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Neue jüdische Presse · 1904-09-09 · Heft 35 (9.9.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 35 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZsraitkfrrÄer fsiilirililnlt. Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschästsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). KedaLklorr und HefchLftsstelle: Frankfurt a. M.. Lelligkreuzgaffe 52, Lite Llapperfeldstraße (gegenüber der Neue» Zeit). Hera«sgever: O akg Hets. Jnferttonspreife: Die viergespaltene Petttzeile...... 25 Psg. Die Rellamezeile.100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.—. 2. Jahrgang. Freitag, Leu 27. Ellnl 5664 (9. September 1904). No. 35 Inhalt des Hauptblattes: Am Jahresschluß. — Unser Neujahr — eine Ermahnung, eine Bettachtung von I. Bar-Raw. — Der wandernde Jude, von Jakob den Elijah. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus bewegter Zeit, von R. — Vakanzen. — Familiennachrichten. — Brieflasten. Inhalt der Beilage: . Das Taschlich-Gebet. — Nachttägliches von der .Misrachi" - Weltkonferenz. — Aus aller Welt. — Personalien. — Wenn nicht noch höher. — Drei, die gegessen haben. — Tod den' zionistischen Zwillingsdrüdern. — Bunte Chronik. — Kunst. — Bücherschau. Diejenigen unserer Inland- und AuSland- Abonnenten, welche unsere Zeitung unter Kreuzband erhalten und deren Abonnement am 1. Oktober »bläust, bitten wir» de« Abonnementsvetrag für daS nächste Vierteljahr rechtzeitig eiuznsendeu, damit in der Zusendung unserer Zeitung keine llnterbrechung eintritt. Die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familieublattes. Am Jahresschlntz. Das alte Jahr, es naht sich seinem Ende Und bietet scheidend uns den letzten Gruß, Als ob ein lieber Freund sich von uns wende, Ter dauernd uns verlassen muß. War's uns ein Freund? Wir seh'n im Geiste wieder Vergangenes lebendig auferstehn. Die Wage schwankt, sie steiget auf und nieder Wenn das Erlebte wir noch einmal seh'n. Dem Einen war das Jahr die Zeit der Freude, In Lust und Frohsinn schwand es ihni dahin. Der Andere beugt bas Haupt in schwerem Leide, Des Kummers Last bedrückt ihni Herz und Sinn. Doch heute fühlen alle gleiches Bangen Im Rückblick auf das nun verfloss'ne Jahr, Ob immer sie den rechten Weg gegangen. Ob sündenfrei ihr Lebenswandel war? Und alle wenden sich zum Herrn der Welten Voll Innigkeit im Buß'- und Bittgebet, Nicht mög der König unser Tun vergelten. Der Vater ist's, dess' Liebe man erfleht. Nicht' nicht nach Recht, lass' Gnad' und Milde walten Und schaue nicht auf uns'rer Sünden Zahl, Nicht mög'st Du Herr Gericht ob Knechten halten Wenn laut ertönet der Posaunenschall. Er soll uns aus dem Schlummer mahnend rufen: „Wach' auf ,md wend' dem Höheren Dich zu." Und bangend nah'» wir Deines Thrones Stufen: „Hör' Unser Fleh'n, gieb uns'ren Herzen Ruh." Lass' uns nach Deinein Willen, immer handeln. Dem Volke Heil, das Schofars Klang versteht. In Deinem Lichte lass' uns ferner wandeln Im Strahlenglanze Deiner Majestät! Rosa Meyer, Frankfurt a. M. Unser Neujahr - eine Ermahnung. Eine Bettachtung von I. Bar-Raw. Auch wir feiern ein Neujahr, unser Neujahr, obwohl wir doch für jedes neue Jahr immer noch die alten Wünsche mitbringen. Tenn auch die neuen Greueltaten dieses Jahres sind nicht neu. Sie ändern nur so häufig ihre bösen Namen: einmal heißen sic Nikolajew, ein zweites Mal Kischinew, hier — Könitz, dort — Homel. Das Blut-Märchen ist ein altes Märchen, wenn es auch immer auf's neue —■ Blut fordert. Unsere Leidensgeschichte ist eine alte Geschichte, wenn auch das Leid immer erneuert wird. Es ist doch immer das eine Leid, das zweitausendjährige Judenleid. Und daher ist es immer der eine Wunsch, der zweitausendjährige Jndenwunsch: Los von dem alt-neuen Leid durch ein alt-neues Land! Doch gibts gar viele andere Wünsche und auch sie stammen leider von Juden — von Inden aber, die es nicht sein wollen. Und dieser Wunsch jener Juden ist: den jüdischen Wunsch zu begraben — unser» alten, altneuen Volkswunsch. Und sie >enden ihrem Volke den tragisch-komischen Glückwunsch: es möge doch am schnellste» Selbstmord begehen. Tarum ist uns das Neujahr eine Ermahnung, daß es noch Jude» gibt, die ihren Brüdern schändliche Neujahrswünsche senden. — Diese Ermahnung will noch weiter ausgesprochen werde». Mit der Vernichtung unseres Reiches entstand uns eine neue Zeitrechnung, ein neues Neujahr: der 8. Ab ist das Neujahr des Golns. Und wir zählen bereits 1836 Golusjahre. — Und gar manche Inden wünschen, noch weiter und weiter zu zählen. — Und gar manche Rabbiner feiern dieses Aolus- Neüjahr, den 9. Ab, — weil an diesem glücklichen Tage das jüdische Volk mit der heiligen Mission einer Religionsgesellschaft beschenkt wurde. Und sie verherrlichen jenen Tag, wo das jüd. Volk in fremde Länder ausgewandert ist, um dann als Parias zu wandern und den Märtyrertod zu erleben: um über die ganze Welt zerstteut zu werden und so überall jede Erdscholle mit ihrem Blute für die Mission fruchtbar zu machen. Und sie wünschen daher, jene Verräter in Juda, daß der Jude ewig wandern soll; und sie wünschen, daß es nie ein jüdisches Volk geben soll, sondern eine jüdische Religionsgesellschaft. Darum ist unser Neujahr uns eine Ermahnung; denn diese Goluswünsche existieren noch, weil noch ein Eolusneujahr existiert. * Zwei Neujahre in einem Jahre! Es klingt so paradox, so unnatürlich — und gerade deshalb ist es ein Symbol unseres Lebens in der Diaspora, das nicht minder paradox und unnatürlich ist. Dieses Doppel-Neujahr ist das Charakteristische unseres Golus. Tenn wir haben ja alles Doppelt — und doch nichts. Wir habe» ein Vaterland und ein Land der Väter — und doch weder das eine noch das andere. Nur Pflichten haben wir gegenüber beiden Ländern, aber Rechte — weder da noch dort. Und wir gehen mehr an diesen Doppel-Pflichten zugrunde, als an der doppelten Rechttosigkeit. Und darum ist unser Neujahr uns eine Ermahnung : denn dieses Toppe t-V a t e r l a n d entstand mit dem Doppel-Neujahr. Unser Volk hat seine zwei Sprachen — und doch keine einzige Volkssprache. Jargon ist zu arm für ein Volk, das jetzt reich werden soll. Er kann nur weinen, das Volk soll endlich einmal auch singen lernen. Er erzählt zwar sehr beredtsam und ergreifend von einer zweitansendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes, aber diese Geschichte haben uns die lieben Nachbarn geschenkt — unser Volk soll doch jetzt selbst Geschichte machen und ein Hauswirt werden. Er ist die Sprache des Golus und ist nicht reif für ein freies Land und ein freies Leben — unser Volk soll doch aber in sein Land zurückkehren und in Freiheit leben. Daher ist er nicht unsere Volkssprache und kann es nie werden. Hebräisch ist wohl majestätisch, wie sein Land und sein Volk. Es weiß von Heldentaten zu erzählen, wo wir die Helden der Tat waren. Es kann weinen, wie ein zärtliches Kind, das lange erbittert und geneckt werde, und kann auch hübsch singen, wie ein tapferer Kämpfer, der seines Sieges bewußt ist, der hofft und strebt. Aber es hatte in der langen' GoluswochL kein Licht und mußte etwas von seiner Frische einbüßen. Daher ist es leider nicht niehr uusere Volkssprache und soll es erst werden. Wir haben nur Pflichten beider Sprachen gegenüber und wir leiden wiederum an Doppelpslichten. Darum ist unser Neujahr ilns eine Ermahnung: Tenn dieses Toppeltum der Sprachen entstand mit dem Toppelttrm unserer Neujahre. Vor jenem 9. Ab hatten wir eine Sprache — und sie war unsere Volkssprache. * * * So führt der Jude im Golus ein Doppelleben — und deshalb kein echtes Leben. Er lebte in einer fremden Sphäre und will ihr nicht fremd bleiben — und er opfert ein Stück Ich. , iAber er bleibt doch ei» Fremder; er bleibt es, weil er es wirklich ist. Cr lebt in einem fremden Lande und möchte dort nicht fremd bleiben — und er opfert sein Land, das Land der Väter? Und somit wiederum ein gut Stück Ich aus dem Herzen herausgerissen — und es blutet die Wunde. Doch bleibt er ein Fremder in einem fremden Lande, weil er ein eigenes hat und — nicht hat. Denn es hallt in der Tiefe seiner Brust das mächtige Echo wieder — und wenn er es auch nicht w

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