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Neue jüdische Presse · 1904-09-02 · Heft 34 (2.9.1904) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 34 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. laut» ein 7glicderigcs und für die übrigen Länder ein ügliedriges engeres Komitee betraut; erstercs mit dem Sitze in Lyda (Rußland), letzteres mit dem Sitze in Frankfurt a. M. Rabbiner I. Reine s verbleibt das Oberhaupt der Partei und ^jn den westlichen Ländern steht Rabbiner Tr. Möbel (Leipzig) an der Spitze der Leitung. Präses teilt mit, daß unter dem Eindruck des Kongresses sich in Pozsony eine misrachistischc Gruppe gebildet hat. Um 7 Uhr Abends ergreift der Referent für Agitation, Rabbiner Fisch mann (Markuleßt) das Wort und sprach eine halbe Stunde lang. An der Debatte über dieses Referat beteiligten sich die Delegierten Guttmann (Nbwyork), Rabbiner Reines jun., Tr. Fink und Weizmänn. Der Schluß. Nachdem somit alle Gegenstände der Tagesordnung erledigt waren, bestieg der Präsident der Pozsonyer Zionisten, S. B e t t e l h e i m, die Präsidententribüne und sagte: Es naht der feierliche Moment des Abschiedes. Was zwischen den beiden Momenten der Begrüßung und des Abschiedes liegt, wird uns unvergeßlich sein als eine glänzende Manifestation des jüdischen Geistes, als eine Manifestation der unbegrenzten Opserwilligkeit für das Judentum, welches wir durch unsere Arbeit zu erlösen hoffen. Hier konnten sich nur starke Herzen versammeln, die die Hindernisse der Entfernung ebenso überwinden konnten, wie die Hindernisse, die uns in der Form von Protesten den Weg verlegen wollten. Die schwachen Elemente sind zurückgeblieben, unser starkes siegreiches Heer jedoch hat gesiegt. Redner dankte sodann dem Komitee, das ihm bei der Vorbereitung des. Kongresses hilfreich zur Seite stand, ferner der städtischen Behörde, insbesondere ä-ber der hiesigen Lokalpresse, welche dem Kongre-ßj ein sympathisches Verständnis entgcgengebracht hat. Redner schließt mit dem Wunsche, daß die Delegierten den Sieg, den sie hier errungen haben, durch alle Länder tragen mögen. (Lebhafter Beisall.) Delegierter Reichenthal(Tirnau) dankte dem Kongreßpräsidium Namens der Versammlung für die ausgezeichnete Leitung der Verhandlungen. Dr. Leopold Kahn vom Aktionskomitee in Wien mit lebhaftem Beifall begrüßt, sagte in seiner Schlußrede, daß er im Anfang befürchtet habe, diese Weltkonferenz des „Misrachi" könnte die Einheit der zionistischen. Bewegung gefährden. Indem aber die glückliche Formel gefunden worden ist, daß die Misrachisten in erster Linie Zionisten sind und in dieser Beziehung in den Landesorganisationen verbleiben und nur zur Förderung ihrer religiösen Bedürfnisse eine besondere Organisation bilden, so seien seine Bedenken geschwunden. Redner erkeirnt insbesondere die auf die Jugenderziehung gerichteten Bestrebungen der Wisrachisten an, die es bewirken werden, daß an Stelle der zusammengeschrumpften Ghettokretins starke, steifnackige, tapfere Männer dem Judentume erstehen werden. (Tosender Beifall.) . Vorsitzender Dr. N o b e l dankte in längerer tiefsinniger Schlußrede der Versammlung und bezeichnete die Kongreßtage als wirkliche Festtage. Wenn wir über unsere eigenen Einzelintcresscn herausgchoben werden, wenn wir empfinden, daß das Gute in uns Gehör findet und tvir uns selbst gebessert fühlen, dann können wir sagen, daß wir einen Festtag erleben. Redner schloß mit den Worten: Für unsere Lehre, für unser Volk uitd unser Land: das ist unsere Devise. Leschanah habaah bijruschalajim! '(Stürmischer Beifall.) Vizepräsident Rabbiner L an dun ermahnte die Anwesenden ihre Begeisterung auch in Taten umzusetzcn und dankte insbesondere den Hörern der hiesigen Talmudhochschule dafür, daß sie in Befolgung ihres gut zionistischen und misrachistischen Gefühles den Verhandlungen des Kongresses beigcwohnt habe». Dr. Fink ließ den Vater des misrachistischen Gedankens, den ehrw. Rabbiner Reines und die gastfreundliche Stadt Pozsony hochlebcn. Zuletzt erschien die ehrwürdige Gestalt des greisen Rabbi Reines aus der Tribüne, der, wie er ihn eröffnet hatte, den Kongreß mit einer schwungvollen hebräsfchcn Ansprache schloß. Frankfurter Israelitisch^ Familierkblatt. Herr S. B e t t e l h c i m lud hierauf die Anwesenden zu dem vom Vereine „Aawath Zion" veranstalteten Festkommerse ein. Wie der Protest der ung. Rabbiner entstanden ist. Ungarischer Brief von Iw«. . (Schluß). Mit welchem Ern st manche Untcrfertigcr die Sache genommen haben, erhellt z. E. aus einer Bemerkung, die ein andrer machte, indem er sagte: da er der einzelne, den Gang des Protestes nicht mehr aufhalten könne, so wolle er sich selbst nicht in Gefahr bringen. Oder ein anderer Fall, wo der Vater unterschrieb, der Sohn aber, gleichfalls orthodoxer Rabbiner, anerkannter Lamdan und Jere Schomajim, Lieblingsschülcr des Preßburger Oberrabbincrs, die Misrachi-Konserenz mit Begeisterung begrüßte. Und solche Fälle waren zahlreich. ' Und Furcht — diese unedle Eigenschaft hat einen großen Anteil an den Unterschriften. Furcht — vor dem andren. Mein Antipode im Komitate hat den Protest unterschrieben, was wird er über mich sagen, wenn ich es nicht tue? Meine Baalcbatim sind Verehrer ineines Gegners — die ungarischen Baalebatim haben nämlich immer größeren Respekt vor dem Rabbiner der anderen Gemeinde, als vor ihrem eigenen, was werden sie nun sagen, wenn jener unterschreibt, ich aber nicht? Da ist mein Gegner der kühne Gottesstreitcr und ich der Apikorus. Ja, diese Furcht ist so groß, daß die Rabbiner von weniger Autorität einfach ohne jede Ueberlegung die Rabbiner von größerer Autorität nachahmten. Selbst die Pester „Allg. jüd. Zeit." (vom 19. Aug.) bekanntlich von der Partei der Protestler — muß gestehen: „Das läßt sich natürlich nicht feststellen . . . wie viele vonden Protestzustimmungen fehlen würden, wenn man die schriftlich vorgenommenc, sogenannte Abstimmung nicht von oben, sondern von unten begonnen hätte." Eine andre unzulässige Methode der Unterschriftensammlung und Verösfentlichung bestand darin, daß die Namen derjenigen Rabbinen, die ihre Unterschrift verweigerten, wie auch die Begründung ihrer Weigerung einfach verschwiegen wurd e n. Unter diesen Rabbinen waren Größen von weit größerer Bedeutung als die Unterfcrtiger, sowohl in betreff von Gelehrsamkeit, als besonders von Sachverständnis. So bemerkt auch die mehrfach erwähnte „Allg. jüd. Zeit." (Nr. 155): „Entgegen der Objektivität wird im „Tel talpioth" das System befolgt, die Namen und Ansichten derjenigen Rabbinen, die ihre Unterschrift zu dem Proteste verweigern, nicht zu publizieren." Auch diese Unterlassung rechnen wir zu den übrigen Beeinflussungen, da wir mit Bestimmtheit wissen, daß viele, die den Protest unterschrieben haben, den Mut gefunden hätten, ihre Unterschrift zu verweigern, wenn sic cs schwarz auf weiß gesehen. hätten, daß cs auch andre getan. Von einem Manne, durch dessen Vermittlung die Protestunterschriften gesammelt wurden, wissen wir — und können nötigenfalls beweisen — daß er selber wider seine bessere Ueberzeugung zu dem traurigen Geschäft sich hergebcn mußte, weil er befürchtete, sonst sein Brot zu verlieren. So ist dieser Protest zustande gekommen, der eine ganze Umkehrung der herrschenden Meinung in den rabbinischen Kreisen Ungarns darstcllt, es wäre sicherlich nicht.zustande gekommen, wenn alles korrekt, ohne Zwang, ohne Beeinflußung und Drohung vor sich gegangen wäre. '; Auch die „Turchführungskommission" in Budapest, eine Art Organ der orthodoxen Juden Ungarns, hat einen Protest erlassen, nicht aus eigener Initiative und ohne guten Willen. Die „Allg. jüd. Zeit." wird gewiß die Anschauung der öffentlichen Meinung wiedergeben haben, wenn sie hiezu bemerkt, daß dieser Protest „keine, ernste Beachtung beanspruchen kann." : Sehr erfreulich ist die von dem skrupellosen Vorgehen der Protestler so scharf abstechende, der heiligen Sache entsprechende, wahrhaft vornehme Haltung der Vertreter der Misrachi gegenüber dieser argen Hetze. Wie wir in Nr. 158 der „Allg. jüd. Zeit." lesen, hat der ehrwürdige Führer des Misrachi, Herr Rabbiner . I. I. Reines in Lida, eine letzte Ausforderung an die Protestler erlassen zur Ueberlegung der Angelegenheit und zur Austragung strittiger Ansichten. Er hat jede Gelegenheit gegeben. Nr. 34. sich über die Sache Klarheit zu verschaffen und trotz der Beschimpfung die Protestler zur friedlichen Lösung nach' Preßburg eingeladen. Diese Einladung stützte sich auf das Gebot der Thora, aber es war auch ein Gebot des Anstandes. Die Folge sollte zeigen, ob' die Protestler Klaxheit wollen oder nicht. Die „Allg. jüdische Zeit." brachte ein Telegramm des Lidaer Gaon, worin derselbe noch in letzter Stunde eine Absendung von drei Vertretern der Protestler nach Preßburg erbat., , Mit Recht bemerkte diese antizionistische Zeitung dazu, daß die Protestler nichts hindert, diesen toleranten Antrag anzunchmen. Die Vertreter, die ans das „Gebot der Thora" die Pflicht gehabt hätten, zu erscheinen — kamen nicht. Dieses Fernbleiben ist'beredt genug. Wir können nach all diesem doch die erfreuliche Tatsache konstatieren, daß die öffentliche Meinung der orthodoxen Judenheit Ungarns, die vernünftigen und crnstdenkenden Elemente, von dieser mit Sturm und Wut betriebenen Hetze sich nicht bestimmen lassen, denn sie wissen gut „wie es gemacht wird". Ihnen ist — um nur eins zu erwähnen — noch in frischer Erninerung, jene traurige Aktion gegen den „Frankkaffee", als da 'leichtfertig ein Jssur erlassen wurde gegen dieses Fabrikat, das unter Aufsicht des weltbekannten Zaddik Rabbi Salomo Spitzer s. A. Rabbiner an der Schifsschule in Wien und seit dessen Ableben unter Aufsicht des durch seine Frömmigkeit berühmten Rabbi Simon Sofer. Rabbiner zu Erlau, Sohn des Ksaw Sofer s. A steht. Der Jssur, der den verewigten großen Zaddik und dessen Nachfolger in der Aufsicht über das Fabrikat desauvierte, wurde in die Welt gesandt, und in kurzer Zeit strömten die Unterschriften ber orthodoxen Rabbiner Ungarns herbei. Wir leben der zuversichtlichen Hoffnung, daß die unterfertigenden Rabbiner sich noch eines anderen besinnen werden. Es würden ihnen endlich die Augen geöffnet werden, sie werden einsehen, daß sie ein Opfer einer persönlichen Hetze geworden: Viele ungarischen orthodoxen Rabbiner lassen sich in t a k - tischen Angelegenheiten — und dieser Protest war, das soll zur Steuer der Wahrheit und zur teilweisen Entschuldigung der Betreffenden festgestellt werden, auch nur als eine taktische Handlung gemeint (die allerdings taktlos genug ausgefallen ist) — sie lassen sich bei taktischen Angelegenheiten gerne Ratschläge von auswärts, besonders aus Deutschland .geben. (Es ist das eine Tradition aus der guten alten Zeit, heute ist von da nichts mehr zu holen.) Wir verstehen — so sagen diese Rabbiner — von „Milc bealmo", von weltlich Dingen nichts, die „Deitschländer" aber, die sind „gebildet", die verstehen das besser. Aber die „Deitschländer" - Ratgeber verstanden von „Mile healma" noch weniger. Ueberdies wurden die ungarischen Rabbonim überrumpelt, denn es handelte sich ja garnicht uin Mile dealmo, es betraf ja „Mile deschmajo". Und das hätten unsere ungarischen orthodoxen Rabbonim, denen Gottlob „Schas" und „Poskim" noch nicht mit sieben Siegeln,versehene Bücher sind,, allein besser verstanden. Sie hätten auch diesmal, wie bei jenem unqualisizierbaren Angriff des Mainzer Israelit gegen den ehrwürdigen Oberrabbiner Roth in Papa, gesagt: „Teuro" und „Jiro" lassen wir uns nicht aus „Deitschland" kommandieren. ■ So sind die protestierenden ungarischen Rabbonim arg hereingesallen. Und es ist Schade, Jammerschade um sie, denn in ihnen lebt ja ein gut Stück jüdischer Nationalismus. Kenner > der Geschichte der jüngsten Vergangenheit wissen es, wie sie sich zur Zeit der Emanzipation verhalten, und auch diesmal ließen sie sich nicht herbei, die bekannten Patriotenphrase gegen die Misrachisten ins Feld' zu führen. Sie dürfen darum bei Leibe nicht verwechselt werden mit ihren Kollegen, den deutschen „Protestrabbinern", mit denen sie nun doch zu-. sammengenannt werden. Ja es ist Jammerschade um diesen ungarischen orth. Rabbiner wegen dieses Protestes. Sie hätten ja nirgends mehr als gerade hier den Spruch 'unseres Weisen Altaljou in den „Bätersprüchen" beachten müssen: „Ihr Weisen seid borst ch t i g in eueren Worten, daß ihr nicht die S ch u l d des'Gokus aus euch Tatet und ihr vertrieben werdet nach einem Orte der schlechten Gewässer, die Schüler, die euch folgen, davon trinken und sterben, und es geschieht, daß der Name Gottes entweiht wird." Existenzfragen. Nicht allein, daß dem Juden in der Beamtenkarriöre außerordentliche Schwierigkeiten bereitet werden, sondern auch, in den.sogenannten freien Berufen

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