen bei allen möglichen Gelegenheiten seine Existenz geschwächt, hätte man ihn im Gegenteil gefördert, dann wären die vielen Millionen, die schon für den Kampf gegen das Polentum verschwendet sind, gespart gewesen. So aber hatte man immer Angst, ma.n könnte den Juden reich machen, — und jetzt ist es zu spät. Aus aller Wett. Deutschland. Bensheim a. d. Bergftr., 14. Sept. Heute wurde in die Synagoge eingebrochen und der Opferstock geleert. Größere Geldbeträge fielen den Dieben in die Hände. Berlin Bon dem Hilfsfonds von 100 000 Fr., den die Alliance Jsraölite Universelle vor kurzem für die notleidenden JudenRuhlands bestimmt hat, sind zunächst die folgenden Summen durch Beschluß des Zentral-Komitees vom 13. ds. Mts. überwiesen worden: nach Lodz 15 000 Fr., nach Bialystock 10000 Fr., nach- Odessa 10000 Fr., nach Wilna 6000 Fr., nach Libau 4000 Fr., nach Dubrowno 3000 Fr. Berlin. Bei der Judenhetze in Smjela (Gouvernement Kiew), sind, wie bereits gemeldet wurde, nicht weniger als 98 Häuser und 142 Läden, die Juden gehörten, zerstört worden. Die Gemeinde von Smjela ist dadurch in großes Elend versetzt. Tie Alliance Jsraelite Universelle hat zur Bestreitung der dringendsten Anforderungen dem Grundeigentümer von Smjela, Senator Grafen Alexis Bobrinsky, 5000 Fr. übermittelt. Graf Bobrinsky ist als Wohltäter der Juden bekannt. Stuttgart, 19. Sept. Auf Anordnung der israel. Oberkirchenbehörde wird in allen Synagogen des Landes nach dem Königsgebet eine Fürbitte für die in Südwestafrika kämpfenden Truppen eingelegt. Hannover. Seit Juli weilen vier angehende Lehrer, die ihre Ausbildung am Pariser Seminar der Mliance Jsraölite eben vollendet haben, in der Israelitischen Erziehung Laust alt zu Ahle m, um dort Gartenbauunterricht zu erhalten und sich im Handfertigkeitsunterricht weiter zu vervollkommnen. Tie Miance hat die lleberzeugung gewonnen, daß das große Elend unserer arinen Brüder im Orient in erster Linie dadurch beseitigt werden kann, daß man bereits in den Kindern während ihrer Schulzeit den Trieb und die Handgeschicklichkeit für Handwerk und Bodenkultur weckt; sie richtete daher vor einiger Zeit an die Direktoren ihrer sämtlichen Schulen Fragebogen betreffend die Einführung dieser Unterrichtszweige. Sämtliche Direktoren haben erwidert, daß sie »ach ihren Erfahrungen diese praktischen Unterrichtsfächer für außerordentlich wichtig zur Heranbildung der jüdischen Fugend halten, und die Einführung derselben an ihren Schulen mit Freuden begrüßen würden. Jene jungen Lehrer sollen also in Ahlem studieren, wie man die jüdische Jugend von Klein aus so erzieht, daß sic durch allmähliche Sammlung nützlicher Kenntnisse, durch Stählung des Körpers gegen Witterungseinflüsse und nicht zuletzt durch Eingewöhnung von Herz und Hand in das freie Leben der Natur fähig wird, nicht nur ein Hanpwerk, sondern auch die Landwirtschaft oder den Gartenbau als Lebensberuf zu ergreifen. Diese Art der Erziehung schließt ja die Wahl irgend eines anderen Berufes keineswegs aus; vielmehr sprechen die Erfahrungen, die man besonders in den Vereinigten Staaten mit ihr gemacht hat, dafür, daß sic auch für jeden anderen Beruf die tauglichste erste Vorbereitung ist. Argenau (Provinz Posen). Ein früherer Arge» nauer Bürger, der in Amerika ein großes Vermögen erworben hat, hat der hiesigen jüdischen Gemeinde einen erheblichenBetrag überwiesen. Dafür sind auf dem Mischen Friedhofe umfangreiche Verbesserungen vorgenommen worden, und die Synagoge hat elektrische Beleuchtung erhalten. Außerdem hat er zu dem Kaiser Friedrich- Denkmalfonds gleichfalls einen erheblichen Beitrag gespendet. Zempelburg (Westpr.). Der hiesigen jüdischen Gemeinde ist von einem ehemaligen Zempelburger Bürger, Herrn Julius R'eumann in San Francisco, eine Spende von 1000 M. zu wohltätigen Zwecken überwiesen worden. Herr N. hat in Nordamerika, wohin er im jugendlichen Alter auswanderte, ein großes Vermögen erworben. Oesterreich-Ungarn. Prag. Ein frommer Renegat. Aus Leip» On i k wird dem Brunner „Tagesboten", 11. d., gemeldet: Der Gottesdienst im israelitischen Tempel in Leipnik mußte Samstag, am jüdischen Neujahrstage um Vs8 Uhr morgens auf 15 Minuten unterbrochen werden. Während dieser Pause forderte der Tempeldiener im Namen des Kultusvorstehers Dr. Rokotnitz den Tempelbesucher Josef Pollack auf, das Gotteshaus zu verlassen. Als dieser der Aufforderung nicht nachkam, wurden die vor der Synagoge postierten zwei Gendarmen requiriert, durch die Herr Pollack aus dem Tempel geschafft wurde. Josef Pollak ist einer der fanatischesten Führer der Leipniker Tschechen, der infolge seines Auftretens in der Oesfentlichkeit schon mehrmals die Gerichte beschäftigt hat. Bis vor etiva drei Jahren war er Jude, was ihn aber nicht hinderte, in den umliegenden Dörfern den Boykott gegen die Juden zu predigen. Vor etwa drei Jahren ließ er sich wegen zu hoher Kultussteuer konfessionslos erklären. Seine Andacht verrichtete er aber dennoch an den hohen israelitischen Feiertagen während dieser Jahre im Tempel in Olmütz, wo man ihm einen Sitz verpachtete, weil' man ihn für einen Juden hielt. Heuer aber .wurde er in Olmütz abgewiesen, da man ihn inzwischen auch dort kennen gelernt hatte. Darum kaufte er von einer in Ostrau lebenden Leipnikerin einen Sitz im Leipniker Tempel und wollte denselben nunniehr benützen. Kultusvorsteher Dr. Rokotnitz, der das Recht eines Konfessionslosen, dem Gottesdienste im Tempel beizuwohnen, bestritt, ließ am äußeren Tempeltore schriftlich verlautbaren, daß Konfessionslosen der Eintritt verboten sei. Samstag abends und gestern vormittags patrouillierte Pollak vor dem Tempel und gestern versuchte er neuerdings, in den Tempel einzudringen, was ihm jedoch durch die vor dem Gotteshause aufgestellten Polizeiorgane verwehrt wurde. Budapest. Die „Mg. jüd. ^tg.' vom 16. Sept. berichtet den folgenden unglaublichen Fall: „Bor Rosch-Haschono hat die Kobersdorfer orth. jüdische Gemeinde ihren Schachet entlassen und mit dem Vorbeten an den hohen Feiertagen ihren Lehrer betraut. Der Rabbiner M. Lipschitz erklärte hierauf,' er könne es nicht zulassen, daß 'der Lehrer als Borbeter fungiere, da er, nicht streng fromm fei. Die Gemeinde kümmerte sich aber nicht um den Protest des Rabbiners. Dieser mußte daher das Vorbeten des Lehrers auf eine andere Weise zu vereiteln trachten. Am ersten Tag Rosch-Haschono stellte sich Sc. Ehrwürden wie gewöhnlich, zum Borbeterplatz und trug die Anfangsgebete vor; als er damit fertig war, blieb er beim Borbeterplatz und begann das folgende Gebet fortzusetzen. Hierüber entstand in der Synagoge ein furchtbarer Lärm, mehrere Gemeindemitglieder stürzten sich auf den Rabbiner, stießen ihn mit Gewalt vom Borbeterplatz weg und schlugen ihn obendrein. Tie Wüteriche haben ihren elenden Zweck erreicht, der Rabbiner mußte sich zurückziehen. Am zweiten Tag Rosch-Haschono war es ihm mit Hilfe einiger Besonnenen möglich, bei sich zu Hause „Minjan" zu machen." Budapest. Der einzige namhafte Philosoph Ungarns, Dr. Bernhard Alexander, ist zum Christentum übergetreten und unmittelbar darauf vom Minister zum ordentlichen Professor der Budapester Universität ernannt worden. — Die Kanzleidirektion des fünften Preßb u r g e r Korpskommandos, Kommandant Erzherzog Friedrich, hat vor einiger Zeit «inen Korpsbesehl erlassen, in welchem ausdrücklichgefordert wird, daß die für das Korpskommando als Schreiber namhaft zu machenden Unteroffiziere Christen sein soUen. Wie nun die Zeitungen Mitteilen, hat das Beispiel bereits Nachahmung gefunden; es haben auch andere Korpskommandanten Verfügungen ähnlichen Inhalts erlassen. Ryirmüda. In der Slichoswoche wurde, wie bereits, gemeldet, auf den hiesigen orthodoxen Rabbiner Samuel Brach ein Ächuß abgefeuert, welcher die schwere Verwundung des Rabbiners zur Folge hatte. Die Gendarmerie ist überzeugt, daß es sich um ein gedungenes Attentat handelt und forscht gegenwärtig nach dem intellektuellen Urheber. Man vermutet, daß eine dem Rabbiner Brach feindlich gesinnte Familie den Mörder gedungen habe. Der Jspun des Nhirmüdaer Insassen M. Fried wurde verhaftet, weil mehrere Verdachtsmomente darauf Hinweisen, daß er an dem Mordversuche betelligt gewesen ist. Palästina. Jerusalem. In Jerusalem giebt es 43 jüdische Schulen, darunter 4 ausschließlich für Mädchen. Besucht werden diese Schulen von 3219 Knaben und 669 Mädchen. Die Unterrichtssprache ist in je 2 französisch bezw. englisch, in 3 persisch, in 4 arabisch, in 10 spanisch-hebräisch, in 21 deutsch (darunter in 7 hebräisch-deutscher Jargon). In einer Schule ist neben deutsch auch spanisch im Gebrauch. Personalien. Berlin. Der Magistrat wählte den Lehrer Dr. Eugen Wölbe, gegenwärtig Probandus am Askanischen Gymnasium in Berlin, zum Oberlehrer an der fünften Realschule. Berliu. Der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde und bekannte Berliner Arzt, Geheimer Sanitätsrat Dr. Blumenthal, hat den Kronenorden 3. Klasse erhalten. Berliu. Bor kurzem begingen in voller Rüstigkeit Herr Markus Herzberg und Frau geo. Elias,' das Fest der goldenen Hochzeit. Köln. Prof. Dr. Oscar MinkowSki, Oberarzt der inneren Abteilung des städtischen Krankenhauses zu Köln ist an die am 1. Oktober zu eröffnende Akademie für praktische Medizin als ordentlicher Professor berufen worden und zwar für das Gebiet der inneren Krankheiten. Professor Dr. M. ist 1858 zu Alexoten bei Kowno geboren, besuchte das Gymnasium zu Kowno und Königsberg i. Pr., studierte in Freiburg und Straßburg, wurde 1881 zum Doktor promoviert, 1885 Privatdozent zu Königsberg, 1888 zu Straßburg, 1891 daselbst außerordentlicher Professor und 1960 als Nachfolger Leichtenstern's, Oberarzt der inneren Abteilung des städtischen Krankenhauses zu Köln. Celle (Hannover). Der geheime Kommerzienrat G. L. Meyer-Hannover hat der Stadt Celle 75000 Mark als Geschenk überwiesen. ' Lobseus (Posen), 15. Sept. In der jüdischen Gemeinde fanden heute die Repräsentanten- Neuwahlen statt. Es wurde wiedergewähkt Sanitätsrat Dr. Simon und die Kaufleute G. Gerson und Joseph Arndt. Neugewählt wurden an Stelle der ausscheidenden Mitglieder Hirschberg und Joseph Brasch hie Kaufleute M. S ch e y e und Max Pinkus. Basel. Der Chef der schweizerischenFeldpost bei den diesjährigen Manövern, Herr I. Wyler, ist Jude. Wien» 20. Sept. (K.) Im Spital a. Drau starb am 18. er. der oberste Marine-Elektroingenieur Moses B u r st y n. Er wurde 1841 zu Lemberg geboren, prattizierte in einer chemischen Fabrik in Meidling und ttat 1867 als Assistent in das Seearsenal zu Pola ein. 1885 wurde er zum Vorstand der elektrolytischen Wteilung des Marinetechnischen Komitees ernannt. 1903 erfolgte seine Ernennung zum Obersten Ingenieur. Dieser Posten wurde speziell für ihn kreiert. Durch ihn wurde die Elektrotechnik in der österreichischen Kriegsmarine eingefiihrt. Er war auch der Erfinder des „Burstyn- Trockenelements", das auf den österreichischen Kriegsschiffen eingefiihrt ist. Unter anderen Auszeichmmgen besaß er den Franz-Josess-Orden.

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