Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 36 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. aber der Gesetzcstreuc», einer genauen Priisung unterzogen, und sie hat Anregungen gegeben, in welcher Weise cinzugreifen ist. Mögen die praktischen Erfolge dem auf dem Kongresse gezeigten, guten und ehrlichen Willen der Misrachi-Führer entsprechen! ' lieber die Einzelheiten der Weltkonferenz selbst wird der Korreferent des heutigen Abends, Herr Lollis Kahn, berichten. Was ich Ihnen znm Schlüsse noch zu sagen habe, ist ein Appell an die unseren Bestrebungen noch | fernstehenden religiösen Gesinnungsgenossen. Alle, . die wachen Auges unsere Slot sehen, und denen das (Heil des gesetzestreuen Judentums samt dem jütdischen Volke am Herzen liegt, sie mögen zu uns kommen und tapfer mit uns arbeiten! Nur auf dem Kege der Einigung werden wir etwas Ersprießiches für das jüdische Volk erreichen, mir mit verirrten Kräften, geleitet von ehrlicher Begeisterung für >ie Worte unserer heiligen Lehre und inniger Liebe ür die Kinder unseres Volkes, werden wir die heutige ^kZudenhcit aus der materiellen und geistigen Not ^erlösen!" Ter Korreferent, Herr Louis Kahn, nahm nunmehr das Wort, er beleuchtete hauptsächlich die bereits in unfern Spalten veröffentlichte Rede des Herrn Rabbiner Landau-Botocani, die sich mit den Mängeln der Bildung der östlichen Jugend befaßte und es als eine der vorzüglichsten Aufgaben der von den Misrachi in den religiösen Kreisen vorzunehmenden ideellen Arbeit betrachtete, hier reformatorisch einzugreisen. Tiefe Arbeit dürfe nicht mehr aufgeschobe» werden, denn sonst würden Kreise sich der Jugend bemächtigen, die sie zum Schaden des Judentums in die Bahnen der Neologie und des Atheismus leiten. In diesem Sinne sei auch die Rede des greisen Gelehrten und berühmten Schriftstellers, Herrn Jawitz-Wilna, zu begrüßen gewesen, der die nivellierende Tätigkeit religionsfeindlich gesonnener jüdischer Schriftsteller, worunter sich teilweise auch Knlturzionistcn befinden, einer scharfen Kritik unterzog. — Der Redner geht dann auf den überwältigenden Eindruck des Kongresses über und verweilt besonders bei den Führern, auf die das orthodoxe Judentum stolz sein darf und die eine Bürgschaft für die Wahrung der orthodoxen Interessen bieten, auch für allzu Vorsichtige, wie der Anonymus im Israelit Als Erster in der Tiskussion spricht Herr Ingenieur Feingold. Herzl habe die Worte gesprochen, der .Zionismus sei die Rückkehr, zum Judentum vor der Rückkehr ins Zudenland. Es seien das Worte von prophetischer Bedeutung gewesen, deren Wahrheit heute schon zu konstatieren sei, denn durch den Zionismus seien zahlreiche Assimilanten vom Taufbecken weg und dem Judentum zugeführt worden; aber auch unter den Orthodoxen habe der Zionismus belebend gewirkt, indem er das im Entschwinden begriffene Brüderlichkeitsgefühl wieder gehoben und den falschen Glauben zerstört habe, es genüge schon, im Haus und in der Synagoge die Mizwaus zu üben. Tie Erziehung der Jugend in Palästina werde in absehbarer Zeit eine brennende Frage im Zionismus werden, und da sei der Misrachi nötig. — Redner wundert sich, daß man zu den gegen den Zionismus gerichteten Angriffen eines Frankfurter Herrn im Jsraellt geschwiegen habe, noch mehr aber wundere es ihn, daß ein solcher Artikel einen Widerhall in den Religionsgesellschaftskreisen finden konnte; dieser Umstand beweise, daß der gegenwärtig von oben herab verbreitete Geist nicht ein Geist des echten Judentums, sondern des Katholizismus und Klerikalismus ist. Herr Lehrer Ehrmann-Friedberg. Tie Gegner von heute, könnten bereits die Freunde von morgen sein und deshalb solle man alle scharfen Angriffe bei Seite lassen. — Tas Wunderbare des Misrachi sei, daß er die Orthodoxen aller Länder vereine. Man möge ehrlich und selbstlos zusammenarbeiten und Mißstände frei und unumwunden aufdecken, daun werde es schon wieder besser im Judentum werden. Den Referent müsse er insofern berichtigen, als im Mittelalter wohl praktische Versuche zur Rück kehr nach Palästina gemacht wurden; er erinnere an Rabbi Meir von Rotenburg und Ton Josef Nassi, Fürst am Naxos. — Die dumpfen, einklassigen Chedorim des Ostens seien in Bote! midroschim um zuwandeln. Auch auf das Chaluka-llnwesen müsse der Misrachi sein Augenmerk richten; er, Redner, wundere sich, daß man diese für das Wohl Palä stinas so wichtige Frage auf dem Kongreß nicht behandelt habe. Professor Dr. S u l z b a ch verwahrt sich gegen die, die Religionsgesellschaft betreffenden Worte des Herrn .Feingold. Er meint, man solle doch nicht die privaten Ansichten eines Zeitungsschreibers mit den in der Religionsgesellschaft herrschenden Anschau ungen verwechseln; es dürften sich wohl kaum zehn Herren in der Religionsgesellschaft finden, die die Ausführungen und die Art und Weise des Vorgehens gebilligt hätten; und wenn man sich nicht dagegen verwahrt habe, so sei der Grund nur der gewesen, weil man der Sache keine Bedeutung beimessen wollte. Die Worte des Herrn Prof. Dr. Sulzbach wurden mit kaum endenwollendem Beifall ausgenommen. In der wetteren Diskussion sprachen die Herren Louis Kahn, Ingenieur Feingold, Professor Dr. S u l z b a ch, Lehrer E h r m a n n und cand. Phil. B c r l o w i tz, die darin übercinstimmten, daß der Misrachi im Zionismus besondere Aufgaben zu erfüllen habe. Zum Schluß nimmt das Mitglied des Zentral- Komitees, Herr-Jacob S. Posen, das Wort. Er habe die Wahl in die ivestcuropäische Zentrale des Misrachi mit Freude» angenommen, denn er betrachte es als eine heilige Pflicht des gesetzestreuen Juden, für Zion zu arbeiten. Er finde dieses Pflichtgebot schon in den Worten des Propheten, der da sagt, Lemaan Zijaun lau cchescheh (um Zioniswille» werde ich nicht schweigen), ulmaan Jeruscholaim lau eschkaut (und um Jerusalemswillen nicht ruhen). Der Redner zitierte dann den weiteren Satz M chamaausajich usw. und schloß, daß wenn auch die berufenen Verkünder des Gotteswortes, die Hamaskirim es haschem Zion verschweigen, so könne man doch Ihm, Gott, nicht schweigen gebieten, Al.titnn domi lau. Er läßt' den Zionsgedankenim Volke selbst mit Macht entstehen. Mit stürmischem Beifall wurden diese mit Begeisterung gesprochenen Worte von der Versammlung ausgenommen, worauf der Vorsitzende mit der Aufforderung zum Beitritte schließt. Es erfolgten darauf zahlreiche Einzcichnungen. Preß bürg. Der Zionismus misrachistifcher Richtung macht seit der letzten Misrachi-Weltkonferenz befriedigende Fortschritte. So bildete sich in Oedenburg eine Misrachi-Vereinigung, die jetzt schon 40 Mitglieder zählt. Tcr Präsident des Vereins ist der in der Oedenburger Gegend rühmlich bekannte H. Horovitz, (Vizepräses S. Altmann; Kassier I. Koppl; Schriftführer L. Engel; Beisitzer A. Kohlmann). Auch in Teutsch-Kreuz in einer der sogenannten „Sieben Gemeinden" (Schema Kehilloh) bildet sich soeben ein Misrachi-Verein. Tesgleichcn in Raab, Miava, Neutra u. a. m. Basel, 4. Tischri. Gestern fand hier die Generalversammlung des . Zionistenvereins „M i s r a ch i" statt. Ter Vorsitzende Herr S. Teplitz erstattete den Bericht über die: Tätigkeit des ersten Vcreinsjahres. Trotz der viele» Hindernisse, ist cs dem ernsten Bemühen des Vorstandes gelungen, schon im ersten Jahre unserer Sache viele Freunde zuzuführen und sehr beachtenswerte Ansätze zu segensreicher Wirksamkeit zu machen. Gerade in unserer. Stadt ist dem „Misrachi" eine schöne Zukunft Geschieden. Bemerkenswert ist, daß dem Verein schon jetzt fast sämtliche gesetzestreue Jehudim unserer Stadt als Mitglieder an gehören. Im Laufe des. Jahres wurden im Verein von Mitgliedern und von Gästen mehrere Vorträge aus den verschiedensten Gebieten jüdischen Wissens gehalten, die zur Verbreitung und Vertiefung unserer Idee erhebliches beitrugen. Tie Neuwahl ergab folgendes Resultat: S. Teplitz, Vorsitzender; Isidor Weil, Kassier; Levi E i s e n m a n n, Aktuar; A. W. Roscnzwcig und P. M. Goldschmidt, Beisitzer. - Aus crller Wett. Deutschlaud. Bad Em§. In einer kürzlich, am 12. v. Mts., vom Vaterländischen Frauenvereinim hiesigen Kursaale veranstalteten Wohltättgkeitsvorstellung hat Herr Refe r eu d a r v o n Jb e l l, Sohn des verstorbenen Emser Badearztes, Gedichte borge-' tragen, in denen die Juden zum Gegenstand des Spottes gemacht wurden. Und dies geschah, trotzdem die.Beteiligung seitens der hier wohnenden,, als. auch der hier zur Kur weilenden. I s r.a e l i t e n eine sehr große war, da das Komitee, sie zum- Besuch dieser Veranstaltung dringend einlud. Um so lebhafter ist die Taktlosigkeit zu bedauern, die in der Wahl antisemitischer Vortrags st ücke liegt, und. die zu einer Verletzung der Empfindungen der jüdischen Besucher der Wohltätigkeitsvorstellüng führte. Hannover. Eine antisemitische Stadtverwaltung scheint in M ü n der a.- D e i st e r zu herrschen. Tie Verwaltung schrieb, wie man uns mitteilt, in der „Tierärztl. Rundschau" eine Stelle eines ordentlichen Fleischbeschauers aus. Ein. Herr, der sich darauf meldete, erhielt' folgende Zuschrift: J.-Nr. 3448. Münder, 8. Sept. 1804- -!Auf Ihr Gesuch. vom. 25. v.-- M. teilen , wir Ihnen mit, daß wir beschlossen haben. Ihnen > die ordentliche Fleischbeschau für den Bezirk der -Stadt Münder zu übertragenfalls Sie nicht mosaischer K o n f e s s i o n s i n d. Wir fragen nun bei Ihnen an, ob Sie die Wahl annehmen. Ihrer Antwort sehen wir umgehend entgegen. Der Magisttat. I. V. H. D. Pape. RutzlarrÄ. Warschau. Die jüdische Gemeinde hat in der Zeit von 2Ve -Monaten.— Ende Mai bis Mitte August'— 690,000 Pfund B r o t an hungernde Juden verabfolgt. Tiefes. Quantum-war .trotz seiner ungeheueren Größe ungcnügend, fodaß' Tausende bnch-. stäblich am Verhungern sind.. . ' Nr. 36. Petersburg. Nach einer iiach amtlichen Quellen zusammengestcllten Statistik ist über die r u s s i s ch c n Juden im Ackerbau Folgendes zu berichten: Bevölkerung der Ackerbau-Kolonien: 63,492 Seelen. . Zahl der Kolonisten in einzelnen Zweigen des Ackerbaues: 21,521 Familien mit etwa 80,000 Seelen. ' Zahl der Pächter, sowie der Bauerngntsbesitzer: 3358 Familien init etwa 13,000 Seelen. Tie Gesamtzahl der vom Ackerbau lebenden Juden beträgt also über 150,000. Die jüdischen Ackerbau-Kolonien verteilen sich auf das ganze Gebiet jener Gouvernements, in welchen die. Juden das Aufenthaltsrecht genießen. Tie Zahl der Kolonieen beläuft sich auf 289. lieber die Hälfte der jüd. Kolonisten bewohnt Neu-Rußland und bebaut 63,6 pCt. der Fläche, über .welche die Juden verfügen. Außerdem. genießen sie andere Vorteile: die ihnen zugcteilten Länder sind größer als, in anderen Siegenden (durchschnittlich 11,4 pCt. Tesiattns für jede Familie, dagegen z. B. in Podolien nur 3,41 pCt.), das Klima ist günstiger und außerdem steht der größte Teil dieser Kolonien direkt unter der Verwaltung des Ackerbau-Ministeriumshat also nichts mit den Plackereien der Köntrollausschüsse zu tun. Leider ist aber der Betrieb noch unvollkommen, und inan trifft deshalb selbst in den besten Kolonien noch eine beträchttiche Anzahl armer Leute. Petersburg, 11. Sept. sUeber" Ruhestörungen, die am 4. und 6. d. M-. in Smjela, Gouvernement Kiew, sich ereigneten, wird der Russischen Telegraphen-Agcntur ans Kiciv geineldet: Ein israelitischer Ladenbesitzcr hatte eine Bauersfrau mißhandelt, weil er sie im Verdacht hatte, daß sie ihm ein Tuch gestohlen. Eine Volksmenge rottete sich zusammen Und plünderte und verwüstete 100 Häuser und 150 Läden, die Israeliten gehörten. Am 4. September 'abends fing eine Gruppe von 60 Israeliten eine .Schlägerei mit Christen an. Als die Israeliten auf die. Christen Schüsse abgaben, wurde Polizei herbeigerufen, " die von den Revolvern Gebrauch machte Und. zwei Personen verwundete. Am 5. September morgens begaben sich mehrere. hundert 'Eisenbahnarbeiter von der benachbarten Station Bobrinskaja trotz des Einschreitens der Behörden mit einem Eisenbahnzuge nach Smjela, wo die Ruhestörungen sich alsbald, erneuerten. Zur Unterdrückung der Ruhestörungen wurde. Militär herbeigerufen, das von der Waffe. Gebrauch machte, wobei fünf Personen schwer pnd eine größere Anzahl leicht verletzt wurden; eine Anzahl Personen wurde verhaftet. Libau. Dieser Tage sind hier 20 iüdische Familien (150 Personen) durchgekommen, welche auf Veranlassung der „Jca" , als i Arbeiter nach Argentinien und Brasilien gehen; sic sind sämtlich Kolonisten Und.Gärtner vom Chersoner Gebiet und aus Bcssarabien. Palästina. Jaffa. Zur Geschäftslage in Palästina. In englischen Berichten wird festgestellt, daß der Eis e.n b.ah n von Jaffa nach Jerusalem, der Er-' baüüng neuer und der Verbesserung der alten Straßen,. sowie den. Anstrengungen, die sür den Ban der Eisenbahn Damaskus-Mekka gemacht wurden, ein beträchtlicher Aufschwung der Geschäfte und eine allgemeine Besserung der Handelsbedingungen zu verdanken ist. Wenn es gelänge, drei oder vier Dampfer auf das Tote Meer zu bringen und die Straßen des . Jordantales-gangbarer-zu machen, würden' die Kommunikationen mit dem östlichen Palästina erleichtert und vermehrt und Jerusalem könnte ein Mittelpunkt des Warenhandels werden, wie es derzeit bereits Aleppo für das nördliche Syrien ist. Tie- Steigerung des Handels in Palästina ist eine dauernde. Tie Einfuhr und Ausfuhr zusammen beliefen sich 1903 auf Lstr. 763,110 (gleich Mk. 15,270,000) gegen Lstr. 698,740 (gleich Mark 12,175,000) im vorhergegangenen Fahre. Davon kommen Lstr. 118,945 auf die Ausfuhr, der Rest auf die Einfuhr. Im Hafen von Jaffa lagen während des verflossenen Jahres 765 Schisse mit-589,249 Tonnen, was gegen das Jahr 1902 eine Vermehrung um 113 Schiffe und 74,162 Tonnen bedeutet. Enormen Ilmfang hat speziell der Handel mit Apfels inen, angenommen, doch ist als das wichtigste landwirtschaftliche Ergebnis die Wiederaufnahme des Banmwollenbaues zu bezeichnen. Personalien. Berlin. Der am 3. September im 66. Lebensjahre verstorbene Geheime Medizinalrat Professor Dr. Heinrich K ö b n e r hatte sich stets mit Stolz zum Judentum bekannt. In seinem Fache, die Lehre von den Hautkrankheiten, war er einer der hervorragendsten Meister der Gegenwart. Berlin, bestem ist der auf dem Gebiete der jüdischen Jugenderziehung zum Handwerk bekannte Maurermeister Markus Adler im 75. Lebensjahre gestorben. Die jetzige Generation der jüdischen Handwerker verdankt ihm ungemein viel. In der Organisation des deutsch-israelitischen Gemeindebundes. war er technischer Dezernent. Eine Schöpfung dieses Bundes ist die jüdische Arbeiterkolonie in Beißensee, die in Adler ihren eifrigsten Förderer