Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 33 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 5. Nr. 33. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Kreise herum; heute borge» Sie sich vou mir welches aus, morgen werde ich Ihr Schuldner sein." — Mit diosen Worten schlug er ihm eigenhändig die Rockschösse zurück und holte seine eigenen zwei silbernen Leuchter hervor. Er stellte sie gelassen vor sich aus den Tisch hin, als ob er sie in der Tat zum ersten Male gesehen und nun hätte abschätzen mögen, wieviel man wohl gegen ein solches Pfand vorschießen könnte. Der arme Jude würde sich am liebsten unterdessen aus dem Staube machen, er steht aber wie angenagelt da. „Kurzum, Freund," fragt R. Jechiel, „wie viel nröchten Sie geborgt bekommen?" Dem Unglücklichen will aber die Zunge nicht gehorchen. „Sie sind zu schüchtern, mein Liebster. . . . Es ist nichts zu machen. „Lege ihm du die Worte in den Mund," heißt es, und so will ich denn für Sie sprechen: „Wir . haben in kurzem Pessach; ich werde wohl nicht fehl gehen, wenn ich annehme, daß Sic nicht über die nötigen Mittel verfügen, um sich Mazzoth anschaffen zu können. . . Nün, so schütteln Sie doch wenigstens mit dem Kopse ja oder nein?" Der arme Teufel schüttelt verneinend. „Natürlich! Man braucht ja dazu kein Prophet zu sein, Ihr Gesicht verrät es ja! Vielleicht haben Sie auch noch eine Tochter, die vor der Verlobung steht, und sind nicht imstande, das erforderliche Geld aufzutreiben? Ja? Nun, so schütteln Sie doch mit. dem Kopfe, ja oder nein?" Dem Aermsten gingen jetzt die Tränen über. Er brach in lautes Schluchzen aus. „Närrischer Kauz, der Sie sind!" bemerkt R. Jechlel, „weshalb weinen Sie denn? Ich habe Ihnen ja gesagt, das Schicksal ist ein rollendes Rad." Der arme Jude kann sich aber nicht mehr zurückhalten. R. Jechiel tut, als ob er über dessen Betragen ausgebracht wäre. „Hören Sie, mein Liebster!" sagt er, „ich bin wohl laut Vorschrift der Thanroh verpflichtet. Ihnen in Ihrer bedrängten Lage beizustehen; „macht es ihm leichter", heißt es und da läßt sich schon nichts machen, wo steht es aber geschrieben, daß ich auch Ihr Jammern nntanhören müßte?" Der Arme macht die größte "Anstrengung, uni das Schluchzen zu unterdrücken, und R. Jechiel fährt fort: „Wissen Sie, was ich Ihnen gegen das Pfand geben will? Die Leuchter sind in meinen Augen — als Bruchsilber berechnet — hundert sünfzig Rubel wert, so will ich Ihnen denn fünsundsiebzig, nun sageil wir achtzig darauf geben. „Und wenn Gott Ihnen helfen wird," fügte er hinzu, wie es seine Art >var, „iverden Sie mir das Geld zurückerstattcn. Ich bin überzeugt, daß Sie bezahlen werden." * Jetzt gehen wir zu R. Süsseles Enkel über. Es war einmal an einem schönen .Ferientage, da kam mein'Schüler Jtzig zil mir und drang in inich, ich .möchte doch einmal mit ihm hin, die Fabrik seines Vaters besichtigen, er wolle mir die teuersten und seltensten Maschinen zeigen. ' Ich konnte ihm die Bitte nicht ailsschlagen — es waren ja auch Ferien — und so bin ich denn hingegangen. Wir schritten durch ein sehr schinales Vorderhaus, wo nicht einmal zwei Menschen nebeneinander gehen konnten, hindurch, gelangten auf einen sehr großen Hof und von hier ans in das noch geräumigere Fabrikgebäude. Dieses ist von Maschinen überfüllt. Bei jeder derselben hockt ein Arbeiter. Die Maschine bewegt sich hin und her und der Arbeiter mit, so daß lnair einen Körper vor sich zu haben glaubt, einen Epileptiker, welcher zappelt, sich schüttelt und feine Gliedmaßen reckt. Die Seele dieses großen Körpers ist der Dampf. Er setzt alles in Bewegung durch die Ledcrriemen, die alle Maschinen umspannen. Eine andere Seele als den Dampf hat hier kein Körper, weder die Maschine, noch der Arbeiter an derselben; sie haben keine Seele, keinen. Willen, kein Bewußtsein. So will es mir nämlich scheinen. Und mein Schüler sucht mir alles zu erklären, was hier vorgeht, was und wie gearbeitet wird. Ich aber höre nichts; die lärmenden Automaten jagen mir einen förmlichen Schrecken ein. . . . Das entsetzliche Geräusch und Geklapper betäubt mich ganz. Ein tobendes Meer von Tönen, ein Gcwoge von Schallen und Schlägen. . . Und alles saust und.braust und kreischt und kratzt und knirscht mit den Zähnen. Und ein wunderlicher Gedanke kommt mir in den Kopf. Wie, wenn die größten Propheten: ein Jesajas, ei» Jeremias, ja sogar ein Moses hierher, in diese Hölle kämen, — wenn sie ihren Mund austäten und sprächen, würden sie imstande sein, diesen Höllenspektakel zu übertönen, ivürde sie auch nur eine einzige dieser gemarterten Seelen anhörcn? Nein, sicher nicht! denke ich und laufe hinaus, den kalten Angstschweiß aus der Stirn. Und wiederum gehen wir, mein Schüler und ich, durch das schmale Vorderzimmer, wo wir nicht nebeneinander durch können. „Weshalb ist es hier so eng?" fragte ich ihn. „Hier werden die "Arbeiter alltäglich beim Verlassen der Fabrik revidiert," antwortete Jtzig. „Wozu?" „ES wird aus der Fabrik gestohlen... Geräte . . . Waren." „Sind cs Diebe, Diebe?" „Bewahre! nicht alle, nur auf einige fällt der Verdacht!" — „Und wenn einige in Verdacht stehen, müssen deshalb alle revidiert werden?" „Vater sagt, inan dürfe nicht die Betreffenden beschämen, und so revidiert man selbst die Meister." . * Auch „schelau l'wajesch" (um nicht zu beschämen), aber schon ans ganz andere Weise! Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. 9. Fortsetzung. Der älteste Sohn des Rabbi erhob sich dann von seinem Sitze und hielt folgende Ansprache: „Auf den jungen Löiven und auf die Natter wirst Du trete», zermalmen den Leu und den Drachen." — Dies ist die Aufgabe unserer Zeit. Wir haben gegenwärtig zwei mächtige Feinde zu bekämpfen; einerseits den französischen Len des Unglaubens und des Umsturzes und andrerseits die Natter der mannigfachen Mißbräuche und Vorurteile, welche Jahrhunderte lang die Wohlfahrt der Menschheit vergiftet hat und zum Teil noch vergiftet. Deine gegenlvärtige Sendung, teurer Freund, ist, den Len zu bekämpfen! Wirst Tu aber den Len glücklich bezwungen haben, dann möge Deine künftige Aufgabe sein, der Natter den Kops zu zertreten! Sei Jude und als solcher Mensch, Krieger und Weltmann zugleich! Liebe Dein Judentum, mache Ehre Deinem jetzigen Baterlande und verstehe unsere Zeit! — Und so möge Gott auch einst über Dich die Fortsetzung unseres Verses sagen: „Weil er an mir Wohlgefallen fand, darum rettete ich ihn; ich erhob ihn, denn er erkannte meinen Namen. Er ruft mich, und ich erhöre ihn, mit ihm bi» ich in der Not, ich errette ihn und setze ihn in Ehren. Mit langem Leben werde ich ihn sättigen und ihn sehen lassen mein Heil!" Abermaliges „Omcin" und Gläserstoßen. Ter Jüngere ergriff darauf das Wort: „Ich gehöre meinem Freund, und mein Freund gehört mir, der da weidet auf Rosen, sagte der wesse König. — Nach den Worten unserer Weisen soll das Hohe Lied das Verhältnis Gottes zu Israel bildlich darstellen. So dürfte denn auch in dem angeführten Verse die ganze Geschichte unseres Volkes enthalten sein. Die verschiedenartigsten Schicksale ergingen bereits über uns, kein Mittel wurde unversucht gelassen, die Heldin des Hohen Liedes ihrem himmlischen Freunde abwendig zu machen. Rohe Gewalt, die drückendsten Ausnahmegesetze, Verlockung, Bestechung; aber alles fruchtete nichts: Israel blieb standhaft und rief zu jeder Zeit: „Ich gehöre meinem Freunde!" — Mächtige Völker verschwanden vom Erdboden, das stolze Babylon, Persien, Mazedonien und das weltbeherrschende Rom sanken in Trümmer; aber Israel stand fest in den größten Welterschüttcrungen und rief: „Mein Freund gehört nur, er ist mit mir, und ich wanke nicht!" Und diese heilige Verbindung mit Gott inachte uns stets unseren Lebenspfad, wie dornenvoll er auch sein mochte, zu einer Weide von Rosen. — Ebenso rufe »ich auch Dir, Abarbanel, zu: Gehöre in allen Deinen Lebensverhältnissen unserem himmlischen Freunde an, so wird auch c\ stets als schützender Geist Dir angehören. Omein!" Auch der Jüngste hätte gern noch ein gutes Wort dem Freunde mit auf den Weg gegeben: aber die unbarmherzige Uhr ließ den Schlag der ersten Stunde ertönen, und um halb zwei mußten alle Soldaten sich in Reihe und Glied stellen, um Punkt zwei abrcisen zu können. "Auch wollte der Rabbi dem Leidenden Jünger noch einige Lehren unter vier Augen Mitteilen. Man schritt also zum Tischgebet, dessen Vortrag der.Rabbi Abarbanel übertrug. Mit bewundernswerter Festigkeit sprach dieser das Gebet, nicht einen einzigen Triller vergaß er; er hatte eine ganze Manneskrast wiedergefunden. Nachher nahm der Rabbi seinen Schüler mit sich in sein Privatgemach jmd hielt ihm dort noch die folgende Abschiedsrede: „Aiein lieber Sohn! die Zeit ist bereits zu kurz, als daß ich Dir längere Verhaltungsmaßregeln für Deinen ferneren Lebensweg geben könnte. Ich muß mich daher kurz fassen: Du kannst oft in Lagen komme», wo Deine Standcspflicht mit unseren heiligen Satzungen kollidieren wird. Du wirst oft den ganzen Morgen marschieren oder im Felde stehen müssen, und cs bleibt Dir keine Zeit, Tesillin zu lege». Du kannst auch 'in Gegenden kommen, wo meilenweit kein Jude wohnt, und es Dir also unmöglich ist, bei Juden zu essen. Für solche Fälle halte den Grundsatz fest: „Halte, was zu halten ist: das Unmögliche laß' fahren." — Wenigstens „Schma Jisroel" wirst Du immer noch jeden Morgen sagen können und damit Deine jüdische Pflichterfüllung wach im Herzen behalten. Hast Du meinen Rat nötig oder brauchst Du Geld, schreibe mir ohne Scheu; Du wirst jeder Zeit auf meinen Rat und meine Hülse rechnen können — und nun gehe, mein lieber Sohn, und Gott sei mit Dir." . , Darauf legte der Rabbi seine Hände auf, das Haupt seines Jüngers und segnete ihn. Warbanel küßte mit kindlicher Liebe und Ehrfurcht dem geliebten Lehrer die Hand und fiel ihm schluchzend um den Hals; dann ermannte er sich, trat schnell aus dem Zimnler, nahm auch von der weinenden Hausfrau herzlichen Abschied und entfernte sich nliter der Begleitung der Rabbinersöhne. Unterwegs wollte er noch bei der alten Jentel einkehren, um ihr noch einmal die Hand zu drücken; er fand jedoch ihre Türe verschlossen, und da es bereits höchste Zeit ivar, so setzte er ohne Säumen seinen. Weg fort. Auf dem Kasernenhoj standen neben den christlichen auch fast sämtliche" jüdische Bewohner des Ortes. Beim "Anblick "Abarbanels winkten sie alle freundlich mit den Händen und freundlich erwiderte dieser die Grüße. Da sah Abarbanel die alte Jentel und ihren Sohn, die auf ihn wartend unter" der Menge stunden und sich nun zu ihin durchdrückten. Das alte Frauchen erfaßte seine Hand und drückte sie herzlich, während welcher Zeit ihr Sohn seinem edlen Stellvertreter einen wohlgefüllten Geldbeutel vorsichtig in die Tasche steckte. Und als sich dann Warbanel zu Letzterem wandte, um auch an ihn einige herzliche Abschiedsworte zu richten, da steckte ihni jene in den Sack ein Schächtelchen, worin ein kleines Sabbatbrot in ein von ihr gestricktes Arba°> Konfos gewickelt, sich befand. Ein Trommelwirbel machte allem Gespräch ein Ende »nd rief auch Abarbanel in Reihe und Glied. „Gebt Acht", erscholl dann die Stimme des Hauptmannes, das Stimniengelvirr verstummte bei diesem Kommando mit einem Schlage und Alles horchte auf. Laut hin tönend, verlas der Hauptmann die Namen seiner Schar, bei jedem Namen ein lautes „Hier" empfangend. Als "Abarbanels Name gerufen wurde, stimmten alle anwesenden Juden ein begeistertes Hoch an. Bald kam aber das verhängnisvolle „Marsch", und wie so häufig iin Leben auf Freude Trauer folgte, so machte sich jetzt sofort das Gefühl des Trennungsschmerzes geltend. Den abziehende» Soldaten rieselten die Tränen von den Wangen und manche ihrer Verwandten fingen laut zu jammern an: ihr Geheul wurde aber von den Trommelschlägen übertäubt. Der stattliche Kriegerzng setzte sich in langsamem Takt in Bewegung, und je mehr er sich aus den Augen der Zuschauer verlor, desto mehr beruhigten sich die (tzemüter und fügten sich ins Unvermeidliche. Und ehe der Abend seine dunklen Schatten wieder über die Erde ausbreitete, war das gewöhnliche Treiben wieder in den Häusern der Inden und der Christen eingekehrt. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. A. 1>. Anonyme Anfragen beantworten wir'grundsätzlich nicht. Ick. T. Stuttgart. Das jüdische Datum des 25. Juni 1391 ist 19. Siwan 5651. R. M. in B. Beitritts-Anmeldungen zum Misrachi wollen Sie richten an Rabbiner Tr. Nobel, Leipzig, oder an Saly Geis, Frankfurt a. M. 3.