Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 34 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 34 des Frankfurter Israelitischen Familieublalles. Inhalt der Beilage: : Erklärung. — Die Welt-Konferenz des Misrachi. Wie der Protest der ung. Rabbiner entstanden ist. — Existenzfragen. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Bunte Chronik. — Bücherschau.— Familiennachrichten. ErttSrrmg! Herr Oberrabbiner M. A. Roth aus Püpa ersucht uns um Veröffentlichung nachstehender Erklärung : .Ich bekunde hiermit, daß mich nicht die Aufgabe meiner Ueberzeugung, sondern nur die Rücksichtnahme auf meine Kollegen veranlaßt hat, der' Preßburger .Weltkonferenzfern,zu bleiben und halte ich es für meine Pflicht, zu erklären, daß ich auch weiterhin mit gesteigerter Kraft im Interesse des Zionismus arbeiten werde.- Die Welt-Konferenz des Misrachi. Zweiter Verhandlungstag. Zum Beginne der Verhandlungen brachte Dr. Nobel unter dem begeisterten Jubel der Versammlung folgende Depesche aus der Kabinetskanzlei Se. Majestät des Königs zur Verlesung: „Seine kaiserliche und apostolisch königliche Majestät haben geruht, für die Huldigung des Kongresses seinen allerhöchsten Dank auszudrücken." Nach Wsingung der ungarischen Nationalhymne und nach Verlesung zahlreicher Begrüßungstelegramme (aus Zürich, Papa, London, Lüheck, Tapolcany, Berlin, Saffed und von Rabbiner Salomon- Neumann-Vinpooch), wird nunmehr in die Tagesordnung eingetreten. Es gelangt der von der Organisations-Kommission ausgearbeitete Programm- Entwurf zur Verlesung, über den sich eine außerordentlich lebhafte Diskussion entspinnt, die sich über die Mittagspause hinweg bis zum Nachmittag hinzieht. Schließlich wird der Entwurf der Kommission angenommen. (Das Programm, siehe vorige Nummer.) Nunmehr erhält Rabbiner L a n d a u - Botocani das Wort zu seinem Referate über „Die Erziehung unserer Jugend in Osteuropa." Er beginnt: „Die Frage der Erziehung unserer Jugend ist nicht neu und liegt auch nicht neu im Zionismus. Fast alle sechs Kongresse beschäftigten sich damit, wenn auch in einer anderen Form, nänilich unter dem Titel „Kulturfrage". Eigentlich war ein jeder Kongreß nur bestrebt, sich mit dieser Frage zu beschäftigen; jedesmal wurde sie auf die Tagesordnung gesetzt, jedesmal, wenn der Referent sprechen wollte, dann lagerte eine so drückende Schwüle auf den Delegierten,, daß der Vorsitzende sich genötigt sah, zu dem erlösenden Worte „Von der Tagesordnung abgesetzt" zu greifen. Die Kulturfrage ist der rote Lappen des Kongresses. Die fortschrittliche Richtung beschlich jedesmal die .Furcht, daß die Gesetzestreuen irgend welche Vorteile bei einem Eingehen auf dieses Thema erlangen könnten, und die .Frommen erst waren ganz nervös, denn sie fürchteten in ihren heiligsten Gütern verletzt werden zu können. Und so blieb die Debatte über die Kulturfrage ein großes Fragezeichen. Wenn wir über jüdische Erziehung sprechen wollen, so müssen wir in erster Reihe, ein Bild zeichnen, wie man heute ein Kind erzieht. Ich bedauere sehr, hier ein nicht sehr erfreuliches Bild entrollen zu müssen. Es ist ein Gebot, daß jeder Vater sich mit der Erziehung seiner Kinder beschäftigt, und unsere Weisen , haben dieses Gebot noch ausgebaut; schon sobald das Kind sprechen lernt, ist es nach ihrer Anordnung Pflicht des Vaters, es zu erziehen. So war es einst. — Mer wie ist es heute? Durch' den schweren Broterwerb ist es dem Vater nicht mehr gegeben, sich selbst.mit seinem Kind zu beschäftigen, es selbst in Thora zu unterrichten. Der Tag jagt den armen, abgehetzten Vater bis zum Abend hinaus, und so wächst das Kind bis zu seinem sechsten Jahre wild auf. Tann erst kommt die Zeit des Unterrichtes." ' ' Redner schildert nun die Chedorim, Botei- Hamidroschim und Jeschiwohs, die Jdealstätten einer jüdischen Erziehung, die unter der Ungunst der Verhältnisse sehr leiden, und die zu einer idealen Höhe zu heben, das eifrigste Bestreben aller wahrhaft ernsten und überzeugungstreuen Juden sein müsse. Wie jeder Organismus zu seinem Bestände und zu seiner Entwicklung die zwei Faktoren Licht und Wärme notwendig habe. (Licht ohne Wärme hat Erstarrung, Wärme ohne Licht Fäulnis zur Folge), so das Judentum Tauroh we daath (Thora und allgemeines Wissen) aber Daath im streng jüdischen Sinne. „Unsere Thora ist voll von Daath, wir müssen nur rationell lehren." In diesem Sinne sei auf die Jdealstätten einer jüdischen Erziehung einzuwirken und es werde wieder besser in Israel werden. Der Redner machte besonders auf die traurige Tatsache aufmerksam, daß unter den Bachurim die Haskala-Literatur, die in hebräischer Sprache das Judentum carricicrt, die das Judentum blosstellt und die noch gefährlichere ^Jargon-Literatur Eingang gefunden haben. Schuldirektor Delegierter. Vajda (Galgöcz) betonte im Anschlüsse hieran die Wichtigkeit der Mädchenerziehung. Grünberg (London) verlas einen hebräischen Protest dagegen, daß die antimisrachistischen Rabbiner die Einladung des Kongreßpräsidiums, einen Vertreter zu entsenden, unberücksichtigt gelassen haben. Nun erhält I a w e tz - Wilna das Wort zu seinem Referate über „Die Presse". Er kritisiert in scharfer Weise die Presse und Literatur der Kulturzionisten und die sogenannte Haskala-Literatur, welche in hebräischer^ deutscher und Jargon-Sprache alles wahrhaft Jüdische herabsetzen iptfc den Wfall vom wahren Judentum predigen. Dieser Vergiftung des jüdischen Laien-Publikums müsse , der Misrachi Einhalt gebieten durch Verbreitung von in genannten Sprachen geschriebenen Werken und Zeitungen, die in streng religiösem Geiste gehalten sind und zur Befestigung der Glaubenstreue beitragen. — Auch die Bibelkritik habe der Misrachi scharf ins Auge zu fassen; wir dürfen uns die Thora nicht von evangelischen Pastoren erklären.lassen. In diesem Sinne begrüßte er die epochemachenden Werke Halevy's und Hoffmann's Kritik der Wellhausen'schen Hypothesen. (Wir werden das Stenogramni dieses Reserates demnächst bringen. Anm. d. Redaktion.) Das Referat des greisen Gelehrten wird mit lebhaftem Beifalle ausgenommen. Nur die Vertreter der angegriffenen Literatur und Presse am Jonrnalistentische — besonders Dr. Bernfeld-Berlin, Redakteur des Hazaufeh — zeigen Unruhe. Mittlerweile ist es acht Uhr abends geworden, der Präsident läßt - die Sitzung auf 1 Stunde unterbrechen, um nachher mit einer Nachtsitzung über das O r g a n i s a t i o n s st a t u t sortfahren zu lassen. Der Entwurf, der aus 39 Paragraphen besteht, wird Paragraph für Paragraph vorgelesen, diskutiert und abgestimmt. Es werden nach diesem Statut, das wir noch im Wortlaut verösfentlichen werden, Ortsgruppen, Landesverbände und eine Zentral-Organisation geschaffen. Es ist zu bemerken, daß die Delegierten dem Verlangen des Vertreters des Mtionskomitees, Herrn Dr. Kahn, sich nur nach Landmannschaften zu organisieren. Widerstand entgegen setzten. Dritter Verhandlungstag. Zu Beginn der Sitzung wird über verschiedene Anträge aus der Reihe der Delegierten zu den Statuten diskutiert. Als erster. Redner ergriff Delegierter I. S. Schlesinger (Pozsony) das Wort, um in längerer Rede darzutun, daß der vorliegende Statutenentwurs des „Misrachi" das konservativ-religiöse Moment zu wenig berücksichtigt und daß es notwendig sei, die Art der Verwendung der für Palästina bestimmten Gelder in den Statuten zu regeln. Rabbiner Guttmann (Newyork) hält es für bedenklich, daß das Gebot der religiösen Gesetzestreue auch auf die einzelnen Personen als unbedingt verpflichtend ausgedehnt werde, da dies sich nicht kontrollieren lasse und der Begriff der Frömmigkeit im allgemeinen ein relativer sei. Nur die Vereine als solche können zur Respektierung des religiösen Konservatismus verpflichtet werden. Delegierter Kraßnyanßky schließt sich den Ausführungen des Vorredners an. Aus Antrag des Delegierten Dr. Fink wird die Debatte geschlossen. Die sechs Antragsteller, die zu diesem Paragraphen schriftliche Anträge eingebracht hatten, einigten sich schließlich auf den Vorschlag des Delegierten Ko pp, wonach Mitglied des „Misrachi" nur der werden kann, der sich zum Programm des „Misrachi" bekennt. Später kam hierzu ein Zusatzantrag des Inhalts, daß die Vorstände der Ortsgruppen über die Aufnahme von Mitgliedern im Sinne des misrachistischen Programmes zu entscheiden haben. Dr. Fink proponiert die Gründung von misrachistischen Frauen- und Jungfrauenvereinen, deren Mitglieder das aktive, jedoch nicht das passive Wahlrecht haben sollen. Nachdem der Antragsteller seinen Antrag begründet hatte, wurde derselbe angenommen und den Statuten angefügt. Del. Lieben wünscht, daß die Resolutionen der Referenten für Presse und Unterricht den entsprechenden Kommissionen zugewiesen werden mögen. Der Antrag wird gleichfalls angenommen. Die Kommissionen ziehen sich zur Beratung zurück und die Sitzung wurde bis 1 Uhr unterbrochen. In der Nachmittagssitzung referierte zunächst Rabbiner Grünhaus (Trok) über die Besiedelung Palästinas und über die Verwertung der landwirtschaftlichen Produkte dieses Landes. Zu diesem Referat bemerkt Del. I. S. Schlesinger (Pozsony), daß die Errichtung einer Tallis- Fabrik in Palästina sich empfehlen würde. Aktien von Keinem Nominalwert könnten zu diesem Zwecke leicht plaziert werden. Del. Lipker meint, dies könnte den armen Juden, die sich mit dieser Industrie in Europa befassen, schaden. Zum Palästinareferate des Rabbiners Grün- Hans spricht noch Delegierter Landau, worauf die Debatte geschlossen wurde und ein Resolutionsantrag des Del. Hoffman n (Pozsony) zur Annahme gelangte, des Inhalts, daß die misrachistischen Vereine verpflichtet sind, den Vertrieb der kolonialen Produkte aus Palästina zu fördern. Nach einer kurzen Debatte über Parteisteuer, die durch einen Antrag des Petersburger Delegierten Pittel hervorgerufen wurde, ging die Konferenz zur Bestimmung des westeuropäischenZentralortes des „Misrachi" über. Nachdem Del. Dr. Fink sich warm dafür eingesetzt hatte, wurde Frankfurt a. M. als solcher bestimmt. Auf Antrag Farbsteins beschließt der Kongreß, sofort eine Sammlung einzuleiten, um sich in das goldene Buch des Nationalsonds eintragen zu lassen. Del. Bettelheim (Pozsony) setzt hinzu, daß diese Eintragung zugleich als Huldigung für das Andenken Dr. Th. Herzl's gelten möge. Die Versammlung stimmt diesem Anträge bei. Hierauf rekapituliert Vizepräses Landau drei, von ihm zur Frage der Jugenderziehung im Osten eingebrachten Resolutionen. Del. Rosner (Miava) beantragt die Drucklegung der größeren Reden, die auf dem Kongresse gehalten wurden. Vorsitzender Dr. Nobel stellt die Herausgabe eines vollständigen offiziellen Protokolles in Aussicht. Tie beschlossenen Statuten werden aus Antrag des Tel. Stern (Kereßtur) jedem misrachistischen Vereine von amtswegen gesendet werden. Hierauf zogen sich dieeinzelnen Landsmannschaften zur Kandidation der in die Wgliedrkge Parteileitung zu entsendenden Delegierten zurück Nach Wiederaufnahme der Sitzung wurde die Wahl der Parteileitung vorgenommen. In derselben nehmen Delegierte und Rabbiner aus Rußland, Rumänien, Ungarn, -er Schweiz, England, Amerika, Oesterreich und Deutschland Platz. Mit der unmittelbaren Exekutive wird für Ruh-