Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 37 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 37. „Die Frucht vom Prachtbaume (Ethrog) — das ist Israel. Und wir sollen der Zukunft sicher entgegensehen, wann Israel ein Pracht bäum auf seinem Mutterboden sein wird. — Wir sollen uns diesen, lieben alten Hoffnungen hingeben und Mut schöpfen, um die große Tat der Selbsterlösung zu vollziehen. Und wir feiern das .Fest der Freude und wir feiern die „Freude an der Thora", die Freude an dem Judentum, das in uns Len Erhaltungsdrang, den Optimismus, die Lebensfreude eingepflanzt hat. Die politische Lage der rassische« Jaden. (Schluß). ' Zu diesen „gesetzlichen Leiden" kommt die Willkür. Für die russischen subalternen und Polizeibeamten bildet Israel das Stichblatt. Gegen die Juden können sie ihrem Hasse ungestört fteien Laus lassen, gegen sie sind allerlei Drohungen und Erpressungen gestattet, denn sie wagen es. nicht, sich zu beschweren. Täten sie es, so würden sie nur den Haß ihrer Verfolger in erhöhtem Maße auf sich ziehen. Der vermögende Jude sucht sich daher mit Geld seine Ruhe zu erkaufen, der Arme aber duckt sich und schweigt. Darum bleibt das Martyrium der arg bedrückten Juden der Oeffentlichkeft unbekannt; wagt es jedoch einmal eine jüdische Zeitschrift,' die allgemeine Aufmerksamkeit auf die unleidlichen Zustände zu lenken, dann ist die Behörde mft der Strafe rasch zur Hand. Der „Wos'chod", eine russisch-jüdische Revue, wurde trotz seiner gemäßigten Sprache auf ein halbes Jahr suspendiert, und die „Novosti", die manchmal den Mut der Verteidigung der Juden besitzt, wurde deshalb bereits zweimal verwarnt. Man kann sich in einem Kulturstaate keine Vorstellung von der Willkür der russischen Beamten gegen die Juden machen. Die unabsichtliche Unterlassung eines Grußes ist hinreichend, um einen Juden öffentlich mißhandeln zu lassen. Man wird darum den Ausspruch eines englischen Publizisten wohl begreifen, daß er lieber als gemeiner Verbrecher, als Mörder in Rußland behandelt werden wollte, denn als Jude! Die unbeschreiblichen Leiden der russischen Juden, zeitigten denn auch begreiflicher Weise die traurigsten .Folgen: materiellcs,phyfiologischesund moralisches Elend. „Die Armut der jüdischen Handwerker und Arbeiter ist eine unglaubliche," konnte man in einer Nummer der „Wilnaer Zeitung" vor nicht langer Zeit lesen. „Ein jüdischer Schuhmacher nährte sich Wochen lang ausschließlich von Kartoffeln, ein anderer Jude, seines Zeichens Weber, ist vor Erschöpfung am Webstuhle gestorben. Das Herz bricht mir, wenn ich an das traurige Los dieser weißen Sllaven denke. Viele von ihnen arbeiten täglich 18 Stunden, kaum 3'Stunden können sie dem Schlafe widmen und sie haben nicht die Mittel, sichhalbwegs genügend zu nähren. ( In alten verfallenen Häuschen wohnen sie. Eine und dieselbe elende Hütte beherbergt fünf bis sechs Familien, deren Lager der harte, schmutzige .Fußboden bildet. Es gibt wenig jüdische Handwerker, die das tägliche Brod für ihre Familien erwerben; die ganze Woche hindurch^ den Samstag nicht ausgenommen, kommt kein bischen Fleisch auf ihren Tisch. Ihre Nahrung besteht heute aus Brod und Wasser, und morgen aus Wasser und Brod und so immerfort. Um einen Begriff von dem Elend dieser Unglücklichen zu haben, braucht man bloß die Mortalität mft der der anderen Bevölkerungsllassen zu vergleichen: Die Juden sterben wie die .Fliegen dahin." Und die gleich traurigen Schilderungen liegen von durchaus unbefangenen Beobachtern aus den verschiedensten Gegenden des „Territoriums" vor. Und trotz alledem erfüllendieJudenihre Pflichten dem Staate gegenüber in der tadellosesten Weise. Sie stellen einen, ihr Verhältnis zu der übrigen Bevölkerung des Reiches weit überschreitenden Prozentsatz zum Militärdienste. Und doch beschuldigt man die russischen Juden, daß sie sich ihrer Mllitärpflicht entziehen. Wie läßt sich dieser Widerspruch erklären? Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Ganz einfach. Ein und dasselbe Individuum figuriert nämlich gleichzeitig in der Matrikel seines Geburtsortes, sodann in der seines oft wechselnden Domizils. Die schwierigen Erwerbsverhältnisse der Juden sind die Ursache ihrer steten Wanderung innerhalb des Territoriums. Aus diesen Umständen ergibt sich die Erllärung dafür, daß ein tatsächlich im Heere dienender Jude gleichzeitig als Militärflüchtiger kurrentiert wird. Und wie werden die ausgedienten jüdischen Soldaten behairdelt? In der denkbar rohesten Weise. In dem Berichte der im Jahre 1892 von der Regierung der Bereinigten Staaten nach Europa zur Untersuchung der Ursachen der massenhaften Einwanderungen russischer Juden nach Amerika entsendeten Herren Weber und Kempter werden diesbezüglich die haarsträubendsten Fälle gemeldet. So zum Beispiel: Ein bei Plevna schwerverwundeter jüdischer Soldat kehrte, nachdem er neun Monate lang im Spitale gelegen war, in seine Heimatstadt Mitan zurück, wo er Lumpensammler wurde, da er zu einem jeden anderen Erwerbe untauglich war. Man wies ihn jedoch aus, unter dem Vorwände, daß er in dem Gouvernement Kowno eingeschrieben sei; wenn der Ortsrabbiner von Mitan ihm nicht ein Eisenbahnbillet verschafft hätte, wäre er mit gemeinen Verbrechern nach seinem Bestimmungsort abgeschoben worden.- . ähnliche Fälle erzählen die genannten Kommissäre die Menge. Und gleichwohl erfüllen die russischen jüdischen Soldaten den Militärdienst mit der größten Selbstverleugnung. Mehr als 12000 Juden werden alljährlich dem russischen Heere einverleibt, in dem sie laut dem Zeugnisse ihrer christlichen Vorgesetzten sich durch Tapferkeit und strenge Zucht auszeichnen. Von den Heldentaten jüdischer russischer Soldaten erzähll die russische Kriegsgeschichte Menge erhebender Beispiele. Einsichtige und gerecht denkende russische Staatsmänner haben darum und in Anbetracht der schreienden Ungerechtigkeit gegenüber den Juden für deren Gleichberechtigung und Emanzipierung plaidiert. Allein ihr Ruf verhallte in der Wüste. Ob die Krisis, in der sich Rußland gegenwärtig befindet, hier Wandel. schaffen wird, wer könnte es mit Sicherheit Voraussagen? Wer jedoch an dem Siege der Gerechtigkeit und Humanität nicht zweifelt, der darf mit Recht hoffen, daß die Sonne der Aufklärung auch im Osten herrlich erstrahlen wird. Pest. Lloyd. Politische Wochenschau. Die „Königsbcrger-HartungscheZeitung" schreibt über „Das neue Iuden gesetz in Rußland": „Der kaiserliche Erlaß vom 11. August darf keineswegs als eine prinzipielle Aen - derungdcr.russische «Juden politikangesehen werden. Er bringt nicht einmal irgend welche wesentliche Besserung in die jetzige Lage der Juden. Vielmehr haben wir es hier mit einer Maßregel aä usuw delphini zu tun, aber der delphinus" ist nicht der neugeborene Thronfolger, sondern die we st europäische öffentliche Meinung. Die Greuel in Kischinew lenkten die Aufmerksamkeit aller zivilisierten Völker auf die Lage der Juden in Rußland. Für die russische Regierung war dieser Umstand besonders unangenehm, weil gerade bei diesen Ereignissen der Antisemitismus der russischen Bureaukratie besonders scharf zutage trat. Man' kann überhaupt sagen, daß in Rußland die antisemitische Bewegung hauptsächlich, von den Regierungsbeamten getragen wird. Einer solchen Gesinnung zu huldigen ist in vieler Hinsicht vorteilhaft. Man macht damit die beste Karriere, und außerdem sind die Ausnahmegesetze gegen die Inden eine vorzügliche Einnahmequelle, wenn sie von Fall zu Fall-in der Verwaltungspraxis übertreten werden. Was die Bestechlichkeit anbelangt, so zeigen hierbei unsere Bureaukraten die höchste Toleranz, und sind wohl der Ansicht, daß das jüdische Geld ebenso gut riecht, wie jedes andere. Dabei bemüht sich aber die Regierung den Anschein der Unparteilichkeit zu wahren und. die Sachlage so darzustellen, als ob das einfache Volk vom Hasse gegen die Juden erfüllt sei, und die Regierung nur mit Not und Mühe die elementare Gewalt dieses Hasses dämmen könne. Dieses ganze Phantasiegebilde hat der Kischinewer Krawall unbarmherzig zerstört. Aus diesen: Grunde ist jetzt die russische Regierung bemüht, ihren Ruf der Unparteilichkeit wiederherzustellen. Nür aus diesem Wunsche heraus' kann der -letzte Anlaß verstanden werden, denn die russischen Juden und überhaupt alle, welche die russischen Judengesctze kennen, wissen ganz genau, daß in seinen 11 Paragraphen seh r viele Worte, aber wenig neue Rechte enthalten sind. Im Auslande jedoch kann durch dieses Gesetz der Eindruck hervorgerusen werden, daß für die unterdrückten Juden wirklich eine Erleichterung geschaffen ist. Diejenigen, die sich.im Labyrinth der russischen Judengesetzgebung zurechtzufinden vermögen, sind daher gewissermaßen verpflichtet, im Interesse der Wahrheit die ausländischen Leser über den wirllichen Inhalt dieses letzten Produktes russischer Gesetzgebungskunst aufzullären. Neue Rechte sind nur verliehen worden den K o mmerzien- und Manufakturräten und den Soldaten, welche sich am russisch-japanischen Kriege beteiligen. Diesen wird gestattet, überall zu wohnen (Paragr. 6 und 7). Mer der Vertreter der ersten Kategorie gibt es so wenige, daß sie an den Fingern einer Hand abgezählt werden können — fünf! Von den Vertretern der zweiten Kategorie aber wird in jedem Falle eine Dekorierung oder wenigstens tadellose Diensterfüllung gefordert. Das Ermessen der Vorgesetzten wird also das Recht der jüdischen Soldaten bestimmen, wodurch es in der Praxis vielfach illusorisch gemacht werden kann. " Weiter bestimmt Paragr. 10 noch, daß alle die, welche bis auf den heutigen Tag in den Städten der inneren Gouvernements Wohnrecht bekommen haben, solches auch behalten können, selbst wenn dabei gewisse Formalitäten unberücksichtigt gelassen waren. Solche Fälle gibt es nicht sehr viele. Sie waren eine gute Einnahmequelle' für gewisse Beamte, die für Geld ein Auge zudrückten und diese Unkorrektheiten unbemerkt ließen. Mit obigem ist aber auch alles genannt, was den Juden an neuen Rechten verliehen ist. Die übrigen Paragraphen sind weiter nichts, als eine authentische Interpretation der bestehenden Gesetze, eine Wiederherstellung ihres lvahren Inhalts, welcher durch juristisch unlogische Entscheidungen des Senats willkürlich abgeändert worden >var. Das neue Gesetz tut für die große Masse des jüdischen Proletariats (mehr als 1 Millionen Menschen) nichts. Sie verbleibt nach wie vor in ihrem rechtlose» Zustande, der mit jeden: Tage für sie moralisch und ökonomisch unerträglicher wird." Wir selbst hatten das neue Judengesetz sofort im gleiche» Sinne charakterisiert. Es freut uns, konstatieren zu können, daß die gesamte Presse nicht auf hen Leim gegangen ist und das Manöver der russischen Regierung, durch scheinbare Erleichterung der Lage der russischen Juden das jüdische Geld aus dem europäischen Kapitalsmarkte für seine finanziellen Nöten flüssig zu machen, im ersten Moment als ein Scheinmanöver erkannte und festnagelte. . ... Ueber die Abwanderung d e.r Juden a u s d e r O st m a r k, läßt sich das „antisemitisch" angehauchte Leipziger Tageblatt wie folgt .vernehmen: „Einer der interessantesten Vorgänge, die sich in den gemischtsprachigen Landesteilen vollziehen, ist die starke jüdische -Auswanderung. Noch für das Jahr 1840 finden wir z. B. folgenden Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung in den Städten: Kreisstadt Wreschen 3022 Einw., 1352 Juden — 45°/0 Landstadt Kurnik 2721 „ 1170 „ -- 43°/o Pr.-Hauptst. Posen 31822 „ 6763 .. -- 21°/» Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte die starke jüdische Abwanderung ein, so daß bei der Volkszählung von 1895 sich, für die gleichen Städte nachstehende Zahlen ergaben: Wreschen 5148 Einwohner, 543 Juden — 11% Kurnik 2555 „ 220 „ =9% Posen 73239 „ 5810 „ 8°/° Die Zahl der Beispiele ließe sich beliebig vermehren, da die Erscheinung überall dieselbe ist. Die Erllärung dieser Erscheinung ist nicht in einem