Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 34 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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«eite 4. Vorstehers Bondy trug Oberkantor Gutmann aus Wi«l das „Ma Towu" und „Wajhi Binsoa" vor. Hierauf hifit Herr Rabbiner Dr. Deutsch aus Prass eine weihevolle Ansprache, die er mit der vorgeschriebenen Benediktton und dem Anzünden des Ner Tomid schloß. Die eigentliche Festrede hielt dann der Oberrabbiner Dr. Link. Das Schlußwort und Kaisergebet wurde von Rabb. Dr. Weiner aus Wnigl. Weinberge böhmisch vorgetragen. Mit der Absingung der Kaiserhymne schloß die erhebende Feier. England. Lorrdö«. Die »Misrachtt-Konferenz in London. Sonntag den 19. l. M. hielten die Londoner Misrachisten in London, Leman Street, eine Versammlung ab. Ten Vorsitz führte Mr. James H. L o e w e. Er setzte die Wünsche der Misrachipartei auseinander und betonte, daß die Grundlage derselben der Zionismus ist. Die Thesen der Partei sind folgende: Das heilige Gesetz und Zion sind gleich heilig; sie sind untrennbar. Sie hängen von einander ob, da sie einander ergänzen; sie beide sind die festen Stützen des Judentums. Rainer schlug dann eine Resolution vor, die aus zwei Punkten besteht: £ Die Misrachipartei ist eine zionistisch-orthodoxe Institution, die das Baseler Programm anerkennt und die zionistische Organisation unterstützt. 2. Die Vorsätze der „Misrachi" sind: politischen und praktischen Zionismus zu verbreiten, darüber zu wachen, daß zu den zionistischen Tribünen oder Kongressen kein Gegenstand und keine Person, die dem praktischen oder politischen Zionismus freind sind, zugelassen werden, darüber zu wachen, daß in der offiziellen Arbeit und in den Endzielen der zionistischen Bewegung keine Tat begangen und, keine Erllürung gegeben werde, die dem Geiste unserer Religion oder unseres Gesetzes widersprechen; darüber zu wachen, daß keine Person, wenn auch die hervorragendste, «cks offizieller Führer des Zionismus oder als Vertreter zionistischer Grundsätze anerkannt werde, wenn seine öffentlichen Aeußerungen und Handlungen im Gegensätze zu unserer Religion und zu den Zielen des Zionismus stehen; zu sichern, daß die jüdische Erziehung auf die Basis der jüdischen Religion gestellt werde und dafür zu sorgen, daß alle orthodoxen Zionisten in eine organisierte Körperschaft vereinigt werden. Herr Suwalski und Rev. Wasser zu g bekämpften in der Resolution, den Ausdruck „Personen" und meinten, die misrachistische Partei wolle nicht Personen, sondern Prinzipien bekämpfen. Und es wäre eine Torheit,' den Zionismus, der besten und freisinnigen Männer zu berauben. Die Resolution wurde mit diesem Amendement von der Versammlung angenommen. Rußland. Petersburg. Am 12. August traten die Minister und Ressortschefs unter dem Vorsitz Wittes zu einer Komiteesitzung zusammen. Es handelte sich, wie wir aus sicherer Quelle wissen, um die Abschaffung einer ganzen Anzahl von irrtümlichen Auslegungen der Judeugesetzc durch die Gouvernements- und Polizeibehörden, die durch Schiedsspruch des Senats oder Reichsrats Gesetzeskraft bekommen hatten. In neun Punkten zusammengefaßt ist die neue Verfügung durch Witte dem Zaren zur Genehmigung vorgelegt worden. Wie wir hören, sollen sie den Beifall des Zaren gesunden haben und voraussichtlich in fünf bis sechs Wochen veröffentlicht werden. Ter Inhalt des neuen Gesetzes bezieht sich in. erster Linie auf die schon bisher privilegierten Israeliten, So erhalten die Frauen und Kinder von studierten Leuten, Kauslcuten erster Gilde und Handwerkern das Recht ausdrücklich zugesprochen, bei Abwesenheit des Familienoberhauptes an ihrem bisherigen Wohnorte verbleiben zu dürfen. Tie genannten privllegierten Juden dürfen auch in Dörfern wohnen und erhalten ausdrücklich das Recht, daselbst Wohnung, Laden und Werkstatt zu mieten. Bisher wurde ihnen das Recht zum Mieten von Wohnungen usw. streifig gemacht, da im Gesetz nur stand: „Tie Israeliten haben das Recht, in den Törfern zu wohnen"; nicht aber stand da, sie haben das Recht, Wohnung zu mieten. Ferner sind einige Leine Erleichterungen für die Haltung jüdischer Dienstboten durch Israeliten vorgesehen. Auch die Reiseerlaubnis für israelitische Kaufleute erster und zweiter Gilde ist erweitert worden. Bisher dürfen diese Leute -nicht öfter als zweimal in einen Ort kommen, wo sie keine Wohnberechügung haben. Nach dem neuen Vorschlag dürfen sic nach Belieben oft außerhalb der Zone reisen; jedoch darf die Gesamtzahl der außerhalb der Zone verbrachten Tage iin Jahre 180 nicht übersteigen. JU eingeweihtcn Kreisen, in denen der dem Kaiser vorgelegte Wortlaut des Ministerialbeschlusses bekannt ist, urteilt man im höchsten Maße skeptisch über die Wirkungen der sogenannten Erleichterungen. Es wird behauptet, das Gesetz enthielte eine ganze-Anzahl von Ungenauigkeiten, die der Willkür der Provinzialbehörden Dir mw Tür öffneten. Wir können einstweilen nicht beurteilen, ob diese Auffassung berechttgt ist. Tatsache ist, daß die am meisten unter der Aus¬ Frankfurter Israelitisches Fmmlienblatt. Nr. 34. nahmegesetzgebung leidenden Kreise, nämlich die niedere Arbeiterbevölkerung an den Wohltaten des neuen Ministerialbeschlusses gar keinen Anteil hat. Kischinew. Die Freisprechung der Angeklagten von den vorjährigen Kischinewer Metzeleien hat zur Folge, daß in den Augen der Bevölkerung die Juden dort als vogelfrei gelten. Kein Wunder daher, daß in Bessarabien Gewalttaten gegen Person und Eigentum der Juden in letzter Zeit zu den alltäglichen Erscheinungen geworden sind. Wie aber die Behörden dabei sich benehmen, ist aus folgendem Vorfälle, der sich jüngst in Kischinew ereignete, zu ersehen. Beim Friedensrichter von Kischinew kam ein Zivilprozeß zwischen einem jüdischen Kleinhändler Reschko und einer christlichen Kleinbürgerin Orlowa zur Verhandlung. Während des Verhörs stürzte sich die Orlowa aus ihren Gegner mit den Worten: „Verfluchter Jude!" und stieß ihm ein Messer.in den Leib. Reschko wurde gleich nach dem jüdischen Krankenhause gebracht, wo er trotz der baldigen ärztlichen Hilfe starb. Die Täterin wurde nicht verhaftet. Bei der Obduktion der Leiche äußerte sich Untersuchungsrichter Rodewitsch in Anwesenheit der Aerzte des Krankenhauses, daß Reschko infolge nachlässiger ärztlicher Behandlung starb. In einem christlichen Krankenhause wäre er am Leben geblieben, die jüdischen Aerzte haben absichtlich den Juden Reschko nachlässig behandelt, um seinen Tod auf die Christin Orlowa zu wälzen. Die Obduktion ergab aber, daß Reschko an der von Orlowa ihm beigebrachten tötlichen Wunde starb. Ms der Oberarzt dem Untersuchungsrichter dieses Ergebnis berichtete, hieß ihn dieser schweigen, denn hier habe nur er, der Untersuchungsrichter, zu befehlen. Der Arzt hat Beschwerde eingereicht. Die Täterin ist immer noch frei. ' Mlg. Jüd. Ztg. Palästina. Jerusalem. Eine Erbschaft der Nationalbibliothek. Ter vor kurzem in Rußland verstorbene jüdische Schriftsteller I. I. W e i tz b e r g hat seine reichhaltige Bibliothek letztwillig der Nattonalbibliothek in Jerusalem vermacht. Aus bewegter Zeit.* * *) Erzählung aus der Zeit der ftanzösischen Revolutton. Bon R. 9. Fortsetzung. Ter Zug des vereinigten österreichischen und preußischen Heeres ging über das Erzstift Trier nach Lothringen. Aber anstatt geraden Wegs auf Paris loszugehen, hielt der Oberbefehlshaber, der Herzog von Braunschweig, seine Truppen mit der Eroberung der unbedeutenden Festungen Longvy und Verdun ans und gewährte daduxch dem raschen und gewandten Anführer der ftanzösischen Truppen, Dumouriez, Gelegenheit, ihm mit der Besetzung der Pässe des Argonner Waldes, zuvorzukommen. Durch diese Pässe mutzte das verbündete Heer ziehen, um über Chalons nach Paris zu marschieren. 19. August 1792 hatte es den französischen Boden überschritten, gelangte aber erst Mitte September beim Argonner Walde an. Nun befand es sich aber in der Champagne, deren Wege durch langanhaltende Regenwetter grundlos gemacht worden waren und litt zu gleicher Zeit durch ansteckende Krankheiten, eine Folge teils der ungesunden Witterung, teils des Genusses unreifer Früchte, sowie durch Mangel an Lebensmitteln. Dumouriez wandte mit großer Geschicklichkeit Unterhandlungen an, um die Feinde so lange aufzuhalten, bis ihnen ebenso bei einem zweiten Vordringen als beim Rückzuge Gefahr drohe. Ter österreichische Anführer Clairfait durchschaute diesen Plan und drang auf eine sofortige Hauptschlacht und, im Fall des glücklichen Gelingens, auf unverzügliches Losrücken gegen Paris, würde aber von der preußischen Partei überstimmt, und mußte sich daher begnügen, da er mit dem österreichischen Heeresteil allein, in feindlichem Lande und beim kläglichen Zustande der Seinigcn, nichts ausrichtcn konnte, beim König Friedrich Wilhelm HI. von Preußen über das saumselige, ja zweideufige Betragen seines Mitfeldhcrrn Klage zu führen. Ter König willfahrte ihm und erteilte dem Herzog von Braunschweig den dringenden Befehl, sogleich eine Schlacht zu liefern. Letzterer stellte zwar, 'um dem Auftrag Genüge zu leisten, das Heer in Schlachtordnung aus; nach einer kurzen, zwecklosen Kanonade aber erteilte er den Scinigen plötzlich den Befehl zum Rückzug nach^ der Grenze, während er die Oesterreicher im «tich ließ. Tas preußische Heer wurde bei seinem Rückzug durch Mangel,an Lebensmitteln, durch Krankheiten und unaufhörliche Regengüsse in eine so traurige Lage gebracht, daß sich alle Ordnung in demselben auflöste. Cs hätte durch die Franzosen leicht aufgerieben werden können, wurde aber von diesen nicht verfolgt. *) Abonnenten erhalten auf Wunsch den Anfang dieser Erzählung gratis nach geliefert! Was Dumouriez bewog, die Preußen ruhig abziehen zu lassen, bleibt ein ewiges Geheimnis. Sei cs, daß er, im Bewußtsein seiner Schwäche, es mit dem, wiewohl geschwächten, dennoch zahlreichen preußischen Heere nicht aufnehmen wollte, sei es heimliches Einverständnis mit dem preußischen Heerführer; — genug, Frankreich hatte einen zweifachen Vorteil erreicht: einerseits konnte es das vereinzelt stehende österreichische Heer leicht überwälfigen; andrerseits war es ihm glücklich gelungen, seine Gegner zu entzweien, indem Oesterreich, durch das zweideutige Benehmen des preußischen Heerführers, das Vertrauen auf Preußens Beistand ganz aufgab. Der Herzog von Braunschweig, teils durch seinen hohen Rang, teils durch seine hochadeligen Verwandten in Schutz genommen, kam mit einer bloßen Versetzung in den Ruhestand davon; das wackere österreichische Heer mutzte sich nach tapferer Gegenwehr bei Valmy gefangen ergeben. So endete der sogenannte Spaziergang, der mit so heißblüttgen Hossnungen unternommen wurde. Es war ein sehr trüber Tag; der Regen goß stromweise herab, als die gefangenen, österreichischen Soldaten nach Valmy gebracht wurden, um dort einstweilen untergcbracht zu werden, bis die in Paris tagende Volksversammlung beschließen würde, was mit ihnen geschehen sollte. Hinter jedem gingen drei französische Soldaten, welche mit den armen Verratenen ziemlich unbarmherzig umgingen; die Armen klapperten vor Kälte und konnten sich vor Hunger kaum bewegen; so oft sie aber etwas langsamer gingen, erfolgte von Seite der Treiber ein derber Kolbenstoß mit dem Rufe: „En avant, bougre ällemand!"H So langten endlich Sieger und Besiegte; mehr geschwommen, als gegangen in Valmy an.' Ties ist ein kleiner Flecken mitten im Argonner Wald, welcher durch den starken Regenguß stellenweise, von plötzlich angeschwollenen Waldströmeu durchschnitten wurde. Wie freudig scklugen die Herzen der ankommenden Krieger, als sie das niedrige Mauthäuschen, das erste Haus des Oertchens, von Ferne durch das Dickicht sahen und sich sobald unter Obdach wußten. Von ungefähr dreißig. Schritten weit vernahm man schon ganz deutlich das Belfern der Hausfrau und das Geschrei unruhiger Jungen. „Geht mir aus der Küche oder ich begieß' Euch; Ihr habt nichts da zu tun; die Haare brennen mir auf dem Kopf; heut' is' Erew Jomtow;-) ich Hab' zu kochen und zu backen, und weiß nicht, wie ich fertig werde." „Es ist aber schon halb Eins und wir haben noch nichts zu Mittag gegessen," fiefen mehrere Kinderstimmen. ' „Nun, am Erew Jomtow muß man sich ein,wenig gedulden; da habt Ihr indessen ein Stück Brot, bis die Kartoffeln fertig sein werden." „Schon wieder Kartoffeln? Tic haben wir erst gestern gehabt." „Schafft Euch etwas Besseres; ich werde heute keine eigene Küche aufschlagen!" „Vive la France" 3), riefen die französischen Soldaten, als sie einige Schritte vom Orte waren. Bei diesem Ausruf wurde der Wortwechsel in der Küche plötzlich unterbrochen und Mutter samt Kindern strömten dem Küchenfenster zu, um die Ankommenden zu sehen. „Weißt Tu, Mutter, der österreichische Soldat dort, den man gefangen bringt, scheint mir ein Jude zu sein," bemerkte der älteste Knabe. „Nebbich," erwiderte die Mutter mit mitleidigem Tone, „hätte ich nur ein Bischen Kaffee für ihn vorrätig, der arme Mensch könnte sich daran erquicken." - „Trachte, daß wir erst etwas zu essen haben!" „Ihr könnt warten, er aber mag schon, wer weiß wie lang, nichts gegessen haben. Man kann garnicht wissen, meine herzigen Kinder'!, was in unseren Zeiten Alles kommen kann; Ihr könnt auch einmal Soldaten werden und werdet auch froh sein, wenn Euch eine mitleidige Seele eine Erquickung bereitet, nachdem ihr Euch tagüber mit dem Feind herumgeschlagen habt." „Wir Soldaten werden? unser Vater ist ja reich, er kann uns einen Stellvertreter kaufen." „Hast wohl auf der Sfirne aufgeschrieben, daß Tein Vater stets reich bleiben wird und nie um sein Vermögen kommen kann, du Gassenjunge? in unfern Zeiten soll man so etwas sagen! unserm armen König hat auch Memand vor der Wiege gesungen^ was für Herzeleid man ihm angetan hat und ihm vielleicht noch antun wird." \ Unterdessen hörte man die Soldaten, die Marseillaise singend, durch den Ort marschieren; die nächst Ankommenden quartierten sich ohne vieles Nachfragen und ohne viele Umstände in den ersten b?f.-.n nächstgelegenen Häusern ein; zu allererst wurde unjer bereits erwähntes MauthäuSchen in Anspruch genommen. Mit lautem Trab traten drei französische Soldaten über die niedere Treppe, einen. Gefangenen vor sich hertreibend, grüßten die an der i) Vorwärts, deutsches Schwein. -> Rüsttag eines Feiertages. , 3j Es lebe Frankreich. Dieses'Wort, soviel als „leider" ist eine der Hauptzierden der jüdischen Volkssprache; in ihm prägt sich das ganze jüdische-Mitleidsgefühl aus!