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Neue jüdische Presse · 1904-09-16 · Heft 36 (16.9.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 36 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 36 des Frankfurter Israelitischen Familieublattes. An unsere xrsrr! N)ir richten an unsere Leser, welche das Blatt bei der j)ost abonniert haben, die Bitte, das Abonnement für das dritte Quartal ^0^ rechtzeitig zu erneuern, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleidet. — Preis pro Quartal inkl. Franko-Zusendung ^,02 Mark. Diejenigen Abonnenten, welche unsere Zeitung von uns direkt beziehen, erhalten dieselbe ohne besondere Erneuerung des Abonnements fortlaufend zugesandt. Nach Beginn des Neuen Quartals können wir Abbestellungen nicht mehr annehmen. MF* Zufolge vielfacher an uns ergangener Anfragen und um den Wünschen der meisten unserer geehrten Abonnenten zu ent. sprechen, erklären wir uns gern bereit, der Einfachheit und der Porto-Ersparnis wegen' Abo nnementsbeträge auch für mehrere Quartale auf einmal im voraus entgegenzunehmen. Die Geschäftsstelle des „Frankfurter Jsr. Familienblattes." der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Die ans der ersten Misrachi-Weltkonferenz als Leiter des W e st - cnropäischeu Zentralkomitees gewählten Herren: Rabbiner Dr. Nobel-Leipzig (Präsident), Dr. med. Adler-Lübeck, Dr. med. Franck-Altona, Jacob S. Posen-Franksurt und Dr. med. Feuchtwanger-Franksurt 'haben die Wahl angenommen. Frankfurt a. M. Dienstag Abend, 8Vs Uhr, sand eine öffentliche Versammlung der Frankfurter Abteilung des Misrachi im Rechneisaal statt, zu der sich 150—200 Personen eingefunden hatten. Ter Vorsitzende, Herr Louis Kahn, eröffnete die Sitzung und erteilte Herrn RedakteurSalyGeis das Wort zu seinem Referate. Dasselbe lautete: „Hochgeehrte Versammlung! .Die Misrachi-Weltkonserenz lautet das Theina unseres heutigen Wends. Misrachi nannte sich eine Vereinigung von Zionisten, die auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums steht, es wird deshalb zuerst unsere Aufgabe sein, uns. darüber klar zu werden, ob der Zionismus vom Standpunkt des gesetzestreuen Judentumes aus zu begrüßen oder zu verurteilen ist. Der Misrachi hat seine Existenzberechtigung im Zionismus, jener Bewegung, die — vor 8 Jahren von einem genialen, gottbegnadeten Geiste erdacht und in ihrer weltumfassenden Größe organisiert — von der lleberzeugung getragen wird, daß nur das gesamte jüdische Volk imstande ist, die „Iudenfrage" zu lösen. Daß eine Judenfrage existiert, daran zweifelt in Wirklichkeit niemand unter uns; der Unterschied ist nur der: die Einen, die das Zusammengehörigkeitsgefühl zum jüdischen Ganzen verloren, schließen die Augen, sie wollen nicht über eine Sache Nachdenken, die ihnen unangenehm ist; die anderen dagegen, können sich einer gedankenlosen Selbsttäuschung nicht hingeben, sie sehen mit offenen Augen den Zusammenbruch des Judentums, auf ihr Ehrgefühl sticht wie mit Nadeln die rechtsunsichere Lage der Judenheit, sie erinnern sich der 3000jährigen ruhmdurchtränkten Geschichte ihres Volkes und ehrlos dünkt es ihnen deshalb, dem Schicksale des jüdischen Volkes gleichgültig gegenüber zu stehen. Die Jude »frage ist eine soziale und ihre soziale Bedeutung kann nach vielen Richtungen hin beleuchtet werden. Wenn der Jude im Osten unter Ausnahmegesetzen schmachtet, die ihm in seinem Lebenserwerb und in der Ausnutzung feiner Fähigkeiten auss empfindlichste einschränken, wenn er im Westen gleichfalls unter einem Boykott steht, der ihn auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens zurückdrängt, so ist sein soziales Sein gefährdet. Aber auch die seit einigen Jahrzehnten eingeführte und immer schärfer betonte Sonntagsruhe, die ihn von der Beobachtung des Sabbates abspenstig macht und der Zwang des Besuches der allgemeinen Schulen, in denen dem jüdischen Kinde eine von der jüdischen sehr verschiedene Welt- und Lebensanschauung beigebracht wird, fallen unter die Kategorie sozialer Schäden. — Es ist so klar, daß das gesamte jüdische Volk durch seine soziale Lage leidet, daß gesetzestreue und indifferente Juden gleichmäßig an einer Aenderung der sozialen Lage interessiert sind und daß sie sich deshalb vereinen müssen, um ihrem gemein samen Mißgeschick entgegenzuarbeiten. Diejüdische Not ist eine furchtbare, der Abfall vom Judentum hat rapid und ständig bei allen religiösen Richtungen und in allen Ländern zugenommen, und alle Bemühungen edler Männer, helfend einzugreifen, erwiesen sich als vergeblich, da einem Volke nicht mit Wohltätigkeit und mit Verbesserungen lokaler Natur geholfen werden kann. Ein Volk kann sich nur durch sich selber helfen; das hat derZionismus erkannt und bereits auch bewiesen, denn die 7 Millionen der von ihm gegründeten Kolonialbank und die v/r Millionen des Nationalfonds sind innerhalb weniger Jahre und hauptsächlich aus den Taschen der armen russischen Juden kopekenweise zusammengeflossen. Mannigfaltig sind die Einwendungen der dem Zionismus feindlichen Gesetzestreuen. Sie weisen daraus hin. daß wir Juden im Mittelalter viel schlimmere Zeiten erlebt hatten und doch — nach dem Willen Gottes^-der, sei üntergehen läßt — aus allen Gefährnissen gerettet worden sind. Das stimmt augenscheinlich, ist aber in Wirllichkeit ein Trugschluß, denn eine Not ist nur da, wo man sie empfindet. Der Jude des Mittelalters war wohl der Parias der Menschheit, aber sich selb st gegenüber fühlte er sich als Edelmensch, als ein Mensch von unendlich höherer Gesit - tungund^enschenwürde,w^eseine^mgebung; während dagegen der heutige Jude sich selbst als ein Parias achtet undallesGuteundErstrebenswertebei den Nichtjuden sieht. Auch hatten damals noch die Ghettomauern dafür gesorgt, die Juden gegen die Einwirkungen der Außenwelt zu schützen. Ein anderer Grund, der die gegnerischen Gesetzestreuen bestimmt, ist der, daß nach ihrer Behauptung wir selbst nichts dazu tun dürfen, um uns wieder im Lande der Väter festzusetzen. Dieser Ausspruch ist ein betrübendes, aber dennoch ein klares Spiegelbild unseres gegenwärtigen Tiefstandes. Im Munde unserer noch bewußt-jüdisch denkenden Voreltern wäre er unmöglich gewesen, denn in ihrem Herzen fanden noch die Worte der Tesillo lebendigen Widerhall, sie waren noch nicht angekränkelt von dem Lufthauche der Assimilation und sie waren noch frei von all' den christlichen Injektionen, die dem heutigen Juden von Jugend auf die intensive Beschäftigung mit all' den Anschauungen der im christlichen Geiste geschriebenen Literatur und Presse einflößt. Unsere modernen Frommen müssen mit Blindheit geschlagen sein, wenn sie es' fertig bringen, Zion als ein S y m b o l zu betrachten. Ist es doch die zerstörerrde Eigentümlichkeit der Assimilation, das Judentum zu symbolisieren; ist es doch einer der klaffendsten Unterschiede zwischen Judentum und Christentum, daß das eine die Tat lehrt und das andere Symbole gibt. — Daß der Jude des Mittelalters keinen praktischen Zionismus getrieben hat, das lag nur daran, weil ihm noch nicht einmal die Anfänge zu einer Möglichkeit, an die Realisierung der Zionssehnsucht heranzutreten, gegeben waren. Wie sehr ihm darob das Herz blutete und wie sehr er es als das höchste irdische Glück des Juden betrachtete, den geweihten Boden Palästinas wieder betreten zu dürfen, dazu bedarf es nur eines Blickes in die Geisteswerke unserer damaligen Gedaulim, und wir werden darüber belehrt sein, wie weit unsere heutigen gesetzestreuen Juden sich bereits von den belebenden Quellen des wahren Judentums entsernt haben. Und unsere Frommen fragen ferner, wie es möglich sei, baß so heterogene Elemente, wie die Glieder des heutigen jüdischen Geschlechtes in Palästina gedeihlich Zusammenarbeiten. Auch hier zeigen sie, daß sie wohl zu fragen, aber nicht nachzudenken verstehen. Glauben die Herren denn, daß die Assimilanten nach Palästina gehen werden; wollen sie denn nicht wissen, daß unsere östlichen Brüder, die hingehen, zum größten Teil noch mindestens gerade so treue Söhne des Sinaiwortes sind, wie sie selbst! — Und wenn wirklich Gefahren für unsere Emunoh in Palästina bestehen sollten; sind die Gefahren, die uns jetzt umgeben, nicht weit größere. — Hier sind wir machtlos; selbst in unserem gesegneten Frankfurt, das so gern als das Golus- Jerusalem angesehen wird, ist es — um nur ein Beispiel herauszugreifen — trotz größter Bemühungen und bester Verbindungen überaus schwierig, füreinen jungen Mann, der den Schabbos halten will, nur eine bescheiden dotierte Stelle zu finden. Immer mehr schrumpft unter dem Zwange der Verhältnisse die Zahl der den Sabbat Beobachtenden zusammen. Ter Sabbat, die Hauptsäule des Judentums wankt, und unsere sogenannten .Frommen legen zufrieden die Hände in den Schoß; für sie hat das Judentum niemals höher dagestanden, denn was die früheren Geschlechter in ihren kühnsten Träumen nicht zu denken wagten, ist zur Wahrheit geworden; man kann in dem modernen Jerusalei»oie' ausgesuchtesten Leckerbissen koscher bekommend— Wer damit zu frieden ist, nun, mit dem wollen wir nicht rechten; unser Ruf ergeht nur an die, die da weinen ob des Mfalles ihrer Brüder vom Sabbats ihnen rufen wir zu: In Palästina wird das jüdische Volk wieder seinen Sabbat haben; nur durch den nationalen Boden wird es dem religiösen wieder besitzen, der die Grundbedingung ist für den Bestand und die Ballung des Judentums. Man wendet ferner noch ein, daß eine Reali». sierung der zionistischen Pläne deshalb nicht denkbar,^ sei, weil gegenwärtig ein moderner Staat -' auf jüdischen Grundsätzen noch nicht exi- - stieren könne; man denke nur: am Sabbat ein Stillstehen sämtlicher Verkehrsmittel! — Auch hier zeigI der Frager eine absichtliche oder unabsichtliche Uu« kenntnis der Errungenschaften seiner Zeit. Englands das fortgeschrittenste aller Länder, läßt am Soini-'- tag seinen Eisenbahnverkehr ruhen (in Schottland), sogar 36 Stunden, von Samstag Nacht bis Montage früh), und auch in Deutschland fahren bereits mir. Sonntag keine Güterzüge mehr. T-ie absolute Sabbatruhe ist eine Forderung sozialer Gerechtigkeit, und es liegt kein Grund vor, anzunehmen, daß wir Juden sozial rückständig sein werden. — Ueberhaupt geht diese Frage schon viel zu weit, denn der Zionismus erstrebt nur die Errichtung einer rechtlich gesicherten Heimstätte und nicht einen Judenstaat. Das ist für die Erreichbarkeit der zionistischen Ziele sehr wichtig, denn nach türkischem Recht hat jede Ortschaft ihre Selbstverwaltung und von da bis zu gewissen staatlichen Verwaltungsrechtcn ist schon kein großer Schritt mehr. Jetzt kommt noch die letzte Befürchtung: das ' religiöse Judentum könne durch das nationale zurückgedrängt werden. Wenn der Pabst als Hüter , der katholischen Kirche fürchten würde, der Ratio- ' nalismus sei für den Konfessionalismus gesährlich, ■■ dann wäre es verständlich; aber es ist ihm nie eine solche Vermutung in den Sinn gekommen. Das Judentum nun ist keine Konfession, sondern eine national-soziale, ethischreligiöse Gesetzgebung, jedes religiöse Gesetz ist bei ihm national, jedes nationale religiös. ' Nach alle dem darf ich wohl resümieren: die schwachen, mehr von unbestimmten «chreckensgcspenstern des Gemütes als von der klaren Ueberlegung des Verstandes diktierten Befürchtungen der gesetzestreuen Gegner des Zionismus erscheinen grundlos, ja sie müssen in Anbetracht der verzweifelten Notlage des jüoischen Volkes, aus der allein der Zionismus einen gangbaren Weg zeigt, energisch zurückgewiesen werden. Es ist heilige Pflicht des gesetzestreuen Juden, sein Bestes zu tun, damit die Pläne des Zionismus zum Segen des Judentums zu einer gedeihlichen Verwirklichung gelangen. Nun wird man.fragen: Was will eigentlich der Misrachi, als dessen Vertreter ich hier spreche, im Zionismus leisten? Hieraus antworte ich: Die Misrachisten sind politische Zionisten, wie ihre anderen zionistischen Brüder. Für das Entstehen des Misrachi war der Hauptgrund, das Aktionskomitee zu veranlassen, sich nicht mit der sogenannten Kultur zu befassen, solcher» nur mit Angelegenheiten rein politischer Natur. Ter Misrachi ist von dem Bewußtsein durchdrungen, daß es im politischen Zionismus nur Soldaten geben darf, die alle gleiche Pflichten haben und gleiche Rechte genießen; er hat deshalb auf sein Panier Achdus und Scholaum geschrieben und jegliche Trennung liegt ihm fern. Tie besonderen Wege, die er noch verfolgt, sind privater Natur. Er erachtet es als seine vorzüglichste Aufgabe, innerhalb des Zionismus die Ideen des unverfälschten Judentums auf friedlichem Wege zu propagieren und den gesetzestreuen Mchtzioaisten die Notwendigkeit des Zionismus beizubringen. Ich spreche hier nicht nur meine persönliche Meinung aus, sondern meines Wissens nach auch die Anschauung des Zentralkomitees in Rußland und des westeuropäischen Zentralkomitees. Wir Misrachisten begreifen unsere Tätigkeit nur als eine Ergänzungsarbeit zum politischen. Zionismus, wir wollen die Arbeit leisten, die außerhalb des Rahmens des politischen Zionismus fällt Tazu aber haben wir eine Organisation nötig, denn nur mit vereinten Kräften lassen sich positive Ersolge im Tienste des überlieferten Judentums und zum Besten des jüdischen Volkes erzielen. In diesem Sinne hat auch die vor einigen Wochen in Preßburg getagte I. Misrachi-Welt-Konserenz gedacht Tie Konferenz selbst war als erste nur dazu berufen, den Grundstein zu legen zum Bau des Misrachi und den Weg zu zeigen, auf dem er zu gehen hat. Sie ist dieser Aufgabe in vollem Maße gerecht geworden, sie hat das Programm und t die Statuten geschaffen, sie hat die gegenwärtige religiöse Situation des jüdischen Volkes, besonders \ l~ l~~ tf> y

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