Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1904-08-26 · Heft 33 (26.8.1904) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 33 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692358-2692391--01058-2695529
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

m Seite 4 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 33. Petersburg. In den Personalverhältnissen der russischen Residenzprcsse ist ein interessanter Vorgang, zu verzeichnen. Herr A. Stolypin. der bisherige Chefredakteur der „Peterburgskija Wjedomosti", ist seit einigen Tagen zur „Nowoje Wremja" übcrgegangen und zwar allem Anschein nach ohne damit von den Prinzipien abzugehe», die er bisher in den „Peterburgskija Wjedomosti" vertrat. Zu diesen Prinzipien gehört bekanntlich eine erfreuliche Duldsamkeit .gegen die nicht nationalrussischen Bevölkernngselemente des russischen Reiches, insbesondere auch gegen die Juden, während die „Nowoje Wremja" bisher auf dem Standpunkt des engherzigsten und verranntesten Antisemitismus bcharrtc. So kann man denn seit einigen Tagen die interessante und beachtenswerte Erscheinung beobachten, daß dieses Blatt, das bisher unverfroren für die Unterdrückung der Juden eintrat, neuerdings Artikel bringt, in denen einer humaneren Behandlung der Juden, einer Erweiterung ihrer Rechte usw. das Wort geredet wird. Bei der Disziplinlosigkeit der russischen Preise, die cs mit sich bringt, das; ein und dasselbe Blatt gelegentlich ganz entgegengesetzte Auffassungen vertritt, bedeutet, die in Rede stehende Erscheinung allerdings noch nicht, daß nun die „Nowoje Wremja" auch als solche sich auf einen anderen Standpunkt in der Judcnfrage stellt; aber immerhin ist cs erfreulich, daß sie jetzt in dieser Frage einer soviel duldsameren Auffassung Raum giebt und wenn sich auch in diesem Falle das bekannte Renommee der „Nowoje Wremja" bestätigt, daß sie nämlich eine vorzügliche Spürnase dafür hat, aus welcher Gegend jeweils der Wind in den maßgebenden Kreisen weht, so darf man diese Tatsache vielleicht als eine Bestätigung der in der letzten Zeit zahlreich umherschwirrenden Gerüchte ansehen, wonach in der Tat eine Revision der Judcngesctzgcbung in fortschrittlichem Sinne im Werk sein soll. (Frankfurter Zeitung.) Riga. Polytechnikum. Wie wir hören, können nach dem gegenwärtigen Stande der A u f n a h m e - Meldungen, von den jüdischen Aspiran t c n nur solche sicher auf Aufnahme rechnen, welche Vorzugsrechte (auf Grund der §§ 9 und 10 des Statutes) genießen und dabei in ihren Zeugnissen über die Absolvierung des vollen Kursus von Mittel schulen den Motendurchschnitt 5 haben. In den technischen Abteilungen (im Gegensätze zu der Handelsabteilung/ könnten noch die Privilegierten jüdischen Aspiranten mit dem Notendurchschnitt 45/6, wenigstens teilweise, in Betracht kommen. Ein Konkurrenz-Examen für nichtprivilcgierte jüdische Aspiranten ist hiernach von selbst ausgeschlossen. Für die übrigen Aspiranten hingegen dürften, nicht nur in den sonstigen, sondern auch in den Jngenieur- und Mechanischen Abteilungen Konkurrenz-Examina stattfinden, da auch in diesen, wider Erwarten, einige Vakanzen für nichtprivilegierte christliche Aspiranten frei geblieben sind. Dwiusk. Starke Emigration. Außer einer beispiellosen Geschästsstille hört und sieht man auch hier nur wenig. Auffallend ist die gesteigerte Emigration der hier ansässigen Hebräer, die bekanntlich den größten Teil der hiesigen Einwohnerschaft ausmachen. Es wird allgemein behauptet, daß nicht weniger als 2000 Seelen im Laufe dieses Jahres sortgezogcn sind, um in Amerika, Südafrika ,c. eine bessere und einträglichere Heimat zu finden. Düna Zeitung. Frankreich. Paris. Der »Matin" hat bei kirchlichen Beamten des katholischen, evangelischen und jüdischen Ritus eine. Umftage über die Folgen veranstaltet, die eine Trennung von.Staat und Kirche für die Priester haben würde. Die Katholiken antworten zumeist, das; nur auf dem platten Lande ein geistiger Notstand zu befürchten wäre. Im übrigen könnten die Priester nebenbei Handwerker werden und unter dem Volke leben. Derselben Ansicht ist das Pariser Nabbinat. Die Protestanten sehen der Trennung von Staat und Kirche mit größter Seelenruhe entgegen, da ihr Kultus größtenteils von Privatspenden lebt, die später gewiß noch anwachsen würden. nrinisterium des Innern für Kirchen- und Schulangelegcnheiten vom 22. April v. Js. und 17. Mai Js. beantragt, die in Ziffer 4 und 5 der Ministcrial-Entschließung vom 29. Juni 1863, den rechtsrheinischen Bezirks-Rabbinern Bayerns eingcräumten Besugnisse auch den pfälzischen Bezirks- Rabbinern zu gewähren. Gegenwärtig werden die Synagogcnausschüsse der Pfalz von den Verwaltungsbehörden in dieser Sache vernommen. Haunover. Israelitische Volksschulen ind im Regierungsbezirke Hannover dreizehn vorhanden. In diesen werden 96 Kinder von 13 Lehrpersonen unterrichtet. In der Stadt Hannover ist eine israelitische Volksschule nicht vorhanden: dafür befinden sich dort aber drei Privatschulen. Sämtliche israelitische Volksschulen unterstehen dem Landrabbincr Dr. Groncinann-Hanuover als Kreisschulinspektor. Die Schulen verteilen sich auf folgende Kreise und Orte: Kreis Diepholz (Diepholz und Lemförde): Kreis Hameln (Salzhemmendorf): Landkreis Linden (Barsinghausen, Gehrden); Kreis Neutadt a. Rbg. (die u st ad t, Wunstorf); Kreis Nienburg r. W. sNcienburg); Kreis Springe (Eldagsen, Pattencn); Kreis Stolzenau (Stolzenau); Kreis Sulingen (Barenburg); Kreis Syke (Twistringcn). Die Schule in Twistringen soll zum 1. Oktober 1904 cingchen, da 4c im Vorjahre nur einen Schüler hatte. Pudewitz. Der Kantor der hiesigen jüdischen Gemeinde, Lach m a n n, ist durch einsiimmigen Bcchlus; der Repräsentanten und des Vorstandes vom 1. September d. I. »ach Mysloivitz berufen. Sein Sck'eiden wird allgemein sehr bedauert, da Lachmann während seiner vierjährigen Tätigkeit es verstanden hat, sich die Liebe und Achtung der Angehörigen aller Konsessionen zu erwerben. Personalien. Worms. Herr Leo Bayerthal, ein treues Mitglied der nationalliberalen Partei und ein sehr beliebter und geachteter Bürger unserer Stadt, feierte am 17. August seinen 70jährigenGeburtstag. An der Spitze der Glückwünschcnden erschien die Partei, der er trotz. mancherlei Anfeindungen so unentwegt angehört, und ließ durch eine Vertretung ihre Wünsche aussprcchen. Die Gesellschaft Erholung, die der Jubilar gegründet hatte, lies; ebenfalls durch eine Deputation ihre Wünsche zum Geburtstagsfeste aussprechen. Ferner waren Vertretungen erschienen vom israelitischen Brennniatcrialverein. dem Unterstützungsvcrein und der Hospitalverwalt ung. In allen diesen Vereinen gehört Hr. Baycrthal bereits über 25 Jahre dem Vorstände an. Airs der Lehrerwett. Aus der Pfalz. Die 4 Bezirksrabbine der Pfalz haben in Eingaben an das k. Staats © Feuilleton. © Von Aus nicht würden Widerstand leisten können; er überzeugte sich, das; es leicht sei, an seinem Eigentum Diebstahl zu begehen und — „Es könnte, Gott bewahre, ein Jude sein!" Rabbi Süssele würde cs aber sehr leid tun, wenn ein Jude gewissermaßen durch seine eigene Mitschuld eine so große Sünde begehen sollte. „Durch seine eigene Mitschuld" deshalb, weil er nicht dafür Sorge getragen hat. Schloß und Riegel in Ordnung zu erhalten. Er verfällt daher auf folgenden Einfall: Er ruft den Herrn der Welt zum Zeugen au, das; er all sein Hab und Gut, Hausgeräte und bares Geld, ihm Bekanntes und Unbekanntes als herrenloses Gut erkläre. Wenn er dann nach Hause zurückkommt, ergreift er von diesem herrenlosen Gute als solchem Besitz. Im Abnehmen begriffen. I. L. Perez, deutsch von M. Kohcn. den Erzählungen des Joch an an M e l a m e d. (Schluß). Seine llneigennützigkeit grenzte an das Fabelhafte. Jahr aus, Jahr ein, erhielt er den Besuch von Deputationen aus den größten Gemeinden Israels, die ihn geradezu anflchten, das ehrenvolle Amt eines Oberrabbiners in ihrer Stadt anzunchmen. Man versprach ihm cinsach goldene Berge. Er aber lehnte jede Berufung ab. Und scherzweise pflegte er hinzuzufügen: „Habe ich denn einen Mord begangen, daß ich „unstüt und flüchtig sein müßte?!" Und wenn nun seine Gemeinde in ihn drang, er solle sich doch sein Gehalt erhöhen lassen, pflegte er scheinbar unwirsch zu antworten: „Wollt ihr denn einen Nimmersatt aus mir in meinen alten Tage» mache»? Mir fehlt ja, Gott sei.Dank, nichts!" Und wieviel, glaube» Sic, betrug sein Gehalt? Sieben Rubel die Woche! Trauungsgebiihren und ähnliches nahm er nicht an; er sei Rabbiner vom Beruf und nicht gelegentlicher Schnorrer! Entschcidungsgcbühren*) überläßt er den Rabbinatsassessoren. Sein Thorawisseu verkaufe er nicht; auch sein gesunder Menschenverstand, auf den cs hauptsächlich bei gütlichen Vergleichen ankommt, sei Ihm nicht feil. Die .Fcicrtagsgescheukc überweist er an die Synagogendicner. Hier sucht er überhaupt keine Ausreden mehr. Einfach, es sind arme Lcutd. Mischlauach-Monans (Purimgescheuke) pflegte er zu tauschen; ivas er von den Neichen bekam, schickte er den Arinen und umgekehrt; er selbst begnügte sich mit dem, was ihm die Rebzin (Rabbinersfrau) bereitete. Dies alles habe ich euch nur so nebenbei berichtet. Wenn man eben R. Süssele Erwähnung tut, muß man doch etwas wenigstens von ihm erzählen. In diesem Zusammenhang ist aber für uns Folgendes die Hauptsache. Mitunter kam es vor, daß 9k. Süssele als Letzter aus seinem Hause trat und die Türe hinter sich schloß. Bei diesem Anlaß merkte er, daß Türe und Schloß alt und verfallen seien und dem ersten besten Stoß *) Für die Entscheidung in Zivilprozessen, die in Rußland und Polen heute noch zum größten Teil vom Rabbiner geschlichtet werden. Anmerkung des Uebersetzers. Ich habe mich über R. Süssele, sein Andenken sei zum Segen! ausführlich verbreitet, werde mich aber dafür bei seinem Sohir und Enkel kürzer fassen. Wie ich bereits erzählte, heiratete Rabbi Jechiel in Lublin. Eine Zcitlang lebte er bei seinem Schwiegervater, bis er sich dann selbständig machte. Er besaß Kapital genug, um als Rentner leben, das Thorastudium pflegen und seinen Drang nach tätiger Menschenliebe befriedigen zu können. Von seinem Vater hat er die Lebcnsrcgel geerbt, unter keinen Ilmständen einen Menschen zu beschämen; auch in seiner außerordentlichen Bescheidenheit war er sein Ebenbild. Als „Zdokoh" erkannte er nur im Geheimen geübte 'Wohltätigkeit an. Winter früh am Morgen, sobald sich die großen Bauernfuhren mit Hcizholz in der Stadt zeigten (von Steinkohlen wußte mau dazumal noch nichts), konnte man ihn schon aus der Straße sehen, wo er geivöhnlich mehreren Bauern ihr Holz abkaufte und jedem von ihnen eine andere Adresse angab, wo das Heizmaterial abzuliefcrn. Er war iinmer gut informiert, wo irgend ein armer Teufel mit Weib und Kind in einer kalten Stube hockte. — Vor jedem Feiertage pflegte er regelmäßig eine größere Anzahl von Gaben per Post.zu versenden — besaß er doch eine große Fertigkeit im Schreiben —, die Lldressen schrieb er aber mit der linken Hand, damit man (auf der Post) feint Schrift nicht erkenne; er hatte nämlich bisweilen in jüdischen Sachen, an die hochmögenden Kreise zu schreiben. Dadurch ist eine Sage entstanden, daß diese milden Gaben von einem anonymen „Baal-Tschuwoh" (Bußfertiger) herrührten, der Ivohl einst jemand tim sein Vermögen gebracht hat und nunmehr nicht in der Lage ist, den Betreffenden persönlich zu befriedigen und daher wenigstens auf diese Weise das Verbrochene wieder gut zu machen sucht. '— Erst nach dem Hinscheiden des Rabbi Jechiel erfuhr man, wer dieser „Räuber" war ... Abgesehen voii Sammlungen für Wohltätigkcits-, vereine, gab er nie eine Spende von Hand zu Hand, es sei denn leihweise, was man so in der Volkssprache ein „koscheres Darlehen" nennt. „Wenn Haschcmjisborach dir helfen wird, wirst du inir das Geld znrückerstatten, mit einemmale oder durch allmähliche Wzahlung, sei es mir persönlich, sei es irgend eine»! Notleidenden auf meine Rechnung." Charakteristisch für die Gesinnnngsart Rabbi Jcchiels ist folgende Begebenheit. Einmal kam er von der Straße und fand jemand zu Hause vor, der bei seinem Anblick leichenblaß wurde und unter dessen Rockschössen er etwas hervortreten sah. Er merkte es dem Manne sofort an, daß er cs nicht mit einem gemeinen Dieb zu tun hat, daß er vielmehr einen bessern Arinen vor sich hat, der ihn um eine Unterstützung angehen wollte, ihn aber nicht zu Hause traf und hier der Versuchung nicht widerstehen konnte und den Einflüsterungen des Bösen erlag. Er ging auf ihn zu und sprach mit freundlichem Lächeln: „Sie wollten sicher um ein Darlehen gegen ein Pfand bitten? Lassen Sie mal das Pfand sehen . . Dem arinen Mann klapperten nur so die Zähne aufeinander. „Was genieren Sie sich denn so sehr?", fragte 3k. Jechiel gelassen. „Das menschliche Glück ist dem Wechsel unterworfen; Geld. ist rund und geht im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.