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Neue jüdische Presse · 1904-09-02 · Heft 34 (2.9.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 34 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zlraitkfrtrter i .. ■ » Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). H-daKttoil Md HefchäftssteM: Srsnkfurl a. m.» LeAigkeuzgaffe 32. Lcke Llapxerfeldstraße (gegenüber der Neuen Zell). —'i-x-; Heraitsgsvep: Sarg Heis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. . . .* . 25 M. Die Reklamezeile . .. 100 » Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe r „ Beilagen: Das Tausend ML 5.— bis ML 8.- 2. Jahrgang. Freitag, de« 22. EUul 5664 (2. September 1904). R-. 34. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Tekio und Selicho. von Benno Fischer. — Der wandernde Jude, von Jakob den 'Elijah. — Die Erben des zionistischen Vermächtnisses, von Schalmaun. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus bewegter Zeit, von R. — Kunst. — Briefkasten. Tekio und Selicho. Von Benno Fischer. Es herbstelt in der Natur — der Sommer neigt zu Ende. 'Auch unser jüdisches.Jahr naht dem Schluffe. Und bevor die Pforten des alten Jahres sich schließen, werden noch zwei Lehren dem seines Judentums bewußten Juden ans Herz gelegt, zum richtigen Verständnis des alten, und zur rechten Gesinnung für das neue Jahr. Mit Tekio und Selicho sagen wir dem alten Jahr Lebewohl — mit Tekio und Selicho begrüßen wir das neue. , /Tekio! Es ist der Schauforton, der Ruf der Kriegsposaune, das Signal zum Kampfe. Das Leben' ist ein Kampf — welch' altes Wort! und welch' wahrerSinn! Mer, durch Kampf zum Sieg, denn der Kampf ist der Vater aller Dinge' — das lebt im jüdischen Bewußtsein, das wird bewußt im jüdischen Leben. Und ein Kampf ohn' Unterlaß, jetzt noch, noch immer, zum Schlüsse des alten Jahres; denn , nie ist der Mensch seiner Lebenspflicht enthoben. Er soll nicht sagen: das Vergangene ist verloren, das Verlorene geb' ich auf, das alte Jahr nützt mir nicht mehr, im neuen will ich ein neues Leben beginnen. So sprechen die Trägen, so denken die Gleichgültigen — ihr Vorsatz ist nie ernst genug, ihrer Vornahme fehlt das Merkmal des Mutes. Jetzt, gerade jetzt, noch in den letzten Phasen des alten, zeige, ob du es ernst meinst mit dem neuen Jahr, jetzt zeige, ob du Energie genug besitzest, deinen Vorsatz zu erfüllen. Darum ruft die Stimme des Schaufor zum Aufbruch, mit dem Neumond des Ellul ertönt Tekio in allen „Bersammlungshäusern" Israels. Ten Tönen der Tekio folgen die Klänge der S e l i ch o ß, Bußgedichte, Versöhungslieder. .Man hat uns oft den Vorwurf gemacht, der Gemus des Judentums könne, wenn er die Leier berührt, nur. krankhafte Elegien, Jammertöne von Selichoß anstimmen. Weltflucht und Askesch Resignation und Wehmut seien die Grundtöne der jüdischen Dichtung, und so sei der Charakter der jüdischen Poesie, wie der Charakter des jüdischen Gemüts, der Pessimismus, die Lebensverneinung. Nichts irriger als dies. Die Nörgler hatten keine Ahnung von der erhabenen Bedeutung dieser Selichoß. Denn gerade in ihnen, in diesen „V e rs ö h n u n g s Lichtungen" offenbart sich die wunderbare Größe und Kraft des wahren Optimismus, der Weltbejahung, der im jüdischen Wesen, durch die großartige Erziehung seines Gesetzes und seiner Lehre, unverwüstlich wohnt! Kein Jammer und Elend konnte diese Kraft brechen, ja gerade im Leiden seinem poetischen Genius entsprossenen Selichoß, bewahrheitet sich diese Kraft. Tenn nicht das nennen wir den echten Optimismus, der die Well im rosigsten Lichte traumhafter llmgaukelung sieht, nur die Lust und die Wonne, die Schönheit und die Annehmlichkeit des Lebens empfindet, der aber alles Harte und Bittere im Leben unbeachtet läßt, das tiefe Leid und den großen Jammer des Daseins nicht fühlt und erkennt — sondern gerade der unverschleierte, erkennende Geist, der die Bitternisse der Welt wohl begreift, die Traurigkeiten der Geschichte mit sinnendem Verstände betrachtet und das Leid und Weh der Geknechteten im Herzen erfaßt und tief empfindet, dennoch aber das Vertrauen nicht läßt, die Hoffnung nicht ausgiebt auf eine bessere Zeit; denn die Zuversicht ist in ihm stark,, der Leiter der Geschicke, der große Gott der Gerechtigkeit werde die Tränen trocknen, das Elend lindern, das Unrecht tilgen, die Geknechteten befteien: diesen Geist nennen wir den echten Optimismus, ein solcher Geist ist der jüdische Geist. Und dieser echte, jüdische Optimismus tönt uns aus den Selichoß entgegen. Denn wie wehmütig diese Selichoß auch beginnen mögen, wie voll der Klage sie auch seien, wie tief sie auch das große Weh enthüllen — sie lösen sich doch immer in Hoffnung auf, sie klingen doch wieder in Vertrauen aus; nicht niederdrückende Mutlosigkeit, nicht verdüsternde Resignation ist" der Schluß dieser Tichtungen, sondern ein Aufblick zu Gott, voll' Vertrauensseligkeit, der das Gemüt beruhigt, die Kraft erneuert, den Mut festigt. Und bas Wesen dieser Dichtungen, der Begriff dieser Selichoß ist Versöhnung. Versöhnung — nicht Erlösung. Wohl kennt auch das jüdische Bewußtsein die Erlösung, die Erlösung in ihrer ursprünglichen, von geistiger Verflüchtigung verschonten, lebendig-leiblichen Bedeutung. Wer eine Erlösung, die das Dogma einer anderen religiösen Gemeinschaft wurde, eine Erlösung von menschlicher Sündhaftigkeit durch das übermenschliche Verdienst eines andren, durch den Opfertod eines einzelnen, ja sogar durch den bloßen Glauben daran — die ist dem jüdischen Geiste fremd, ihm erscheint das ungerecht, weil unverdient. Versöhnung erstrebt der Jude, Selicho durch Teschuwo; er kämpft selber für sein eigenes Heil, er ringt selber für seine Besserung, er strebt selber aus Kampf zum Sieg. Nur eigenes Ringen kann ihm die Beruhigung des Gewissens geben, nur eigener Sieg ihn erheben. Und mit ruhigem Gewissen verläßt er das alte Jahr, um mtt mutigem Sinn das neun zu beginnen. Tekio und Selicho hallen ihn nach, Tekio und Selicho tönen ihm entgegen! Der wa«dern-e Jude. , Bon Ja-k-obden Elijah. Es ist Hochsaison der Wanderer. Es wandert der Tourist, um an der Pracht und Herrlichkeit der Natur das gierige Auge zu ergötzen. Es wandert der Großstädtler, um in Sommerfrischen das durstige Herz zu erquicken. Und es wandert — der Jude, um mit heißem Schweiß irgendwo ein Stücklein Brots erarbeiten zu dürfen. Denn er darf es nicht in jenem Lande, woher er eben so sehr eilt. Nur Pitaums und Ramses' soll er dort den Pharaonen errichten! Und nun zieht das Jndenvolk aus dem Lande, wo es nicht weinen darf, wenn man es auch wund peftscht; wo es nur ein zugemessenes 'Luftquantum einatmen und nur innerhalb bestimmter Grenzen feine Toten begraben darf ... Wärmer und Frauen, Alt und Jung, Mütter und Säuglinge — sie alle reißen sich los von dem fluchbeladenen Boden und lausen eiligst aus derr engen dumpfen Ghettos, wo die Sonne nicht scheinen und ihre Strahlen nicht erwärmen dürfen. Wer wohin? Nicht denken möchten sie, die müden Wanderer, an diese teuflische Frage, die das Mark aus dem Hirn aussaugt. Woher — das ist hier die Frage und doch zugleich die Antwort. Denn verlassen haben sie den verruchten Boden, der von ihrem Blute und ihren Tränen reichlich durchtränkt und noch immer durstig'ist; der jedes Jahr neue Opfer fordert und immer anspruchsvoller wjrd. Und sie wollen daher ftoh und munter^/sein, daß sie das häßliche Land mit all seinen häßlichen „Märchen" hinter ihren Rücken haben. Dieser Gedanke an das Woher — er ist «in Trostgedanke, der wie ein lieber Reisegefährte mit den Wanderern mitwandert. Und er begleitet sie auf ihrem langen Wege und erleichtert ihnen all die qualvollen Strapazen. Und sie vergessen das Wohin über das Woher! Auch Moses und das Volk Israel haben ja Lieder zu fingen begonnen, ehe sie das Land kannten, in das sie einziehen sollten. Es genügte ihnen, daß sie aus Egypten auszogen — und sie sangen bald das erste Befreiungslied Judas. Und so feiern auch jene Auswanderer ihren Auszug — aus den Kischinews und Hömels.. Wann hätte sich ein Jude je fteuen dürfen, wollte er auf das Glück warten und nicht vielmehr schon im Unglück seinen Trost suchen und finden?! Wie hätte unser Volk Festtage feiern können, wenn es nicht jener Tage gedenken sollte, wo es das eine Uebel los wurde — bevor es in das zweite geraten war?! Daher mag die bittere Fmge des Wohin doch/ die Freude an den Gedanken^ves Woher nicht peö gällen. Hinter ihnen Dunkel (unp^vor ihnen? — Wer fort mtt der nörgemheu Vernunft; das fteie Herz schlägt--höher! Und sie atmen auf, die Lusthungrigen, nach langjähriger Einkerkung in den moderigen, sumpfigen' Ghettogassen, die zu wenig Sonne haben, um nicht dort verwelken zu müssen — jedoch reichlich genugum mit dm schlaffen, welken Augen, neidisch-sehen zu könnest, w« die andern sich am vergnügten Leben weiden . ' w.!fel& K

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