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Neue jüdische Presse · 1904-09-09 · Heft 35 (9.9.1904) · p. Seite 12

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 35 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 38. Und doch hörte ich die Worte ganz deutlich: „Im Namen Gottes, im Namen seiner Gemeinde, erlauben wir heute — M essen und zu trinken." Eine Todesstille folgte diesen Worten; keiner wagt, oder denkt auch nur zu atmen. Mit einem Male geht mir das Verständnis des Gehörten auf: Der Rabbi verlangt, daß — wir heute essen sollen; er verlangt, das; jüdische Man« ner am „Jom-Kippur" nicht fasten und — essen sollen! Plötzlich stehe ich da und weine laut. Aber ich war es nicht allein, der weinte: Die ganze Gemeinde ist in Tränen gebadet. Auch die Drei am „Al-memor" weinen bitterlich; der Vornehmste unter ihnen, weint wie ein llcincs Kind. Und seine liebliche Stimme, von Schluchzen oft unterbrochen, ertönt, wie die eines zärtlichen Kindes, das eine Gunst sich erbitten will: esset! esset doch, die Stunde fordert es! „Dies sind die Gesetze und Gebote, die der Mensch übe und lebe darin!" er lebe, nicht aber, daß er sterbe. Aus diesem Grunde ist heute, an diesem „Jom- Kippur", das Essen, eine „Mizwo" wie an einem anderen das .Fasten, denn unsere heilige Lehre ist eine Lehre des Lebens. In dieser Weise fährt er noch lange fort, aber keiner rührt sich von der Stelle. Erbittet weiter, er fleht, er versichert, daß er die Verantwortung auf sich nehme, und das Volk soll keine Schuld treffen. Wer keiner rührt sich von der Stelle. Da ändert sich Stimme und Haltung; nicht mehr bittend, sondern befehlend erhebt sie sich, mit ausgestrecktem Arm steht er hochansgerichtet da, und mit weit tönender Stimme ruft er: ich, ich bin es, der cs euch gestattet, ja, ich, euer Rabbi, der es euch im Namen der Tora befiehlt! Wer das Volk will nicht hören, keiner rührt sich von der Stelle! Da verwandelt sich sein befehlender Ton wicderum zu herzinnigem .Flehen: „So hört doch, Kinder, befolgt das Gebot der Tora, damit ihr nicht sterbet! Warum habt ihr euch alle gegen mich verschworen, um mir so viel Herzlcid zu bereiten? Glaubt ihr denn, cs sei mir leicht geworden, euch dazu aufzufordcrn! Wer es ist «in heiliges Gebot unserer erhabenen Lehre, und ihr müßt es befolgen!" Auch die Dajanim reden zum Volke und bitten es, dem Spruche des Rabbi sich, zu beugen. Wer keiner rührt sich von der Stelle. Da plötzlich überzieht Leichcnblässe das Antlitz des Gottcsmanncs, er läßt sein greises Haupt sinken und ein tiefer, schwerer Seufzer durchzittert die ganze Synagoge. Er spricht, wie zu sich selbst: „Es ist der Wille Gottes, geheiligt werde sein Name, ich bin schon 80 Jahre alt und — aber es ist ein „Din-Tauro"—), es ist eine „Mizwa", cs ist nun einmal der Wille Gottes." „Schamcs"! Ter Tempcldiencr kam, und der Rabbi flüsterte .ihm einige Worte zu, er nickte und verläßt eilig die Synagoge. Ter Rabbi redet leise und cisrig mit den „Tajanim", sie nicken ebenfalls. Mittlerweile kam der „Schames" aus dem Hause des Rabbi, er ttug Wein zum „Kidusch", sowie kleines 'Backwerk und stellte es auf den „Al-memor" vor den Rabbi und die Tajanim! Wenn ich hunderte Jahre auf Erden wäirdeln sollte, diesen Tag und diese gcwalttgc, überwältigende Szene vergesse ich nie, nie! „Drcie, die gegessen haben!" Trci Hirten Israels stehen inmitten der Synagoge und essen vor den Augen der ganzen versammelten' Gemeinde am „Jom-Hakipurim". Wahrlich, dies waren Helden! Wer weiß, wie schwer ihr innerer Kampf war? Wer weiß, was sie dabei litten?! Und ganze Glanzgarben-entsteigen diesen Erinnerungen, sie bescheinen und beleuchten alles um mich her, bis auf den Tisch, wo ich diese wahre Geschichte niederschreibc. **) Religiöse Vorschrift. Ihr habt es gewollt, so Hab' ich es getan," sprach der Rabbi, „der Name Gottes sei gepriesen." Die Gemeinde war besiegt. '* Auch Drei, die gegessen haben! Zur selben Zeit, als in der Synagoge, das Erzählte vor sich ging, saßen drei Männer in einem Hause unweit der Synagoge und aßen ebenfalls. Sie waren ebenfalls Juden, aber sie hielten sich, für die Aufgeklärten unter ihren Brüdern. Ihre Bildung besteht aber lediglich darin, daß sie gelernt haben — das Wort Gottes zu mißachten und Bätersitten mit Füßen zu treten. Sie leben in frevelndem Leichtsinne nur ihren Sinnen. Das Fenster ist offen, wir können sie beobachten: Ter Tisch ist mit Speiseresten und leeren Flaschen überdeckt; ein übermüttges Lachen ertönt hin und wieder, wenn einer dem andern im Kartenspiel — das sic zur geeigneten Stunde Pflegen — tüchtig abgewonnen hat. Also auch Trci, die gegessen haben! Wer verdienen sie cs auch, zu den Helden gezählt zu werden? Tod den zionistischen Zwillingsvrndern! Tie 1. September - Äkummer des Israelit brachte aus der Feder von Raphael Breuer einen Leitartikel mit der Ucberschrist „Die zionistischen Zwillingsbrüder". Wie ein Sturmangriff mit schwerstem Geschütze schlagen die sich überstürzenden und in ihren Krastausdrücken iiberbietcnden Worte des kampfcswütigen Rabbinatskandidatcn ans den verdutzt dreinschauendeu Leser ein. Er sieht die „in Sünde geborenen" Zionisten als Kanonengeschosse zwischen dem japanischen und russischen Heere hin und her fliegen, er hört sie mit gespaltenem Schädel auf der Erde aufschlagen und er atmet wie von einem Alpe erlöst auf, wenn er die Zeitung zur Seite legend, die in Sünde gestorbenen Zionisten begraben darf. Ganz fassungslos aber wird der Leser, wenn er ein bischen jüdisches Verständnis hat und nun von d e in Rabbiner in spe die wundersame Lehre' vernimmt, daß das Verprügeln der Misrachi-Zionisten — obwohl „moralisch nicht ganz unanfechtbar" — eine Heldentat, und daß das Wohnen im Lande der Väter, „bevor auf Moria's Höhen das Frührot tagt", eine Aweroh ist. Unsere Leser mögen aus den folgenden Stellen den „Jdccngang" des Autors und seine Polemik ersehen. - Er schreibt u. a.: ' „Lebte noch der alte Geist entschlossenen Heldentums und heroischer Jnittattve in den Talmudjüngern Preßbnrgs, sie hätten es wahrlich nicht zngclassen, was sich neulich aus Preßbnrgs geweihtem Boden vollzog. An der Stätte, wo der Ahnherr des Preßburger Rabbinerhauses gelehrt, hätte ein Misrachistenkongreß nie und nimmer tagen dürfen. Unverzüglich hätte man die ganze Versammlung nach PLp«befördert, dahin, wo die trefflichen Broschüren blühn und für Hcrzl und Nordau orthodoxe Rabbiner in Begeisterung erglühn. . . . Wird eine solche Kapelle erweitert und tritt der Misrachi hinzu, in die ohnehin schon genug unerträgliche Katzenmusik seine holde Stimme mit hineinmengend, so fühlt sich infolge dieses Anschlusses das abwägende Urteil nicht im geringsten alteriert, der Widerwille gegen die musikalischen Darbietungen dieser Sorte hat an Intensität nur gewonnen und es ist die höchste Zeit, im Interesse des Trommelfells sich die Ohren e n'd gültig zuzu halten. . . . In Sünde ist er geboren, in Sünde wird er sterben. Weitab, fern von der jüdischen Sphäre hat seine Wiege gestanden. Ebendort wird er auch sein Grab einst finden. Keiner jüdischen Mutter Schooß hat dieses Kind getragen. ... Was wollen die hungernden Scharen Rußlands und'Rumäniens von Mutter Zion? Zion ist keine Suppena n st a l t f ü r E n t c r b t e. Z i o n j st k e i n e M e l kkuh, die hungernde Lämmer mit Milch versorgt. Zion, ist kein Nachtasyl, wo wandermüdc Pilger das gramcrfüllte Haupt zur Ruhe betten können. Zion ist das göttliche Höheziel, auf Moria's Höhe wird einst das Frührot tagen, dem alle Menschheitsentwicklung entgegcnreift." Aus diesem ganzen verworrenen Phrasenschwalm und bombasttschen Wortgeprassel ist nur das Eine llar ersichtlich, daß der Verfasser es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Brandfackel des Zwistes um jeden Preis in das Haus Israels zu werfen, damit cs brenne, ohne daß jemand loschen kann, damit. ja nur die Besonnenen und Vernünftigen nicht zu Worte kommen und eine Verständigung unter allen Um- 'tänden verhindert werde. Oder fügen wir dem Artikelschreiber unrecht zu, wenn wir ihn ernst nehmen? Tem sei, wie ihm wolle. In keinem Falle würden wir cs für nötig gefunden haben, mit diesen erhebenden Ausführungen uns zu befassen, wenn nicht an ihrem Schlüsse gegen Rabbiner S. R. Hirsch s. A. die schwere Beschuldigung erhoben worden wäre, er hätte die Mizwoh „Jischuw crez Jisroel" als eine Aweroh erklärt und er wäre so „megale ponim batauroh sch'lau kehalochoh" gewesen. Jeder der das weiß, daß alle unsere fiir ganz Israel maßgebenden Größen ohne Ausnahme die Mizwoh „Jischuw erez Jisroel" als eine der vornehmsten erklären, einige von ihnen (Ramban, Riwosch) ogar es als die vornehmste, die alle anderen übcrwiegt, betrachten, wird davon im Vorhinein überzeugt sein, daß ein Rabbiner Hirsch einen solchen Ausspruch in diesem Sinne und in diesem Zusammenhang, wie er hier ausgebeutet wird, unmöglich getan haben kann. Zur völligen Gewißheit aber wird es demjenigen, der da weiß; wie trübe die Quelle ist, aus der diese Nachricht geschöpft wird. Herr Jakob Lipschitz in Kotvno ist eine unter der gesamten Jüdenheit Rußlands berüchttgte Persönlichkeit, sogar diejenigen, die sich seiner zur Bekämpfung des Zionismus bedienen, verteidigen sich damit, daß cs ihnen gestattet' sein müsse, sich einen H . . .d zu halten. Solange Herr Lipschitz keinen Originalbrief vorweist, ist für uns die Sache überhaupt nicht diskutierbar. Bimte Chronik. Das älteste Geld stück. Der bekannte Pater Loh mann macht die Mitteilung, daß ihm in Nordshrien der Erwerb einer Münze gelungen ist, die, aus reinstem Silber bestehend und vorzüglich erhalten, die aramäische Inschrift von Panammu Bar Rekub, König von Schamol, trägt, der ettva um das Jahr 3000 der jüdischen Zeitrechnung regierte. Bisher betrachtete man die Lyder als die Erfinder des Geldes, also Krösus, beziehungsweise dessen Vater Alyattes, während dieser neue Fund die Acra des Münzwesens um rund 200 Jahre ini Alter hinaufrückt und die semitische» Aramäer als die ältesten Präger von Münzen erscheinen läßt, die ihrerseits wiederum wohl auf babylonisch-assyrischer Grundlage fußen. Aus Kindermund. Beim Uebersetzen der bekannten Neujahrsgebete Owinu Malkcnu („unser Vater unser König",) kommen wir an die Stelle, an welcher wir Gott bitten: „Lösche aus in Deiner großen Barmherzigkeit alle Urkunden unserer Schuld." Ich frage: „Wer weiß, was Urkunden sind." — Großes Stillschweigen, dann zeigt ein kleiner Knirps von hinten sein Fingerchcn in die Höhe. „Herr Lehrer, ich weiß es! Urkunden sind Kunden, welche Uhrmacher sind." — Wir übersetzen die Zeile, in der wir Gott bitten, er „möge uns einschreiben in das Buch der Erlösung und des Heils." „Was bedeutet Erlösung!" frage ich. — Wieder zeigt ein Kleiner und sagt: „Erlösung ist, wenn die Stunde um ist." — Da hat er recht! Kunst. Tie im Kunstsalon Hermes, Goethe-Eck, beim Opernplatz, neu arrangierte September-Ausstellung enthält Kollektiv-Ausstellungen von Hermann Dumler, Frankfurt a. M., Amandus Faure, Stuttgart und Anton Colli, München, Außerdem sind neu ausgestellt Werke von Ludwig Dill, W. Trübncr, Wölf Menzel, A. Heiigeler, Peter Burnitz, Franz von Lenbach, Hans Thoma, Wilhelm Leibl, F. A v. Kaulbach, Franz Stuck und Viele andere niehr. Das „Frankfurter Israel. Familienvlatt" kostet: Frankfurt a. M. (durch Postkarte bei der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes" zu bestellen) Mk. 1.— frei ins Haus pro Vierteljahr. Auswärts (am Postschalter zu bestellen) Mk.' 1,02 einschließlich Bestellgeld pro Vierteljahr. Auch im Auslände nehmen sämtliche Postanstalten zu dem gleicheu Preise — in Landesmünze umgerechnet — Abonnements entgegen. Bei direktem Streifbaud-Bezug von der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes": in Deutschland Mk. 1,50, Oesterreich- Ungarn Kr. 2.—, Rußland Rubel 1.—, Holland fl. 1,25, Frankreich, Schweiz. Belgien, Italien Frcs. 2,50 vierteljährlich.

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