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Neue jüdische Presse · 1904-09-09 · Heft 35 (9.9.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 35 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 35 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Das Taschttch-Gevet. Am ersten Tage des Rausch-Haschono-Festes — oder, wenn dieser auf einen Sabbat fällt, am zweiten Tage — sehen wir in dichten Scharen , des Volkes Menge nachmittags zur Minchastunde - zu einem fließenden Wasser wallen, um, wie der seit undenklichen Zeiten im Volksmunde lebende Ausdruck lautet, Taschlich zu machen. Es besteht der einfache Vorgang lediglich aus dem Rezitieren einiger Propheteiwerse im Angesichte des Wassers. Und zwar ist das 'Aussuchen eines Flusses nichts weiter als die Anlehnung an die zwei das Taschlich-Gebet charakterisierenden Sätze: „Er lasse sein wiederholtes Erbarmen uns zu Teil werden, lasse unsere Sünden uns bezwingen und werfe (w e s a s ch l i ch) in des Meeres Schatte »tiefen all' ihre (der Volksgliedcr) Sünden. Und die Sünden alle deines^ Volkes, des Israel-Hauses, wirf sie an einen Ort, wo ihnen kein Erinnern vorhanden, wo ihrer nicht gedacht wird, und wo nimmer das Licht des Weltgetriebes sie erblicken." Dieses gänzliche Verzeihen begangener Verfehlungen bis zur vollkomnienen Auslöschnug jeder Erinnerung, ist eine Eigenschaft, die nur den Attributen des Höchsten zuzuzählen, die ein Sterblicher jedoch wohl schwerlich bis zur vollen Verwirklichung wird durchführen können.. Hat dein Freund dir gelogen, hat er dein Vertrauen getäuscht, es mißbraucht, so wirst du ihm naturgemäß solange grollen, deine Beziehungen zu ihm solange abbrechen, bis du deines Freundes Bereuen erkannt, bis du seinen ernsten Vorsatz einer pflichtgemäßen, ehrlichen Gestaltung seiner weiteren Lebensführung wahrgenommen. Tann wirst du ihin verzeihen. Tas frühere gute Verhältnis wird wieder hergestellt, und eine Erwähnung der nun beigelegten Mißhelligkcit, eine Erwähnung namentlich der unlauteren und bedauernswerten Ursachen, welche den Bruch herbeigeführt, hatten, wird vermieden werden.. Ist aber das ncugeschlossene Freundschaftsbündnis in Wirklichkeit ganz und gar die Fortsetzung des alten? Ist die alte Herzlichkeit, das alte gegenseitige Vertrauen auch Träger des neuen Bündnisses? Ist die Lüge, die Täuschung, der Vertrauensmißbrauch des Freundes, sind sie, diese Vergehen, nicht nur mit dem Worte verziehen, sondern auch tatsächlich ganz und gar vergeben, begraben und der Erinnerung entrückt, sodaß nichts sie mehr an das Tageslicht heben könnte? — Mit Nichten! Sie sind nimmer also der Vergessenheit anheimgegeben, daß nicht bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit das alte Unrecht, obwohl längst verziehen, wieder hervorgeholt, dem Freunde als fetteste Nummer' seines Sündenregisters vor Augen gehalten werde und schließlich auch Tritten gegenüber als Beitrag zur Charakteristik mitverwendct wird. Es braucht nur ein kleiner Streit zwischen den Beiden zu entstehen und die Strafpredigt beginnt: „Tu wirst dich wohl noch erinnern, lieber Freund, wie du mich damals belogen, dich damals als einen falschen Freund erwiesen hast" . . . und siehe da, es zeigt sich, daß das seinerzeitige Verzeihen kein vollendetes, kein echtes gewesen, daß des Freundes Fehl nicht vergessen, tief begraben und jedem Andenken gänzlich entzogen war, sondern daß des Fehls Gedächtnis nur künstlich eingeschläfert war, nur auf unbestimmte Zeit schlummerte, um bei passender Gelegenheit als schwerwiegendes Argument mit ins Feld geführt zu werden. S o des Menschen Verzeihen. Gottes Selicho aber ist eine hiervon gänzlich verschiedene, sie ist eine' vollständige, eine gründliche. Aber natürlich nur dann, wenn sie von dem Menschen, dem wahrhaft bereuenden, mit dem ganzen Ernste künftigen Besserungsvorsatzes erbeten wird. Ist dies der Fall, dann wird uns Gott Kapporoh gewähren, Sühne für unsere Vergangenheit, dann wird er all' unsere Sünden als nicht geschehen betrachten, wird sie in des Meeres Schattentiefen versenken/ allwo sie für ewig dem Erinnern entrückt, von wo es kein Emportauchen mehr giebt an das Licht des Tages, sodaß nicht etkoa im Getriebe unseres Menschenwirkens das früherbegangene Unrecht uns lähmend und drohend zur Seite treten könne, also sprechend: Wie kannst du, Menschensohn, es wagen, dir von deiner Erdentätigkeit einen Erfolg zu versprechen, denkst du denn nicht der seit vielen, vielen Jahren unausgesetzt begangenen kleineren und größeren Verstöße gegen Gottes geoffenbarten Willen?! Wäre es so, wo kämen wir hin, wer könnte bestehen vor der Anklage der endlos langen Kette von Versündigungen am jüdischen Gesetze! Doch glücklicherweise ist cs so n ich t. Gottes liebende Verheißung sichert von Jahr zu Jahr jedem ernste Rückschau Haltenden und Besserung Gelobenden Befreiung von der Last der in der Vergangenheit begangenen Sünden und so einen reinen, von fremden Einflüssen freien Boden für die Saat der Zukunft. Tie alten Vergehungen hat Gott alsdann tief in des Meeres Gewoge versenkt und sic gnädig bedeckt mit Nacht und mit Grauen, wo's nimmer möglich sie zu erschauen. Solchergestalt auch uns, den Menschen, die Kunst des vollendeten, restlosen Verzeihens zu lehren, ruft uns die Sitte alljährlich am Anfänge des Jahres, für dessen glückliche Gestaltung unsere heißesten Wünsche zum Throne des Höchsten emporsteigen, ruft uns die Sitte ins Angesicht des Wassers hin, um uns die Vollendung der göttlichen Verzeihung recht drastisch und plastisch vor die Seele zu rufe» und die Mahnung in uns zu beleben, auch in der Menschengesellschaft, der Mensch dem Menschen gegenüber, eine die göttliche Verzeihungsart als höchstes Beispiel der Vollendung verehrende und dieser nach Möglichkeit nahckommende Vollkommenheit in der Vergebung und Entschuldigung begangener Mißgriffe anzustreben, zu betätigen, zur Geltung zu bringen. So verstanden, ist uns die Frage, womit am Rausch-Haschono-Tage die Volksbrüder einander begegnen, die Frage: „Hast du heute schon Taschlich gemacht?", dann ist sie uns nichts anders, als die in rhetorische Form gekleidete Mahnung: Hast du dich deinerseits bemüht, deinem - Nebenmenschen das dir von ihm zugefügte Unrecht also zu vergeben, wie du willst, daß Gott deine Sünden dir vergiebt, warst du es taschlich bimzulaus jom, hast du es, für immer unerreichbar, unwiederbringlich, in des Meeres Fluten geworfen, versenkt, auf daß in des neuen Jahres schönerem Leben kein Schatten srüheren Zwistes der Menschengesellschaft schönste Krone, das hilfsbereite, sich ergänzende, sich vollendeirde Zusammenleben, Zusammenwirken der Volksglieder störe und gefährde??! Tas ist die Lehre der Taschlich-HaNdlung. L. Nachträgliches von der „Misrachi"- Wettkonserenz. Verzeichnis der eingelaufenen Begrüßungsdepeschen. Stauislau: Hochmann u. Axtmayer, Verein Sasa Brura, Verein Achwa; Zolkiew: Verein Zion; Krakau: Verein Zion, Redaktion Hamizpe; Otthnia: Segewahl Sewsratten; Nadwörna: Verein Zion; Sarajavo: Benei Zion, Weitzner; Delmözoecsath: Jsch- Echod; Baläzsfalva: Dr. Janos Ronai; Budapest: Landau; Vinkouzc: Rabbiner Salomon Neumann; Karczag: Rabbiner Salomon Schick; Kölomea: Kreisrabbiner G. Schmelkes; Kismarton: Grünewald, Emil, Freuder Karoly; Wien: Anonym; Kisczell: Orthod. Rabbiner und Gemeinde; Kolozswar: Spira, Zionei Kolozswar; Kittse: Kittseer Orthod. Kultusgemeinde; Nagy Topalczany: Habachurim Mitopalczany, Ahawas Zion, Sffasco (?); Miskolcz: Miskolczer Zionisten; Putnok: Hermann und Ignaz Roth, Rothschild; Kassa: Haachim Leir Kassa, Feuerman Gälszecs, Rosenberg nagy falkmar; Györ: Tikwa; Kun-Madaras: Kultusgemeinde, Klein, Präses; Verlad: Kreis- Rabbiner S. Teuen; Piatro: Rabbiner Ch. Löbl; Iolticeni: Rabbiner Falik; Husi: Rabbiner E. Segall; .Focsani: Rabbiner Dr. I. Nacht; Frankfurt a. M.: Jacob S. Posen; Jassy: M. S. Duff; Vaslui: B. Soref; Zürich: Agudas Misrachi, Jsak Rom; Bern: Braun; Basel: Agudas Misrachi; London: James H. Loewe, Dorschei Zion, Ginzburg, Dr. Salkind; Berlin: Zobel, Lemberger, Dr. Frankfurter, Dr. Messinger, Dr. Marmorstein; Lübeck: Dr.' 2ldler; Hethärs: Verein Zion; Szczakowa: Estersohn; Pomorzany: Verein Jachad Schiwtei Israel, Teller, Brau, Großkopf, Schnitlich, Spira; Ropczhce: Koretz; Deletyn: Chaim Glock; Besctercze: Verein Jwria; Breslau: Samuel Wislizki; Köln: Dr. Moses de Jonge; Sasfed: Agudas Zion; Jaffa: Agirdas Pri Ez Hodor, Verein Misrachi; ferner vom Orthod. Rabbiner-Verband Amerika und mehrere Telegramme und Begrüßungsschreiben von Jtußlaud >vie Petersburg, Lida, Markuleszt, Dwinsk, Warschau, Wilna nsw. usw. Die von der Erzieh ungskom in ission aufGrundderReferateder Herren Rabbiner Dr. Fink und Rabbiner Landau vorgeschlagene und von der Versammlung angenommene R e s o l u t i o n. 1. Es ist die Aufgabe des Misrachi, über das Cheder zu wachen, über das Lokal, die Anzahl der dort aufzunehmenden Eleven und über die Qualifikation des Melamed in pädagogischer, moralischer und sittlicher Beziehung. 2. Es ist ferner die Aufgabe des Misrachi, dafür Sorge zu tragen, daß der Unterricht der Mischnah wieder eingeführt wird. 3. Der Misrachi hat sich zu bestreben, in Orten, wo solche noch nicht existiere», Jeschiwaus zu gründen, dort, wo solche bereits existieren, dafür zu sorgen, daß diese im Geiste des von dem Misrachi aufzustellendcn Programmcs geleitet werden. -t. Jede Misrachiortsgruppe hat aus ihrer Mitte eine Kommission zu wählen, die den Ortsrabbiner un der Spitze haben und sich als Unterrichtskommission konstituieren soll, um die von dem Misrachi ausgestellten Forderungen zu verwirklichen. 5. Der Misrachi soll sich bestreben, daß den Zöglingen der Jeschiwoh, die keinen Unterhalt haben, diesen auf ehrbarer, anständiger Weise zu verschasfen, so daß sie nicht mehr gezwungen werden, zu. schnorren. Aus aller Well. Amerika. Retv-Aork, 5. Sept. Eine Mietkaserne in der Attorneystraße ist abgebrannt, wobei es 14 T o t e und 20 Verletzte gab. Die Verunglückten sind alle r u s s i s ch e Jude n. Die Katastrophe ist darauf zurückzuführen, daß das Haus im Umbau war und daher die Feuernotleitern zur Zeit beseitigt waren. Rew-Nork. Ein jüdisches Opernhaus. Ter Tirektor des jüdischen Windsortheaters Herr M. Haurwitz wird demnächst daselbst eine jüdische Oper ins Leben rufen. Seit einigen Wochen weilt er in Wien, um ein Operettenensemble für sein Unternehmen zu gewinnen. Unter den bereits engagierten Mitgliedern sind Namen von guwm Klang, wie die Primadonna Frl. Rosa Duce, die in Frankfurt a. M. künstlerisch tätig war, die Koloratursängerin Frl. Sophie Brau n vom Hoftheater in Köburg und die Mezzosopranistin Frl. Amalie W i n d h o l z von Brünn; ferner die Herren Jnlian Wilenski-Linz, Emil Krause-Berlin, Leo Gold Hirsch -Lemberg und Sigmund Urich- Agram. So werden jüdische Künstler in Newyork für ihr erfolgreiches Wirken eine neue Heimstätte finden. Als erste Oper wird H a l e v y s Meister werk „Tie Jüdin" in Szene gehen. Eine neue Oper „Hiob", Text von M. Haurwitz, an deren Vertonung ein hervorragender Komponist arbeitet, wird in glänzender Ausstattung aufgesührt werden. New-Bork. Herr Jacob H. S ch i f f spendete zu dem Nationalgeschenk für die Kinder D r. H e r z l' s die Summe von Mk. 5000. Personalien. Frankfurt a. M. Am Samstag, den 27. August, am Jahrzeitstage seines Vaters, verschied im hohen Mter von 80 Jahren Herr Rentier Hermann Liebes. Der Verstorbene, der vor 8 Jahren nach hier gezogen war, wohnte früher in Ostrowo (Posen) und genoß dort als ein wahrhaft frommer Jehud» das größte Ansehen in allen Kreisen der Bevölkerung. Viele Jahre war er in dem Vorstände der Ostrower Israelitischen Gemeinde ein bescheidener und stiller, aber ein charakterfester und äußerst fleißiger Arbeiter; sein Andenken wird an dem Orte seines segensreichen Wirkens ein dauerndes sein! Berlin. Am 2. September starb im 48. Lebensjahre Justiziar Hermann Staub, eine Koryphäe der deutschen Rechtswissenschaft, eine Zierde des deutschen Anwaltstandes. Königsberg. Der Oberlandesgerichtsrat Geheimer Justizrat Dr. jur. Albert Masse, ein Bruder von Rudolf Masse, ist zum ordentlichen Honorarprofessor in der juristischen Fakultät der hiesigen Universität ernannt worden. Masse, der im 58. Jahre steht, wurde am 1. Oktober 1846 zu Grätz, Provinz Posen, geboren, 1886 nach Tokio berufen, wo er bei den Vorarbeiten zur Verfassung den Verhandlungen Wer die Revision der internationalen Verträge Japans, dann aber

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