Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 34 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34._ Irrtum ein. Und auch Herrn Schiff und den Seinigen würde es so ergehen, wenn sie sich einmal dazu entschließen könnten, ihren Brüdern näher zu treten und sie mit offenen Augen zm betrachten. Es mag jedoch hier, um die Unhaltbarkeit des erwähnten Einwandes noch deutlicher hervortreten zu lassen, auf die seit mehreren Jahren bestehende zionistische Organisation der Juden in allen Weltteilen und ihre vielsprachigen Kongresse hingewiesen werden. Nunmehr sind wir mit unseren Ausführungen zu Ende. Nur noch ein Wort an Euch, Assimilationsjuden. Ihr wolltet uns zu Euch und Eueren falschen Tendenzen hinüberziehen. Vergebliche Mühe! Wir sind zu bewußte Juden, und zu charakterfeste Mensche n, um auf schändlichen Verrat und feigen Selbstmord eingehen zu können. Ihr aber, die Ihr den Mut .nicht besitzt ganze Juden zu sein, — Ihr sollt doch zu uns kommen und uns in unserem großen Unternehmen unterstützen : Tenn sobald wir, die wir uns nicht assimiliren können und wollen, unsere Selbständigkeit erlangt haben, so werdet Ihr, die Ihr Euch assimilieren wolltet, nicht mehr als Söhne Ahasvers von den Nationen mit Verachtung zurückgestoßen, sondern als Söhne eines freien Volkes von all jenen Völkern, um deren Gun-st Ihr so sehr buhlt, mit offenen Armen ausgenommen werden. Und wenn Ihr uns fragt, aus welchem Wege denn wir zu unserem Ziele gelangen wollen, so antworten wir Euch: Der Wille ist es, der starke, geeinte Wille des starken, geeinten Israels. — Und wenn Ihr uns iviederum fragt: auf welchen! Wege hoffen wir denn zu diesem geeinten Volkstvillen zu gelangen; so antworten wir Euch: Die Einsicht ist es, die Einsicht und die Vernunft, die da sagt, daß Israel nur einen Weg, den einzigen Weg — den Weg der Wiedergeburt zu gehen hat. Es handelt sich also nicht um Sein oder Nichtsein, sondern um Sein oder ewiges Martyrium. Ihr wollet den Menschen im Juden zur Ehre bringen, so helfet uns zuerst, den Juden im Juden zur Ehre zu bringen. Erst dann, und nur dann, wird auch der Mensch im Juden zur Ehre gelangen! Aus aller Wett. Deutschland. Stuttgart. Einem Anträge des Stadtrabb'nats Stuttgart entsprechend sind seitens des Generalkommandos die Truppenteile des 13. (K. W.) Armeekorps angewiesen worden, die Mannschaften israelitischen Bekenntnisses, soweit dies der Dienst gestattet, an den hohen israelitischen F e st t a g e n zu berücksichtigen. Neresheim (Württemberg). Die israelitische Gemeinde Pflaumloch, die in den 1870er Jahren noch über 100 Angehörige zählte, geht nun vollends schnell der Auflösung entgegen. Im Läufe des Sommers sind mehrere Familien nach Nördlingen weggezogen und in den letzten Tagen hat auch der letzte Pflaumlocher Israelit sein Anwesen verkauft, um nach Nürnberg zu übersiedelu. Für die politische Gemeinde bedeutet der Wegzug der steuerkräftigen Israeliten einen nicht unbedeutenden finanziellen Verlust. Was aus der schönen geräumigen Synagoge werden soll, die im Jahre 1816 um 20 000 Gulden erbaut wurde und 'die in letzter Zeit nur noch zwei Israeliten als Andachtsstätte gedient hat,, ist noch nicht bestimmt. Breslau. Steuersatz der israel. Gemeinde. Für die Etatperiode 1901/06 wird, wie der Vorstand der Breslauer Synagogengemeinde bekannt macht, als Synagogen-Gemeindebetrag 3/s°/o, d. s. 60 Psg. von je 100 Jk des der Staatssteuer zu Grunde gelegten Einkommens erhoben. Breslau. In dem Hauptorgan der schlesischen Konservativen, der „S ch l e s. M o r g e n z t g ", war vor einigen Tagen in Anknüpfung an t: ■ Affaire Mirbach zu lesen: „Schon im gewöhnlichen bürgerlichen Leben ist es wichtig, man wird mit seinen Mitbürgern jüdischer Abstammung nicht zu intim. Es hat immer einige unangenehme Folgen. Man könnte auch hier das Wort gebrauchen: Semper haeret alinuid. Am meisten aber müssen wir wünschen, daß unsere allerhöchsten Kreise von der in jüdischen Kreisen nun einmal herrschenden Atmosphäre unberührt bleiben. Gewisse Leute an dem Hofe und in der nächsten Umgebung unseres Kaiserpaares würden uns immer die allerunangenehmsten Bedenken einflößen. Uebrigens ist solche Erfahrung wieder eine gute Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Lehre, daß von manchen Stellen und Berufen in unserem Staatsleben das jüdische Element unbedingt fern zu halten ist. Mag die Judenpresse schreiben und — schreien, was sie will. Ter Jude, so wie er nun einmal ist, gehört nicht in die Armee und die Verwaltung, auch nicht als Frauen unserer Offiziere und Beamten. Darauf sollte man mit allem Ernst halten." Führer der schlesischen Konservativen und Hauptaktionär der „Schles. Morgenztg." ist Graf Limburg-Stirum, dessen Mutter eine Jüdin war. Es ist auch niemals bisher eine Aeußerung des Grafen Limburg-Stirum bekannt geworden, die auf eine Sympathie mit antisemitischen Bestrebungen schließen ließe, llm so seltsamer berührt es daher, daß das schlesische konservative Blatt, das dem Grafen in mehr als einer Beziehung verpflichtet ist, sich derartige grobe antisemitische Taktlosigkeiten erlaubt. , Dessau. Die Stadt Dessau ist bekanntlich nach dem Tode der Baronin v. Cohn-Oppenheim Erbin eines beträchtlichen Teiles des Vermögens dieser Dame geworden, und zwar beläuft sich der gegenwärtige Kapitalbestand der aus der Erbmasse gebildeten Cohn -Oppenheim-Stiftung auf 5116000 Mark, einschließlich 132 000 Jk Konsortialbeteiligungen, deren Wert nur auf dem Wege der Schätzung festzustellen ist. Da ferner ein Teil des Kapitals in Jndustriewerten besteht, bei denen Verlust an Kapital und Zinsertrag wenigstens nicht ausgeschlossen sind, so beschloß gestern der Gemeinderat, zur Sicherung gegen derartige Verluste aus den Erträgnissen einen Reservefonds für die Stiftung zu bilden und ihn für dieses Jahr mit 50000 Jk zu dotiere». Baiersdorf (Bayern). Die Herren Seligmgnn, Chefs der bekannten Bankfirma in Frankfurt a. M., Paris, London und Rewyork, haben unserem Städtchen 10,000 Jk zum Gedächtnis an ihre dort begrabenen Eltern geschenkt mit dem Bemerken, sie würden, wenn diese Summe nicht für eine Kinderbewahranstalt ausreichen sollte, auch für die Mehrkosten aufkommen. Ter Bau ist indessen durch andere Gaben gesichert. Oesterreich-Ungarn. Wien. Ein hiesiger Magistratsbeamter, der mit seiner Frau in Scheidung liegt, erklärte in der Scheidungs-Verhandlung vor dem Richter, ein Stadtrat habe ihm gesagt, er werde bei dem Avancement übergangen werden, weil seine Frau Jüdin sei! — Die Ehe wurde aus dem Verschulden des Gatten geschieden. Wien, 20. Aug. In der Sitzung des großen Aktionskomitees bezw. der Jahreskonferenz, wurde beschlossen, den Status quo in der Leitung der zionistischen Bewegung bis zum nächsten Kongreß nur in sofern zu ändern, als daß das engere Aktionskomitee aus dem großen Aktionskomitee heraus von 5 auf 13 Mitglieder erweitert werde. Die Namen der Kooptierten Mitglieder sind: Tr. Tschlenow, Ingenieur Ussischkin, Dr. Katzenelsohn (Rußland); Dr. Bodenheimer, Direktor der Kolonialbank Wolfsohn, Professor Marburg (Deutschland): Dr. Alexander Marmoreck, Max Nordau (Frankreich): Greenberg (England). Zum Präsidenten des Aufsichtsrates der Kolonialbank wurde Ingenieur Kremenetzky-Wien und in das Direktorium derselben der Chef des weltberühmten Hauses Kann u. Co. in Haag, Herr I. H. Kann, gewählt. Tie Teilnehmer der Konferenzen sind mit dem erhebenden Bewußtsein, daß die innere Einheit der Partei fester dennje dasteht, von den Beratungen heimgekehrt. Wenn die Debatten sich oft auch stürmisch gestaltet hatten, so war das offensichtliche Bestreben Aller, zu Gunsten der Interessen der Gesamtpartei eigene Wünsche in den Hintergrund zu stellen. Auch war es offenbar, daß es Herzl trotz der kurzen Zeit seines Wirkens gelungen ist, einen ansehnlichen Stab von arbeitstüchtigen und arbeitslustigen Kräften heranzuziehen, die zu der berechtigten Hoffnung Anlaß geben, daß seine Arbeit in seinem Sinne ohne Schwanken, ohne Zögern weitergeführt werden wird. Der nächste Zionistenkongreß soll Sonntag, den 12. März 1905, in Basel seinen Anfang nehmen. Der erste Tag Pesach fällt auf Donnerstag, den 20. Tlpril. Preßburg. Der Misrachistentag ist zu Ende, überall herrscht wieder frühere Stille, nur an den Tempeleingängen wird noch jetzt lebhaft über den Misrachistenkongreß diskutiert. Diese Diskussionen sprechen alle zu unseren Gunsten. Die Kongreßteilnehmer haben auf das Preßburger Publikum einen solch guten Eindruck gemacht, daß nun überall die kurze Zeit ihres Hierseins bedauert wurde. Seit dem Kongreß ist unser Siegeslauf ein großer und dürfte auch diejenigen Elemente in unser Lager führen, welche bis nun dem Zionismus ferne gestanden sind. Eine allgemeine Aufregung herrscht über die nicht den Tatsachen entsprechenden Artikel eines bekannten süddeutschen orthodoxen Blattes. Der Korrespondent dieser Zeitung muß blind sein, denn sonst ist es unbegreiflich, eine Menge von 300—100 Personen für 10—12 ansehen und unter 70 Bachurim keinen einzigen finden kann. Nicht nur die hiesige Jeschiba war zum größten Teil vertreten, sondern auch von der weiteren Umgebung kamen Seite 3. die Talmudisten zur Konferenz. Zwei Talmudisten waren sogar Delegierte, 10 Bachurim befanden sich im Empsangskomitee und standen Tag und Nacht auf dem Bahnhof den Delegierten zur Verfügung. Bodenbach, 26. Aug. Heute kamen hier 90 rumänische Auswanderer an, die auf ihrer Reise nach Amerika in Leipzig angehalten und zurückgeschickt wurden. Tie Allianz nahm sich ihrer tatkräftig an und besorgte ihnen Nachtlager und Essen. Prag» 28. Aug. Heute Nachmittag kamen hier 90 rumänische Auswanderer von Bodenbach an. Der Vorstand der hiesigen Mianzfiliale empfing sie am Bahnhofe und ließ sie in Trupps von 20 Mann in die israelitische Volksküche führen, wo sie gastfreundlich bewirtet wurden. Abends reisten sie über Furth i. W. ab. Hoffentlich erreichen die Unglücklichen ihr Reiseziel Amerika ohne weitere Störungen. Goltsch-Jenika« (Böhmen). Die jüdische Ferienkolonie in Goltsch-Jenikau hat auch heuer ihren langjährigen guten Ruf vollständig gerechtfertigt. Sie beherbergte diesmal 30 Knaben. Die Kinder verließen mit blühenden Wangen und in fröhlichster Laune den herrlichen Aufenthaltsort. Budapest. Zur Einweihung der dank seiner Munifjzeuz erbauten neuen Kirche kam der Erzbischof von E g e r, D r. Josef S a in a s s a, persönlich nach Nyiregyhüza und empfing bei dieser Gelegenheit zahlreiche Deputationen, darunter auch die vom Oberrabbiner Dr. Adolf Keleiit c n geführte gemeinsame Deputation der Nyiregyhäzaer israelitischen Status-guo-Gemeinde und der autonomen orthodoxen Gemeinde. Der Sprecher der Deputation, Oberrabbiner Tr. Adolf Kelemen hielt an den Erzbischof eine gehaltvolle Ansprache, welche auf den Ausspruch des Psalmisten: „Haben wir doch alle einen Vater, hat uns doch e in Gott geschaffen! Warum sollen wir treulos handeln Einer an dem Anderen und den Bund unserer Väter entweihen?!", basiert war. Auf diese Rede antwortete der Erzbischof: „Die geofsenbarten Wahrheiten müssen Gemeingut der Menschheit werden: sie sind es, die die beiden geofsenbarten Religionen an einander knüpfen. Wohl ist es wahr, daß das Werk der Liebe noch nicht vollständig ist. Vom Berge Sinai ist die erobernde Kraft des Rechtes, des Gesetzes und der Wahrheit zum Heile des Menschengeschlechtes ausgegangen. In allen Lagern ist dagegen oft und viel gesündigt worden, aus verständlichen Gründen: die Menschen sind eben schwach! Ich selbst bin ein alter, Mann, zähle 76 Jahre, 66 davon in Arbeit verbracht. Mich kann Lob nicht mehr erhöhen, Tadel und Verkennung nicht mehr schrecken. Mir gaben meine Religion und die Liebe zum Baterlande die Kraft zum Kampfe des Lebens: wen diese beiden Gefühle beseelen, der wird diesen Kampf siegreich bestehen. Ich danke für Ihr freundliches Erscheinen. Gott segne Sie!" Budapest. Statistische Daten. Ungarn zählt 707 472 Juden, von denen sich 451209 zur ungarischen, 223 488 zur deutschen, 13 370 zur slowakischen, 5359 zur rumänischen und 1152 zur russischen Nationalität bezw. Muttersprache bekennen. An der Budapest er Universität waren im vergangenen Halbjahre unter 5703 Hörern 2000 Juden inscriüiert, davon gehörten 1224 der juristischen, 403 der medizinischen und 373 der philosophischen Fakultät an. Grotzhöflein. Unser Ort war heute der Schauplatz einer prachtvollen Hochzeitsfeier, der Hochzeit des Fräulein GisellaFigdor mit Herrn Jakob Keller. In seiner tief durchdachten, streng religiös gehaltenen Trauungsrede kam Se. Ehrwürden Herr Rabbiner K u t t n e r auch in durchaus sympathischer Weise auf den Zionismus zu sprechen. — In demselben Sinne sprach auch während der Tafel der Bruder des Bräutigams, Oberleutnant Eduard Keller, für den in Ungarn mit dem Patriotismus unvereinbar gehaltenen Zionismus, er geiselte in markigen Worten alle jene unsere Glaubensgenossen, die sich von der Klarmachung der Nationalidee fern halten und dennoch darüber, die Folgen nicht einmal berechnend, den Stab brechen. Die begeisternden Worte blieben selbstverständlich nicht ohne Wirkung: es entspann sich ein längerer Disput über den Zionismus und das will im „Oedenburger Koniitat", wo man das Wort „Zion" nur vom Gebetbuche her kennt, viel sagen. — Vor dem Tischgebet trug Herr Oberkantor Joel Herskovitz den schönen hebräischen Kantus „auch lau obdah tikwatenuh" so meisterhaft vor, daß die darauf folgende Sammlung IM Kronen für den Nationalfonds abwarf. 8—1 B—r. Dobrts, 28. Aug. Heute fand hier unter massenhafter Beteiligung die Einweihung der neuerbauten Synagoge statt. Aas allen Gegenden Böhmens waren Juden herbeigeeilt, um diesem in Böhmen so seltenen Feste beizuwohnen. Punkt 2 Uhr wurden die Thorarollen aus der alten in die neue Synagoge überführt. Die die Thorarollen tragenden Rabbiner und Vorsteher gingen unter einem Baldachin. Hierauf begrüßte Rabbiner Dr. Link die Festgäste vor der neuen Synagoge. Der Vertreter der politischen Behörde übernahm den Synagogenschlüssel mit dem Versprechen, die Synagoge zu schützen. Nach einer kurzen Antwort des Kultus-