Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 35 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 35. Ente 2. hören will. Das hat er von seinen Vätern geerbt — und er muß es hören. Es rächen sich die Toten, wenn man sie schändet... Und doch bleibt er auch für sein eigenes Land ein Fremder, weil er es fein'will. Und es entsteht in ihm — ein Doppelich: sein Ich hat er nicht ermorden können und daher auch kein fremdes beleben. — Weil er sich selb st entfremdet und in der Fremde fremd bleibt, so muß seine Seele eine Doppelrolle spielen. Und daher ist unser Neujahr uns eine'Ermahnung: dieses Toppelwesen entstand mit dem Doppel- Neujahr. Tenn mit dem 9. Ab entstehen uns all unsere Vaterlands- und Bolksverräter: Deutsche mosaischer Konfession, Franzosen mosaischer Konfession, Polen mosaischer Konfession usw. — und Juden? als ob sic nur in der Sage existierten! als ob es eine antisemitische Verleumdung wäre, daß es noch Juden gibt. Hier ist die Tragödie des jüdischen Volkes im Golus: mit dem Verlust unserer Selbständigkeit sind wir um Alles doppelt reicher geworden. Doppelt — und doch gar nichts! Und so entstand der schmerzliche Ritz, der Herzensritz zwischen Eigen und Fremd — weil es ein Doppelherz ward. Und es entzweite sich das Herz, und wir sind bestenfalls halbe Juden geworden. Die Halbheit ist ob des Doppeltums. Und daher ist unser Neujahr uns eine Ermahnung, daß wir ganze Juden werden sollen. Es sind die Tage der Verzeihung. Und wir haben uns gegenseitig viel zu verzeihen. Denn wir sind alle — Sünder vor unserem Volke. Und wenn wir einen Rückblick, sogar nur auf die letzten Monate dieses zu Ende neigenden Jahres werfen, so werden Wir unserer Schuld bewußt. Wir haben den Grössten in Israel, den ganzen Juden in Juda, verloren — weil wir gegen ihn gesündigt haben. Und darum müssen wir das Volk um.Verzeihung bitten. Aber es genügt nicht, wenn wir dabei keine Reue empfinden und keine Tschuwah tuen. Darum ist uns Ziosch - Haschonah eine Ermahnung: wir sollen das. Volk für sein Land und das Land für sein Volk erlösen. Es sind die Tage der Verzeihung. Und verzeihen wollen wir all unseren Doppelich's! Ein Doppelich ist eine Krankheit. Mit Kranken soll man doch Rücksicht nehmen, insbesondere mit psychisch Kranken. Darum soll man unsere Assimilationsjudcn nicht so belächeln und bespötteln, sondern — bedauern.- Die Tragik ist hier grötzer als die Komik. Und noch mehr sollen wir doch jene Assimilationsjudcn bedauern, die sich gar für die besseren oder die besten Juden halten. ... Wir sollen sie bedauern und ihnen verzeihen, obwohl sie in ihrem Uebermut die Verzeihung des Volkes verschmähen. Und wenn wir am Golusiicujahr, am 9. Ab, doppelt trauern müssen, weil es noch solche Inden und Judenführer gibt, die dann nicht trauern oder gar dieses Golusiicujahr feiern — so wollen wir es ihnen am zweiten Neujahre, am 1. Tischri, verzeihen. Und wir müssen es ihnen verzeihen, weil Ivir selber daran Schuld haben, das; noch solche Golusblüten wachsen: auf einem jüdischen Boden könnten sie k c i n e s w e g s wachsen. Darum ist uns das Neujahr eine Ermahnung. » * » Und wir wollen nun unsere Neujahrswünsche unserem Volke senden: Neujahrswünsche, die nicht mehr neu sind; Neujahrswünsche, die wie ein Wunsch sind: Möge das jüdische Volk in sein Land zurückkehren und es wird nicht mehr von einem Doppel- Vaterland und einer Doppel-Volkssprache geplagt werden; und es wird dann ein freies.Leben, sein Leben, und nicht mehr ein Doppelleben führen. Möge die Renaissance unseres Volkes in seiner Sprache und Literatur sich vollziehen, und es wird nicht mehr fremde Bücher heiligen und seine heiligen profanieren — und es wird nicht mehr eine doppelte Buchführung im Leben haben; und cs wird nicht mehr den Herzensriß geben, der den Juden entzweit und ihm blos zum halben Juden gewacht hat. FrmMrter Israelitisches Familienblatt. Möge also das Golusneujahr aufhören, und es wird keine Golusjuden mehr geben, die Goluswünsche, Sklavenwünsche, haben! Der wandernde Jude. Von Jakob ben Elijah. II. Am .Frankfurter Hauptbahnhoskönnt Ihr sie sehen, unsere wandernden Brüder. Es sind herzreißende Bilder — wenn man ein Herz hat. Und Ihr sollt kommen und sie sehen! Stumm werden sie Euch eine lange Epopöe des Jammers erzählen. Und Ihr sollt .sie anhörcn! . Jene verzerrten, zerknitterten Züge sind wie die gelben, zerknitterten Blätter eines alten, bestäubten Geschichtsbuchs. Es ist zwar die alte Leidensgeschichte des zweitausendjährigen Wanderers, doch schlägt sie uns immer neue Wunden, und das Herz blutet frisch — als ob cs noch nie geblutet hätte. Und jene tief gezogenen Furchen — sie erzählen gar viel dem, derdie geheimnisvolle Schrift des harten Lebens entziffern kann. Viele Episoden, große Romane. Und wie traurig, ach wie traurig! Wahrlich, Ihr werdet da mehr lernen, als wenn Ihr viele Bücher durchstöbert hättet. Es ist nur eine llcinc Szene aus der großen Tragödie, aber cs genügt. Und Ihr werdet das J'u d e u l e i d sehen und Ihr werdet den I u d e n f ch m e r z fühlen. Die Eiskruste, die um d.as versteinerte Herz lagert, wird zerschmelzen und der jüdische Funke wird erglühe». Denn noch lebt das jüdische Gefühl auch in dem, der cs sogar für gestorben hält. — Ihr sollt kommen und Ihr werdet cs erfahren! Auch die Hilfsverein ler bürsten doch jetzt zu den Wanderern gehen, wenn sie auch sonst gewöhnt sind, daß die Wanderer zu ihnen wandern — Aber bitte, nicht so böse, nicht so cinschüchternd: die Leute erschrecken ja — und sie sind schon auch ohnedies ängstlich genug. Glicht so fröstelnd; etwas wärmer — wenn Ihr es nur könnt. Mcht „hilfst! er einlich" behandeln. Die Behandlung macht die Handlung aus! Eine liebliche Miene und ein freundliches Gesicht — cs bedeutet hier sehr viel. Und wisset: Auch Euere Väter wandertcn einst von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf. Und Euere Söhne? Wollen ivir hoffen, sic werden nur nach Zion wandern. — Wir alle müssen aber dessen eingedenk sein, daß wir hier keine Mmosengeschenke geben und keine Wohltat üben, sondern unsere Schuldigkeit und nichts mehr als unsere Schuldigkeit tuen, wenn wir unseren' Wanderern irgend welchen Beistand — und mag er noch so groß sein — leisten. Denn cs ist unsere Schuld, daß der Jude noch immer den Wanderstab aus der Hand nicht fallen läßt, uicht fallen lassen kann. Es ist u n s e r e Schuld, daß der Jude noch immer keinen Boden unter den Füßen hat. Und es ist unsere Schuld, daß die jüdische Jugend für ein fremdes Volk kämpfen und für einen fremden Boden auf einem fremden Boden ihr knappes Blut -— der Rest nach den Kischinews! — vergießen muß. Und wenn nun jene wandern müssen, die dort nicht kämpfen und dort nicht verbluten wollen — so ist .££ unsere Schuld. Wo ist denn u n s e r Land, für das sie freiwillig kämpfen und ihr Blut nicht sparen würden? Es ist unsere Schuld, daß diese zweitausendjährige Frage noch existiert. — * * Denn es wandern die Juden wegen der Schuld ihrer Brüder. — Sie wandern, weil jene irren... „Sie irren in fremden .Feldern". „Sie hüten fremde Gärten" und „suchen fremde Pflanzen." . . . Sie buhlen um die Gunst der fremden Nation und cs leidet daher ihre eigene. Und weil sie irren, müssen jene wandern. Und sie büßen, die Wanderer, ihre Sünde und die Sünden aller ihrer Brüder, die noch irren. — Und sie büßen die Sünden der Verirrenden; der unberufenen Führer in Israel, die gräßlichen Verrat an der jüdischen Volksseele begingen und noch begehen. — FtzDenn gräßlich ist es, wenn der Sklave spricht: „Jch^liebe meinen Herrn und will nicht frei ^werden." . Wandern und wiederum wandern wird der irrende Jude, solange es noch Führer in Juda gibt, die von einer glückseligen Mission dieser qualvollen Wanderung faseln. Daher ist es unsere Schuld, wenn unsere Brüder immer wandern müssen. Und cs ist u n s e r e Schuld, daß sie wandern und.nicht wissen: wohin? Und darum ist jeder wandernde Jude'cine schwere Anklage gegen uns, die das Befreiungswerk vernachlässigen. Jeder wandernde Jude ist ein stummschreiender Protest gegen die Irrenden und Verirrenden in Juda. Tenn' das Hand, wo seine Wiege stand — es ist nicht sein Land. Das Lied, das man ihm in den Schlaf sang — es ist nicht sein Lied. „Fremde Vögel, fremder Mai!" Und nun wandern wird der Jude über Berg und Tal, bis er nicht mehr irren wird: b is er in seinem Lande sein Lied singen wird. Tenn noch zittern in ihm die Gesänge Davids nach. Und neue Töne wird man der alten Harfe entlocken und es wird ein alt-neues Lied für das Altneuland erklingen. — Dann wird er nur einmal wandern und nicht fragen wird er: wohin? Nach Zion! — Mle werden dann den Weg wissen, den einen Weg, den einzigen 'Weg. Und sie werden nicht irren und nicht mehr wandern. — * * * Leider irrt noch der Jude und wandert. — Es dämmert zwar, aber noch sind die erwärmenden Lichtstrahlen nicht in alle Herzen eingedrungen. Und die Protestrabbiner können daher in ihrem geliebten Dunkel protestieren und von einer glückseligen Mission dieser Wanderungen faseln. Sie wollen aber nicht zu den Wanderern kommen und deren Protest anhören. Wir aber wollen zu ihnen, zu den Wanderern, eilen und sie als die unglücklichen Mißgeburten unserer Sünden mit innerlicher Beschämung und tiefer Reue anerkennen. Sie sind uns eine Mahnung, daß wir unsere Arbeit für unser Volk und sein Land mit noch mehr Eifer und mit noch mehr Begeisterung bekräftigen und befestigen; sie sind stumme aber mächtige Anllägcr gegen uns, daß wir noch keine Zufluchtsstätte für diese Auswanderer haben und noch keine Heimstätte für unsere Zukunft. Sie sind daher unsere Wanderer im doppelten Sinne, weil auch ob unserer Schuld. Und einen brüderlichen Empfang wollen wir ihnen bereiten und einen brüderlichen Gruß wollen wir ihnen auf den Weg »litgcben. Und wir wollen sie um Verzeihung bitten. , Wir sind zwar ihrer Verzeihung sicher. Aber können sie und dürfen sie uns verzeihen, wenn wir doch gegen unser Volk gesündigt haben?! Wir wollen daher unsere Ankläger uicht eher verlassen, bis wir ihnen das heilige Versprechen, mitgebcn: Kümpfen werden wir für unsere Freiheit und für unser Land, damit der Jude uicht mehr in frenide Länder wandern soll. Und wir wollen die Hände gen Zion erheben und ihr schwören: Dorthin werden wir freiwillig wandern. — „Verdorre meine Rechte, vergesse ich deiner, Jerusalem!" Und wenn wir jetzt diesen alten Schwur leisten^ so wollen wir ihn auch fühlen. — Komniet, also, Brüder! Kommet, sehet und fühlet!... Aus aller Welt. Deutschland. Frankfurt a. M. Herr Dr. Nathan Birn bäum- Wien ersucht uns um Aufnahme der folgenden Zeilen: In der „Hazefirah" vom 26. August ds. Js. wird erzählt, daß ich eine Zeitschrift „Antizionist" gegründet habe. Ohne näher untersuchen zu wollen, ob und welchen lichtscheuen Zwecken diese Mitteilung dient, erkläre ich sie hiermit als mutwillig und gewissenlos