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Neue jüdische Presse · 1904-09-09 · Heft 35 (9.9.1904) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 35 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 35. Nebelhaft steigt bot mir auf die Erinnerung an jene Begebenheit, und wie eine Wolke ist es gelagert Aber das ganze Ereignis; nur noch dunkel erblickt es mein Auge, gleichsam durch eine Wolke, denn fern, sehr fern liegen jene Tage. Doch zuweilen will' es mir scheinen, daß nicht eine Wolke, sondern eine Feuersäule, die vom Himmel herabgestiegen kam, es war, die diese Tat beleuchtete, und dieses .Feuer wird mir alsbald zur 'Quelle des Licht's, aus der eine ganze Fülle der Glanzgarben hervorströmen, die blinken und leuchten und nicht enden und nicht aushören von jenem Tage bis heute. Doch Ilein und unbedeutend ist die Geschichte/ die. ich euch zu erzählen habe, mit drei Worten ist's geschehen — ist sie ja nur die Geschichte von Dreien, die gegessen haben... Nicht an einem gewöhnlichen Wochentage war es, als sie aßen, sondern am heiligen Bersöhnungstage, am Versöhnungstagc, der mit einem Sabbat zusamnlenfiel; nicht am verborgenen Orte, wo keiner sieht und weiß, sondern vor den Augen der ganzen versammelten Gemeinde, in der großen Synagoge; auch waren es nicht geringe, mißachtete Leute, auch nicht leichtsinnige Sinnesmenschen waren diese drei Männer, sondern von den Vorstehern dieser Gemeinde und seinen vornehmsten Fürsten — es war der weitberühmtc Rabbi der Stadt mit seinen zwei Dajanim! Und doch waren die Augen der ganzen Gemeinde voller Ehrfurcht und Ehrerbietung auf sie . gerichtet, sie erschienen als Heilige dem ganze» Volke, die ganze Gemeinde betrachtete sie als solche! . . . Jetzt, da ich es niederschreiben soll, da erinnere ich mich, daß damals, am Tage der Tat, ich mich abgemüht habe, dies Wunderbare zu begreifen. Mein Herz schlug heftig angesichts der Tat der Hirten Israels. Aber wenn es auch dem Knaben versagt blieb, dies Wunderbare zu erfassen, eine dunkle Ahnung von der erhabenen Größe der.Fürsten meines Volkes dämmerte mir schon danials. Ein Lichtstrahl schlich sich in mein Herz, und ließ mich ahnen, daß groß und erhaben das Tun dieser Drei, daß rein ihr .Herz und lauter ihr Gemüt, daß sie es nicht leichten Herzens getan haben. Wer weiß wie groß der Kampf war, den sie mit sich führen mußten! Wer weiß, was sie dabei gelitten und geduldet haben! ... " Sollte ich noch so lange leben, diesen Tag, diese Tat und diese Männer werde ich nie vergessen; ewiglich ist .ihr Andenken in meinem Herzen eingegraben. — Wahrlich, diese Männer verdienen es, unter die Helden gezählt zu werden! ... Aus den Lichtgarben, die damals in mein Herz eingezogen, ist noch keine erloschen, sie leuchten und glänzen, erwärmen und beglücken bis auf den heutigen Tag. Und mit ganzer Seele und überströmendem Herzen schreibe ich die wunderbare Begebenheit nieder: Fürwahr, gar schwere Zeiten waren es damals, furchtbare Tage, deren gleichen vor ihnen noch nicht da waren, und nach ihnen ihres gleichen nicht mehr 'tagen sollen! Zu jener Zeit, als das Verhängnis vom Himmel kam, dessen unseliger Name: „Chole—ra"! . J . Aus weiten Fernen, aus dem Morgenlandc, kam der Engel des Verderbens,, und ließ sich in unsere Stadt nieder, auf den Straßen traf er tödlich, ohne Rettung, in den Häusern würgte er erbarmungslos. Im Dunkeln wandelt die Pest und am hellen Tage, im Sonnenlichte wütet das Verderben, und die Ueberlebenden schweben zwischen Tod und Leben. Wer zählt die Opfer dieser ..Tage? Wer vermag die Zahl anzugeben der frisch geschaufelten Gräber? Mit gesteigerter Wut schwang der Böse seine Zuchtrute über unsere arine Judengasse, Jung und Alt, Gering und Vornehin, blieben in gleicher Weise unverschont; sie beugten sich.alle seinem Grimme, lein Haus ohne Erschlagene! Auf diese Weise gingen die Sommertage zur Neige — es nahten die heiligen Tage mit. dem hochheiligen Versöhnungstage, dem „Jom-Hakipurim". ■' Dieser Tag nun ist es, von dem ich rede, und von dem ich gesagt 'habe, daß ich ihn niemals ver¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. gessen werde, und dessen Andenken aus meinem Herzen nicht schwinden soll! Es ist „Kol-Nidre-Nacht"! — Am Betpult vor der geöffneten heiligen Lade steht diesmal nicht der Vorbeter und zwei Vorsteher, sondern der „Raw" von den zwei „Dajanim" umgeben. Rings herum brennen viele Lichter in weihevoller Runde; mit leisem Summen steigen ihre Flammen aus, wie im leisen Gebete. Tie Gemeinde der Beter in ihren Gebetmänteln und Sterbegewändern eingehüllt, tehen andachtsvoll, mit gesenkten Häuptern da. An den Wänden schweben Schatten hin und her, sie bewegen sich einmal hierhin und einmal dorthin. Ich blicke darauf, und frage mich, sind es die.Schatten der heute Verstorbenen, oder von gestern und vorgestern? Sind sie aus ihren Gräbern emporgestiegen, mn für die Hinterbliebenen Erbarmen zu erflehen? Stille! Die Stimme des Rabbi und der ihn umgebenden Dajanim ertönt. Ein leises Seufzen durchzittert das Gotteshaus. Da vernehme ich die Worte: „Im Nämen Gottes, im Namen seiner Gemeinde erlauben wir zusammen zu beten mit Uebertretern"! ... Ich hörte angestrengt hin und wunderte mich, daß der Rabbi solche Worte spricht. Wo hat er denn hier solche Leichtsinnige, mit denen zu beten er uns gestatten muß? Wie fürchtet er nicht in solch gefährlichen Zeiten, ein solches Wort auszusprechen, dem „Ankläger" einen Vorwand und Handhabe gebend, wenn er selbst sagt, daß es unter uns „Uebertreter" gibt? . . . Eine große Furcht befiel mich bei diesem Gedanken, und ich glaube, die ganze Gemeinde, Jung und Mt, hat sie empfunden . . . Dann sehe ich den Rabbi vor die heilige Lade treten. Wird er heute eine Strafpredigt halten, zur Buße und Einkehr mahnen? Bedarf es noch dessen in solcher Zeit? Nein, er hat ein weit wirksameres Mittel — er macht „Haskoras - Neschomaus", er zählt die Namen der Dahingeschiedenen auf. Ah, wie groß ist ihre Zahl! Minute nach Minute verrinnt, und noch immer ist er nicht zu Ende! Wird es denn kein Ende nehmen? Er sollte die lieberlebenden aufzählen, und er wäre schneller fertig geworden! ... Auch dieser Abend, diese Nacht bleibt mir unvergeßlich! Noch niemals haben zerrissenere Menschenherzen zu Gott gefleht; noch niemals sind heiße Tränen so reichlich geflossen! Sie fanden aber auch — alle Wolken durchbrechend — den Weg zum Allerbarmer im Himmel, denn mit klusgang des heiligen Tages verschwand auch der Würgengel. In jener Nacht aber verließ niemand das Gotteshaus. Nach den Gebeten kam die herrliche Dichtung „die Königskroue" an die Reihe, dann die Psalmen Davids, des Sohnes Jsai, dann Talmud Kabala, je nachdem cs einer vorzog und verstand. Auch ich war da; meine Seele war tief bewegt, und wie leuchtende Wolken lagerte es sich um meine Augen, sodaß ich einschlief. Da sah ich in der Wolke, die das Haus erfüllte, die Engel Auf- und Absteigen; „und die Engel hasten und eilen, sie fürchten und zittern zuweilen, sie sprechen: siehe der Tag des Gerichtes ist herangebrochen"! ... In ihrer Mitte sah ich den Todesengel, ich erkannte ihn daran, daß er von Kopf bis Fuß mit Augen wie besäet war, da trat zu ihm ein hochherrlicher Engel, dessen Aussehen, dem unseres verehrten Rabbis glich, und wies ihn mit gebietender Gebärde zur Tür hinaus. Rür widerstrebend folgte der Böse dem Gebot, aber die 'klugen des ihm gebietenden Engels — es war sicherlich der Engel Rafael — waren auf ihn mit solcher Strenge gerichtet, daß er Schritt für Schritt zurückwich, bis er verschwand... Unmöglich, daß ich jemals dieser Nacht vergesse! Aber weit erschütternder war der auf diese Nacht folgende Tag, das ist der Tag des Versöhnungsfcstes! Furchtbar war er und fürchterlich alles, was ich an ihm erlebt habe. Eben dies, was ich auch erzählen wollte. Es ist „Jom-Kippur" nach dem Mußaphgebet. — Auf Hem „Al-memor", inmitten der Synagoge, Seite 11. steht der greise Rabbi gebeugten Hauptes. Welcher Zauber steht ihm zu Gebote? Was ist das für ein Gnadenstrahl, der über seinem ganzen Wesen ausgebreitet, mit deni er die Gemeinde unwiderstehlich an sich zieht? Auch ich, der Knabe, stehe in einen Winkel gedrückt und vermag mein Auge keinen Augenblick von ihm zu wenden. Es ist ja wahr; so ein liebliches Menschenantlitz ganz vom Heiligenschein umstrahlt, sah ich niemals wieder! Tenn alt und reich an Tagen war der Rabbi, ein LOjähriger sicherlich, und dennoch ging er gerade und aufrecht einher, die ganze Gemeinde ui» Kopfeslänge überragend. Sein Bart war ganz weiß, weiß wie Silber. Wer noch weißer mar sein reiches Kopfhaar. Auch sein Angesicht war weiß, wie Mbaster, jetzt glich es dem weißen Todenhemde, das er anhatte, nur seine großen, schwarzen Augen blitzten und leuchteten jugendlich. Von meiner zartesten Jugend an, war ich gewöhnt worden, zu ihm mit großer Ehrfurcht emporzublicken, und als ich noch ein kleiner Knabe war, wußte ich, daß er ein Gottesmann ist, einer der Großen der Erde, dessen Autorität alle Gelehrten in Israel anerkannten, und dessen Entscheidungen sie sich alle unterwarfen. Der erhabene Augenblick ist mir noch jetzt gegenwärtig, wie am Tage, da ich inmitten der Gemeinde stand! Auf dem „M-memor" steht der Rabbi, und seine Augen blitzen und glänzen hervor aus seinem weißen Gesichte in der weißen Umrahmung seiner Haare und seines Bartes. Das Mußaphgebet ist soeben beendet, und Pas Volk steht in stiller Erwartung da, um zu vernehmen, was ihnen ihr verehrter Rabbi zu sagen habe, und kein Mensch wagt es zu atmen. Der Rabbi spricht! . . . Seine leise und schwache Stimme wird immer lauter, wird immer stärker, bis sic zuletzt voller Kraft ertönt. Er spricht über die Heiligkeit des Festes, des Versöhnungstages und seiner hohen Bedeutung, über die Absichten des Erteilers der heiligen Lehre . . . über die Lebenden und Toten, insbesondere über die Toten, über die verheerende Krankheit, die ohne Erbarmen rechts und links ihre grause Ernte hält. — Ach, wie lange, wie lange noch? Seine Wangen röten sich nach und nach, seine Augen schleudern Blitze, und meine Ohren vernehmen seine nunmehr weit und klar erschallende Stimme: Unsere Weisen lehren: „Wenn der Mensch sieht, daß Plagen über ihn kommen, so denke er über seine Taten nach." Mcht nur die Taten, die er seinem Schöpfer schuldet, sondern auch die, seinen Nebenmenschen und nicht zuletzt sich selbst gegenüber. . . „Ihr sollt euch heilig halten, denn heilig bin ich euer Gott." Und er spricht über die Sauberkeit und Reinlichkeit, die für uns Pslicht ist, über die Gefährlichkeit alles Unreinen, des Hungers und der Not, die wir immer lindern müssen, umsomehr jetzt, in Zeiten der drohenden Gefahren. Ich war ein Knabe — aber den edlen Sinn dieser Worte begriff ich doch. Und er fährt fort: In Zeiten der Gefahr dürfen die Gebote der Tora aufgehoben werden, „damit er lebe", heißt es bei den Geboten, darauf sagen unsere Weisen — ihr Andenken zum Segen—: „aber nicht damit er sterbe." Es gibt Unlstände, wo die Aufhebung der Lehre verdienstlich ist, denn unsere Weisen lehren, daß derjenige, der eine Seele in Israel rettet, dein wird diese Tat so angerechnet, als ob er die ganze Welt erhalten hätte. Ich stehe da und meine Glieder zittern. — Was will damit der Rabbi? Worauf deuten seine Worte hin? Welchem Ziele strebt er da zu? Plötzlich höre ich seine Stimme, er weint herzbrechend; mein 'Herz krampst sich zusammen. Warum weint er, warum weint er? Da sehe ich, wie er seine Hand ausstreckt, um die zwei „Dajanim" heranzuwinken. Ich sehe sie zu ihm heraufkommen, worauf er ihnen etwas ins Ohr flüstert. Warum sind sie plötzlich ganz rot und dann blaß wie Milch geworden? Aus einmal höre ich ihre Stimme, ich höre Worte, aber ich verstehe sie nicht, denn sie dringen wohl ins Ohr, aber mein Verständnis bleibt ihnen verschlossen.

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