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Neue jüdische Presse · 1904-09-23 · Heft 37 (23.9.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 37 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Isrankfrtrtei: ZstiklitiHrs fiiniilirnlilitt. (; > Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In-und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel, Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redattionellen Teiles). ' .. --——— Redaktion rmd chefchLftssteM: Srsnkturl 2. IN.. Lelligkreuzgaffe 52, Lcke Llapperfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). -wc-;- H»ePa«sgeber: SakZ Heis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile .. iw » Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, den 14. Tischri 5065 (23. September 1904). Ro. 37. Inhalt des Hauptblattes: Gedicht: Zum Sukkohfeste. — Artikel: Sman Ssimchosseinu; Die politische Lage der russischen Juden; Politische Wochenschau. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Aus bewegter Zett, Erzählung von R. — Sprechsaal. Zum Sukkohfeste. Nach den ernsten heiligen Zetten, Die der Reu' und Süh'n geweiht, Soll'n wir nun uns vorbereiten Auf ein Fest voll Fröhlichkeit. Unter Gottes Schutz geborgen, Zieh'n wir in die Hütte ein, . Frei von allen Erdensorgen Woll'n wir sieben Tag' uns freu'n. Bier der Pflanzen wir verbinden, Sinnbild mögen sie uns sein Daß auch Menschen so sich finden. Sich in Lieb' einander weih'n. Wie die gold'ne Frucht vom Baume Lieblich Aug' und Herz erfreut So des Menschen edle Taten Leuchten bis in Ewigkeit. Ms Symbol des Friedens schwingen Wir der Palme schlanken Zweig, Wenn wir Tankeslieder singen. Ihm, dem Herrn, dem keiner gleich. Und die grüne Myrte lehret. Hoffend auf den Herrn zu bau'n. Dessen Güte ewig währet. Wenn wir gläubig Ihm vertrau'n. Mit den edlen Pflanzen einen Wir der Weide schlichtes Reis, Daß gleich wertvoll sie erscheinen Sind zusammen sie Beweis. Und sie soll'n die Menschen lehren. Mild und liebreich stets zu sein. Auch den armen Bruder ehren In der Not ihm Beistand leih'n. Bor dem Schöpfer aller Wesen, Ist ein Mensch dem andern gleich. Der nur gilt als auserlesen. Der an guten Taten reich. Rosa Meyer, Frankfurt a. M. Sman Ssimchosieinu. ILine'Beträchtüng'vön^Flcö'bbUGlitm h. „Und ihr sollt euch freuen vor Gott, eurem Gotte, sieben Tage." Sieben Freudentage — das konnte freilich leicht geschehen, solange das Volk ein Heim hatte. Wir sammelten das Erträgnis unseres Bodens ein und wir versammelten uns in unserem. Tempel. Und es war daher das Fest der Freude: ob der gesammelten Früchte des Landes und ob der versammelten Söhne des Volkes. Es war unser Boden, unser Pflug — und wir sangen Erntelieder. Und wir feierten den Chag- Haassif, das Fest der Ernte. Und jetzt? Ein fremder Boden, ein fremder Pflug — und wir dürfen nicht ernten, wenn wir auch gesäet. Andere pflügen mit unseren Kälbern — und wir sollen uns freuen? ob unserer Früchte, die zerstreut auf fremden Feldern und ob unserer Brüder, die zerstreut in fremden Ländern? Der Ethrog, die Dattelpalme, die Myrte und die Bachweiden — sie galten uns als die vier Vertreter unserer Früchte, und wir freuten uns sieben Tage ob des schönen Landes, das so schöne Früchte trägt. Und jetzt? Sie sind nicht mehr die unserigen, selbst wenn sie aus unserem Lande kommen: und gar viele von uns ziehen ihm ein anderes vor und nehmen mit Vorliebe einen Ethrog aus Korfu. Die Laubhütten in unserer Heimat — sie waren eine Erinnerung an unsere Wanderungen in der Wüste: unser Haus war noch nicht gegründet, und wir mußten für unser unstetes Leben Hütten bauen, um sie morgen leicht zerstören zu können. Und haben wir das ersehnte Ziel erreicht, so dachten wir des langen Weges, der zu ihm führte — und wir freuten uns sieben Tage in den Hütten, da wir eine Heimstätte hatten. Aber jetzt? Scheint doch diese Erinnerung ganz überflüssig zu sein: denn unser Haus ist noch nicht gegründet und wir bauen uns überall Nacht-Asylen, die morgen leicht zerstört werden. Seit zweitausend Jahren sind wir unterwegs und wir bezahlen für jedes Nachtlager mit unserm Blut. Wir sind ein Zigeunervolk, das über die ganze Welt umherzieht und nirgends eine sichere Wohnung errichten darf. Wir schlagen unsere Z e l t e auf und leben überall nur vorübergehend. Wir sitzen ja unser ganzes Leben hindurch in Hütten, und wozu das Hüttenfest? Sieben Tage der Freude —> das ist nicht mehr so leicht für einen Juden. Wir können hübsche Klagelieder anstimmen, aber uns freuen — es will scheinen, wir haben es bereits verlernt. Die Natur hat für uns keinen Reiz übrig, und wir für sie — keinen Sinn: wir rächen uns an ihr, die uns so stiefmütterlich behandelt. . . Und doch! Freuen sollen wir uns sieben Tage mit den vier Vertretern — „vier Arten" — der Naturschönheit. . Die .Freude — sie ist uns ein Gebot. Und dieses Sichsreuensollen — ihm verdankt unser Volk seine Erhaltung: es hat die Lehre des Lebens, der Lebensfreude — und es lebt noch jetzt und es freut sich an seinen Festtagen. Denn wir feierten sie, auch wenn uns dafür ein Scheiterhaufen bereitet wurde. Die Freude — sie ist das Gebot des Judentums. Und wir waren immer von freudiger Zuversicht beseelt und wir haben nie an unserer Zukunst verzweifelt — und darum muß sie uns gehören. Nun feiern wir das Fest der Freude: Sman- Ssimchosseinu. Die furchtbaren Tage bereiten uns vor für die freudigen Tage. Wir haben an uns den Läuterungsprozeß vollzogen und wir dürfen uns nun steuen. Du hast deiner Sünden gedacht und bist entmutigt — raffe dich -auf und schöpfe Mut. Denn das Judentum lehrt: Der Mensch ist der Sünde nicht verfallen; er hat stets die Möglichkeit, rein zu werden. Und kein Mißtrauen gegen Gott! Er verzeiht dem, wem es nur daran liegt. Denn das Judentum lehrt: Wir bedürfen nicht eines Vermittlers zwischen uns und unserem Gotte; wir bedürfen nicht eines General-Erlösers unserer Sünden, sei er ein Mensch oder ein Gott-Mensch: wir sind mächttg genug, um uns selbst erlösen zu können. Selbsterlösnng, Selbsthilfe — da s ist die Parole des Judentums. Darum sollst du nicht versagen; es ist eine Sünde, entmutigt zu sein... Es ist unjüdisch, eine Zukunft aufzugeben. — Und wir sollen uns steuen ob unserer sittlichen Kraft der Selbsterlösung, ob unserer Freiheit des Willens. — Und wenn Ihr wollt, so seit Ihr erlöst! Das haben wir am Tage des Gerichtes begriffen und wir sollen stolz sein auf dieses unser Selbstbewußtsein — und wir wollen munter sein und das Fest der Freude feiern. * Und wir sitzen in Laubhütten und wir gedenken unserer Wanderungen in der Wüste und wir gedenken der glücklichen Erlangung des Landes — und daher erfüllt uns diese Erinnerung mit der freudigen Zuversicht, daß auch unser^Söhne, gleich unseren wandernden Vätern, das Heim, ihr Heim, suchen werden; und werden sie es suchen, so werden sie es auch finden. — Laubhütten im Herbst! Es ist eine bittere Ironie, denn es ist die Anomalie unseres Golus-Lebens. Aber wir sollen doch keine Herbstmelodien singen, sondern Frühlingslieder — Lieder vom Frühling Israels, vom sprossenden Leben, von keimender Jugendkraft: von der Wiedergeburt des Volles und seines Landes, Und wir sollen singen und uns steuen;: umstrahlt von den schönen Hoffnungen. " Und wir wollen uns daher mit der Natur besteunden und in ihr das Bild unserer Ration barstellen: ,

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