Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 36 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M. 36. Franlsurter JfraelMfches Fmmlienblatt. Sette » 1904/05 aufftcllt, auf 11,017,721 berechnet. Auf die einzelnen Erdteile verteilen sie sich wie folgt: Europa 8,747,971, Asien 342,410, Afrika 354,500, Amerika 1,556,000, Australien 16,840. A«s der Lehrerwelt. Hildesheim, 7. Sept. Aus Anlatz der Feier der goldenen Hochzeit wurde dem Lehrer F e u e r - bach'schen Ehepaare die Ehejubiläumsmedaille verliehen und vom Landrabbiner Dr. Lewinskv überreicht. Herr F. ist etwa 40 Jahre als Lehrer und Kantor der hiesigen Synagogengemeinde tätig gewesen. Neuteich (Westpreußen), 7. Scvtember. Im 101. Lebensjahre verstorben ist in Gnesen, wo er seine letzten Jahre verlebt hat, der frühere Kultusbeamte der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr Bähr. Nikolsbur« in Mähren. Der bisherige Rabbiner von Malazka (Comitat Preßburg), Herr Dr. M. Lewin, wurde dieser Tage als Rabbiner der hiesigen Gemeinde installiert. Prag (Böhmen) Der kürzlich ini Alter von 54 Jahren verstorbene Direktor der staatlichen Mtstädter Knaben-Bolks- und Bürgerschule, Ai o r i tz M a u t n e r, dürfte bis jetzt der einzige Jude gewesen sein, der es in Oesterreich bis zuni Direktor gebracht hat. Szigetvar (Ungarn.) Ausschluß jüdischer Schüler aus e i n e r S t a a t s s ch u l e! Die hiesige Gemeindevölksschule wurde vor kurzem verstaatlicht. Bor einigen Tagen erhielt nun der Schuldirektor vom königlichen Schulinspektor die. offizielle Weisung, daß „mit Rücksicht auf die voraussichtliche Ileberfüllung der Schule" j ü d i s ch e Schüler nicht ausgenommen werden sollen. Bian hat sich wegen Rückgängigmachung dieser Verfügung bereits an den Kultusminister gewandt, der bekanntlich in dem Rufe einwandfrei liberaler Gesinnung steht. G Feuilleton. G Eine neue Melodie. Novellette v.on I. L. Perez. 'Aus dem Hebräischen übersetzt von M. I. Ä—n. Ter Schauforton wurde laut, wie ein elektrischer Strom ging es durch die Massen, und wie die brausende Flut ertönte im weiten Raume der mächtige Rus: „Nächstes Jahr in Jerusalem!" Tie .Schuljugend griff schleunigst nach dem Wachse, das im Laufe des Tages von den brennenden Kerzen herabträufelte. Am Vorbeterpult steht bereits ein Wcrkeltagsvorbeter und trägt im gewöhnlichen Singsang das alltägliche Abendgebet vor. -Tas Pu.blikum hatte das Abendgebet in aller Eile heruntergeleiert. „Talis" und „Sargencs" sind bereits abgelegt, man zieht die Schuhe an, alles beeilt sich: ein schöner Mond wartet draußen.* * 3) Niemand hat daher di: Muse, den jungen blassen Mann zu bemerken, der verwirrt im Beth-Hamidrasch hin- und hergeht und ein schwaches und noch blässeres Knäblein niit sich zieht. Er geht nochmals durch den Beth-Hamidrasch im Kreise herum, aber niemand kümmert sich um ihn. Ter eine hat unter - der Bank zu schassen, wo er seine Stiefel sucht, ein anderer hat einen Gummischuh verwechselt, ein dritter hat seine Mütze in Kerzentalg eingeschmiert gefunden, und dabei sind alle hungrig und eilen zu „Kiddusch-Lwonoh". „Gehen wir nach Hause, Papa", fleht der Knabe. „Wir wollen noch einmal herum und. an dem Onkel vorübergehen. . ." antwortete der Vater. Tie Menschenwoge setzt sich in Beweguirg, — der letzte „Kaddisch", der letzte „Omen" — und die Flut reißt den jungen Vater und dessen Sohn nlit sich mit. i) Nach der bekannten Regel, an die Vollendung einer Gesetzeserfüllung den Beginn irgend einer anderen unmittelbar anzureihen, empfiehlt es sich bekanntlich, am Abend nach dem Versöhnungstage, nachdem der volle Tag dem Gottesdienste gewidmet war, irgend eine Mizwoh zu tun. Aus diesem Grunde wird an diesem Abend ,Kiddusch-Lwonoh" für Monat Tischri verrichtet; manche pflegen auch gleich nach dem ersten Imbiß, irgend etwas zur Bereitung der Laubhütte zu tun. Tamit soll die Hingebung und Bereitwilligkeit, das Gesetz zu erfüllen, zum Ausdruck gebracht werden. Anm. d. Uebers. Draußen an der Synagoge stehen die Männer mit Kiddusch-Lwonoh beschäftigt. Auf den'Trottoirs trömen in langen Reihen die weißgekleideten Frauen, die nach Hause eilen. Unterwegs rechnet man zu- [ainmen, wie viele Frauen an diesem heiligen Tage in Ohnmacht gefallen sind, waren es mehr als im vorigen Jahre, oder weniger, man tadelt oder lobt den Kantor und dessen „Sänger": einige neue Tchinaus,-) die zu den letzten Feiertagen aus Lithanen gebracht wurden, geben gleichfalls ein dankbares Gesprächsthema ab. An jedem Hause verschwinden zwei, drei Gestalten, die übrige» langen weißen Schatten bewegen sich weiter. Unter denjenigen, die iin Vorhvfe der Synagoge „Kiddusch-Lwonoh" verrichteten, schlendert der blasse unge Mann hin und her. Man ruft ihm „Scholaumalechem!" zu und er erwidert: „Alechem Scholanm!" Seine Stimme ist schwach, sein Gesicht verdüstert sich immer mehr und mehr. Tie letzten Beter haben sich wie die Schatten verflüchtigt. „Niemand hat uns eingeladen", jlüstern seine bebenden Lippen, „was nun? „Alles ist zum Guten!" Ich will nicht zum neuen Jahre betteln, gleich am Ausgang des heiligen Tages!" Ter Knabe wähnt, der Vater sei noch mit dem Beten nicht ganz fertig. Er zupft ihn leise am Rock und fleht: . „Vater, inach daß du fertig wirst. Wir wollen gehen." Seine Stimme erstickt vor Tränen. „Närrisches Kind," erwidert der Vater, „wozu diese Eile? —" „Ich habe aber Hunger, furchtbaren Hunger!" Und der Vater versetzt mit bitterem Hohn: „Natürlich hast du Hunger! Das brauchst du niir ja nicht erst zu sagen. Wie hätte ich denn anders erwarten können, nachdem du einen vollen Tag gefastet hast?" „Papa, nach Hause!" dringt der Knabe. Einen Augenblick stand der Vater still und kämpfte mit sich in seinem Innern. „Hör' mal, mein Kind", sprach er darauf sehr leise und seine Stimme bebte, „es gibt zu Hause nichts zu essen." „Ist auch kein Brot da?" „Nicht einmal trockenes Brot. . . nichts." Ter Knabe ließ den Kops sinken. Ter Vater sucht ihn zu ermuntern. „Dovidel, sag mir mal, weißt du, was sür einen Tag wir heute hatten." Ter Knabe weint leise vor sich hin. „Heute," setzt der Vater statt seiner fort, „war ein heiliger Tag: „Jom-Kippur"; weißt du auch, was dies bedeutet?" „Ja." „Und was haben wir denn heute getan, Dovidel, sag doch, was?" „Gebetet haben wir." „Sehr gut! Du bist ein braver Junge! Aber sag mir auch schön, wir haben gebetet, was hat aber der liebe Gott getan?" „Er hat uns alle unsere Sünden vergeben." „Und was glaubst du denn, was wir tun müßten, wenn uns der liebe Gott die Sünden vergeben hat, müssen wir da traurig, oder lustig sein?" „Lustig," antwortet der Knabe unter lautem Schluchzen. „Schön, wir müssen lustig sein. Erinnerst du dich, Dovidel, auch noch der neuen Melodie, die wir am Abend des vorjährigen Versöhnungstages sangen, als deine selige Mutter noch am Leben war. Erinnerst du dich noch?" ' „Nein." „So will ich denn dir die Melodie wieder ins Gedächtnis rufen. Ich werde anfangen, und du wirst mitsingen." .... Und der Neumond vernahm eine neue Melodie; keine der üblichen chassidischen, auch keine „walachische", sondern eine ganz sonderbare, herzzerreißende Weise. Ter Vater singt und der Knabe hinter ihm her. -) Gebete im Jargon für Frauen, die einen sehr geforderten Artikel auf dem jüdischen Büchermarkt bilden. Aus bewegter Zeit.*). Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. (Fortsetzung). „Wieder gut: jetzt fehlt »ns nur noch Ein Mann; gibt's unter Ihren Landsleuten hier sonst keinen Juden?" „Für den Zehnten ist auch gesorgt," ries ein plötzlich eingetretener junger Mann in Sergeant- Unisorm aus, indem er ganz vertraulich seinen mit der Nationalkokarde geschmückten Hut ablegte, sein Wehrgehänge abschnallte und sich einen Stuhl zwischen Herrn und Frau stellte. Alle sahen ihn befremdet an, als die Frau, nachdem sie ihn einen Augenblick genau betrachtet hatte, freudig ausries: „Tu, unser Eliah!" und ihm zärtlich um den Hals fiel, worauf alle Kinder laut aufjauchzten. „Haft Tu Tich doch einmal erinnert, daß Du noch Eltern hast," sprach der Herr mit gutmütigem Spott. „Taran vergaß ich nie und werde nie vergessen, aber ein Vaterland habe ich auch, welches in größter Gefahr schwebt und meiner bedarf," erwiderte Eliah mit fester Stimme. „Es gibt außer Dir noch junge Menschen in. Frankreich, die dem Baterlande dienen können," entgegnete der Vater. „Wie stünde es aber mit Frankreich, wenn alle seine Jünglinge sagten: „Es gibt außer mir noch Menschen"?" wie wäre überhaupt je etwas Gutes in der Welt zu Stande gekommen, wenn jeder einzelne Mensch gesagt hätte: „Warum soll ich mich gerade der guten Sache annehmen, es sind noch Andere da"!" „Das ist aber noch die Frage, ob das, was Ihr zu Stande bringet, etwas Gutes ist." „Falls Dir die gute alte Zeit gar so gefällt, so erlaube ich Dir, den gelben Fleck, den Du Dir im Jahre 1789 vom Rocke heruntergetrennt hast. Dir wieder daran zu heften. Auch werden die Torschreiber Dir recht gern den Gefallen tun. Dir den Leibzoll, den Du seit drei Jahren nicht bezahlt hast, abzunehmen. Ja, die gute alte Zeit!" „Nach dem gelben Fleck und dem Leibzoll sehne ich mich nicht zurück; aber nach der heiligen Ordnung und — nach dem Sou, den ein ehrlicher Hausvater verdienen konnte. Seit die hohe Geistlichkeit und der hohe Adel sich in's Ausland geflüchtet haben, machen Zeitungsschreiber und Rechtsgelehrte die vornehme Klasse aus. Und an denen ist kein Heller abzubraten." „Wenn ein morsches, baufälliges Gebäude abgetragen wird, müssen sich die Hauseigentünier auch eine Zeitlang behelfen, wie sie können, da gibt es freilich recht viel Staub und Schutt: sie ertragen es aber gerne in dem Bewußtsein, bald in ein schöneres, festeres, geräumigeres Haus einzuziehen." „Staub und Schutt seh'n wir genug: die Zeit aber, wo das schönere Gebäude fertig sein wird, wird noch lange auf sich warten lassen." „Laß't das Streiten jetzt gut sein und sreuen wir uns mit dem heutigen Tag," fiel die Hausfrau ein; „sag' mir, Eliah, wie kam Dir der gute Gedanke, uns auf Jomtow zu besuchen?" „Offen gesagt, eine kindische Veranlassung bewog mich dazu. Es war diese Woche am Sonntag Morgens gegen vier Uhr, als ich mit meiner Sektion in der Nähe des Montmartre patrouillierte. Da begegnete ich einem Mann, begleitet von zwei Knaben, welche sich um ein Buch rissen. „Nicht wahr, Vater, ich darf's jetzt tragen?" fragte der Jüngere, indem er den Mann bei der Hand faßte. „Nein, ich bin der Aeltere, ich habe das Recht, es zu tragen," rief der Aeltere. Das siel mir auf und ich hielt den Mann mit dem gewöhnlichen „Qui vive"H an; „Bon citoyen", war die Antwort. „Was tragen die Kleinen da," fuhr ich fort und nahm dem Kleinen das Buch aus der Hand. „Assignaten,-) die ewig denselben Kurs behalten werden," lautete die scherzende Antwort. Ich schlug das Buch auf und — es war eine Sslichos."3) — „Aber sagt mir doch, wann werdet Ihr mit Euren Sachen aufhören; wo sieht man jetzt noch in Frankreich einen Mensche» in ein Gotteshaus gehen?" fragte ich ihn erstaunt. „Es haben schon manche Sachen aufgehört, und werden noch manche Sachen aufhöre»: unsere Sache wird nie aushören, denn sie ist von Gott," erwiderte er mit dem Tone der festesten Ueberzeugung. Ich sah ihn verwundert an und ließ ihn weiter ziehen. Als ich abgelöst wurde und mich in mein, einsames Zimmer begab, stiegen bei Erinnerung an jenes Abenteuer die mannigfachsten Betrachtungen in mir auf. Ich staunte vor allem die Größe des Judentums an, welches sich mitten in den größten Erschütterungen alles Bestehenden aufrecht erhält; während alle christlichen Kirchen leer stehen und der Name „Christ" eine Beschimpfung geworden ist, geht der Jude noch getrost und unverrückt zu Sslichos! — Ferner stieg meine ganze Kindheit in mir auf; wie ich mir.'s als *) Abonnenten erhalten auf Wunsch den Anfang dieser Erzählung gratis nachgeliefert! J) Wer da. -) Papiergeld. 3) Morgengebete für die Bußtage.