Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 36 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr- 36. verloren hat. Auch in städtischen Ehrendiensten war der Verstorbene jahrzehntelang tätig. Hamburg» 9. September. Herr Rabbiner Heinrich Weist, der Gatte der bekannten Hamburger Schriftstellerin Karoline Deutsch, ist an den Folgen eines Schlaganfalles sanft entschlafen. Der Verstorbene, der ein Alter von 64 Jahren erreichte, wurde im Jahre 1879 zum Stiftsrabbiner am hiesigen Wallichschen Klausiiistitut (Elbstraße) gewählt; er hat demnach 25 Jahre als Rabbiner an diesem Institut fungiert, außerdem bekleidete er auch seit vielen Jahren das Amt eines Geistlichen bei der Beerdigungs-Brüderschaft der Deutsch-israelitischen Gemeinde. In weiteren Kreisen genoß der Verblichene, der als Kenner des jüdischen Schrifttums sehr geschätzt war, hohe Achtung und Wertschätzung, sein frühes Hinscheiden erregt deshalb allseitige Teilnahme. Die Beerdigung fand heute morgen unter außerordentlich großer Beteiligung vom Israelitischen Krankenhause in der Heinestraße aus statt. Neben den zahlreichen Verwandten und Freunde» hatten sich die Rabbiner und Prediger der Gemeinde, sowie die Vorstandsmitglieder der verschiedenen Institutionen cingesunden. Der Vorstand und die Mitglieder der Beerdigungs-Brüderschaft waren fast vollzählig erschienen. Die Trauerrede hielt Herr Oberrabbiner Bk. Hirsch, der anknüpfend an ein Schriftwort den Lebensgang des Heimgegangenen schilderte, dessen Tätigkeit in der Gemeinde und namentlich an dem Lehrinstitut, daß er seit 25 Jahren leitete, eine so segensvolle war. Außer dem greisen Vater, der Gattin und den tiefgebeugten Kindern trauern zahlreiche Schüler um den Heimgang ihres Lehrers, namentlich sind es aber auch die armen Auswanderer, die den Heimgang eines Wohltäters beklagen, der stets bereit war, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Mit ergreifenden Trostesworten an die Hinterbliebenen schloß die Trauerrede. Amsterdam. Professor Karl Asser. der neue Staatsminister der Niederlande, stammt aus einer berühmten holländischen Juristensamilie. Er ist ein Neffe von Michael H. Godefroi, dem früheren Justizminister und ersten Juden, der in Holland eine solch' hohe Stellung erlangt hat. Karl Asser wurde zu Amsterdam 1838 geboren und studierte daselbst. 1876 wurde er außerordentlicher Professor für internationales Handelsrecht an der dortigen Universität. Seit Jahrzehnten ninimt er teil an allen Konferenzen über internationales Recht. Wiederholt ist er zum Schiedsrichter^ verschiedener Staaten gewählt worden, so bei einem Streit zwischen Rußland und Amerika, ferner zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. 1875 wurde er Staatssekretär und 1893 Mitglied des Staatsrats. Bei dem .Friedenskongreß in Haag 1899 wurde er zum Vertreter Hollands ernannt. In dieser Stellung hat er wiederholt, auch von dem lieben Rußland, verschiedene Auszeichnungen empfangen. Seine Werke über internationales Recht und über Handelsrecht erfreuen sich hohen Ansehens. In früheren Jahren nahm er auch Anteil am Gemeindcleben und bis 1888 war er Mitglied des Kuratoriums für das Rabbinerseminar in Amsterdam. London. Sir Marcus Samuel, der frühere Lordmayor von London, erhielt vom Kaiser von Japan den Kommandeurorden zur aufgehenden Sonne wegen seiner Verdienste um die wirtschaftliche Hebung des japanischen Reiches. Sir Marcus Samuel hatte s. Zt. die erste japanische Goldanleihe, dann später eine Anleihe zur Errichtung der Wasserwerke von Zokohama und eine zum Ausbau des Hafens von Osaka emittiert. Auch die Entwicklung von Formosa unter Japans Herrschaft ist von ihm lebhaft unterstützt worden. Erklärung. Von Seiten der bei der Misrachi-Konferenz in Prcßburg versammelt gewesenen ungarische» Delegierten und Vertrauensmänner ungarischer Zionsvereine wurden wir Endesgefertigten ersucht und beauftragt, Folgendes bekannt zu geben: 1. Was den Protest der ungarischen Rabbiner gegen die Beteiligung an der Preßburger Misrachi- Konfcrenz betrifft, so betrachteten wir unsererseits denselben als interne Angelegenheit des Ungarischen Judentums und demgemäß behandelten wir ihn auf der Konferenz zü Preßburg, indem'auch wir dafür cingcstanden sind, daß dieser Protest vor das.Forum der Konferenz weder zur Verhandlung noch zur Diskussion gebracht werde. 2. Wenn wir hierdurch bezeugen wollten, daß wir das Ansehen und die Autorität unserer Rabbiner, nämlich den Kowauö hatauroh unter allen Umständen, selbst wenn sie bezüglich der Ülufsassung des jüdischen Volksgedankens anderer Ansicht und Anschauung als wir sind, 511 wahren wissen — so konnte unser Verhalten kein anderes sein, unsere Passivität nicht weiter gehen, als wir sie eingehalten haben. Zum Zionismus bekennen wir uns seit einer längeren Reihe von Jahren — zum Misrachi seit er <mf-; Frankfurter JsrvelitischeS Familienblatt. getreten ist,- wir sehen und anerkennen überhaupt in letzterem die richtige Auffassung des Judentums und die einzig mögliche Lösung der Judenfrage und hierin wurden wir durch das bisherige stillschweigende Gewährenlassen und ruhige Hinnehmen der zionistischen Bewegung unserer Rabbiner „Lodtiico kodauckoo damjo“ nur bestärkt. So gingen wir zur Misrachikonferenz nach Prcßburg und dort wurde durch das, was wir dort gesehen und gehört haben, all dasjenige, was wir bis jetzt in gutem Glauben gehandelt zu haben vermeinten, zur Erkenntnis gereift und zur festen Ueberzeugung in uns verdichtet. Ja, loir wage» zu behaupten, daß wenn unsere ehrwürdigen Rabbiner ihrer etwas verdächtigen Ueberhastung mit dem „Proteste" einen kleinen Dämpfer bis nach der Konferenz auferlegt und dort die Sache selbst geprüft hätten, daß sie ein anderes Urteil, als ihre Aktion gezeitigt hat, erbracht haben würden. Da sie dies aber nicht getan, weil äußere Aspirationen im Spiele waren, so kann dies durchaus nicht zu unserem Schaden geschehen sein. 3. So ernst und geduldig lvir das Vorgehen unserer protestierenden Rabbiner über uns ergehen ließen, wenn wir es auch mißbilligen, eben in solchem Maße setzen wir Unwillen und Zweifel dem Vorgehen der „orth. Kanzlei" entgegen, weil ihre „Aktion" uns ganz und gar unerklärlich ist. Wir verstehen es nämlich nicht recht, wie die orthod. Durchführungs- Kommission dazu komint, ihr Manifest, den denkwürdigen „Kol Koreh" in bas ungarische Judentum hinein zu werfen? Mit welchem Rechte sie ganz einfach einen „Ukas" herausgibt, ohne vorher mit den Gemeinden in Fühlung getreten zu sein und ihre Kundgebungen in legaler Weise veranlaßt zu haben? Oder existieren in mancher Beziehung für die Durchführungskommission keine Gemeinden, sondern bloß Rabbiner? Wahrlich unsere Begriffe von der Mission der „orth. Durchführungskommission" sind andere als das bloße Spielen einer Vorsehung! Wir anerkennen es nicht, daß ihre Rechte in Tiktatur und Msolutismus gipfeln und bestehen sollen! Wir müssen aber ihre diesmal gespielte Rolle auch als unaufrichtig und kläglich bezeichnen, weil entweder bei ihrem frühern oder bei ihrem jetzigen Standpunkte wir eine jede reifliche Erwägung und überlegte Handlung vermissen und hierdurch eine Situation geschaffen wurde, welche für sämtliche an derselben Beteiligten, in gelinden Worten ausgedrückt, unerquicklich genannt werden muß, was — wir betonen es besonders — unter allen Umständen verhindert und beseitigt werden mußte. Regieren heißt eben voranssehen — wie wird dies aber enden und wer wird die Kosten, die moralischen Kosten dieser Campagne zu tragen haben? 4. Der Krieg ist uns erklärt, ohne daß früher, nach Vorschrift der heiligen Thora, der Friede uns angeboten worden wäre; wir sind verurteilt worden, ohne daß wir nach Dath und Dinn angehört wurden, ohne daß uns Gelegenheit gegeben wurde, uns zu verteidigen. Formell ist daher das Recht auf u n s e r e r Seite! Wirstellen uns aus freiem Willen, ohne jede Entlohnung, ohne jedes Sonderinteresse in den Dienst der jüdischen Bolkssache; wir wollen die Rechte des jüdischen Volkes nach jeder Richtung hin vertreten und verteidigen, nach außen und nach innen; Haschem jisborach wird uns die Kraft hierzu verleihen und auch das jüdische Volk wird seinen Beistand uns nicht versagen, wir vertrauen daher in unsere gute Sache, daß sie siegreich sich durchbrechen wird. Durch Schaden klüger geworden, können wir aber unserer obersten „konfessionellen Instanz" sagen, daß wir ihre jüngste Heldentat als „Meisterstück" ihrer ganzen ruhmreichen, bisherigen Tätigkeit ansehe», welche geeignet ist in unser Gedächtnis bleibend ausgenommen zu werden. Tie löbliche Durchführungskommission oder eigentlich die orth. Landeskanzlei, welche, wenn die ungarische Orthodoxie ihrer dringend bedurfte, fast immer als nicht existierend angenommen oder als im tiefen Schlaf versunken angesehen werden mußte, hat sich letzteres hin aufgerasft und auf einmal ein fragwürdiges Lebenszeichen von sich gegeben. Galt es ja der Misrachikonferenz und dem Ziomsmus in Ungarn den Todesstoß zu versetzen! Anstatt aber früh und rechtzeitig, wenn auch in ihrem Sinn, das Verhalten gegen den Zionismus und ' gegen den Misrachi klarzustellen und zu regeln, hat sie es für angezeigter gehalten, die ganze Zeit Seite 11. in vornehmes Schweigen sich zu hüllen, um dann um so heftiger uns in den Rücken zu fallen, uns anzugreifen und zu verketzern. Wahrlich wenn schon nicht schön und gerecht, aber für vornehm und edel muß ein solcher Vorgang doch gehalten werden! Tut nichts, die Akten hierüber sind noch nicht abgeschlossen und noch manches Wort wird darob gesprochen werden. Vorläufig protestieren wir energisch gegen das von außen importierte „Loschatm Lora", „Recbilns“, „Hauzoas schem ra“, „Linas chinom“ und dergleichen, mit denen wir, der Misrachi und seine Führer bekämpft würden. Wir können es als orthodoxe Juden unter keinen Umständen zugeben oder zugestehen, daß diese allerhäßlichsten Auswüchse des Judentums gegen uns als Tugenden oder gesetzliche Handlungen ausgespielt und angewendet werden dürsten. Mit allen Kräften und besonderem Nachdruck weisen wir solche Andichtungen und Anschuldigungen zurück, deren Ursprung kein lauterer sein kann, und welche in wahrhaft jüdischen Kreisen verpönt sein müßten. Es sollte kaum geglaubt werden können, daß in jüdisch frommen Kreisen mit solch vergifteten Waffen gekämpft wird — am allerwenigsten aber, daß die oberste Leitung der ungarisch-jüdischen Orthodoxie dieselben sich zu eigen manchen könnte und teils gegen wahrhafte Gdaulim bjisroel, teils gegen einen ziemlichen Teil der ungarischen Orthodoxie selbst in Anwendung bringen sollte und dies alles, nachdem eine Klärung der Sache angetragen und die Schlichtung dieser Angelegenheit, al pi Hatorah gefordert wurde! Es ist aber das Unglaubliche leider geschehen! Wir sagen leider, weil weder der „Misrachi" n 0 ch d i e „u n g a r i s ch-j ü d i s ch e O r t h 0» doxie" Ursache zur Freude haben; der einzige, der hierüber Ursache zum Vergnügt sein haben könnte, märe die R'eologie in Ungarn, die fröhlich über den Bruderzwist inderhiesigen Orthodoxie s e i n d a r s. Tie Inszenierung des „Protestes" ist mit einer solchen Hast und Eile, mit einem solchen Hochdruck und Eifer vor sich gegangen, wie wir es in Ungarn bei der Orthodoxie noch nie gesehen und erfahren haben, selbst dann nicht, wenn es sich um viel wichtigere, gefahrdrohendere Tinge gehandelt hat, als die Beteiligung an der Misrachikonferenz in Pretzburg in den jüngsten Elultagen. Und wahrlich, diese Ueberstürzung unserer Rabbiner, dieser Coup der Turchführungskommission hat so Manchen unter den Orthodoxen stutzig gemacht, hat so Manchem zu denken gegeben, hat aber so Manchem auch die Augen geöffnet, um sehen zu können, was bisher unsichtbar, was bis nun nicht an die Oberfläche sich wagte, daß nämlich die ungarische Orthodoxie ein willenloses, ein machtloses Werkzeug in den Händen einiger ausländischer Personen ist, welche das Leitseil stramm in ihren Händen halten. — Für diesmal wollen wir aber in diesem unrühmlichen Kapitel nicht weiter nachschlagen. Nachdem das Unerwartete und das nicht möglich sein sollende dennoch eingetreten ist, beschränken wir uns, nur noch folgendes zu bemerken: 1. Wir bedauern von tiefster Seele, daß es soweit gekonimen, aber wir haben diese Situation nicht verschuldet; 2. wir befürchten, daß das Sprichwort „Bon Eile kommt nichts Gutes heraus" auch diesmal zum Wahrwort werden und da das Schlachtfeld auf dem Terrain der Orthodoxie sich befindet, daß diese die Ariegskosten tragen könnte; 3. wir hoffen, daß die betreffenden Kreise noch zur Einsicht und Einkehr gelangen, daß unseren neologen Gegnern nicht Anlaß zur Freude gegeben werden und daß Haschem jisborach noch Alles zum Guten wenden wird. 18. El ul 5664. Hermann Kopp jr. (Hethürs), M. A. Roth (Hansdorf), Sal. Kohn (Klausenburg), Sam. Rosner, (Miawa). Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Meine auf dem letzten Misrachitage zu Pretzburg ausgesprochene Ansicht, daß das Judentum, seitdem es die geistige Führung