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Neue jüdische Presse · 1904-09-02 · Heft 34 (2.9.1904) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 34 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr- 34. Frankfurter Israelitisches FamilienKlatt. wird ihm der Erfolg schwerer gemacht, als dem Christen unter' den gleichen Bedingungen. Und was das Merkwürdigste ist, er hat hier eben so sehr mit den Abneigungen des jüdischen, wie des christlichen Publikums zu rechnen. Das Golus-Elend Hat uns Juden verbittert und hat uns ungerecht werden lassen gegen unser eigenes Blut. Man sagt: wir Juden sind ein ganz besonders -geartetes Volk, und mit dem Maße der anderen Völker seien wir nicht zu messen. Das scheint nach der guten und nach der schlechten Seite der Fall zu sein. Andere Völker schließen sich bei äußerem Truck zusammen; wir aber, nicht zufrieden, daß man uns wehe tut, tun uns selbst noch wehe. Terjüdische Handwerker, der in der Regel fast ausschließlich aus jüdische Kundschaft angewiesen ist, muß, wer weiß wie oft von seinem eigenen Volhsbrndcr die Abweisung hören: „Bedauere, die jüdischen Handwerker arbeiten nicht exakt genug. Was soll ich es erst mit Ihnen versuchen und mir vielleicht die Arbeit verpfuschen lassen? zu einem christlichen Handwerker habe ich mehr Vertrauen." Ter jüdische Reisende, der jüdische Kaufmann klagen über die uueoulantc Behandlung seitens ihrer jüdischen Kunden. Wie cs in dieser Hinsicht bei den noch jüdisch fühlende» osteuropäischen Juden ist, wissen wir nicht; für die westeuropäischen frommen und nicht frommen Assimilationsjuden läßt sich aber ohne llebertreibung die Behauptung anfstellen, „Verkehrt man auch gesellschaftlich miteinander, in der Förderung seiner Existenz unterstützt der eine Jude den anderen nicht, ja er hindert ihn häufig darin." — Ein Vortrag, den T r. j u r. B. Taussig, als Obmann des Exekutiv-Komitees des Vereins für unentgeltlichen 'Arbeitsnachweis, im Humanitätsverein B'naiB'rith in Wien gehalten hat, gibt interessante Belege für die Wahrheit unserer Behauptung. Ter Redner führte folgende Beispiele an: „Ich wendete mich an den Inhaber eines der größeren Schreibmaschinengcschäfte, bei dem ich ein gewisses Wohlwollen für unsere Bestrebungen vorauszusetzen berechtigt war und trotz der gemachten Erfahrungen noch heute als vorhanden annchme, wegen Anstellung von Mädchen zum Maschinenschreiben. ' Ich erhielt sofort eine freundliche Zusage und am nächsten Tage war bereits eine von uns empfohlene tüchtige Maschinenschreiberin versuchsweise in Beschäftigung. Selbstverständlich interessierte es mich zu erfahre», ob man mit unserem Schützling zufrieden sei. Tie Auskunft lautete negativ: „Ich habe es Ihnen ja gleich gesagt — es wird schwer gehen. Zu uns kommen die Kunden, wir führen die Maschinen vor, die Schreiberin produziert ihre Tätigkeit an derselben — unwillkürlich schaut man auf die Hände. Schrecklich! Tie Person hatte ganz ungepflegte, schmutzige Nägel; leider echt jüdische Schlamperei." Ich beruhigte den Mann, ersuchte um Erneuerung des Auftrages und versprach, die Auswahl selbst vorzunehmen. Ties geschah. Tic nach einiger Zeit cingeholtc Erkundigung ergab wieder ein negatives Resultat, nur gegenteiliger Natur. „Lieber Doktor! Ich habe es ja vorausgesehen, unsere Mädchen taugen zu so etwas nicht. Tie Person erschien mit großer Frisur, mit in die Stirn gebrannten Löckchen — eine echt jüdische Putzgredl." Glauben Sic inir, wären die betreffenden Mädchen nicht Gtaubensgenossinneil gewesen, man hätte bei der einen die mangelnde Manicurc, bei der anderen die gekrausten Haare nicht bemerkt, oder mindestens nicht als hinreichenden Grund für eine Entlassung erachtet. Mcht viel besser erging es uns mit einem Kcllcreiarbeiter, der vorher durch mehrere Jahre bei einer christlichen Weinhändlerfirma bedienstet war. Trotz warmer Enipfehlung unseres Kollegen T. bei einem unserer größten Weinhändler (Glaubensgenosse) wurde derselbe wegen seines zu jüdischen Aussehens zurückgewiesen und erst nach neuerlichen Bemühungen desselben Kollegen, und nachdem man in unserem Bureau auf den genialen Einsall kam, bcm_ Mann den Bart abnehmen zu lassen, fand er daselbst die gewünschte Anstellung. Nicht weil ich dem große Bedeutung bcimesse, sondern als Gegensatz zu diesem Falle sei erwähnt, daß jüngst ein als waschechter Antisemit ziemlich bekannter Zuckerbäcker bei einer der größeren Kohlenrutschen der Nordbahn erschien und dort den Geschäftsführer fragte, ob die Kohlenabträger, die bei ihm das letztemal Kohle abluden, Juden wären; als man dies konstatierte — es waren von uns plazierte Arbeiter — Und bejahte, erklärte derselbe, man solle ihm nur wieder dieselben schicken, er habe noch nie so tüchtige und fleißige Arbeiter gehabt. Wie gesagt, wir bilden uns auf diese Auerkeiiiiung nichts ein, aber verzeichnet mag immerhin der Ausspruch dieses christlichen Antisemiten — gegenüber denen unserer jüdischen — werden." Aus aller Wett. Rumänien. Bukarest. Brand einer Synagoge. Die große und schöne Synagoge in der Str. Cozia in P i a t r a - N e a m tz wurde am 13. v. Mts. ein Raub der Flammen. Gegen 4 Uhr morgens sah der in der Straße postierte Polizeisergeant aus einer neben dem Gotteshause befindlichen kleinen Hütte Flammen züngeln und in dem gleichen Augenblicke brachen die Flammen'auch aus der Synagoge aus. Ter Polizeisergeant schlug sofort Alarm und kurz darauf trafen die Vertreter der Behörden sowie die Pompiers am Brandplatze ein. Mittlerweile aber hatte das Feuer große Timensiouen angenommen und das Tach sowie das ganze Innere der Synagoge,ergriffen. Trotz der dringenden Gefahr aber stürzten sich einige Juden in das Innere des brennenden Gotteshauses, um die Gebetsrollen und die heiligen Gefäße zu retten, welche sie tatsächlich unbeschädigt heraustragen konnten. Gegen 8 Uhr früh endlich gelang es den vereinigten Anstrengungen der Feuerwehr und der ausgerückten Soldaten, des Feuers Herr zu werden. Tas Tach sowie die ganze innere Einrichtung der Synagoge sind vollständig abgebrannt und von dem so stattlichen Gebäude bloß die Mauern übrig geblieben. Ter Schaden ist für die Kultusgemeinde' um so empfindlicher, als das Haus nicht versichert war. Tie Ursachen des Brandes sind bis jetzt nicht bekannt, doch liegen Verdachtgründe vor, daß das Feuer von böswilliger Hand gelegt worden sei. Personalien. Frankfurt a. M. Aus dem zweiten Stock des israelitischen Siechenhauses auf dem Röderbergweg stürzte sich gestern N'achnlittag eine Patientin in den Garten. Der Tod trat nach wenigen Minuten ein. Rosheim, 22. August. Bei Beerdigung der Frau Kaufmann Weill kam am Eingang des Ortes der Bürgermeister mit dem gesamten Gemeinderat und vielen Bürgern dem Trauerzuge entgegen, um sich ihm anzuschliehen, während auf der Dorfstraße die Bevölkerung in stiller, würdevoller Haltung den Zug vorbeiziehen sah. Auf dem .Fried- Hofe hob der Rabbiner, Dr. Gold stein, in beredten Worten die von Jahrhundert zu Jahrhundert vererbte Duldsamkeit der katholischen Bevölkerung von Rosenweiler gegen Andersgläubige gebührend hervor, denn während in den meisten Orten Elsaß-Lothringens in früheren Jahrhunderten den Israeliten die letzten Ruhestätten verweigert wurde, blieb Rosenweiler dem guten Beispiel seiner Ahnen getreu und überließ seit mehr als 600 Jahren den Israeliten einen Teil ihrer Gemarkung zur Bestattung ihrer Verstorbenen. Zum Schluß dankte der Redner dem Bürgermeister, dem Gemeinderat und den anwesenden Bürgern von Rosenweiler für ihren neuen Beweis freundnachbarlicher Liebe und Dankbarkeit, die leider heutzutage selten noch anzutreffcn sei. („Str. P.") Stettin. Dem Medizinalrat Dr. Frey er wurde der Charakter alsGeheimerMedlzinalr a t verliehen. Memel, 24. August. Wer gestern Nachmittag den Friedrichsmarkt passierte, der konnte ein Leiche nbegängnis sehen, wie ein solches wohl hier zum ersten Male stattgefunden hat. Es waren die irdischen Ueberreste des am Montag Nachmittag hier verstorbenen alten Rabbiners Gabriel Feinberg, die zur letzten Ruhe gebracht wurden und zwar nach altjüdifcher Sitte aus der Totenbahre getragen. Vom Sterbehause wurde die Leiche zunächst nach dem großen Beth-Hamidrasch in der Baderstraße gebracht, daselbst vor der Heiligen Lade aufgebahrt, während Herr Rabbiner Schapiro ans Garsden als Gast eine kurze, eindringliche Ansprache hielt, worauf der Leichenzug sich nach dem jüdischen Friedhof in Bewegung fefcte, gefolgt von einer überaus zahlreichen Menschenmenge. Auf dem Friedhofe hielt Herr Rabbiner D r. C ä r l e b a ch die Grabrede, worauf dann noch Herr Rabbiner Isaak Bloch aus Polangen dem Toten warme Worte des Nachrufs widmete. Die Trauerfeierlichkeit währte volle drei Stunden und machte auf jeden einen überaus überwältigenden und rührenden Eindruck. Sämtliche jüdischen Geschäftsleute dieses Stadtviertels hatten während der Trauerfeierlichkeit die Läden Sette II. geschlossen. — Der verstorbene Herr .Feinberg war der unmittelbare Nachfolger des int Jahre 1881 von hier nach Hamburg übergesiedelten Rabbiners Wohlgemuth und hat somit sein Amt über zwei Jahrzehnte verwaltet. Im ganzen hat er über 40 Jahre als Rabbiner gewirkt und erreichte das hohe Alter von 83 Jahren. Leyden. Sein fünfzigjähriges Doktorin b i l ä n m feierte jüngst in Leyden der Kliniker Prof. R o s e n st e i u. Ter Jubilar, ei» geborener Berliner, erwarb seinen Toktortitcl an der Universität Berlin. Seine Promotion vollzog der Pharmakologe Mitscherlich. Seine Toktorschrist handelt über die Cyklopie im Tierreiche. Aus dem Lebensabrisse, welcher dem Brauche gemäß der Toktorschrist beigegeben ist, ist über den Bildungsgang Rosensteins das folgende zu entnehmen: 1832 zu Berlin geboren, erhielt er seine Schulbildung auf dem Friedrichsgymnasium. l850 bezog er die Universität Berlin. Seine ärztliche Laufbahn begann er 1858 als Hilfsarzt am Stadtlazareth in Tanzig. Nach 2 Jahren kehrte er nach Berlin zurück. Hier hatte nach Birchows Rückkehr nach Berlin und unter dem Einflüsse Traubes eine lebhafte Tätigkeit in der tvissrnschastlichen Medizin sich entfaltet. Beiden schloß sich Rosenstein an. Er lieferte in den folgende» Jahren eine Reihe von Studien zur allgemeinen Pathologie und klinischen Medizin, daß er sich daraufhin 1863 den Eintritt in die akademische Laufbahn als Privatdozcnt an der hiesigen Universität erschloß. 1865 wurde er auf Befürwortung Birchows und Traubes als ordentlicher Professor der klinischen Medizin nach Groningen berusen. 1872 siedelte er in gleicher Eigenschaft nach Lehden über. Almelo (Holland). Fräulein Jenny Polak erhielt auf der Universität in London die h ö ch st e Auszeichnung „excellent" für englische Sprache in Schrift ünd Wort. Paris. Dottor Henri de Rothschild wurde zum Chevalier der Ehrenlegion ernannt. Tas „Journal Offiziell" motiviert diese Ernennung wie folgt: „Besondere Rechtstitel: Gründer der Armenapotheke Piepus, der Milchtrinkhalle für Arme, der Polyklinik und des Hospitals auf der Rue Marcadet des Tispensatoriums von Berck-sur- Mer. Verfasser zahlreicher Arbeiten über die Hygiene der Ernährung und die Pathologie des Säuglings." Paris.V Man meldet uns die Nachricht von dem Ableben des Chesarztesvom PariserRothschildspital, Tr. Anselm Weill. Ter Verstorbene war auch Chevalier der Ehrenlegion und Chefarzt der französischen Nordbahngesellschaft und spielte auch im öffentlichen Leben der Juden Frankreichs eine bedeutende Rolle. Tr. Anselm Weill starb nach langen und schweren Leiden im Alter von 72 Jahren. Ursprünglich war Tr. Weill Vorbeter bei der israelitischen Gemeinde, während welcher Zeit er sich für die Universitätsstndien vorbereitete. Bereits in vorgerückten Jahren gelang cs ihm, sich ausschließlich dem Studium der Medizin zu widmen und Tank seiner außerordentlichen Begabung und eines immensen Fleißes sich rasch eine» Namen in der medizinischen Welt zu erringen. Bor fünfzehn Jahren zur Leitung des Pariser Rothschildpitals berusen, erblickte er seine Hauptaufgabe darin, ein wirklicher Helfer seiner armen, kranken Stammesbrüder zu fein. Petersburg. Dem jüdischen Arzt Dr. Lurje ans Elisabethgrad hat der höchstkommandierende General Kiiropatkin, bekanntlich ein verbissener Judenfeind, das Georgskreuz verliehen. Ter Arzt Dr. I u d t aus Warschau hat den Andreasorden erhalten und ist in die leitende Sanitätskommission gewählt worden. Lstrowo. Zum ersten Vorsteher der Synagogengemeinde in Kobylagora ist Kaufmann H a r t m a n n von dort gewählt worden, nachdem Herr G o l d st e i n, der dieses Amt 25 Jahre hindurch verwaltet hatte, es wegen seines Fortzuges niedergelegt hat. Jarotschin. Dem praktischen Arzte Dr. Cohn wurde der Titel eines Medizi na trat verliehen. Ans der Lehrerwett. Worms. Israelitische Religionslehrer. Wir brachten im Frühjahre die Mitteilung, daß das Ministerium beabsichtige, die israelitischen Religionslehrer in Hessen mit den gleichen Rechten der BolkSschullehrer definitiv anzustellen. In Oberhessen ist bereits der Anfang gemacht worden. Ter Provinzialdirektor Dr. Breidert hielt mit de» .idreisräten, den beiden Rabbinern und Vorständen größerer Gemcinde» Sitzungen ab, in denen die verschiedenen Gemeinden in Bezirkssprengel eingeteilt wurden. Ter erste isracl. Lehrer, der kürzlich definitiv angestellt wurde, ist Lehrer Neumark in Altenstadt (Kr. Friedberg). Er hat in vier Gemeinden den Religionsunterricht zu erteilen, und zwar wöchentlich 20 Stunden. Auch in Rheinhcssen und Starkenburg sollen demnächst diese Verhandlungen stattfinden. Warlottenburg. Rabbiner Dr. PH i kipp Krön er erhielt den Roten Adlerorden 4. Klaffe. Budapest. Im vergangenen Schuljahre wirken an den städtischen Schulen Budapests 1316 römisch-katholische (72,08 Prozent), 137 reformierte

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