Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 36 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. an Mendelsohn und dessen Jünger abgetreten, in den Kulturländern der alten und neuen Welt gegen IV2 Millionen Seelen b u r d) die Taufe verloren hat, wird in der letzten Nummer der Allgemeinen Zeitung des Judentums zu Berlin als eine ungeheure Uebertreibung hingestellt. Daß die gedachte Zeitung diesem unleugbaren Krebsschäden des modernen Judentums gegenüber eine andere Zuflucht nicht kennt, ist ohne weiteres klar. Ich jedoch glaube, wenn die von ihr vertretene Richtung es sich ohne weiteres gefallen läßt, wenn man ihr das Zugeständnis der glänzendsten äußeren Erfolge in den gedachten Ländern macht, sie es ebenso ruhig hinnehmen muß, wenn einmal die Dinge von der Kehrseite gezeigt und dargctan wird, wie teuer dein Jndcntume diese Erfolge zu stehen gekommen sind. Bei Aufstellung der gedachten Behauptung ist meines Erachtens nicht jene Vorsicht außer Acht gelassen worden, die für ein sachliches Urteil unerläßlich ist. Darin kann ich mich auch nicht erschüttert fühlen, wenn mir gegenüber die Autorität eines Pastors ausgespielt wird. Denn ich sehe wirklich nicht ein, > warum ein evangelischer Pastor, selbst wenn Judenmission dessen Spezialität bildet, hierüber ein zuverlässigeres Urteil haben soll als ein Rabbiner. Im übrigen hätte ich erwartet, daß die „Allgem. Zeitung des Judentums" wenigstens mit dem Inhalte jener statistischen Ucbersichten über die jüd. Bevölkerung in dem damaligen Preußen und sonstigen deutschen Ländern etwas vertrauter sein werde, die sie in ihrem eigenen ersten Jahrgange veröffentlicht. Jene Zahlen zeigen, daß die Verteilung der Juden in den gedachten Ländern zwar starke Verschiebungen erfahren hat, aber der Zahl nach, wenn man die Einwanderung in Betracht zieht, kaum gestiegen ist. Die nichtjüdische Bevölkerung dagegen hat sich in den gedachten Landestrilen seit jener Zeit mindestens verdoppelt. Gehört cs vielleicht auch zu den maßlosen Ucbertrcibmigen, wenn man an derartige Schätzungen mit der Voraussetzung herantritt, daß die jüdische Bevölkerung in Bezug auf Vermehrung mit der nichtjüdischen das gleiche Tempo einzuhalten hätte? Bei den Juden Polens und Rußlands, von denen man doch annehmen darf, daß sie aus demselben Holz geschnitzt sind wie ihre Brüder in Westeuropa, die sich aber von dem Einflüsse der Mendelsohn'schen Schule im Großen und Ganzen fernzuhalten wußten — haben selbst die grausamsten Verfolgungen cs nicht zu hindern vermocht, daß ihr numerischer Zuwachs mindestens gleichen Schritt hält mit demjenigen ihrer nichtjüdischen Umgebung. 4!ur die richtige Würdigung dieser Momente, für welche in nichtjüdischen Kreisen kaum Verständnis Norhanden sein dürste, kann zu einer von Ucbertreibungen nach oben und unten freien Schätzung der Verluste führen, die dem Judentum durch die Taufe erwachsen sind. Es ist dem gegenüber ganz vergeblich, wenn die Allgem. Ztg. des Judentums sich bemüht, die gesetzestrene Richtung für die gedachten Ähäden zu gleichen Teilen mitverantwortlich zu machen. In Berlin, der Hochburg der Zieform, — von zahlreichen Taufen jüd. Kinder anstatt der Beschneidung ganz zu schweigen — ist es bereits so weit gekommen, daß fast jede 7. von Juden bezw. Jüdinnen eingegangene Ehe eine Atischehe ist. Gehen aus den gedachten Ehen nach Ansicht der „Allgem. Zeitung des Judentums" etwa Inden hervor? Sind die gesctzestreucn Kreise an diesen Ehen bezw. Kindertaufcn in gleichem Maße wie die Reform beteiligt? Die 'Alltäglichkeit des Abfalls in den Kreisen der Reform hat natürlich auch in den gesctzestrcuen Kreisen hier und da als verderbliches Beispiel eine Rückwirkung gezeitigt. Im Großen und Ganzen sind dieselben jedoch an diesem größten Schandmal des Judentums unbeteiligt. Ter Heimgegangene Jellinek sagte einmal in einem Anfluge von Selbstironie: „Diejenigen, die dort (bei den Gesetzestreuen) absallen, kommen zu uns; diejenigen, die bei uns abfallen, gehen zur Taufe." Das gesetzestreue Judentum ist, wie Jcllinek ganz richtig gesehen hat, nur mittelbar für den Andrang zur Taufe verantwortlich zu machen. Diese mittelbare Verantwortung von demselben abzuwälzen, lag keineswegs in meiner Absicht, im Gegenteil, mein Vortrag sollte zeigen, welch' schwere Verantwortung die sogen. Orthodoxie auf sich ladet, wenn sie in tatenloser Gemächlichkeit der Reform einfach das Feld überläßt. Wien, den 12. Sept. 1901. Dr. Daniel Fink, Rabbiner. $ * * Verehrliche Redaktion! Gestatten Sie mir, die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Uebelstand zu lenken, daß der Shnagogcnbcsuch an den hohen Feiertagen von der Lösung von Eintrittskarten abhängig gemacht wird. Es ist unbedingt notwendig, Gotte sdien st emit Freiplätzen cinzurichten, denn es giebt — wie ich aus Erfahrung weiß — genug arme Leute, die sich für die ihnen, so wie so schon kostspieligen Feiertage nicht auch noch die Kosten von Shnagogenplätzen für sich und ihre Familien leisten können.. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Vielleicht veranlassen meine Zeilen den wohllöblichen Vorstand der israel. Gemeinde, noch für den nächstwöchentlichen Jomkippur eine dementsprechende Einrichtung zu treffen. Hochachtungsvoll! Ein 'Abonnent. Bücherschau. Die soeben erschienene Nummer 9 (September 1904) von „Altneuland", Monatsschrift fürdiewirtschaftlicheErschließungPal ä st i n a s, bringt an erster Stelle einen Aufsatz von Dr. jur. Bruno Blau über „Die administrative Autonomie der Insel Samos". Der Aufsatz ist insofern von Bedeutung, als er die Möglichkeit gewährt über die Staatsform klar zu werden, die von der zionistischen Partei als erreichbares Ziel angestrebt werden dürfte. Ter kurze Aufsatz bringt im Wortlaut die Note der hohen Pforte an die Vertreter von Frankreich, Großbritannien und Rußland vom 10. Dezember 1832, in welcher die administrative Autonomie der Insel Samos sestgelegt wird. Professor Dr. E. Schön selb liefert im weiteren Verlauf seiner Schilderung der Halbinsel Sinai Angaben über die .Flora, Fauna, Bevölkerung des von ihm behandelten Gebietes. Aus seinen Angaben läßt sich die Schlußfolgerung ziehen, daß die Halbinsel auch gegenwärtig bei richtiger Kultur eine ' größere Bevölkerung ernähren könnte. Zum Schluß macht Verfasser wertvolle Mitteilungen über die Art und Weise des Reifens in diesem Gebiet. Prof. Dr. O. Marburg beschließt seinen großen Aufsatz über die „Kolonisation in N0rdsyrien aufGrundlagc der Baumwollenkultur imGebietderBagdadbahn". Marburg schlägt die Grüirdung von 2 Gesellschaften vor. Eine auf rein geschäftlicher Basis aufgebaute Baumwoll-Erwerbsgesellschaft, die auf ihren Gütern jüdische Arbeiter beschäftigt und sie aus diese Weise praktisch in der Baumwollkultur unterweist. Die, zweite, die jüdische Kvlonisationsgesellschaft, hätte die Kosten zur Kolonisation der besseren Arbeiter längs der Bagdadbahn und im weiteren Umkreise um dieselbe zu liefern. Auf diese Weise würde es gelingen, die Interessen der verschiedenen in diesem Gebiete wirkenden Faktoren gleichzeitig zu fördern. Die türkische Regierung gewänne eine produktive zahlungsfähige Bevölkerung, die Bagdadbahn erhielte ausreichende Frachten und könnte ihrem Endziele Bassora schneller entgegensehen, die deutsche Baumwollindustrie würde eine Zufuhr von dem für sie so wertvollen Rohstoff bekommen und last not least wir Juden wären im Stande, eine rasche Besiedelung diesem Palästina nahe gelegenen Gebiet durch Juden herbeizuführen. Zugleich würden wir hier auch ein im Baumwollenbau erfahrenes Element erziehen, das uns bei der wahrscheinlichen Entwickelung der Baumwollenkultur in Palästina von großem Wert sein würde. Das Heft bringt des Weiteren den Schluß des Handelsberichtes von Damaskus für 1902, Näheres über die Bahnbauten in Palästina, Wirtschaftliches aus Palästina, über die Kolonisation in Anatolien und im Gebiet der Bagdadbahn. Unter Vermischtes kommen diesmal einige Angaben über die Verhältnisse in anderen Produktionsgcbieten, die Vergleichsmomente für die Agrikultur in Palästina gewähren. Interessant ist auch die Mitteilung über die Missionsarbeit in Palästina.' Im Abschnitt „Jüdische Kolonien", werden statistische Angaben über die russischen Juden im Ackerbau gemacht. Zum Schluß kommt der Marktbericht nach Notierungen der Hamburger Produktenbörse. Neuland des Wissens. Monatsblätter für Natur- und Geistesleben. Schriftleitung: W. von Schnehen, Freiburg i. B., Thüringische Verlags- Anstalt Eisenach und Leipzig. Bezugspreis für Deutschland und Oesterreich-Ungarn vierteljährlich 1 Mark. Das „Neuland des Wissens" von Hans K. E. Buhmann begründet, dient zur Einführung in die entwicklungsgeschichtliche Weltanschauung. Dabei sucht es der in zerstörendem Materialismus ausartcnden Entwicklungstheorie mit einem naturwissenschaftlichen Idealismus entgegenzutreten.' Gediegene Arbeiten von Männern von Ruf behandeln vorzüglich die eigentlichen Naturwissenschaften, .erstrecken sich aber-auch auf Menschcn- und Völkerkunde, Psychologie, Sprachforschung und Kulturgeschichte und unterrichten so fortlaufend über alles Wissenswerte auf den beiden großen Gebieten, dem der Natur und dem des Menschenlebens, sowohl über neuentdecktc Tatsachen wie neue Theorien und Ansichten. Vor uns liegen die ersten fünf Hefte des zweiten Jahrganges, die eine Fülle von Wissenswerten enthalten. Heft 1 führt in die entwicklungsgeschichtliche Weltanschauung ein und ist ganz.dem Gedanken der Entwicklung im allgemeinen gewidmet; handelt von der Entstehung der Erde, von der Entwicklung des Lebens, von dem Ziel und Zweck der allgemeinen Weltentwicklung, das — mit Leibniz — in der fortschreitenden Verwirklichung der allgemeinen Weltzwecke erkannt wird. Tie Arbeiten im Heft 2 belehren im Anschluß an Heft 1 über Sondergebiete Nr. 36. der Erdforschung, geben einen Ueberblick über die Geschichte und die Grundzüge der Versteinerungskunde usw. Im Heft 3 führen vier Arbeiten in großen Zügen von verschiedenen Seiten her in das Gebiet der Abstammungslehre ein, während in den Heften 4 und 5 ausführlichere Erörterungen folgen und die Erscheinungen in der unorganischen Natur behandelt werden. Wir heben aus der beträchtlichen Zahl besonders folgende Arbeiten hervor: die Entstehung des Erdkörpers; die Entwicklung der Einzelwesen; Tragweite und Berechtigung der Entwicklungslehre; Begriff und Wesen der Entwicklung; der Vulkanismus; Geschichte und Grundlagen der Versteinerungskniidc: die Letzten eines untergehenden Volkes; Zweck und Ziele der Polarforschung; zur Geschichte des Mbstammungsgedankens; Arten und Ursachen der Erdbeben; die Kunst in ihren Kindertagen; Ein Ausflug in's Weltall; Ter Begriff der Individualität. „Neuland des Wissens" ist allen Freunden der Naturwissenschaften und der verwandten Gebiete zu empfehlen. B. F. Meyers Großes Konversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinenWissens. Sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage. Mehr als 148,000 Artikel und Verweisungen auf über 18,240 Seiten Text mit mehr als 11,000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text und auf über 1400 Jllustrationstafeln (darunter etwa 190 Farbendrucktafeln und 300 selbständige Kartenbeilagen) sowie 130 Textbeilagen. 20 Bände in Halbledcr gebunden zu je 10 Mark. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) Bon „Aieycrs Großem Konversations-Lexikon" gelangte der VI. Band zur Ausgabe, welcher die Stichwörter „Erdeessen bis Franzen" umfaßt. Wie diese beiden Wörter schon grundverschiedenen Gebieten angehören, so sind die dazwischen liegenden Stichwörter aus so mannigfaltigen Materien, daß tatsächlich für jedermann etwas darin geboten wird. Und wer sich mit dem Worte allein nicht begnügen will, den fesseln die zahlreichen farbigen und schwarzen Bildertafeln, die außer den Textabbildungen in vielen Fällen zur Erläuterung des Textes beigcgeben sind. Tie Abbildungen sind in diesem Bande gegen die vorige Auflage um nicht weniger als 20 Tafeln vermehrt, in demselben Verhältnisse steht es mit der Erweiterung des Inhaltes. Ter „Große Meyer" hält eben auf jedem Gebiete Schritt mit den Fortschritten der Zeit und bringt vom Neusten stets das Neueste. ,ßi ichtunge n", von Sieg in. F r a c n k l. E. Pierson's Verlag, Dresden 1904. Preis Mk. 3.—. Geschichtliches, Kirchliches, Philosophisches und Lyrisches bringen uns diese „Dichtungen" Siegmund Fraenkls. Fraenkl ist zwar noch ein zählendes, jedoch leicht schaffendes und äußerst fruchtbares Talent. Aus seinen zahlreichen Gedichten spricht eine leicht empfängliche, begeisterungsfähige Tichternatnr; zarte Seelentöne' wechseln init tiefempfundenen Naturschilderungen ab und in sämtlichen Gedichten macht sich ein starker Freiheitsdrang bemerkbar. Ter. Autor besitzt eine schöpferische, glühende Phantasie, und die ihn interessierenden Bilder weiß er mit einemgewissen Etwas zu umkleiden. 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