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Neue jüdische Presse · 1904-09-09 · Heft 35 (9.9.1904) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 35 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 35. hauptsächlich auf dem Gebiete der Verwaltung vier Jahre hindurch tätig war. Einem Teile der leitenden japanischen Staatsmänner hatte er bereits vorher in Berlin Vorträge über deutsches öffentliches Recht gehalten. Die jetzt geltenden japanischen Gemeinde--, Kreis- und Provinzialordnungen sind unter seiner Mitwirkung -zustande gekommen und beruhen im wesentlichen auf seinen Entwürfen. Mach seiner Rückkehr wurde er Ende 1890 Oberlandesgerichtsrat in Königsberg i. P., 1901 Geheimer Justizrat. Masse ist Mitglied der Kommission für die erste juristische Prüfung. Im März 1903 ernannte ihn die juristische Fakultät der Albcrtus-Universität zum Ehrendoktor. Amsterdam. Eine brave, gottesfürchtige, echt jüdische Iran ist, nach kurzem Leiden, aus dem Leben geschieden, grau Bertha de Pauw-Dönn er, Tochter unseres verehrten Oberrabbiners, war eine Esches chajil im vollsten Sinne des Wortes, ihr früher Tod hat allgemeines Bedauern hervorgerusen. _ Wenn nicht noch höher- Eine chassidische Erzählung von I. L. Perez. Aus dem Hebräischen übersetzt von M. I. G—n. , Mlmorgentlich an den Selichaustage» verschwand der Rabbi von Nemirow. Zu.Hause standen allit früh zu Selichaus auf, gingen fort und ließen die Tür hinter sich offen; offenbar ging er gleichfalls nachher fort. Niemals aber sah man ihn dann, weder auf der Straße, noch in der Synagoge, im Beth-Haiindrasch oder in irgend einer ,Maus". Daß die Türe hinter ihm offen blieb, darüber brauchte man sich noch kein graues Haar wachsen zu lassen; in das Haus des Zaddik wird schon sicherlich kein Dieb eindringen; würde cs einer nur wagen, den Fallriegel zu berühren, so wäre cs, dessen bin ich sicher, mn seine Hand geschehen. Wo in aller Welt mag aber der Rabbi während dieser Zeit bleiben? - Und da pflegen die Leute einander ins Ohr zu flüstern: höchst wahrscheinlich droben, im Himmel! — Sind es doch die „furchtbaren Tage" des Jahres, dem jüdischen Volke ermangelt es leider nur an gar zu vielem, der Tag des Gerichtes steht bevor, der Allmächtige sitzt zu Gericht über alle Welt, der tausendäugige Satan streift über Gottes weiter Erde umher, die geheimsten Regungen der menschlichen Seele einer schonungslosen Musterung unterziehend, und während er hier unten die Menschen in jegliche Versuchung zu führen und verführen sucht, tritt er nachher droben als Ankläger aus! Wer soll sich da unter solchen Umständen ins Zeug legen, wenn nicht der „Heilige Israels" aus Nemirow? Und so steigt er denn auf den Himmel und betet vor dem „Throne der Herrlichkeit" für das Volk Israel; bisweilen tritt er wohl auch trotzig, fordernd auf, wie cs ja seine Art ist. Und da geschah es einstdaß ein „Misnaged"*) aus dem „Jerusalem Lithauens"-) nach, Nemirow kam und die Leute über dieses Gerede einfach auslachte! Bekanntlich sind die „Lithauer" sehr tüchtig auf dem Gebiete des „Nigleh";* * 3) dagegen sind sie aber trockene Seelen, die nichts von „Emunas Zaddikim" (Glauben un die Wundcrkraft der Rechtschaffenen), an sich haben! Und so spottet denn der „Litwak" über diese Gerüchte und weist zur Widerlegung derselben sogar auf eine Stelle im Talmud hi», wo es ausdrücklich heißt, daß Moses nie eigentlich auf dem Himmel war, wie denn auch die „Schechinoh" nicht tiefer als zehn „Tfochim"4) über der Erdoberfläche hcruntergestiegen ist; um wieviel weniger dürfe man so was vom Rabbi von Nemirow behaupten! „In diesem Falle bleibt es doch aber unerklärlich, wo denn der Rabbi während der Selichauszeit fortbleibt?" Daraus der Litwak, es seien ihm so manche, wichtige Dinge im Lebenswandel des Zaddik mehr als unbegreiflich. Gleichzeitig nahm er sich aber-mich vor, der Sache auf den Grund zu gehen. Noch an demselben Tage, zwischen „Minchoh" und „Maariw", schlich er in das Schlafzimmer des Zaddik und versteckte sich unter dessen Bett. Daß *) Gegner (des Chassidismus). -) Wilna. Lithauen ist der Sitz der „Misnagdim". , \ 3) Exoterische Lehre: Talmud und Dccisoren. 4) „Fäuste" als Maß genommen. ihn der Schlaf übermannen werde, braucht er nicht zu fürchten, jede beliebige „Mesichto",3) die er auswendig so gut wie inwendig zu lernen weiß, kann da h erhalte». Und so lag er denn auch die ganze Nacht hindurch und lernte auswendig.' Etwa eine Stunde, bevor man zu Selichaus weckte, hörte der Litwak, wie der Zaddik auf seinem Lager unruhig wurde und schwer zu seufzen und zu stöhnen begann. Bekanntlich drückten aber die Seufzer des Nemirowcr Zaddik so erschütternde Qualen, einen so abgrundtiefen Schmerz und eine so herzzerreißende Sehnsucht aus, daß jeder, dem es beschieden war, sie mitanzuhören, vor lauter Weinen geradezu vergehen zu müssen glaubte! Dieser aber läßt sich in seinem Lernen durchaus nicht stören. Als man darauf zu Selichaus weckte, hörte der „Litwak", wie in den anliegenden Zimmern eine lebhafte Bewegung entstand; die Leute stiegen aus den Betten, steckten Licht an, wuschen sich die Hände, kleideten sich an und gingen fort, die Türe hinter sich offen lassend. Dann wurde alles wieder ruhig, das Licht, das aus den benachbarten Zimmern unter das Bett des Zaddik fiel, erlosch und er blieb im Dunkeln allein mit -dem- Rabbi zurück. Nachmals gestand er cs offen, daß in jenem Augenblick eine wahnsinnige Angst über ihn kam. Ist es doch kein Geringes, sich unter solchen Umständen während der Selichauszeit mit dem Zaddik allein zu wissen! Starrsinnig aber, wie der;,Litwak" einmal ist, bleibt er doch liegen, obgleich er an allen Gliedern bebt. Inzwischen war auch der Zaddik aufgestandcn. Er trat an den Kleiderschrank und holte einen Haufen verschiedener Kleidungsstücke hervor: weiße leinene Pluderhosen, weite mit Tran geschmierte Wasserstiefel, einen dicken Haarmantel, eine hohe Plüschmütze und einen Ledergürtel mit kupferner Schnalle, kurzum — Baucrnträcht! Diese Kleider legte nun der Zaddik an, aus der Rocktasche hing das Ende eines dicken Strickes heraus.' Der „Litwak" traut seinen Augen nicht; es will ihm beinahe scheinen; daß er dies alles im Traume vor sich sieht. Der Rabbi verläßt das Zinimer, der Litwak erhebt sich leise und folgt ihn: unverwandt, wie der Schatten dem Menschen. Der Rabbi schreitet von Zimmer zu Zimmer, bis er in die Küche gelangt, wo er sich eine große Axt, wie sie die Bauern beim Holzfällen gebrauchen, holt, sie in den Gürtel steckt und aus dem Hause tritt. , Der Litwak hinter ihm her, obwohl er bereits auf die verrückte Idee verfiel, der Rabbi betreibe des Nachts wohl gar das Handwerk eines Räubers. Der Rabbi schreitet langsam und hält sich immer am Fußweg in: Schatten der Häuser; draußen spürt man überall die Atmosphäre der „furchtbaren Tage". Ab und zu wird aus irgend einem benachbarten Hause der Seufzer eines Kranken oder ein abgebrochener Selichohvers laut. Der Rabbi verschwindet im Schatten, taucht aber hin und wieder im Mondeslicht wieder auf. Der Litwak folgt ihm unverwandt und sein Herz pocht im Takt zu jedem Schritte des Zaddik. Und siehe da — der Zaddik ist aus dem Weichbild der Stadt getreten. Draußen in der Nähe der Stadt ist; ein Wald. Der Zaddik trat in denselben,, machte dreißig bis vierzig Schritte, ging auf eine junge Fichte zu, holte die Axt aus dem Gürtel hervor, hieb drei — Pier Mal darauf, bis der Baum darniederlag. Aus der .Ferne beobachtet nun der Litwak, wie der Zaddik allmählich das Holz in kleine Scheiter spaltet, wie er dann aus der Manteltasche einen langen Strick hervörholt, das Holz in ein Bündel ordnet, die Axt wieder in den Gürtel steckt, das Bündel auf die Schulter legt und den- Mckweg cinschlägt. ... Gebückt schreitet der Zaddik unter der Last und der Litwak hinter ihm her. — „Ist der Alte nicht von Sinnen?" Und der Zahdik bewegt sich langsam vorwärts; er gelangt in eine dunkle enge Gasse, nähert sich 5) Traktat. einer alten verfallenen Hütte, bleibt am Fenster stehen und klopft leise an die Scheiben. . . . Aus der. Stube hört man die Stiminc einer kranke» Frau: , „Wer da?" Ter Zaddik antwortet im Bauerndialekt: - „Ja! (Ich!)" „Kto ja?" (wer „ich?") „Wassil". „Wassil?. Was für Wassil? Was wünscht er denn?" . Ter Zaddik erklärt nun, — in der Bauernsprache iminer —er habe ein Bündel Holz zu verkaufen, das er ihr ganz billig abtreten lvürde. Und ohne ihre Antwort abzuwarten, tritt er in das Zimmer. Ter Litwak schleicht ihm nach. ' Im Mondeslicht erblickt er einen kleinen, niedrigen Raum, Ueberreste von Hausgeräten, im Bette liegt eine kranke Frau, mit Lumpen bedeckt. Die Kranke fragt seuszend: „Slber womit soll ich denn das Holz bezahlen? Woher soll denn eine arme Witwe wie ich Geld haben?" . Ter als Bauelc verkleidete Zaddik erwidert nun, er sei bereit, ihr das Holz auf Borg zu überlassen, übrigens verlange er alles in allem nur sechs Kopeken. Darauf die Frau, sie könne von seinem Anerbieten keinen Gebrauch machen, da sie gar keine Aussicht habe, nachmals. Geld zu bekommen, um ihn bezahlen zu ■ können. Der Zaddik aber, der' das Bündel bereits auf den Boden gelegt hat, tut als ob er ärgerlich wäre und spricht anscheinend unwirsch: „Narrische Jüdin, die du-bist! Du. bist ja nur eine kleine, kranke Frau, deren Tage gezählt sind und doch habe ich zu Dir Vertrauen und will Dir die sechs Kopeken borgen,^ Du aber hast einen großen, barmherzigen und allmächtigen Gott und willst Dich nicht auf ihn verlassen, daß er Dir die sechs Kopeken schon irgend wie bescheiden wird!" „Wer soll mir aber den Ofen heizen?" seufzte die Frau. „Wer weiß, wie spät am-Abend mein Sohn von seiner . Arbeit zurückkehren wird?" Ter Zaddik erllärte sich, nun bereit, das Heizen zu besorgen. Gesagt, getan. Und während er das Holz in den Ofen tat, murmelte er leise den ersten „Pismaun" der Selichaus vor sich hin. , Als er Feuer machte, sang er leise den zweiten Pismaun. , . Ten dritten, sprach er erst, als er den. Ofen bereits zugcmacht hatte. Tamals wandelte sich nun der Sinn des Litwak. Er gewann den Rabbi lieb und faßte zu ihm unbeschränktes Vertrauen.. Seit dieser Zeit suchte er ihn auch nach chassidischer Art regelmäßig zweimal jährlich auf. Als er dann noch erzählen hörte, daß der Zaddik in den Selichaustagen auf den Himmel steige, lachte, er nicht mehr darüber, sondern sprach mit tiefem Ernst: „Wer weiß, ob nicht noch höher?" Drei, die gegessen haben. . .*) Nach einer Volkssage bearbeitet von D. Frischmänn. Aus "dem Hebräischen übersetzt von B.. D. Rabbi Schimon sagt: „Dreie, die an einem Tische gegessen und sprachen dabei keine „Worte der Tora", gleichen denen, die von einem Totenmahl genießen; aber dreie, die an einem Tische gegessen und „Worte der Tora" gesprochen haben, gleichen denen, die der Speisung vom Altar gewürdigt werden." — Allein zu jener Zeit war mir der Unterschied noch nicht klar zwischen beiden... *j Folgende psychologische Skizze behandelte die allgemein in Rußland verbreitete Sage, daß. zur Zeit „der großen Cholera'/, in der Wilnaer „großen Schul" am „Jom-Kippur" gleich nach „Müßaph" „Kiddusch gemacht" wurde, um auch die ungelehrte», aber überaus frommen Mitglieder , der Gemeiütze durch den Augenschein davon zu. überzeugen, daß nach dem „Dinn" das Fasten .unter diesen Umständen Verboten ses.

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