Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 34 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 34. Und sie schlürfen Luft und sie trinken Sonnenlicht wie Blumenkelche nach einem Gewitter. Und sie stillen ein klein wenig ihren Hunger und sie stillen ihren Durst: Lufthunger und Sonnendurst — daran leiden ja all unsere Wanderer. Und sie laben sich, die kranken Herzen, an dem Licht und sic fühllen es, die gequälten Märtyrer, daß sie ihre Seele doch gerettet haben, obwohl Hab und Gut verloren. Und darum leuchten ihre müden Augen und strahlen ihre fahlen Gesichter. — Und doch! * Nicht so leicht zerreißt man jene vielen Fäden, die einen Menschen an seine Heimat knüpfen; die auch das Weh des Lebens mit dem Zauber einer märchenhaften Vergangenheit auszeichnen. Und es erwachen die Erinnerungen, die tief in der Seele schlummerten — und wie Plagen sie doch, wenn man von ihnen Abschied nimmt! Das Band der Erinnerungen, es ist stärker denn Fesseln — und wir sind ja das Volk der Erinnerungen! Dort sang ihm seine Mutter das wunderschöne Wiegenlied, dort träumte er und dort erwachte er — Und wo die Wiege stand — wie gerne möchte man dort das Lied bis zu Ende singen! Gar mancher Auswanderer hinterläßt Frau und Kind in jenem Lande, dem er auf Nimmerwiedersehen Adieu sagt. Und wie liebt doch ein Jude seine Familie! Wieviel jüdisches Blut hat dort jede Erdscholle eingesogen; welch' eine Fülle von Lebenssäften jüdischer Jugendfrische ist dort begraben — Und wie liebt doch ein Jude seine Toten! Wie gerne möchten sie die Gräber mitnehmen, die Gräber der Väter. sAus den Gräbern der Väter schöpfen ja die Söhne neues Leben — und wie reich sind wir doch an großen Toten, an toten Fürsten! Unsere Friedhöfe, sie sind unsere Lebensquellen.. Paradox, doch richtig; traurig, leider — zu wahr. Und es wandert der Jude und er nimmt Abschied - von seinen Toten. Diese haben ja im Leben genug gewandert, nun ruhen sie, die müden Beine. Und cs wandert der Jude mit der ihn schmerzvoll auszehrenden Sehnsucht nach den alten Gräbern — aber bald entstehen ihm neue Gräber in einem neuen Lande. v f * Am dxmtfiüsibq Hauptbahnhof könnt Ihr sie jeden Abend sehen, unsere wandernden Brüder. Eine große Schaar. Ein Wirrwarr, kunterbunt durcheinander. In der Flucht ist ja die Unordnung — ganz in Ordnung der Tinge. Sie ruhen hier einige Stunden -nach einer zehn- oder vicrzehntägigen Fahrt, voll Strapazen und Gefahren; sie ruhen, um dann weiter zu wandern. Es sind meistens hagere Gestalten, abgeplagt und abgequält. Das Gesicht fahl, die Wangen hohl Totenblässe; wie mit einem Leichengewande ist ihr Antlitz bedeckt. Es ist ja ganz natürlich. Wie soll denn Blutröte ihre Wangen färben, wenn sie doch aus Kischinews kommen?! ... Mles ist düster um sie. Auf der Stirne lagert eine dunkele Wolke. Schwarze Schatten kauern um die Lider. Aber die Augen, ach die Augen! Wie schimmern sie doch voll Glut! sic sprühen Leben, sie blitzen, sic funkeln. — Und wenn mau in ihre tiefen Augen tief schaut, glaubt man wahrlich den Meeresgrund zu sehen, wo die Wogen nicht brausen, die Wellen nicht sausen. Denn voll Wehmut blicken ihre Augen in die Ferne und sie sind so verklärt, so traumverloren — j Hier eine junge Jüdin. Ihr Mann ist in den /Krieg gezogen und sie wandert mit ihren drei Kinderchen nach Amerika, um dort durch Nähen sich und ihre Kleinoden zu unterhalten, bis er, der liebe Mann, der „Brotgeber" bis er von dem blusigen Schlachtfelde zu ihr zurückkchrt. Wovon mag über das kleine Kind träumen? Es lächelt gar. Doch nein! Es versteht schon etwas von Golus: das lispeln seine trocknen Lippen . . . Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Eine alte Frau. Was sucht die da in der neuen Welt? Schwer, sehr schwer entschloß sie sich dazu. Dort, in ihrem Städtchen, hat sie ihren Mann und ihre einzige Tochter — auf dem Friedhofe. Wie schwer fiel es ihr, von ihnen Abschied zu nehmen! Wie gerne wollte sic d o r t, in ihrem Heim, den Todestag erleben! Wie gerne wollte sie, die 'Alte, den Todesengcl dort abwarten und zwischen ihren lieben Todten liegen! „Ich bin schon alt. Sterben könnte ich auch dort, aber bis dahin leben — das konnte ich dort nicht mehr." Und sie wandert zu einem Bruder; auf dem Markt kauft man jetzt wenig. Sowohl Obst als Brot... — Gar viele Jünglinge und Männer im vorgerückten Alter. Sie wandern, weil sie nicht gegen den Feind ihrer Feinde in Krieg ziehen wollen; weil sie nicht ihr wenig Blut aus einem fremden Boden für einen fremden Boden vergießen wollen. Wieviel junge zarte Wurzeln mußten da entwurzelt werden? Wieviel Jugendfrische muß verwelken, Lebenssaft verdorren! Wie doch aber hätten sie für ihr Land gekämpft! Ein älterer Herr. Er schweigt und blickt mit halbgeschlossenen,Augen in die Ferne. Er denkt an seine Frau. Sie erwartet schon sicherlich Geld aus Amerika: „Bin ich doch schon fast vier Wochen unterwegs!" Er kann sich nicht entschließen, ob er ihr von all den Gefahren schreiben soll, wie er ihnen doch entkommen ist. Ter Soldat an der Grenze rief „Halt!" und hat geschossen — einmal, zweimal. . . Nein, sie wird erschrecken, das schwache Weib! Man bietet ihm ein Stückchen Brot an. Alle haben es schon erhalten, nur er war so sehr in Gedanken versunken und merkte nichts. Zum ersten Male nimmt er Gnadenbrot an. In seinem Städtchen hat er selber einige Jeschiwoh-Bachurim beköstigt. Er will nicht geschenktes Brot essen — aber die Augen, ach, sie fressen es so gierig und der Mund, er verzehrt es auch ohne des Eigentümers Willen... Und seine Frau erwartet von ihm in diesen Tagen einen Geldbrief aus Amerika! Tie Kinder gehen barfuß, ^dem Melamed hat sie noch nicht bezahlt und der Hauswirt droht bereits. . . „Ein Geldbrief? Soll ich an sie schreiben, daß ich noch unterwegs bin?" Die Pulse hämmern an die Schläfe. Traurige Gedanken sausen.hinter seiner breiten Ssirne vorbei. Was mag aber da der Greis, der mit den Wanderern so mutig marschiert? „Ich bin zwar alt, doch noch jung. Ich kann noch arbeiten. Glaubt mjr: ich kann noch arbeiten. Fragen Sie 'mal alle' die Leute: bin ich nicht lustiger als die Jungen? Ich unterhalte ja auf der Reise unsere ganze Gesellschaft: Witze, Geschichtchen. Sie verstehen? Ich erzähle und sie hören. Ich weiß viel zu erzählen, ich kenne das Leben: ich bin schon ein alter Mann. Aber ich will doch noch so leben, wie ein junger Mann . . ." Man braucht nur seine feurigen Augen zu sehen und man glaubt es ihm gerne. Min geht er hin, in einen Winkel. Er betet M a^- r i w. Ein schöner Greise. Ein langer, weißer Bart wallt auf seine Brust hernieder. Eine breite, gramdurchfurchte Sttrn. Wieviel Hoffnungen mögen da zwischen ihren Runzeln begraben sein? Er war zwar weder Reformnoch Protestrabbiner, daß er je dieses Gebet geheuchelt hätte. Tvch empfand er cs nie so mächtig, so innig, so tief. Zion — wie gerne möchte er doch dorthin wandern! Wahrlich, es ist mehr als eine Tragödie. Die Erben des zionistischen Vermächtnisses. Von Schalmaun. (Schluß.) „Die Türkei", behauptet Herr Paul Schill, »wird nie und nimmer die erhoffte Selbständigkeit eines jüdischen Staates in Palästina zugeben." Und die Gründe für diese Behauptung? Einen doppelten Zweck verfolgt augenscheinlich Herr Schiff mit seinem Artikel: erstens die Gegner des Zionismus in ihrer Gegnerschaft zu bekräftigen; zweitens die Zionisten zum Aufgeben ihrer Hoffnung auf die von ihnen erstrebte Selbständigkeit zu veranlassen. Allein es will uns nicht einleuchten, wie dies mit bloßen Behauptungen, die jeglicher Begründung entbehren, geschehen soll. Ein solches Verfahren dürfte nicht einmal ans seine Gesinnungsgenossen den geringsten Eindruck machen. Demnach lvären wir mit Herrn Schiss bereits fertig. Jedoch wollen wir ihm mit Eintvänden gegen den Zionismus, die den Schein einer logischen Begründung erwecken, gerne behilflich sein. Die Türkei — meinen unsere Widersacher — kann nicht ein „imperium in imperio" zugeben. Nür vergessen die Allzuklugen und Allzuklügelnden,' daß es sich hier nicht um einen christlichen, sondern um einen jüdischen Staat handelt: ein christlicher Staat hat hinter sich die christliche Weltmacht, aber ein Judenstaat — auf wessen Beistand könnte er denn rechnen?! Wer seit wann ist überhaupt das jüdische Volk so streitsüchtig und agressiv, daß es Anlaß zu Befürchtungen vor Eroberungsgelüsten geben könnte! Ist doch die Stärke des jüdischen Volkes gerade in seiner defensiven Stellung, die es unter den Nationen einnimmt, zu suchen. Israel hat in der Leidensschule seiner zweitausendjährigen Verfolgungen zu dulden und anszuharren zur Genüge gelernt. Und solche iin Charakter eines Volkes tief wurzelnden Eigenschaften lassen sich nicht so leicht verwischen, und selbst wenn es schon seine Befreiung erlangt hat. Vielmehr hat man Grund, zu erwarten, daß die' Inden, nach allen ihren traurigen Erfahrungen unter der Christenheit, mit den muselmännischen Nachbarn in Frieden leben werden. Die letzteren haben immer Sympathie und Verehrung den Juden entgegengebracht, die als treue Bürger einen guten Ruf haben. Die Hochschätzung dem jüdischen Volke gegenüber ist bekanntlich in der Dynastie der Osmanen traditionell. Es gehört nicht in den Rahmen unseres Artikels, die Ursachen dieser Erscheinung zu untersuchen, wir müssen uns hier mit der Anführung der Tatsache begnügen. Tie Türkei kann aus einem autonomen, unter ihrem Schutz und Oberherrschaft stehenden Judenstaate nur Vorteile und Stutzen ziehen. Eine jüdische Niederlassung Ivird den Bestand des ottomanischen Reiches wesentlich stärken und sein Ansehen erhöhen. Jedenfalls wird wohl die Türkei keine Hindernisse in den Weg legen, wenn wir eine Zufluchtsstätte in den dazu so geeigneten Nachbarländern Palästinas errichten. Ms weiterer Einwand wird gegen 'uns geltend gemacht, daß die türkische Negierung niemals das „edle Heiligtum" — Kuds—i—Scherif — den Juden abtreten wird; als ob die Zionisten ihr Werk mit Jerusalem beginnen wollten! Ntun kommt der Einwand, der gegen den Zionismus so häufig ins Feld gezogen wird, daß die europäischen Mächte die Gründung eines Judenstaates nicht gestatte» werden. Wir sind weit davon entfernt, uns.auf ein politisches Gebiet zu begeben, um nachzuweisen, daß es gerade im Interesse einer möglichen Lösung -der orientalischen Status quo-Frage liegt, das strittige Gebiet Palästinas einem neutralen Volke, wie dem jüdischen, zu überlassen. Cs genügt hier der Umstand, daß seit zweitausend Jahren eine Judenfrage existiert, die nicht minder eine Weltfrage ist, deren Lösung allen Nationen nur zum Nutzen gereichen .wird und die keinen weitern Aufschub duldet. Cs bleibt uns jetzt noch übrig, dasjenige Argument zu prüfen, welches man iin Hinweis auf die Zerstreutheit der Juden und ihre Verschiedenheit gegen den Zionismus . geliefert zu haben glaubt, wobei man sich auf eine Aeußernng Herzls in seiner Recension von Tumas „Femme de Claude" beruft. Bor allem wolle man doch bedenken, daß diese Aeußernng Herzls aus jener Zeit stammt, wo er noch dem Judentume fern stand und das Wesen des jüdischen Volkes nicht erfaßt hatte. Kaum aber war er mit den breiten Massen seines Volkes in Berührung gekommen und hatte dessen gar manche scheinbare Widersprüche und Extreme vereinigenden Charakter zu begreifen begonnen, da sah er seinen